Shop / Bücher / Biografien und Memoiren
Cornelia Bertrand
Die Briefe der Familie Langenbach


Taschenbuch Mai 2018
504 Seiten | ca. 15,0 x 24,0 cm
ISBN: 978-3-96014-447-2


Print-Ausgabe in den Warenkorb
€ 14.90 *
zzgl. Versandkosten

Nach einem ereignisreichen Tag nimmt ihr Bruder am Abend einen Ordner aus dem Regal und legt ihn auf Ingrids Schoß. Erwartungsvoll öffnet sie den Deckel und sieht einen Stapel Schriftstücke vor sich liegen. Es sind unzählige Briefe. Briefe, geschrieben auf unterschiedlichen Papiersorten in den verschiedensten Formaten. Langsam beginnt sie darin zu blättern. Es sind hauptsächlich Briefe von ihrem Vater Erich und ihrem Großvater Richard. Vorsichtig blättert sie weiter. Einige der Briefe sind in alter deutscher Schrift verfasst und sie muss sich etwas anstrengen, um sie entziffern zu können. Die Briefe ihres Großvaters dagegen sind meist mit einer Schreibmaschine geschrieben. Erstaunt stellt sie fest, dass sie die Korrespondenz zwischen ihrem Vater und ihrem Großvater in den Händen hält. Angefangen mit einer Postkarte vom 22. Mai 1937 bis hin zum letzten Brief in dem Ordner vom 19. November 1947. Gesammelt von ihrem Großvater über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren. Zehn Jahre, die den Menschen dieser Zeit ein schweres Schicksal auferlegt hatte. Sie beginnt, in den Briefen zu lesen, ganz behutsam, damit das alte und teilweise sehr empfindliche Papier keinen Schaden nimmt. Sie liest die Geschichte ihrer Familie, ihre eigene Geschichte, in einer Zeit von Hunger, Zerstörung, Verzweiflung, Krieg und Gewalt, aber auch von Liebe, Hoffnung, Vertrauen und Glauben…

Erich an Richard
Kleinmachnow, den 06.03.1943
Mein lieber Vater!
Dein Päckchen haben wir gestern gut erhalten.
Herzlichen Dank. Emmi hat mir gleich gestern abend
Kartoffeln mit Speck gebraten. Auch die Brotmarken
konnten wir gut gebrauchen. In der letzten Woche ist
es immer besonders knapp.
Den letzten Angriff haben wir, dem Herrn sei Dank,
gut überstanden. In Berlin sieht es ja wüst aus. Die
ganzen 100 Angriffe, die wir bis jetzt hier hatten,
haben zusammen bestimmt nicht 1/10 des Schadens
gemacht wie der eine Angriff. Die Flieger haben sich
die südliche Hälfte Berlins vorgenommen, ungefähr
vom Zentrum bis einige km. südlich von uns. Da sind
dann 1 ½ Std. die Bomben nur so hineingeregnet.
Ungeheuer viel Brandbomben und
Brennstoffkanister sind abgeworfen worden.
Natürlich hat auch die Industrie schwer gelitten.
Unser Werk in Zehlendorf hat nichts abbekommen
außer einigen zerbrochenen Fensterscheiben. Ein
Nachbarwerk ist aber ziemlich mitgenommen
worden. Ein Teil unseres Werkes ist in Mariendorf,
das ist teilweise abgebrannt. Hier in Kleinmachnow
war der Schaden verhältnismäßig gering. Einige
Häuser haben gebrannt, dann ist in unserer Nähe auf
einer Werft eine Halle abgebrannt. Ein Waldbrand
ist von der Feuerwehr gleich gelöscht worden. Hier
bei uns ist überall viel freier Platz, da sind die meisten
Bomben danebengegangen, außerdem lag der
Schwerpunkt des Angriffs mehr nach der Stadt zu. Es
hat zwar in unserem Keller auch ein paarmal ganz
schön gewackelt. Einmal kam eine Bombe
heruntergeheult, explodierte aber nicht. Eine Stunde
nach dem Angriff, als wir gerade wieder schliefen,
gab es dann nochmal einen mächtigen Krach, das
kann die gewesen sein. Der Ingrid war es diesmal
auch nicht ganz geheuer in ihrem Babykorb. Sie
sagte, sie hat Angst. Da hat ihr Emmi meinen
Stahlhelm aufgesetzt, da war sie beruhigt. Darauf
hält sie überhaupt große Stücke. Einmal bin ich nach
oben gegangen, um mich mal umzusehen und hab
gesagt: „Ich werde mir mal den Blechtopf aufsetzen“.
Da hat sie aber protestiert: „Das ist kein Blechtopf,
das ist ein Stahlhelm“.
Die Flak ist vor einigen Wochen zum Teil abgezogen,
die wird an der Ostfront jetzt nötig gebraucht. Auch
die Flak in unserem Werk. Ich weiß nicht, ob ich das
schon geschrieben hatte. Sie soll durch
Werksangehörige als Heimatflak ersetzt werden. Ich
hatte mich auch dazu gemeldet, komme aber nicht
dazu, da ich Luftschutzleiter vom Dienst bin, wenn
ich Wache habe.
Uns geht es sonst noch gut. Emmi´s Mutter geht es
aber augenblicklich nicht gut. Sie ist auch nicht mehr
so gesund. Den Alarm hatte sie nicht gehört und ist
dann erst nach unten gegangen, als in der
Nachbarschaft schon die Bomben fielen. Das hat sie
wohl auch aufgeregt und ist ihr garnicht bekommen.
In der Hoffnung, daß es Euch noch allen gut geht
grüßt herzlich
Dein Sohn Erich

Emmi an Richard
Kleinmachnow, den 07.03.1943
Lieber Vater!
Vielleicht sind die jetzigen Heimsuchungen, damit
viele Menschen zu Gott finden. Ich selbst bete auch
dann am meisten, wenn ich irgendeinen Mangel
habe. Zum Sattessen haben wir doch hauptsächlich
Kartoffeln und Gemüse. Neulich hatten wir fast gar
keine Kartoffeln mehr, wir bekommen erst ab
morgen wieder welche auf unsere Karten. Da betete
ich u.a.: „Unser täglich Brot gib uns heute“. Gleich
darauf kam ein Brief von Gertrud, der 2 Scheine auf
2 Zentner Kartoffeln enthielt. Am Feitag dachte ich:
„Bis zum Sonnabend reicht das Brot, weiter nicht“.
Ich betete wieder: „Unser täglich Brot gib uns heute“.
Am Sonnabend kam Dein Päckchen an. Wir hatten
also nicht nur Brot, sondern auch Butter für
Sonnabend, Sonntag und Montag. Vielen Dank
dafür! Unser Ulli bekam in dieser Woche einen
eiternden Zahn; ich liess ihn zur Zahnärztin gehen
und den Zahn durchbohren, damit der Eiter Luft
hatte. Da schwoll das ganze Gesicht so an, dass er nur
noch schlecht Luft bekam. Weil er auch Fieber hatte,
machte ich ihm eine Packung; er war gerade
eingeschlafen, da ertönte die Sirene. Erst trug Erich
den Ulli mit der Packung hinunter ins Wohnzimmer,
dann aber schnell in den Keller, da erst konnte ich
ihm die nassen Tücher abmachen. Jetzt ist die
Geschwulst durch heisse Breiumschläge
zurückgegangen, und er kann morgen wieder in die
Schule gehen. Dem Ulli geht es gesundheitlich nicht
sehr gut, ich werde nicht recht klug aus ihm, er
möchte immer zu Dir oder zur Minna, überhaupt
nach Burbach, aber ihr werdet ihn nicht brauchen
können. Vor kurzem hätte er von der
Kinderlandverschickung aus weggekonnt; aber
erstens wollten wir ihn nicht gern ein halbes Jahr
lang weggeben und zweitens hatte er auch gerade die
Gallengrippe, die hat er wohl auch nicht ganz
verwunden, er müsste mehr Milch und Nährmittel
haben.
Als wir nach dem letzten Angriff vor die Tür gingen,
sahen wir an verschiedenen Stellen Rauch und Feuer
und einen ganz roten Himmel. Nach einem solchen
Angriff hat jeder Angst vor dem nächsten. Gestern
war ich in Berlin. Meine Mutter hatte den Alarm
nicht gehört. Der Nachbar klopfte zwar an ihre Tür,
sie hat auch geantwortet, konnte aber nicht gleich
richtig wachwerden; als sie sich endlich anzog, fielen
in der Nähe schon Bomben. Trotzdem kam der
Nachbar aus dem Keller nochmal die drei Treppen
herauf, hat Mutter´s Tasche gepackt und sie mit
heruntergenommen. Danach war sie wohl einen Tag
ohne Besinnung. Gestern war es etwas besser, sie
meinte „Radiosclerin“ würde ihr helfen, das kann
man hier jetzt nicht bekommen, ob Apotheker Bart es
hat, würdest Du ihn bitte mal fragen? Meine Nichte
hat auch eine Bitte. Sie hat Inlet für ein Kinderbett für
ihr Mädelchen, kann aber keine Federn dafür
bekommen. Würdest Du ihr 3 Pfund verkaufen? Auf
meiner Fahrt nach Berlin sah ich viele ausgebrannte
Häuser. Bis jetzt haben wir in Berlin 486 Tote und
377 Schwerverletzte. Es sollen aber noch nicht alle
geborgen sein. Viele Opfer entstehen aber auch durch
Leichtsinn. Meine Nichte und meine Schwester waren
im Kino und gingen langsam nach Hause. Da ertönte
die Sirene. Da die kleine Angela mit meinem
Schwager allein in einem dritten Stockwerk war und
mein Schwager sehr schwerhörig ist, gab meine
Schwester der Nichte schnell die Schlüssel und rief:
Renne was Du kannst – es war eine Viertelstunde
Weg - . Meine Schwester war erst so erschrocken,
dass sie nicht so schnell hinterher konnte. Statt in
einen fremden Keller zu gehen, lief sie trotz der
Schiesserei auch nach Hause. Bei dem klaren Wetter
konnte von den Fliegern jeder Lichtschein gesehen
werden, trotzdem liefen manche Menschen mit
brennenden Zigaretten und Taschenlampen. Als
meine Schwester nach Hause kam, war der Hof hell
erleuchtet. Hatte doch jemand unverdunkelt eine
Lampe brennen lassen. Erst auf ihr Schreien kam der
Luftschutzwart aus dem Keller und sorgte dafür,
dass das Licht ausgemacht wurde. Nach einem
solchen Angriff müssen alle, die gesund geblieben
sind, dankbar sein.
Wir hoffen, dass Du und alle im Hause gesund und
munter seid und grüssen Euch recht herzlich
Emmi, Arno, Ulli und Ingrid

Erich an Richard
Kleinmachnow, den 31.03.1943
Mein lieber Vater!
Wir haben mal wieder einen Bombenangriff gut
überstanden und da will ich Dir schnell einige Zeilen
schreiben. Diesmal hat der Angriff fast ausschließlich
unserer Gegend gegolten. Fast alle Bomben sind über
Teltow, Kleinmachnow und Stahnsdorf abgeworfen
worden. Fabriken in Teltow sind teilweise
abgebrannt und auch einige Vorratsspeicher für das
Heer. Das ist überhaupt für uns eine unangenehme
Nachbarschaft, da sie von oben gut zu erkennen sind
und die Engländer außerdem durch den Kanal, von
dem wir nur 100 m entfernt wohnen, eine gute
Orientierungsmöglichkeit haben. Noch mehr
Bomben sind glücklicherweise auf freies Gelände
gegangen. Hier ist überall viel Platz zwischen den
Häusern. Hinter unseren Häusern im Wald liegen
überall die Reste von Brandbomben. Die Engländer
haben auffallend viele Phosphorbomben geworfen.
Auch einige schwere Sprengbomben waren in den
Wald gegangen und hatten mächtige Trichter
gerissen. Unser Haus hat schön gewackelt, aber bei
uns sind nicht mal Scheiben kaputt, da der Wald ganz
gut schützt und außerdem hatte Emmi vorher
gedrängelt, daß wir alle Fenster aufmachen sollten.
In den Nachbarhäusern, wo die Fenster zu waren,
sind die Fenster zum Teil kaputt. Heute haben sie
immer noch Blindgänger gesprengt. Gestern wollte
ich früh schlafen gehen, da bekam ich Bescheid und
mußte zur Polizei und absperren helfen. Mitten
zwischen den Häusern lag auf der Straße eine 900 kg
– Bombe, wahrscheinlich mit Zeitzündung, die sollte
noch in der Nacht gesprengt werden. Die Häuser
waren im Umkreis von 1 km geräumt worden. Sie ist
dann mit vielen Papierballen abgedämmt worden
und hat bei der Sprengung auch nicht mehr viel
Schaden angerichtet, außer an Fensterscheiben und
Dachziegeln. Lange schlafen konnte ich dann zwar
nicht mehr. In Berlin hätte der Angriff ja viel mehr
Schaden angerichtet. Andauernd kamen die Bomben
angeheult und gerauscht. Bei einem Kollegen von mir
ist eine Luftmine bis in den Keller durch geschlagen
und nicht explodiert. Die Nachbarschaft hat schnell
räumen müssen. Sie werden wahrscheinlich warten,
ob sie nicht noch losgeht. Sprengen wollen sie nicht,
da es ein größeres Haus ist. Das wäre natürlich dann
weg. Vielleicht bekommen sie das Ding an die frische
Luft.
Wir wollen jedenfalls froh sein, daß uns der Herr
bewahrt hat und vertrauen auf ihn, daß Er uns auch
weiter glücklich hindurchführen wird.
Herzliche Grüße an Dich und alle zu Hause
Lieber Vater!
Diesen Angriff werde ich wohl nie vergessen. Wohl
eine gute Stunde sassen wir im Keller und hörten
abwechselnd die Flak, das Pfeifen der Spreng- und
das Rauschen der Brandbomben, und nachdem ein
paarmal der Fussboden so rollte, bekam auch ich es
mit der Angst zu tun. Bei jedem Krachen hielt ich
mich beim Erich fest. Dem Ulli und mir schnatterten
die Zähne, selbst Arno sagte, da wolle er lieber
Flakhelfer sein, dann sähe man wenigstens, ob man
die Bombe auf den Kopf bekommt. Ich hatte mir fest
vorgenommen, keine Angst zu haben, und konnte sie
doch nicht meistern. Als gestern die grosse Bombe
gesprengt wurde, fiel ich beinahe vor Schreck aus
dem Bett. Hoffentlich kommt der Tommy erst wieder,
wenn sich meine Nerven beruhigt haben. Ich hätte
mich auf keinen Fall während des Angriffs aus dem
Keller gewagt, obwohl man darin leicht verschüttet
werden kann, und doch haben in der Oberschule
während desselben 3 Jungen aus Arno´s Klasse, ein
Lehrer und der Rektor, die dort Luftschutzwache
hatten, über 20 Brandbomben und einen Kanister
gelöscht. Das trotzdem entstandene Feuer haben sie
soweit eingedämmt, dass nur ein Teilschaden
entstanden ist, während sonst die ganze Schule
abgebrannt wäre. Die Jungen haben 3 Tage Ferien,
bis der grösste Schaden behoben ist. Wer eine grosse
Wohnung hat, muss Obdachlose aufnehmen.
Ich hoffe, dass Du gesund und munter bist.
Emmi
Lieber Vater, mit dem Ausschlafen war wieder
nichts. Um ½ 2 war schon wieder Alarm. Jetzt ist es
gleich 4 und wir können wieder in´s Bett gehen.
Anscheinend haben sie diesmal bei uns keine Bomben
geworfen. Sie sind aber wieder von unserer Seite aus
eingeflogen und wurden ziemlich heftig beschossen.
Über der Stadt schossen auch MG. und leichte Flak.
Sie flogen also wieder ziemlich niedrig.
Herzliche Grüße
Erich

Richard an Erich
Burbach, den 24.05.1946
Nummer 26
Mein lieber Erich!
Das mir gesandte Buch habe ich vorige Woche bereits
erhalten. Ich nehme an, daß es als Geschenk zu
meinem Geburtstag sein sollte und danke Dir herzlich
dafür. Heute ist nur Else hier. Manfred hat nicht
mitkommen können, weil er keine Schuhe hatte. Else
soll nun heute abend ein paar alte von mir
mitnehmen für ihn. Ella hat nicht kommen können.
Hilda auch nicht, weil Ruth krank ist. Eingeschloßen
sende ich Dir Erbsen. Ich habe sie als Saaterbsen
gekauft. Die Erbsen sind nun nicht käferfrei. Es sind
in einer Anzahl Erbsen kleine schwarze Käfer, die
allerdinge tot sind. Emmy muß die Erbsen tags zuvor
einweichen und dann sehen, ob sie die Erbsen heraus
findet in denen Käfer sind. Dann muß sie die Erbsen
kochen und werden die Käfer dann oben auf
schwimmen. Sie wird das erste Wasser dann
abgießen müßen und dann die Erbsen zum essen
kochen. Versucht es einmal. Es sind wahrscheinlich
Erbsen aus dem Orient, die alle nicht käferfrei sind.
Wenn Ihr dann von den Erbsen noch welche haben
wollt schreibt mir sofort. Ich sende Euch dann noch
20 Pfund davon. Ich habe gleich genügend gekauft
von befreundeter Seite in dem Gedanken, daß Ihr
auch welche davon gebrauchen könntet. Ich sende
vorläufig mal nur zwei Päckchen und zwar Nummer
25 und 26. Euch der Gnade Gottes befehlend


1 2 3 4 5

SPAM-Schutz:
Bitte kreuzen Sie das Kästchen an.


 ¹ Diese Felder müssen ausgefüllt werden
 ² 1 ist die niedrigste, 5 die höchste Bewertung
Für diesen Artikel ist noch keine Presse / PR vorhanden.



Code eingeben:


 ¹ Diese Felder müssen ausgefüllt werden
* Alle Preise inkl. der gesetzlichen Mehrwertsteuer (gilt für Bestellungen aus Deutschland und Österreich)