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Michael-Alexander Lauter
Wie Sascha seinen Vater fand


Softcover Februar 2026
235 Seiten | ca. 14,8 cm x 21,0 cm
ISBN: 978-3-98913-265-8
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Bereits als Kind spürt Sascha, dass mit seiner Herkunft etwas nicht stimmt. Es sind nur Ahnungen, die aber keiner der vertrauten Erwachsenen bestätigt. Ihr Schweigen bricht die Mutter erst, als er siebzehn Jahre alt ist. Danach begibt er sich auf die Suche nach seinem Vater, der in Leningrad wohnt.
Dabei muss er gesellschaftliche und persönliche Hindernisse überwinden. Auf verschlungenen Wegen und durch Zufälle findet er ihn schließlich. Ist diese ihm noch unbekannte Person der Vater, nach dem er sich so sehr gesehnt hat?
Am Ende bleibt eine enge Beziehung zu seiner Schwester Inna. Und schließlich wird die Suche nach seinem Vater die Suche nach ihm selbst.
Von der Haltestelle aus sah er das große rötliche Gebäude des Roten Kreuzes. Er eilte dem Eingang entgegen. Der Pförtner erklärte ihm, wo sich das Zimmer befand, in das er bestellt worden war. Erst fuhr er mit dem Fahrstuhl, dann lief er einen langen Flur entlang. Da sah er die gesuchte Zimmernummer. Seinen Mantel, die Mütze und den Schal hatte er an der Garderobe abgegeben, die Vorladung hielt er in der Hand.
Nachdem er angeklopft hatte, trat er in ein Vorzimmer. Die Sekretärin bat ihn freundlich lächelnd, draußen auf dem Stuhl Platz zu nehmen und zu warten, der Genosse Hauptabteilungsleiter werde ihn hereinrufen.
Mojssejs Kopf war leer, er döste vor sich hin. Da hörte er seinen Namen. Hastig sprang er auf und wurde ins Zimmer gebeten. Es handelte sich um einen hohen Raum mit schweren, dunkelroten Gardinen, an der Wand hinter dem Schreibtisch ein Leninporträt und ein Foto von Breschnew. In einer Ecke stand eine gepflegte Grünpflanze, in der Mitte ein länglicher, rechteckiger Tisch vor dem dunkelbraun glänzenden Schreibtisch. Dahinter saß ein Mann, der eine Mappe vor sich liegen hatte. Er schien deutlich jünger zu sein als Mojssej, trug einen hellen Anzug und hatte dunkelbraunes, mähniges Haar.
Der Hauptabteilungsleiter wandte sich an Mojssej. „Bitte, Genosse Tjomkin, nehmen Sie Platz!“ Er zeigte auf einen der Stühle. Dann musterte er ihn. Schließlich warf er einen Blick in die Unterlagen. Bisher hatte Tjomkin ein untadliges Leben geführt. Nun holten ihn die Sünden der Vergangenheit ein. Mal sehen, wie er sich da herauswindet! Wenn er die Vaterschaft abstritt, war der Fall erledigt. Dann würde der Junge seinen Verwandten nicht finden. Da gab es klare Vorgaben. Anderenfalls wollte er die Adresse an den jungen Mann in der DDR weiterleiten. Es war zwar nicht üblich – tatsächlich war es sogar untersagt –, aber angesichts eines so berühmten Verwandten würde er eine Ausnahme machen.
Er schaute auf und fragte unvermittelt: „Haben Sie einen Sohn in Deutschland?“
Die Frage hing in der Luft wie ein Damoklesschwert. Mojssej zuckte unmerklich zusammen. Also darum ging es! Guter Rat war jetzt teuer. Was könnte passieren, wenn er die Frage verneinte, und was, wenn er es zugab? Er müsste noch nicht einmal lügen, wenn er es leugnete. Leni war hochschwanger gewesen, als er sie verließ – verlassen musste. Demnach konnte er nicht wissen, dass er einen Sohn hatte. Doch würde man ihm glauben oder drohte ihm Sibirien? Ihm wurden die Hände feucht und er entschied, bei der Wahrheit zu bleiben. Wie hatte Leni ihn nur gefunden? Aber das war jetzt erst einmal egal. Er musste antworten.
„Ja, ich habe ein Kind in Deutschland“, presste er trotzig heraus und sah den Hauptabteilungsleiter offen an.
Soso, dachte dieser, wenigstens ehrlich ist er. „Erzählen Sie mal!“, forderte er ihn auf.
Mojssej rutschte auf dem Stuhl hin und her und suchte nach den richtigen Worten. Dann erzählte er, wofür er in Deutschland verantwortlich gewesen war und dass er dort diese Frau kennengelernt hatte. Sie sei schwanger geworden, vor der Geburt seines Kindes sei er jedoch zurückbeordert worden. Kontakt zu dieser Frau bestehe seither nicht, stattdessen sei er verheiratet und habe zwei Töchter.
Der Mann schaute in seine Mappe. Ja, es stimmte, was Tjomkin da erzählte, über die Frau in Deutschland allerdings fand er keine Notiz. Da hat ihn wohl jemand gedeckt, vermutete er. Wahrscheinlich auch ein Jude. Die halten doch zusammen wie Pech und Schwefel.
Mojssej verstand nicht, warum man ihn wegen dieser alten Geschichte vorgeladen hatte. Deshalb fragte er: „Woher wissen Sie von meinem Sohn?“
Der Mann hinter dem Schreibtisch hob seinen Blick. „Sie haben niemandem davon erzählt?“
Nein, noch nicht einmal seine Familie wusste davon. Auch Rachel nicht. Was würde sie dazu sagen? Aber Mojssej hatte keine Zeit, seinen Gedanken nachzugehen. Er befürchtete, dass dies hier schlecht für ihn ausgehen würde. „Meine Frau weiß davon“, log er in der Absicht, doch noch seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.
„Ihr Sohn, Michael-Alexander Holzmüller, fragt an, ob er Ihre Adresse bekommen darf. Er möchte Sie kennenlernen.“ Dann schwieg der Angestellte.
Mojssej wurde es warm ums Herz. Hatte Leni ihm doch den Vornamen gegeben, auf den sie sich geeinigt hatten. Offensichtlich hatte sie wieder geheiratet, denn damals hatte sie „Zeller“ geheißen. In Gedanken wiederholte er den neuen Familiennamen. Ja, er würde ihn immer noch richtig aussprechen können, diesen Buchstaben „H“, den er einst so intensiv geübt hatte.
Er war erleichtert. Ganz offensichtlich ging es nur darum, ob er diesen Kontakt wollte. Deshalb fragte er, was passieren würde, wenn er dem nicht zustimmte.
„Dann wird Ihrem Sohn keine Adresse zugeschickt.“ Im Blick des Hauptabteilungsleiters lag Verwunderung.
Nein, das wollte Mojssej auf keinen Fall. Es würde ihm nicht leichtfallen, mit Rachel und den Mädchen darüber zu sprechen, aber wenn sein Sohn ihn suchte, dann konnte er ihn doch nicht verleugnen! Außerdem war er neugierig. Der Junge musste zwanzig oder einundzwanzig Jahre alt sein.
Mit fester Stimme und dem Mann hinter dem Schreibtisch ins Gesicht schauend, sprach er: „Bitte schicken Sie meinem Sohn die Adresse.“
Der Mann stand auf, trat an ihn heran und beugte sich zu ihm hinunter. „Sagen Sie, Genosse Tjomkin, der berühmte amerikanische Filmmusiker Dimitri Tjomkin, ist das ein Verwandter von Ihnen?“
Mojssej hatte viele Verwandte, auch in den USA, doch der Musiker gehörte nicht dazu. Aber so ganz genau wusste er es auch nicht. Warum nur wollte der Mann das wissen? Er war inzwischen aufgestanden und antwortete ausweichend: „Wissen Sie, wir sind eine große Familie, von einem Dimitri jedoch habe ich noch nicht gehört. Aber ich werde mich erkundigen.“ Damit verabschiedete er sich.

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