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Charly Winters
Wellenklang
Die Macht des Wassers

Taschenbuch August 2025
427 Seiten | ca. 14,0 x 20,5 cm
ISBN: 978-3-98913-209-2
ISBN (E-Book): 978-3-98913-217-7



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Calissas Leben war vom ersten Moment an vorbestimmt.
Sie soll eine Veritas Alpha werden, eine Kämpferin gegen die magische Übermacht, die das Reich Luana im Griff hat.
Ihr erster Auftrag führt sie als Spionin ins Herz des magischen Landes - in die Hauptstadt Eranío, direkt ins Schloss der Königin.
Als Assistentin des Bibliothekars soll sie dort Informationen sammeln, um den Veritas einen entscheidenden Vorteil im Krieg gegen die Magiebegabten zu verschaffen.
Doch Marvis, der charmante Sohn des Bibliothekars, und seine beiden besten Freunde stellen schnell Calissas Weltbild auf den Kopf und zum ersten Mal in ihrem Leben hinterfragt sie ihre Überzeugungen.
Ihr Leben nimmt eine drastische Wendung und sie merkt, dass Feinde auch in den eigenen Reihen auf einen Fehler von ihr warten. Calissa muss sich die Frage stellen, was sie vom Leben erwartet und wem ihre Loyalität wirklich gehört.

Der Auftakt des vierteiligen High Fantasy Epos der Dorarius Chroniken.
Kapitel 1

Die Faust des Gegners schlug gegen ihre ungeschützte Wange, die Kraft hinter dem Schlag ließ ihren Kopf herumwirbeln. Knochen knackten und Haut platzte auf, während ihr Mund sich mit metallisch schmeckendem Blut füllte.
Ein Knurren entwich durch ihre zusammengebissenen Zähne. Calissa Ashwin hatte sich nicht auf den Kampf konzentriert und dafür die Quittung bekommen.
Ein scharfes Zischen erklang hinter ihr, doch sie ignorierte die Zuschauenden. Stattdessen rief sie sich zur Ordnung und fasste ihren Gegner ins Visier, ehe sie reagierte. Sie schnellte vor, täuschte mit der linken Faust einen Angriff an, zog aber ihre rechte nach oben.
Doch das Glück war heute nicht auf ihrer Seite, denn er durchschaute die Finte, tauchte unter dem Schlag hinweg und rammte ihr mit voller Wucht ein Knie in die Eingeweide.
»Ist gut, ich ergebe mich.« Calissa keuchte atemlos und hob ihre Hände. Ein Schnauben war die Antwort und ihr Gegner verzog sich langsam von dem zertrampelten Kampfplatz.
»In einem richtigen Kampf hättest du keine Chance.« Er spie ihr die Worte im Vorbeigehen entgegen, hämisch und von oben herab. Mit einem tiefen Seufzer richtete sich Calissas Blick auf ihre bandagierten Hände, auf die Blut tropfte.
Ihr Gegner, Nilas Melwik, hatte recht. Sie hatte keine Chance in einem Kampf, geschweige denn, wenn es um Leben und Tod ging - trotz des jahrelangen Trainings, durch das sie geprügelt wurde. An normalen Tagen konnte sie sich durchaus gegen Nilas behaupten, nur heute war bei ihr der Wurm drin. Immer wieder störten stechende Bauchkrämpfe ihre Konzentration und machten sie dadurch angreifbar.
Stöhnend wischte sie sich über ihre Lippe und erhob sich von dem staubigen Boden, als sich die Viatrice-Zwillinge mit einem Lächeln näherten.
»Melwik ist ein Idiot. Dass er dich so vorführen muss, nur um vor Ausbilder Azer gut dazustehen.« Eira, die Größere der beiden, verschränkte die Arme vor ihrer Brust. Sie kniff die gelbgrünen Augen zusammen und beobachtete den Abgang ihres Kameraden. »Nimm es dir nicht zu Herzen. Josua wird bestimmt ein paar Worte mit ihm reden, damit er sich das nächste Mal benimmt.«
»Das glaubst du wohl selbst nicht«, schnaubte Calissa und zog ihre Augenbrauen nach oben.
Josua Grimson, ihr fester Partner, würde sicher nicht Melwik in die Mangel nehmen, sondern ihr wieder von dem täglichen Training abraten. Eine Diskussion, die sie seit einiger Zeit ständig führten.
Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen hielt Kjara, der andere Zwilling, ihr einen Eisbeutel entgegen. In der fahlen Sommersonne tröpfelte das Schmelzwasser auf den Boden und lenkte Calissas Gedanken weg von Josua. Dankbar presste sie den kalten Sack auf ihre Wunde, in der Hoffnung, dass sich kein dunkler Bluterguss bilden würde. Trotzdem blieb sie realistisch. Eine leichte Verfärbung ihrer Wange würde trotzdem spätestens morgen zu sehen sein.
Calissa kam nicht umhin, das Lächeln dankbar zu erwidern. Kjara war die Art Freundin, deren sonniges Gemüt selbst bei dem unangenehmsten Wetter oder den anstrengendsten Trainings für Freude sorgte. Eira hingegen war das Gegenteil ihrer Schwester. Nicht, dass sie immer wie ein Trauerkloß aussah, sie stellte nur seltener ihre Gefühle zur Schau und zeigte sich zurückhaltender, beinahe unsichtbar in ihrer Gruppe.
Trotz dieser Unterschiede standen sich die Zwillinge nah und ergänzten einander in vielen Lebenslagen. Calissa sah zwischen ihnen hin und her, den Eisbeutel fest auf ihre malträtierte Gesichtshälfte gepresst, und hörte Kjara dabei zu, wie sie über den verlorenen Kampf fachsimpelte. Das war ihre Art, mit Niederlagen umzugehen: darüber zu reden und zu analysieren. Dann brauchte Calissa in diesen Momenten auch nicht darüber nachzudenken, was alles auf dem Spiel stand. Wenn sie mit Kjara und Eira sprach, gab es in dieser Zeit keine Kämpfe, keine bevorstehenden Prüfungen und keine drohende Gefahr. Nur junge Frauen, die ihre Erfahrungen miteinander teilten.
Calissa musste ein Lachen unterdrücken, denn während Eira gerade eine besonders lustige Szene vom Vormittag nachahmte, kam ihr Ausbilder Tyron Azer mit schnellen Schritten auf sie zu. Sofort wandelte sich die Leichtigkeit in Achtsamkeit und alle drei Frauen salutierten vor dem Kämpfer.
»Viatrice, ihr geht. Du bleibst, Ashwin.«
Ohne weitere Worte zu verlieren, folgten die Zwillinge seinem Befehl und liefen eilig von dem Kampfplatz. Sie würden es nicht wagen, seinen Worten zu widersprechen, das wusste Calissa. Auch wenn es bedeutete, sie zurückzulassen.
In der Ferne sah Calissa am Rande des Feldes, wie Kjara und Eira Nilas einholten und auf ihn einredeten. Sie unterdrückte ein Seufzen. Lieber würde sie mit Nilas Melwik streiten, als hier zu stehen.
Tyron Azer hatte sie unterdessen fest ins Visier genommen, die hellbraunen Augen strahlten Härte aus und auf seinen Lippen lag selten ein Lächeln. Er hatte wegen der sommerlichen Temperaturen sein Oberteil während des Trainings ausgezogen, Bauchmuskeln zeichneten sich auf seiner dunkelbraunen Haut sichtbar ab.
Ein flaues Ziehen zog sich durch Calissas Magen. Sie hatte für einen Augenblick gehofft, den Tag ohne eine Ermahnung zu beenden, doch dieser Gedanke löste sich gerade in Luft auf. Was täte sie jetzt alles, um diesen Ort zu verlassen.
»Deine Leistungen waren heute unterirdisch.« Ohne Umschweife startete ihr Ausbilder das Gespräch, seine Stimme klang unnachgiebig. »Ich weiß, morgen ist die Abschlussprüfung und ihr seid alle nervös, aber das entschuldigt nicht das Nachlassen deiner Leistungen. Du musst morgen bei der Sache sein, wenn du den Veritas Alpha nutzen willst. Haben wir uns da verstanden?«
Calissa nickte ihrem Ausbilder zu, vermied aber den Augenkontakt. Das Grummeln in ihrem Magen verstärkte sich weiter, insbesondere bei dem Gedanken an die anstehende Prüfung. Denn egal, was auf sie zukam, sie durfte nicht versagen. Scheiterte sie, war sie sich ziemlich sicher, dass es ihr dann schwerer gemacht werden würde, einen Platz in den vordersten Reihen der Veritas zu ergattern. Und das durfte nicht passieren!
»Tut mir leid«, entschuldigte sich Calissa zähneknirschend. Sie hasste das rumorende schlechte Gewissen und konnte nicht verhindern, dass sie sich in ihrem Körper nicht mehr wohl fühlte. Eine Leere umfasste ihre Seele, fraß sie von innen heraus Stück für Stück auf und hinterließ den Gedanken, nicht gut genug zu sein.
Tyron massierte seinen Nasenrücken und kniff die Augen zusammen. »Du … Geh jetzt besser.« Sein harscher Ton kribbelte unangenehm auf ihrer Haut. Calissa wollte die negativen Empfindungen am liebsten abschütteln, schaffte es aber nicht einmal, ihren Blick abzuwenden. Zu viel Respekt und Angst hatte sie vor dem Mann ihr gegenüber. Er sah sie wieder an, von oben herab, und hatte seine Arme vor der Brust verschränkt. »Ich werde Kioran informieren müssen. Du bist für heute entlassen.« Seine Worte hinterließen einen dicken Kloß in ihrem Hals, denn dass sie kurz vor Ende versagt hatte, würde Konsequenzen haben. Sie salutierte und sah zu, dass sie den Kampfplatz und die heutige Niederlage schnell hinter sich ließ.
Calissa flüchtete förmlich von dem Ort, wo sie jeden Tag trainierte, und rannte durch die engen Gassen der Siedlung, in der sie aufgewachsen war. Sie wollte im Augenblick nur weg und das unangenehme Ziehen in ihrem Bauch vergessen, das durch Tyron aufgekommen war.
Kleine, windschiefe Häuschen aus Holz oder Stein standen zu beiden Seiten des Weges dicht nebeneinander, um sie herum Gärten mit viel Grün. Der Kies unter ihren Stiefeln knirschte mit jedem Schritt, ab und zu kamen ihr Menschen entgegen, die sie mit einem Nicken grüßten oder stur ihren Weg fortsetzten.
Inmitten des großen Tals, das die Einheimischen Kessel nannten, erstreckte sich die Siedlung Kjitillen, in der Calissa groß geworden war. Die Menschen lebten hier in einer Gemeinschaft, jeder hatte seinen Platz und seine Aufgabe. Doch so beschaulich sich das Leben im Kessel anhörte, es war alles andere als friedlich.
Innerhalb dieser scheinbaren Idylle formte sich seit über zwei Jahrzehnten ein Widerstand, der in naher Zukunft ein Ziel hatte: die Macht der Magiebegabten im Land zu beenden.
Und diesem Widerstand wird Calissa angehören. Bald, wenn sie am morgigen Tag ihre finale Prüfung vor dem Rat der Veritas Alpha – vor den sogenannten Veritäern - abgelegt hatte.
Aber jetzt an das Morgen zu denken, dazu hatte Calissa keine Kraft. Langsam folgte sie den Wegen, vorbei an den umherlaufenden Menschen, und verdrängte alle Erlebnisse des Tages.
Nach einiger Zeit erreichte sie die Ausläufer der Siedlung. Ihr Weg führte sie zu den heißen Quellen, wo sie ihre übersäuerten Muskeln in dem warmen Thermalwasser beruhigen wollte. So würde am nächsten Tag nicht ihr Körper schmerzen.
Ruhe umgab sie, nur das Tropfen von Wasser auf Stein war zu hören. Leise echote es durch den Gang und begleitete ihre Schritte über das feuchte Gestein. An den Wänden hingen Fackeln, die den Weg beleuchteten, bis er breiter wurde und den Blick auf die Haupthöhle freigab.
Das Feuer tauchte die Umgebung in schummriges, goldenes Licht, und Dampf waberte vom plätschernden Wasser auf. Zweihundert Fuß maß das große Becken an diesem Ort. Man brauchte länger als man dachte, um einmal von vorn bis nach hinten zu schwimmen, doch selten kam Calissa dazu. Sie machte es sich lieber am seichten Rand bequem. Und sie liebte jeden Augenblick davon.
Das heiße Wasser lockerte beim Eintauchen ihre verkrampften Muskeln, der Geruch von Sole und Bergkräutern lag in der Luft. Calissa hatte das verschwitzte Hemd und die weite Trainingshose abgelegt und war nur mit einem Top und knappem Höschen hineingestiegen. Zwar waren die Temperaturen in den Höhlen jetzt im Sommer nicht viel angenehmer als im Tal, aber ihrem Körper und ihrer Seele tat dieser Ort gut.
Sofort breitete sich ein ruhiges, entspanntes Gefühl in ihrer Brust aus, die aufgewirbelten Gefühle und die stechenden Schmerzen in ihrem Unterleib verflüchtigten sich mit jedem Augenblick, den sie hier verweilte. Calissa schloss genießerisch ihre Augen und döste am Rand vor sich hin. Ja, so konnte man einen schlechten Trainingstag bedeutend besser ausklingen lassen, als jetzt schon in ihrer Hütte zu sitzen und auf die Prüfung zu warten!
Näherkommende Schritte, die von den steinernen Wänden hallten, zerstörten ihre Ruhe. Augenblicklich schlug ihr Herz höher, all ihre Nerven spannten sich an, als würde sich eine Gefahr ankündigen. Calissa fuhr hoch, sah sich um und riss ihre Augen auf, als sie erkannte, wer da gekommen war.
»Dachte ich mir, dass ich dich heute hier finde.«
Erleichtert ließ sie sich zurück in die warmen Quellen sinken und lächelte den Mann an, der gerade mit verschränkten Armen auf einer der steinernen Bänke Platz genommen hatte.
»Was führt dich zu mir, Vater?«, fragte Calissa, ehe sie mit leicht amüsiertem Unterton hinzufügte: »Oder bist du für mich jetzt General Navrez?«
Der stämmige, dunkelhäutige Mann, der ihr so viel bedeutete, grunzte ablehnend. Er hasste es, wenn sie ihn so nannte, das wusste sie ganz genau.
»Du weißt, dass die Zeit des leichten Trainings vorbei ist?« Ohne Umschweife kam er direkt zum Punkt. In seiner Frage lag eine deutliche Aufforderung, aber auch eine Warnung. Sie kannte Kioran gut genug, war sie doch von ihm aufgezogen worden und hatte so viele Jahre bei ihm gelebt. Calissa konnte sich ein Seufzen nicht verkneifen, behielt ihren Vater aber weiter im Blick.
»Wenn du mit mir darüber reden möchtest, warte bitte an meiner Hütte«, antwortete sie knapp. Sie verdrängte das Kribbeln auf ihrer Haut, das durch seinen stechenden Blick über ihren Körper zog. Selten redete sie in einem solch distanzierten Ton mit ihm. Es fiel ihr in diesem Moment auch nicht leicht, aber hier und jetzt wollte sie nicht mit ihm reden. »Ich hatte einen anstrengenden Tag und würde gern vor morgen meinen Muskeln etwas Ruhe gönnen.«
»Ich bin nicht den ganzen Weg hierhergekommen, um von dir weggeschickt zu werden.« Die dunkle Stimme von Kioran echote in der Höhle, mit verengten Augen schaute er auf sie hinab. In seinen hellgrünen Augen spiegelte sich das Flackern des Feuers und Calissa erwiderte seinen Blick mit hochgezogener Augenbraue. Diese Einschüchterungstaktik funktionierte bei ihr schon lange nicht mehr. Aber mit ihm streiten oder diskutieren wollte sie an diesem Ort nicht.
»Bitte, Kioran!« Sie appellierte an die väterlichen Gefühle, die er für sie hatte. »Ich weiß, worüber du mit mir sprechen möchtest, aber ich habe gerade keinen Kopf dafür. Bitte gib mir noch ein bisschen Zeit, diese Ruhe zu genießen.«
»Du hast eine Stunde, Calissa.« Er sprach die Worte nach einigen Wimpernschlägen langsam und bedacht aus, doch seine Hände waren zu Fäusten geballt. Er rang mit seiner Fassung. »Zwing mich bitte nicht, wieder herzukommen.«
»Danke«, sagte sie mit versöhnlichem Lächeln.
Kioran brummte eine unverständliche Antwort in seinen Bart und verließ fluchend die Höhle.
Calissa lehnte sich zurück. Sie hatte keine Lust, an diesem friedlichen Ort über ihre Pflichten zu reden. Insbesondere, da sie wusste, worauf das Gespräch hinauslaufen würde. Es war stets ein und dieselbe Leier.
In den letzten Wochen war Kioran pedantischer mit ihr gewesen, hatte häufiger geschimpft, wenn sie ihre Aufgaben nicht zu seiner vollsten Zufriedenheit erledigt oder im Training versagt hatte. Jede Diskussion endete im Streit und erst Tage später kam Kioran reumütig zu ihr, um sich zu entschuldigen. Er hasste es, sie so zu behandeln, das sagte er oft genug. Aber seine Integrität vor den Ratsmitgliedern musste bewahrt werden.
Denn Calissa war sein einziger wunder Punkt.
Obwohl Kioran nicht ihr leiblicher Vater war, zog er sie seit ihrem ersten Lebensjahr auf. Viele Jahre lang war er ihr Ansprechpartner gewesen, eine Art Vaterfigur, auf die sie sich verlassen konnte.
Er war mit ihr als Baby durch die Berge gereist, auf der Suche nach einem sicheren Leben, nachdem Magie ihre frühere Heimat zerstört hatte. Nur einmal hatte Kioran ihr die Geschichte erzählt, wie er sie fand und mitnahm. Dieses Gespräch hatten sie vor acht Jahren geführt, als sie sechzehn Jahre alt war. Calissa erinnerte sich noch genau an seine Worte.
»Ich war damals auf der Flucht in Richtung der Berge gewesen, als ich euren Hof passierte, die Mauern des einstigen Anwesens bis zu den Grundfesten zerstört. Nirgends gab es Anzeichen von Leben, bis ich einen Schrei hörte. Deinen Schrei. Verdreckt und eingewickelt in eine zerschlissene Decke fand ich dich unter umgestürzten Brettern. Du hattest ein paar kleinere Schrammen und hast geweint. Keine Eltern, keine Familie, niemand konnte für dich kleines Wesen mehr da sein. Die Magie zerstörte dein Heim, und die Schwere dieser Macht hatte in der Luft gelegen. Ich konnte dich nicht allein lassen, nicht in dieser verseuchten Welt.«
Der Gedanke an die Vergangenheit trieb ihr Tränen in die Augen. Sie erinnerte sich nicht an ihre Eltern, nahm aber ihre Abwesenheit und die Leere in sich wahr, als fehlte dort ein großer Teil ihrer Seele. Ein normales Leben blieb Calissa verwehrt. Wer wusste schon, wie es ausgesehen hätte, wenn ihre Eltern noch gelebt hätten? Vielleicht wäre sie früher oder später trotzdem hier gelandet, um für eine bessere Welt zu kämpfen. Vielleicht hatte das Schicksal es so gewollt?
Rigoros verbot sie sich, wegen der Erinnerung an ihre Eltern zu weinen, obwohl ihre Augen brannten. Diese Menschen waren tot. Und es gab nichts, was diese Leere füllen konnte.
Calissa sank tiefer in die heißen Quellen, um sich auf andere Gedanken zu bringen. Obwohl die Hitze auf ihrer Haut an Schultern und Hals brannte, genoss sie die zarte Berührung des Wassers. Ihre langen Haare schwebten unterhalb der Oberfläche, die Strähnen tanzten um ihre Arme.
Aber es nützte nichts. Immer wieder zwang sie die Worte in ihrem Kopf weg von der Vergangenheit und dem Widerstand. Sie wollte sich auf die kommende Prüfung vorbereiten, doch die Gedanken waren miteinander verwoben. Es erinnerte sie unweigerlich daran, dass sie mit dem Bestehen ebendieser eine Widerstandskämpferin werden würde, eine Alpha. Es war ihr vorbestimmt, diesen Weg zu gehen, das spürte sie tief in ihrem Herzen.
Sie erinnerte sich an das Gespräch mit Kioran, als sie ihn anflehte, als Veritas aufgenommen zu werden, um sowohl Gutes zu erreichen als auch irgendwann gegen die Magie bestehen zu können.
Die Bewohner von Kjitillen sprachen oft mit Angst über die Magiebegabten, die ihre Macht missbrauchten und Menschen folterten. Etwas, das auch nicht spurlos an ihr vorübergegangen war. Die Sorge, diesen Leuten irgendwann einmal schutzlos gegenüberzustehen, hatte sich mit der Zeit leise in ihr Herz gepflanzt und war gewachsen. Bis sie selbst an das Schlechte in der Magie glaubte.
Auch Josua, ihr Partner, sprach oft über seine Zukunft bei den Veritas Alpha, davon, was er mit den verhassten Magienutzern anstellen würde. Er wurde von Geburt an auf seine Position in den Rängen vorbereitet und lebte die Regeln der Veritas-Gemeinschaft. Dazu zählte auch, dass das Kämpfen ursprünglich nur den Männern vorbehalten war. Doch Kioran hatte dieser Regel vor Jahrzehnten einen Strich durch die Rechnung gemacht und Frauen erlaubt, eine Alpha zu werden. So wie Calissa bald eine sein würde.
Und dieser Gedanke brachte unterschiedliche Gefühle in ihr zum Vorschein. Einerseits kribbelnde Vorfreude, der Gemeinschaft nützlich zu sein, aber auch beklemmende Sorge darüber, was die Zukunft für sie bereithielt. Calissa verdankte diesem Tal und den Bewohnern, insbesondere Kioran, sehr viel. Da konnte sie ihren Vater jetzt nicht auf der Zielgeraden enttäuschen!
In letzter Zeit waren ihre Kämpfe schwach und ihre Aufmerksamkeit nicht wirklich da, wo sie sein sollte. Und dafür machte sie allein Josua verantwortlich. Er hatte ihr drei Jahre lang eine Zukunft aufgezeigt, in der sie alles an seiner Seite erreichen konnte. Ihre Beziehung hatte stets darauf basiert, dass sie beide für eine bessere Welt kämpfen wollten. Seite an Seite.
Bis seine Ansichten sich komplett gewandelt hatten.
Vor etwa einem Mondzyklus war Josua zu dem Entschluss gekommen, dass seine Zukünftige keine Kämpfe austragen sollte. Dass Calissa gerade mal gut genug war, um Kinder in diese Welt zu setzen, und nicht, um für Ruhm und Ehre zu kämpfen.
Und mit dieser Entscheidung begann der Zerfall ihrer Beziehung.
Es hatte sich nichts an Calissas Willen oder an ihren Zielen geändert. Aber die ständigen Streitereien hinter verschlossenen Türen forderten viel Energie und zerrten an ihren strapazierten Nerven.
Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich Kioran mit ihr zusammensetzen wollte. Ob er als General der Veritas oder als ihr Vater mit ihr sprach, das Gespräch versprach aufwühlend zu werden.
Um die Gedanken an Kioran, Josua und ihre Zukunft endgültig abzuschütteln, tauchte Calissa in das warme Wasser ein. Nur die hallenden, weit entfernten Geräusche der Wassertropfen drangen zu ihr und langsam kehrte Ruhe in ihren Kopf. Die Quellen waren für sie jedes Mal der Ort, an dem sie neue Kraft schöpfen konnte und ihr Gleichgewicht wiederfand. Wo Calissa für eine kurze Zeit einfach nur sein konnte.
Als ihr die Luft ausging, brach sie keuchend durch die Wasseroberfläche. Es waren nur einige Augenblicke vergangen, doch es hatte gereicht, um einen halbwegs klaren Kopf zu bekommen.
Schwerfällig verließ sie das natürliche Becken und zog sich an. Länger lohnte es sich nicht zu bleiben, denn das unvermeidliche Gespräch mit ihrem Vater würde so oder so stattfinden. Die Schwellungen des Kampfes waren zurückgegangen und ihr Körper fühlte sich nicht mehr so steif an wie noch vor einer Stunde. Als sie blinzelnd aus der Höhle kam, brauchte sie einen Moment, bis sich ihre Augen an das Licht gewöhnten. Einen Herzschlag lang verweilte Calissa im warmen Schein der Sommersonne, ehe sie sich auf den Weg zurück nach Hause machte.

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