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Brigitte Günzel
Von Eseln, zwei Wanderern und den Cevennen


Taschenbuch Juni 2024
176 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-98913-107-1


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Manchmal ist das Ende einer Geschichte ihr eigentlicher Anfang und ihr Anfang befindet sich irgendwo in der Mitte oder ist sogar ihr Ende – aber hört sie wirklich jemals auf? Wie dem auch sei – Brigitte und Gerd aus Hamburg wandern auf dem Stevensonweg in den Cevennen. Sie starten im mittelalterlichen Le Puy-en-Velay, voller Staunen über die sich weit gen Himmel streckenden Basaltspitzen und die Traditionen dieser Stadt, auf die sie unweigerlich beim Stadtrundgang stoßen. Auf über 230 Kilometern sind sie mit leichtem Rucksack bis Saint-Jean-du-Gard unterwegs. Sie genießen die faszinierende Sicht auf die Bergwelt, laufen über leuchtende Schieferplatten, trinken warmes Bier auf dem Sommet de Finiels, und „stolpern“ voller Neugierde immer wieder über Interessantes – einen Schneeverwehungstunnel, eine Magnanerie, Terrassen mit Esskastanien in den Wäldern und sie spüren einen Hauch der Bestie des Gévaudan. Wie die beiden auf die Idee zu dieser Wanderung gekommen sind? Auch das wird erzählt. Es war ein besonderes Abenteuer; lustig, grotesk und ohne Geschwindigkeitsüberschreitung. Zwischenzeitlich sind sie auf der Via Tolosana gelaufen … ihre Geschichte geht also weiter.
Auszug 1 aus den Seiten 41-43

[...] Bald darauf standen unser Gepäck an seinem Platz und wir auf der Straße. Es war kurz nach halb acht, kalt und sonnig. Die Straße hatten wir ganz für uns allein. Unsere Nasen und Hände wurden schnell kalt. Gerd beneidete mich um die langen Ärmel an meiner Wanderbluse. In Erwartung der angesagten Hitze ließ sich die Kälte jedoch gut ertragen.
Wir passierten die Église Saint Jean-Baptiste und ich versuchte mir vorzustellen, wie R.L. Stevenson mit seiner Eselin Modestine im Herbst 1878 seine Wanderung, vielleicht nur wenige Schritte entfernt von dieser Kirche, begonnen haben mochte. Der Gedanke, unsere Füße würden genau den Boden betreten, den die beiden betreten hatten, ließ mich freudig erschauern und fast hatte ich Tränen in den Augen.
Wir mochten diese Stille, die einer sonntäglichen Stille an einem frühen Morgen glich, freuten uns über das zarte Vogelgezwitscher und erschraken, als eine Taube laut gurrte. An einer kleinen Straße sahen wir ein Schild mit der Aufschrift Rue de la bière und lachten über den Namen: Straße des Bieres. Beim Schreiben des Berichtes habe ich mir den Stadtplan von Le Monastier-sur-Gazeille angeschaut und diesen Straßennamen nicht gefunden. Es muss die Le Moulin de Savin gewesen sein. Wie dem auch sei, das Schild hatte dort gestanden und wir hatten einen lustigen Moment.
Ich war sehr auf das Flüsschen La Gazeille gespannt, welches ich aus Stevensons Erzählung als besonders klein beschrieben in Erinnerung hatte. Wir passierten den Campingplatz und schon standen wir am Flüsschen, das ich so klein gar nicht fand. Es schlängelte sich durch ein Bett mit vielen Steinen und war nicht tief. Ein erholsamer Platz für die Camper und Kinder zum Erfrischen und Spielen. Wir hielten etwas inne und nachdem wir die kleine Brücke hinter uns gelassen hatten, begann schon unser erster Anstieg im Wald von Malaval.
Der Weg war steil und voller Steine, die kantig und in unterschiedlicher Größe und Form aus dem Boden ragten. Einen solchen Weg hatten wir noch nicht unter unseren Füßen und ich werde ihn auch immer in Erinnerung behalten. [...]


Auszug 2 aus den Seiten 143-144

[...] Wir jubelten über den bestandenen Test und waren überzeugt, dass der Tag gut bleiben würde.
Wir liefen durch den Ort, passierten dabei einen gut besuchten Biergarten unter hohen Bäumen und bedauerten, nicht einkehren zu können. Mit den Eselinnen war uns das viel zu kompliziert. Auf Höhe der letzten Eigenheime vor dem Ortsausgang blieb Alma mitten auf der Straße stehen. Dann blieb Greta stehen. Dann blieb Biene stehen. Damit standen wir alle. Wir sprachen mit ihnen, wir zogen, wir streichelten, wir warteten voller ungläubiger Heiterkeit über das, was da geschah.
Eine Anwohnerin schaute aus dem Fenster und erzählte von Situationen, in denen den Wartenden sogar Kaffee gekocht wurde. Diese Aussicht ermutigte uns nicht zur Zuversicht. Ganz abgesehen davon hätte uns ein Pott Kaffee sicherlich geschmeckt, aber wahrscheinlich musste man ihn sich durch sehr langes Stehen erst verdienen. Wir standen also noch nicht lange genug und fast bedauerte ich es, denn mein Appetit auf Kaffee war erwacht. Nicht besonders hoffnungsvoll nahm ich Gretas Strick und zog energisch daran. Plötzlich setzte sie sich in Bewegung. Sie lief ein paar Schritte zur Seite, zögerte, ihre Augen schielten auf das verlockende Gras am Straßenrand. Ehe diese Momentaufnahme in meinem Hirn angekommen war und ich reagieren konnte, hatte sie schon ihr Maul im satten Grün. [...]