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Joachim R. Steudel
Traum oder wahres Leben
Kismetbahr - Der Schicksalsfluss

Taschenbuch August 2016
508 Seiten | ca. 12,5 x 19,0 cm
ISBN: 978-3-96014-155-6


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Mit einer überstürzten Reise nach Ägypten beginnt die entscheidende Phase in Günter Kaufmanns spannungsreichem Leben. Die bevorstehende Öffnung eines Grabes aus der Pharaonenzeit veranlasst ihn, Sarah Liebherr die dunkelsten Episoden seiner Odyssee zu offenbaren.
Er erzählt ihr von Ereignissen im alten Ägypten, die sie schockieren. Dennoch kommen sich die beiden näher, aber die Geschehnisse um die Graböffnung stellen nicht nur Sarah auf die Probe. Durch den engen Austausch mit Günter erwirbt die junge Frau einige seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten und gewinnt ein starkes Selbstbewusstsein. Sarah und einige zwiespältige Gefühle helfen Günter, das Mysterium seines Lebens zu ergründen.
Überstürzter Aufbruch

Die Sonne war schon so weit über die Wipfel des angrenzenden Waldes gestiegen, dass ihre Strahlen ins Schlafzimmer von Günter Kaufmanns Haus fielen. Nichts trübte ihre Kraft am wolkenlosen Himmel, und die Wärme auf Günters Gesicht veranlasste ihn dazu, die Augen zu öffnen. Er saß noch genauso am Fußende vor dem Bett, wie er sich am Abend zuvor in Meditationshaltung niedergelassen hatte. Die Hände im Schoss bildeten das mida-no-jouin Mudra, und sein aufgewühlter Geist war zur Ruhe gekommen. Es war für ihn immer wieder der beste Weg, um sein inneres Gleichgewicht zu erlangen.
Er schaute auf seine Hände, und ein Schmunzeln huschte über sein Gesicht. Wie oft war es auf Unverständnis gestoßen, wenn er meditierte oder andere asiatische Praktiken ausführte. Fast immer gingen die anderen dann davon aus, dass er Buddhist sei, und wenn er ihnen erklärte, dass er dem christlichen Glauben anhing, wollten sie es kaum glauben. Für die meisten war es ein Widerspruch, für ihn nicht. Er konnte dadurch seine innere Kraft stärken, seinen Geist von äußeren Einflüssen befreien und seinen Glauben viel stärker leben als manch anderer.
Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee stieg ihm in die Nase, und seine Gedanken kehrten zu den letzten Ereignissen zurück. Er hatte mit Sarah Liebherr eine seiner prägenden Erinnerungen geteilt. Sie war danach fast genauso aufgewühlt gewesen wie er und hatte Bedenken wegen der nächtlichen Heimfahrt geäußert. Sein Angebot, sie möge das Gästezimmer nutzen, nahm sie dankbar an und nun war sie anscheinend schon dabei, das Frühstück vorzubereiten.
Günter erhob sich und ging ins Bad. Bei der Morgentoilette kehrten seine Gedanken zu Sarah zurück. Anscheinend hatte er ihr helfen können. Die Lebenseinstellung der jungen Frau hatte sich wieder geändert, und als sie vor dem Schlafengehen noch ein Glas Wein tranken, sah er in ihren Augen eine innere Stärke, die vorher nicht wahrnehmbar war.
Wie würde es jetzt weitergehen? Sollte er ihr noch mehr von seinem Leben erzählen? Könnte sie es überhaupt akzeptieren, wenn er es bei dem Bisherigen belassen würde? Vermutlich nicht. Eine innere Stimme sagte ihm, dass ihn mehr mit dieser Frau verband. Nicht nur diese zwei Tage, an denen er ihr von seinem Leben erzählt hatte. Da war noch etwas, was er nicht definieren konnte. Eine Verbindung, die tiefer ging, anders als alles bisher Erlebte.
Als Günter das Wohnzimmer betrat, durchströmte ihn ein Gefühl der Wärme. Der Tisch war liebevoll für zwei Personen gedeckt. Frische Brötchen, Marmelade, Honig, Wurst und Käse, ja sogar frisch gekochte Eier standen bereit. Eine noch nicht entzündete Kerze zierte die Mitte, und aus der Küche wehte der Geruch von frischem Kaffee herein. Vieles davon hatte er gar nicht im Haus gehabt. Sarah musste schon vor einiger Zeit aufgestanden sein und all das besorgt haben.
Günter warf einen Blick in die Küche, konnte sie aber nicht entdecken. Die leichte Morgenbrise bewegte die Gardine vor der Terrassentür. Er ging hin und schob sie zur Seite. Dann erstarrte er, und mit ungläubigem Staunen ruhte sein Blick auf Sarah.
Hoch konzentriert führte die junge Frau Tai-Chi-Übungen aus. Das Gesicht der aufsteigenden Sonne zugewandt, die Augen fast geschlossen, schien sie nichts von ihrer Umgebung wahrzunehmen. Die Bewegungen wirkten ein wenig ungelenk, und sie steckte mehr Kraft hinein als nötig. Doch die Abläufe waren wie seine eigenen. Mit leisen Schritten ging er schräg hinter sie und fiel in ihre Bewegungen ein. Sie bemerkte es und wollte abbrechen.
»Nein, bitte nicht. Mach weiter, es ist die schönste Art, den Morgen zu beginnen.«
Sarah folgte seiner Aufforderung, aber ihre Bewegungen wurden unsicher, und ihre Atmung war nicht mehr synchron dazu. Günter ging zwei Schritte nach vorn, damit sie ihn sehen konnte. Sarah orientierte sich an seinen Abläufen, und schon bald bewegten sich die beiden im Gleichklang.
Nach etwa zehn Minuten brach er ab, da er bemerkte, dass ihre Kraft nachließ. Günter drehte sich zu ihr um, verbeugte sich mit dem Shaolin-Gruß vor ihr und sagte lächelnd:
»Danke für diesen wunderschönen Morgen. Es ist angenehmer, wenn man nicht allein ist beim Tai-Chi. Und auch vielen Dank für den schön gedeckten Frühstückstisch, mit dem du den Gastgeber zum Gast gemacht hast.«
»Oh, das Frühstück, das hatte ich doch glatt vergessen. Die Eier werden inzwischen kalt sein.«
Ein betrübter Ausdruck überzog das eben noch strahlende Gesicht, und sie wandte sich dem Haus zu. Sarah ging zum Tisch, zündete die Kerze an und holte den Kaffee.
»Du trinkst ihn schwarz, ohne Zucker, nicht wahr?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, goss sie ihm ein, und Günter blickte sie mit wachsender Verwunderung an.
»Ja, woher weißt du das?«
Sie schüttelte den Kopf, verschwendete aber keine Zeit, um weiter darüber nachzudenken.
»Ich habe keine Ahnung. Ich weiß es einfach.«
Nachdem sie auch ihre Tasse bis zum Rand gefüllt hatte, setzte sie sich und sah sinnend auf den Tisch.
»Mir ist, als wäre es schon immer so gewesen. Als hätte ich schon über viele Jahre deine Gewohnheiten studiert. Ich war mir sicher, dass ein solches gemeinsames Frühstück, einer deiner größten Wünsche ist.«
Günter nahm ihr gegenüber Platz und suchte den Blickkontakt. Er wollte in ihren Augen sehen, ob sie die Wahrheit sprach oder nur gut geraten hatte. Sarah wich ihm nicht aus, und es erschien Günter, als hätte er diese Augen noch niemals gesehen. Sie wirkten unergründlich tief und erzeugten eine gewisse Beklemmung bei ihm. Er zuckte zusammen und dachte: fast wie die Augen Kazukos. Beschämt senkte Günter seine Lider, denn er war versucht, in ihre Gedanken einzudringen.
War das noch dieselbe Frau, die er vor wenigen Tagen mit Selbstmordgedanken getroffen hatte? Es schien kaum möglich, denn ihm gegenüber saß eine selbstbewusste Persönlichkeit, und er konnte ihre kraftvolle Aura sehen. Sein Blick wanderte über den Tisch und blieb an der Kerze hängen. Die kleine Flamme zauberte wieder ein Lächeln auf sein Gesicht, und kurz bevor die eingetretene Stille die Stimmung zerstörte, griff er zu einem Brötchen und sagte:
»Du hast recht, ein solches Frühstück habe ich schon lange vermisst. Wenn man allein ist, fällt es oft sehr spartanisch aus, und trübsinnige Gedanken gewinnen schnell die Oberhand.«

Beim Essen sprachen sie nur über belanglose Dinge. Sarah entschuldigte sich, weil sie in seinen Schränken nach Geschirr und anderem gesucht hatte, doch Günter winkte nur ab und erkundigte sich, bei welchem Bäcker sie gewesen sei. Bei der Erörterung solcher alltäglichen Themen langten beide kräftig zu. Doch als sie gesättigt waren und sich mit frisch gefüllten Kaffeetassen gegenübersaßen, suchte Günter wieder den Blickkontakt.
»Warum hast du mir verschwiegen, dass du Tai-Chi beherrschst?«
Sarah lachte leise auf, schlürfte, ohne den Blick zu lösen, an ihrem heißen Kaffee und antwortete:
»Zum einen habe ich bei unserem bisherigen Zusammensein noch nicht viel sagen können, denn ich wollte in deine Geschichte eintauchen. Und zum anderen wusste ich es bis zum heutigen Morgen auch noch nicht.«
Mit ungläubigem Blick lehnte er sich, die Tasse in der Hand, zurück. Er hatte keinen Grund, an der Wahrheit ihrer Worte zu zweifeln, und doch erschienen sie ihm kaum glaubhaft.
»Das sah aber anders aus. Die Grundlagen sind da, nur eine gute Anleitung scheint dir zu fehlen. Dennoch waren die Bewegungen gut mit der Atmung koordiniert. Auch die Abläufe waren wie die meinen, exakt so ...«
Günter verschüttete fast den Kaffee bei dem Gedanken, der ihm eben gekommen war. Zum zweiten Mal an diesem Tag blickte er die junge Frau mit ungläubigem Staunen an. Sie schien seine Gedanken zu erraten, denn sie sagte:
»Ja, ich denke auch, dass du mir beim Erzählen deiner Geschichte mehr von dir gegeben hast, als dir bewusst war. Nachdem ich die Frühstücksvorbereitungen abgeschlossen hatte, wollte ich mich im Garten in die Sonne setzen und auf dich warten. Doch ich hatte das Gefühl, dass etwas fehlt zum Start in den Tag, und ohne darüber nachzudenken, begann ich mit den Übungen. Ich konnte mich fallen lassen, und alles ging wie von allein. Bis du kamst und mir bewusst wurde, was ich tat.«
Nachdenklich nahm Günter einen großen Schluck aus der Tasse.
»Konntest du eben meine Gedanken lesen?«, fragte er mit einem Stirnrunzeln.
»Nein, jedenfalls nicht bewusst. Ich hatte nur irgendwie den Eindruck, dass du genau das dachtest.«
Sie horchte in sich hinein und sagte zögernd:
»Aber vielleicht könnte ich es, wenn ich wollte ... Doch will ich das wirklich?«
Sinnend sahen sie sich an, und Günter wollte eben eine weitere Frage stellen, als das Telefon sich meldete. Unwillig wendete er den Kopf, doch erst beim dritten Klingeln erhob er sich.
»Entschuldige bitte. Ich werde seit einiger Zeit sehr selten angerufen und wenn doch, ist es meist wichtig.«
Nachdem er sich mit knappen Worten gemeldet hatte, lauschte er gespannt seinem Gesprächspartner. Sarah konnte dessen aufgeregte Stimme hören, verstand aber kein Wort. Günters Züge veränderten sich. Er wirkte betroffen, fast bestürzt und antworte in Arabisch. Sarah konnte den Blick nicht von ihm wenden. Dieser Mann offenbarte immer mehr Geheimnisse, und die wollte sie auf jeden Fall ergründen. Verschwommene Bilder nahmen in ihrem Geist Gestalt an. Beruhten sie auf einem unerklärlichen Wissen, oder waren es Produkte ihrer Fantasie?
Nach einiger Zeit beendete Günter das Gespräch und sinnend starrte er an die Wand. Doch das währte nur kurz. Er wählte aus dem Kopf eine endlos erscheinende Nummer und begann ungeduldig hin und her zu laufen. Nach dem Zustandekommen der Verbindung blieb er mit dem Gesicht zur Terrasse stehen. Eine hitzige, in Arabisch geführte Debatte, folgte. Als er etwas ruhiger wurde und sich umdrehte, fiel sein Blick auf Sarah. Günter stockte kurz, drehte sich wieder um und schloss das Gespräch mit wenigen Sätzen ab.
Nachdem er den Hörer auf die Basisstation gelegt hatte, strich er sich mit der Hand übers Gesicht und wandte sich an Sarah:
»Es tut mir leid, ich hatte dich für einen Moment völlig vergessen.«
Weil Sarah bemerkte, dass sie ihn immer noch wie ein Wundertier anstarrte, senkte sie beschämt den Blick. »Schon in Ordnung. Das Gespräch schien ja wirklich wichtig gewesen zu sein.«
»Ja, für mich war die Information sehr wichtig und deshalb muss ich auch so schnell wie möglich nach Ägypten.«
Sarah riss die Augen auf.
»Du willst fort? Jetzt, aber warum? Ich muss doch noch so vieles wissen, ich …«
Günter konnte die Bestürzung in ihren Augen erkennen, auch er fühlte sich bei dem Gedanken nicht wohl, den Kontakt für unbestimmte Zeit abzubrechen. Doch schnell hatte er eine Lösung gefunden.
»Hast du für die nächsten Wochen irgendwelche Verpflichtungen?«
»Nein, meine«, sie suchte nach dem richtigen Wort, »Arbeit erfolgte auf Honorarbasis, und ich habe seit einiger Zeit keine Angebote mehr angenommen.«
»Möchtest du mich begleiten?«
Sie holte schon Luft und wollte freudig zusagen, doch er stoppte sie mit einer abschneidenden Handbewegung.
»Überlege es dir reiflich, denn ich kann dir nicht sagen, wie lange es dauert und wie viel Zeit ich für dich haben werde. Ich muss Dinge klären, von denen ich noch nicht einmal ansatzweise weiß, wie ich sie lösen kann.«
»Was ist denn geschehen?«
»Nicht jetzt, dazu fehlt mir die Zeit. Willst du oder nicht?«, fragte er ungeduldig.
»Ja, ich will. Ich kann mich jetzt nicht von dir trennen, ohne noch einige Erklärungen zu erhalten.«
»Den Wunsch habe ich auch. Also gut, hast du einen Pass?«
»Ja, aber nicht dabei.«
»Hm, dann müssen wir bei dir vorbeifahren«, sagte Günter nachdenklich. »Na gut, egal, ich muss jetzt noch einige Anrufe erledigen, und du gehst bitte die Straße runter zur Hausnummer vier. Dort wohnt eine ältere Dame – Frau Hillrich –, sie kümmert sich ums Haus, wenn ich nicht da bin. Ihr gibst du bitte den Schlüssel und bittest sie, hier aufzuräumen. Die Lebensmittel soll sie mitnehmen, die werden sonst nur schlecht.«
Günter überreichte ihr einen einzelnen Hausschlüssel und drückte Sarah auch noch seinen Autoschlüssel in die Hand.
»Wenn du wiederkommst, fährst du mein Auto aus der Garage und deins rein. Nimm den Schlüssel von der Haustür mit, der schließt auch die Garage.«
Sarah war verwundert über die Hektik des sonst so ruhigen Mannes, nickte aber, blies die Kerze aus und wollte den Tisch abräumen.
»Das macht Frau Hillrich. Geh und beeil dich«, sagte er drängend, während er schon die nächste Telefonnummer eintippte.

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