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Ulrich Kolditz
Sein und Erscheinen
Grundzüge einer ontologischen Phänomenologie des Bewusstseins

Taschenbuch Mai 2021
633 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-96014-667-4


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Philosophie ist Grund legendes Denken. Den Dingen auf den Grund gehen, das prägt das Denken in vielen Bereichen des Lebens und Alltags wie auch in der Wissenschaft. Der philosophische Grund-zug ist nur die konsequente Fortsetzung oder Radikalisierung des allgemeinen Grund-zuges, der unseren Geist, unser ganzes Leben durchdringt.

Es sind die Worte, die zu denken geben, und es sind die Gedanken, die zu Wort kommen. So spielt die Sprache in diesen Überlegungen eine große Rolle. Der Autor legt besonderen Wert auf die ursprüngliche Aus-sage-kraft der Sprache der Worte, um darin die Gedanken aufzuspüren und zu entfalten, die verborgen in den Worten „wurzeln“.

Das Buch wendet sich vor allem an „Anfänger“ des Philosophierens. Es soll Türen öffnen: anregen und Mut machen zu eigenem philosophischen Denken, zu Gedanken „ohne Geländer“ oder dazu, wie es seit der Aufklärung heißt: Bedien dich deines eigenen Verstandes!
S E I N U N D E R S C H E I N E N
GRUNDZÜGE EINER ONTO-LOGISCHEN PHÄNOMENOLOGIE DES BEWUSSTSEINS

Die Untersuchung, die hier vorgestellt wird, befaßt sich mit Bewußtsein, mit der Frage, was ist, was bedeutet Bewußtsein überhaupt. Sie kommt zu dem Schluß, daß im Grunde gilt: Bewußtsein ist Erscheinen von Sein.

Wenn man eine Untersuchung so beginnt, daß man zuerst sagt, worauf alles hinausläuft und was sich schließlich und endlich dabei ergibt, ist das befremdlich. Ohne den Gedankengang, aus dem das hervorgeht, zu begründen und anzugeben, wie er verläuft, stößt man das Denken, dem das Nach-denken besagten Gedankens zugedacht ist, vor den Kopf. Denn ein Denken, das auf sich hält, hält sich an die Regel: Es geht bedacht vor, schrittweise und mit gutem Grund. Es gibt darauf acht, wie zu schaffen ist, was ihm zu schaffen macht, um der Gewißheit seines Vorganges, seines Herganges und Ausganges willen. Eine Behauptung, ohne Grund in die Welt gesetzt, zählt nicht, wird mißbilligt, und es wird hoffentlich gesetzt auf deutlich Besseres.

Außerdem: Denken, so gesehen, weiß überhaupt nicht, wie ihm geschieht. Was soll es mit einem so bedenkenlos geäußerten Verdacht auf Bewußtsein anfangen? Trifft er es doch völlig unvorbereitet und läßt ihm weder Zeit noch Raum zum Nach-denken.
Noch bevor das Denken auf den Gedanken kommt, daß an Bewußtsein etwas fraglich ist und daß in Frage zu stellen sei, was Bewußtsein überhaupt ist, sagt er ihm auf den Kopf zu, was davon zu halten sei, nämlich: Bewußtsein ist Erscheinen von Sein.

Andererseits, der unbedenkliche Einsatz des Gedankens ist schon bedenklich: Luft holen, Abstand halten, die Gedanken zusammennehmen. Der Satz trifft, überrumpelt, verschlägt einem die Sprache und rüttelt doch auf, macht neugierig, wachsam. Wie kommt es im Denken zu diesem Gedanken? Wie weit trägt er, was trägt seine geistige
Wirkung zu Bewußtsein bei?
Denn wo es um Bewußtsein geht, geht es nicht um eine Nebensache. Es geht um das Ganze. Es steht alles auf dem Spiel.
Einige freilich sind von der phänomenalen Wendung der Philosophie des Bewußtseins keineswegs überrascht. Philosophisch neu ist das überhaupt nicht, eher so etwas wie ein „alter Hut“. Kant hat wohl zuerst begonnen, damit zu spekulieren. Bei Hegel findet sich eine „Phänomenologie des Geistes“ und Husserl, einschließlich seiner Schüler, ist ganz versessen auf Phänomenologie in der Methode wie in der Sache. Es lohnt sich nicht, damit noch einmal anzufangen. Im Grunde ist viel, ist alles dazu gesagt. Was uns heute philosophisch bewegt und angeht, liegt anders. Der Gedanke ist sichtlich überholt. Er gibt philosophisch nichts Bedeutsames mehr her. Man kann ihn getrost zu den Akten legen.

Gleichwohl trifft die meisten die Nachricht vom Erscheinen des Seins bei Bewußtsein wie im Schlaf. Warum solch ein Geschrei um etwas ganz Alltägliches wie Bewußtsein? Was ist daran so spektakulär, daß man so viel Aufhebens davon machen muß? Ist Bewußtsein nicht allen, allgemein bekannt als etwas ganz Selbstverständliches, gewohnt, vertraut in dem-entsprechendem Umgang, offenbar problemlos und überhaupt sonnenklar. Bewußtsein ist eben Bewußtsein. Man nimmt es, wie es ist. Es gehört im Grunde zu uns selbst. Schließlich sind wir alle bei Bewußtsein. Wo keine Frage gestellt wird, muß keine Antwort gesucht werden. Wo alles klar ist, bedarf es keiner Klarstellung. Es ist recht und billig.

Genau da liegt das Problem: Wenn alles selbstverständlich ist, versteht sich alles von selbst. Es regt niemand auf und an, schon gar nicht den Verstand. Man kann es auf sich beruhen lassen, solange es das Denken in Ruhe läßt, solange man sich über soviel Selbst-verständliches nicht wundert, keine Zweifel und Fragen aufkommen, beunruhigende Fragen, die sich nicht abweisen lassen, die quälen, bohren, Fragen, die nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern in die Tiefe gehen, auf den Kern der Sache kommen, der Sache auf den Grund gehen und sie von Grund auf in Frage stellen. Dann verliert das Verständnis der Sache ganz schnell seine Verständlichkeit, seine Selbst-verständlichkeit und wird in Frage gestellt, fraglich, frag-würdig im Grunde genommen. Wir stoßen auf die Grund-Frage des Verständnisses überhaupt.

Mit anderen Worten: Der Satz über Bewußtsein, der Befremden auslöst, ist allenfalls halbwegs verständlich. Er geht im Grunde darüber hinaus, was er besagt. Er weist auf die In-Frage-Stellung von Bewußtsein. Die Fraglichkeit von Bewußtsein ist die andere Hälfte der Wahr-heit. Der Satz erweist sich als eine deutliche Antwort auf eine ebenso deutlich gestellte Frage. Er wirft von Anfang an ein bezeichnendes Licht auf den be-denklichen Hergang und Vorgang des Denkens, das sich seiner Untersuchung annimmt. Hier ist der Ansatzpunkt, an dem die Untersuchung beginnen muß.


T E I L I
GRUNDLEGENDE ÜBERLEGUNGEN ZUM PHILOSOPHISCHEN DENKWEG

1. Philosophie ist Grund legendes Denken

(1)Der Kernpunkt: Philosophie des Bewußtseins. Was der Satz „Bewußtsein ist Erscheinen von Sein“ grundsätzlich hergibt, ist eine philosophische Antwort auf eine stillschweigend vorausgesetzte philosophische Frage. Was so gedanklich in Frage steht und zu ver-antworten ist, ist Bewußtsein. Der Horizont, in dem das vor sich geht, heißt Philosophie. Philosophie des Bewußtseins ist das Be-denkliche dieser Untersuchung.

(2)Verständigung über den Ausgangspunkt: Philosophie. Nun ist Philosophie zwar ein Fremdwort, das, übersetzt mit „Liebe zur Weisheit“, uns nicht allzuviel sagt, aber dennoch nicht unbekannt, ungebräuchlich und auch nicht ganz und gar unverständlich ist. Jeder, der von Philosophie hört oder redet, hat davon eine mehr oder weniger deutliche Vorstellung. Nicht selten gehen dabei die Meinungen über sie und in ihr weit auseinander. Verständigen wir uns zuerst über den Ausgangspunkt: Philosophie, was ist das, was soll das heißen?

(3)Zwei geläufige Meinungen sind abwegig. Ich schließe zunächst zwei geläufige, freilich auch abwegige Meinungen aus: Philosophie, das ist weder eine Art phantastischer, letztlich haltloser Ansichten über Gott und die Welt noch ein besonders interessanter, ja exklusiver, aber auch anfechtbarer Zug unserer („strenggläubigen“) Wissenschaft.

(4)Philosophie ist ein besonders gründliches, das heißt Grund legendes Denken. Philosophie, das ist vielmehr ganz einfach Denken, allerdings ein sehr eigenartiges, exponiertes Denken, ein Denken, das den Dingen auf den Grund gehen will, nicht auf einen beliebigen oder naheliegenden, nein, auf den denkbar letzten Grund. Es ist ein Denken, das Philosophie ausweist als schlechthin Grund legendes Denken, welches das, was philosophisch zu denken gibt, von Anfang an oder von Grund auf be-denken, wir sagen auch verstehen und verständlich machen will, das heißt unter Einschluß und Vorzug des Verstandes, der Rationalität. Es ist ein Denken von dem her, was am Anfang steht, was aller Dinge Anfang ist bzw. worin es im Grunde seinen Ausgangspunkt, seinen Ansatz findet.
Philosophie, das ist in Wahrheit nichts weiter als ein besonders gründliches Denken, und das hat seine Probleme und Schwierigkeiten. Ich nenne zwei.

(5)Philosophische Doppeldeutigkeit des Grund-Gedankens. Zum einen: Wenn wir so von Grund legendem Denken reden, weiß jeder ungefähr, was gemeint ist, denn wir haben im Grunde alle eine Vorstellung davon, worum es im Grunde geht. Schauen wir jedoch etwas genauer hin, entdecken wir sehr schnell, daß im Grunde der Grund ziemlich dunkel ist, daß der Grund-Gedanke selbst keineswegs klar, vielmehr mehrdeutig ist, Spannungen in sich trägt und daß der Grund kaum weniger strittig und problematisch ist als das Grund-problem des philosophischen Anfangs, der hier gemacht werden soll.
Wenn wir z. B. sagen, es handelt sich um das, was Grund gibt, philosophisch zu denken oder dem philosophischen Denken Grund gibt, meinen wir sowohl die Grund-lage für das Denken, das Fundament, auf das es philosophisch bauen kann, das dem Denken Sicherheit und Halt schafft, den festen Anhaltspunkt, als auch das, was im Grunde oder aus gutem Grund daraus folgt, weil es Anlaß für Denken, für folgerichtiges Denken ist oder das, was im Grunde Denken antreibt und umtreibt. Gemeint ist, was dem Denken festen Grund, ein stabiles Fundament, eine sichere Ausgangsbasis verleiht, wie auch, was Grund zum Denken gibt, Denken auslöst, in Bewegung setzt, auf den Weg, den Denkweg bringt.
Im Grunde geht es gleicherweise um die stabile Unterlage wie um den dynamischen Antrieb des Denkens. Merkwürdig nur, daß das im Grunde im Denken zusammenfällt oder daß wir im Grunde dafür ein und dasselbe Wort verwenden. Merkwürdig, daß es im Grunde offenbar selbst denkbar gegensätzlich zugeht.
Was ist also im Grunde oder mit dem Grundgedanken der Philosophie eigentlich oder vor-züglich gemeint? Ich denke, wir brauchen das hier nicht zu entscheiden, sondern können getrost auf den Doppelsinn des Grundes setzen und das philosophische Denken dieser grundsätzlichen Doppeldeutigkeit aussetzen. Denn es geht der Philosophie sowohl um das Statische wie um das Dynamische, das Befestigen wie das Bewegen des Denkens. Grundlegendes Denken umfaßt beides: den denkbar letzten Grund, auf den das Denken setzen kann, wie auch den Beweggrund des Denkens, die Bewegung des Denkens, die im Grunde davon ausgeht.

(6)Allumfassendes und abschließendes Denken. Zum andern: Die Dinge, um die es der Philosophie im Grunde genommen geht, sind nicht diese oder jene, sondern eigentlich alle möglichen, das heißt ausnahmslos alle, die überhaupt denkbar sind. Philosophie ist ein Denken, das, indem es alles Mögliche von Grund auf bedenkt, alles erfaßt, denkbar allumfassend ist. Es ist somit ein Denken, das im Grunde denkbar alles einschließt. Darin liegt sowohl seine einzigartige Chance als auch sein bedenkliches Resultat. Es wird schließlich zu einem abschließenden Gedanken, zu einem geschlossenen Gedankengebilde und Gedankengebäude, zum Denksystem.
Je folgerichtiger philosophisches Denken sich gibt, umso mehr artet es aus. Seine Begründung wird philosophisch fragwürdig. Aber es bleibt sich gerade darin treu. Der Grund ist zugleich Ab-grund. Das Loch im Grunde des Denkens ist das Sein. Wir werden sehen, was das heißt. Aber das ist selbst schon Philosophie, Inhalt und denkbares Ergebnis dieses Denkens, um das es hier geht.
Kurz: Der Grund ist selbst nicht weniger fraglich als die Grund-Frage, womit im Grunde philosophisch zu beginnen sei, mit Sein oder mit Bewußtsein.



2. Grund-Problem: Sein oder Bewußtsein

(1)Im Grunde zwei Ausgangspunkte: Sein und/oder Bewußtsein. Wenn sich Philosophie im Grunde vergewissern will, womit das Denken einsetzen, anfangen soll, dann gerät es schnell in Unsicherheit und Ratlosigkeit. Es kommen im Grunde zwei Ausgangspunkte in Frage: Sein oder Bewußtsein. Beides sind letztlich Denkansätze, auf die alles, was wir kennen, hinausläuft, die je auf ihre Weise alles zusammenfassen oder wiedergeben, was wirklich denkbar ist. Sie können somit beide auch am Anfang eines Grund legenden Gedankenganges stehen.

(2)Primatsfrage oder Dualismus? Im Grunde stellt sich die Frage: Ist es denkbar, mit beiden zugleich einzusetzen, oder muß man sich in einer letztendlich alles entscheidenden gründlichen Anstrengung des Denkens auf die eine oder andere Seite schlagen? Der begründete Vorzug von Sein oder Bewußtsein hat dann jedoch die Reduzierung des einen auf das andere zur Folge. Es fragt sich: Gründet das Sein im Bewußtsein oder das Bewußtsein im Sein? Eines ist allerdings ziemlich sicher: Weder das eine noch das andere kann man von der Liste der in Frage kommenden philosophischen Grundsätze streichen. Beide sind ohne Zweifel tragende Säulen unseres Wirklichkeitsbewußtseins: Fällt eine, stürzt das gesamte Weltgebäude in sich zusammen.

(3)Ursprüngliche (unergründliche) Verflechtung von Sein und Bewußtsein. Vielleicht sind sie im Grunde gleich gültig und es kommt nur auf das Grund legende Verhältnis an, in dem sie sich befinden. Schließlich bemerkt das Denken schnell, daß beide Grundbestimmungen nicht unvermittelt aufeinanderprallen und sich konkurrierend, ausschließlich verhalten, sondern daß sie ursprünglich auf geheime oder unergründliche Weise miteinander verflochten, im Bunde sind.
Wie man es auch drehen und wenden mag, man wird im Grunde weder das Sein noch das Bewußtsein los. Geht man im Denken vom Sein aus, dann merkt man alsbald, daß sich daran nur auf dem Weg von Bewußtsein denken läßt. Baut man hingegen im Grunde auf Bewußtsein, dann kommt das Denken ohne die Voraussetzung von Sein überhaupt nicht in Gang und vorwärts.

(4)Zirkulärer Charakter der Grundfrage. Im Grunde kommen wir also nicht gut voran. Die Grund-Frage des philosophischen Denkens führt so oder so in den Zirkel, das heißt in die Voraus-Setzung dessen, was man zu begründen sich anschickt. Es stellt sich jener bekannte Teufelskreis ein, in dem sich jegliche Grund legende Bewegung verfängt und verläuft. Darauf wird uns die laufende Untersuchung immer wieder aufmerksam machen.

(5)Widerspruch als Antrieb grundlegenden Denkens. Ist Philosophie mithin ein absurdes, im Grunde zum Scheitern verurteiltes geistiges Unternehmen? Viele vermuten es und wenden sich hoffnungslos enttäuscht davon ab. Andere wiederum fesselt gerade dieser Widerspruch, läßt sie nicht mehr los und treibt sie unaufhaltsam und immer tiefer in die Grund-Problematik, in das gründliche Denken der Philosophie hinein.

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