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Karl Maria Machel
Liber Fuga
oder Flucht

Taschenbuch Februar 2020
355 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-96014-666-7


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Und so dient das Schreiben wie das Denken doch nur dem einzigen Erkenntnisgrund: Man ist noch da! Ist noch in der Welt. Ist noch anwesend. Nimmt noch teil an ihr.
Es ist so: Ich bin noch da! Denke und Schreibe immer noch! Noch sind es meine eigenen Gedanken und noch lebe ich gern. Vieles ist da und nicht alles ist umsonst oder vergebens. Es riecht nach Welt und fühlt sich nach ihr an. Wir sind noch da! Sie und ich, Liebe Leserin. Immer noch! Muß noch es einmal niedergeschrieben werden, daß nur Mann und Frau einen Menschen bilden? Es müßte eigentlich selbstverständlich sein, schon von der Schöpfung her. Beide haben sich nunmal zu ergänzen. Nur so erfühlen und erfüllen wir den Auftrag der Evolution.
Viele Jahrhunderte liegen vor uns und die Welt stirbt auch ohne uns! Und wie sollen sich Blätter im Nebel finden, am Ausgang des Sommers; Blätter, hauchbeschrieben, laßen die Mähne wehn. Liebe und ihren Geruch, wenn der Tag verdampft. Nichts Schönres unter der Sonne, als liebend unter der Sonne zu sein und im Blau der Fernen ein heiseres Raunen.
´Zwar mehr Verantwortung, aber auch weniger Geld` habe ihr der neue Job in Warschau eingebracht. Sie glaubte, sich in Englisch durchmogeln zu können. Mit der Landessprache kam sie nicht klar. Es ist auch keine einfache. Und nun kam er wieder ins Spiel. Er hatte ein Anbot von Bea dabei, sie schlug Vero die Vize Eiras vor, riet beiden aber mündlich (!) einen größeren Abstand in der Öffentlichkeit, damit kein Gerede aufkomme. Er sei immerhin mit ihrer Schwester verlobt. Soweit unser Blick auf das Kommende. Doch werfen wir besser einen Blick auf den Fortlauf der Geschichte.

Vereinzelt nur rollte noch Verkehr durch die Straßen. Des Tages Lärm war abgeebbt. Passanten trotteten durch rotblaue Abendstunden, wenn die Sonne lange Schatten auf die Pflaster malte. Der Regen hatte sich verzogen, sie hoffte, daß es so bliebe.
In der Farbe satten Grünes tropfte der Wilde Wein von den Giebeln der Häuser, floß über die sonnenwarmrot geglänzten Schaufenster. Antiquitäten spiegelten ihr verflossenes Bild längst verträumter Zeiten in die nun träge dahinfließende Welt.
Und der Traum einer aus dem Warschauer Fenster Starrenden haftete dem schwingenden Kleid eines Mädchens an. Ihre Gedanken verwischten sich in ´...eine, die vorüberging...` und verloren sich in dem tiefen ´...once upon a time...`

Die Stufen waren geschliffen. Von Tritten. Den schweren Tritten ungezählter Menschen, die ein und ausgingen. Vor uns. Vor unserer Zeit. Nach uns. Spuren eines schwindenden Nichts. Das Hinabgleiten ins Nichts aus der Gegenwart. Und unsere Füße berühren Vergangenes. Schritte, die Jahrzehnte alt sind, oder nur Minuten. Vergangenheit.
Fern wirrten Stimmen. Dämmerten hinüber aus dem Nichts, der Nichtgegenwärtigkeit des Vergangenem. Blind für alles. Wie jene Spiegel dort unter der Selbstgefälligkeit, dem Narzißmus verklungener Besucher. Vergangenheit, ein schützender Mantel. Er barg in seinen Falten die Zeit.
Verklungen die Sprache. Das Lachen. Sind nicht ungesagte Worte den gesagten gleich? In vorstellbaren Worten hinüber-, vorbeigeglitten?
Der Schlaf machte verletzbar. Nicht so der Schlaf der Zeit. Und doch vergessen wir schlafend die Worte. Ist das Wort nicht ein Geist unbegreiflicher Art? Nicht tot. Einfach nie gestorben. Das Gesagte. Doch nie auch wirklich lebendig. Gegenwärtig verschwunden. Entschwunden. Verschleiert dem Blick der Gegenwart. Das schmerzte den Blick, der nirgendwohin gerichtet war. Den der Gegenwart. Die blendend hell schien.
Sie schwieg vielleicht. Vielleicht. Auf sehende Weise. Doch die Geister waren frei. Bahnten sich ihren Pfad. Durch ahnungsvolle Kammern unserer Seelen. Nur flüchtig wahrgenommen. Wie die Gegenwart. Ein Gefühl religiös gesegneter Wehmut.
...vergangen...

Abendwolken verdüsterten den Himmel, Regen kündigte sich an, dachte sie, man kann den Regen schlechtes Wetter nennen, doch war Regen eigentlich kein schlechtes Wetter. Auch für sie nicht. Es war einfach Wetter, und Wetter war Sonnenschein, Regen, Nebel und Schnee, war auch Unwetter. Heute kam der Regen später als gewöhnlich, fast lächelnd, und ganz leise fiel er ins, aufs Land, auf die kargen Äcker, in die Pfützen des vergangenen, des verklungenen Tages. So erinnerte er daran, daß sein Element Wasser war, fallendes Wasser. Der Segen Gottes. Der Wind des heutigen Abends hatte langen Atem, der Regen hatte viel Wasser, und die Nacht war lang. Es würde noch viel Regen fallen diesen Herbst. Die Frau lächelte zu den ziehenden Wolkenbändern und zog dann das Fenster zu. Einsam wars in dem Zimmer.

Die Ereignisse standen nicht einsam in der Welt, sie waren der Geschichte verhaftet, in die Historie eingeordnet. Sie sah es nun vor sich, das zyklische Buch Jorges. Die Ereignisse, Dinge und Menschen gehörten in ein verschwiegenes, unendlich verzweigtes Koordinatensystem, das sich über Zeit und Raum erstreckte. Sie begann das Aleph zu erahnen.
Noch hatte die Zukunft nicht begonnen, war die Gegenwart nicht beendet, hatte noch mehr Gewicht als die Zukunft. Doch wenn sie Zukunft sagte, fiel die erste Silbe schon der Vergangenheit anheim. Gerade soviel ihr im schwachen Netz der Zeit zu fangen blieb. Und so drang das, was wir Geschichte nennen, selbst in die entlegensten Ecken der Welt ein. Yeats sagte, Reiter, wirf den kalten Blick auf das Leben, auf den Tod und reite weiter. Und wir, wir gehen weiter durch das Niemandsland zwischen Traum und Erinnerung in Richtung der ewigen Ruhe. Die Friedhöfe liegen voller Menschen, ohne die die Welt nicht leben könnte, nicht so sein würde, wie sie heute war. Sie waren nicht mehr, ihre Gebeine hat die Zeit abgeholt. Wir sehen die Gräber, lesen die Namen, blicken mit süßtraurigen Augen viele Jahrhunderte zurück, verklärend in einer Melancholie, die an uns vorüberrauschte wie die Zeit, die für Augenblicke Geschichte wurde.
Doch nur wer bei sich selbst wohnt, ist überall zuhaus.

Erneuter Regenfall, der Herbst kam wie ein Freund. Er umfaßte Häuser und Automobile und zeigte den Menschen, das noch mehr existierte als Konsum und Wünsche. Er belegte die Welt mit Schweigen und vielleicht war es das, was sie am Notwendigsten brauchte: Ruhe vor sich selbst. Der Herbst legte seinen schweigenden Teppich um die Häuser und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Regen, sagte Veronika leise und betrachtete die schlafende Welt, Schweigen legte sich auf die Welt, auf die Fensterbänke, die Wege und Straßen und sie genoß es. Regen, sagte sie, wie jemand der Endlich sagt, weil etwas Erwartetes endlich eingetroffen ist. Regen, und das Schweigen stimmte, die Nacht stimmte und nun, nun endlich lauschte sie, vernahm das Lied der Nacht, schwieg und dachte über sich selbst und die Fragen der Welt. Regen! Herbst. Das Paradies ist immer, was man erhofft... Sie schaltete den Kurzwellenempfänger auf 28 MHz, still war es hier, nur das Rauschen ergänzte die Nacht. Seltsam, dachte sie, seltsam, und das Getöse der Welt verstummte. Das gleichmäßige Auf und Ab des Rauschens, wie Gezeiten, dachte sie, und machte sie schläfrig, Von draußen strahlte die Stille herein und Hypnos berührte ihr Denken.
Seltsam, dachte Vero und betrachtete ihre Spuren im aufgeweichten Weg vor dem Hause, eine hin und eine zurück. Seltsam, Augenblicke, die vergangen, nicht wiederholbar, eingebunden ins ewige Buch der Geschichte. Ihr fröstelte...

Veronika lag auf dem Bett. Vollkommen entspannt lauschte sie. Die Sonne lag träg auf dem Kleiderschrank und ließ ihre Schatten wandern wie sie es immer tat. Seit urdenklichen Zeiten schon. Sie lauschte der Stille. Es war vollkommen ruhig im Hause. Sonst war es ruhig, nicht einmal die Vögel zwitscherten. Die meisten waren ohnehin bereits im Süden. Langsam und träge wanderten die Schatten im Lichtstrahl der Sonne weiter. ´Dies ist ein schöner Mittag um zu sterben`, fiel ihr ein. Sehen und Lauschen und das Leben verklingt und man stiehlt sich davon, heimlich still und leise. Und die Schatten würden weiter wandern. Und die Stille würde weiter unhörbar rauschen und dann würden die Wolken kommen, die schon den Winter trügen und es würde noch stiller werden in der schweigenden Welt. Sie lächelte. Sonderbar, Sie war glücklich und unglücklich und wußte es nicht. Die Gardine zeichnete florale Ornamentik auf den Kleiderschrank und der Sonne war es egal, was ihr im Wege stand; sie zeichnete, wie sie es immer tat und spielte mit der Phantasie der Menschen, die ihr beim Zeichnen zusahen. Einfach nur liegen und lauschen, und das Leben beobachten, wie es sich wichtig nahm; auch das konnte das Paradies sein... Sie nahm Beas Angebot an, wann sie aus dem Vertrag aussteigen konnte, wußte sie noch nicht. In Bälde, hoffte sie. Bea arbeitete auch daran.

Nachts kommen Sterne und Worte. Die Uhr vertrieb die Zeit ins Nirgends. Still wie der Kalender war die schweigende Schrift in ihrem Tagebuch. Das machte Tage Monate Jahre. Das machte Menschenaufgang Menschenuntergang. Was nicht geschrieben war, existierte nicht. Die Nacht war mit Worten bekritzelt, doch ihre Augen erblindeten im Dunkeln. Und sie hielt sich fest, am Blatte der Nacht, schreibend...
Und auch die Sprache war ein Labyrinth, ein Labyrinth, in welchem die Gänge ständig ausfielen, weil die Worte sie nur im Vorbeigehen, im Verklingen aufbauten. Nur auf ihrem unendlichen Weg auf die Dinge zu, die wir zu beschreiben versuchen, die Dinge, deren Schatten irgendwo hinten in den eingestürzten Gängen von Gedanken und Worten begraben liegen. Und all diese Labyrinthe der Worte, der die Bücher atmeten, öffneten und schloßen sich, drehten und spiegelten sich, sich selbst und einander und uns. Und all diese Spiegelbilder lassen sich durcheinander hinein- und hinausziehen, wie Atemzüge unseres Weltbildes.
Und Nachts kamen Sterne und Worte. Hier bin ich schon gewesen, hatte diesen Boden schon betreten. Doch war ich allein, bevor ich mich traf, mit mir allein. Und ich sah mein Haar im Winde, lang bevor meine Wege sich kreuzten. Doch was ich von Liebe lernte, war kein Jubelschrei, es war nur stilles Leiden wie ein verklingendes Hallelujah... Eingekehrt in die Stille, ins innere Gegenlicht saß ich an meinem Schreibtisch, und den Schlaf, den Schlaf möchte ich verträumen in schwebenden Welten, die einmal uns gehörten. Aus dem Nichts kamen Felder Wiesen Orte, erschrieben. Doch wie Trauer ertragen, atemnackt... Vergänglich und ewig waren, sind wir und dem Nichts entwachsen, dem EvaMutterHauch und luftliebumkost. Mit Silberaugen betrachtete uns die Nacht; Blumen blühten vor ihrem Tode, und ich spielte mit der Ferne, die nah mir war. Du! Ich vergaß die Wirklichkeit in poetischer Wahrheit. Den erträumten Tag finden, meileneilig, meilenheilig in Regen und Sonnennebel. Und die Zeit darüber, jahrhundertelang, in lautlosen Räumen, die wir Leben nennen. Leben am Rande der Wege in himmelschwarzweißer Nacht, jahrhundertelang...

Es läßt sich wohl nur vermuten, was in der menschlichen Seele jene dahingleitenden Träume, Sehnsüchte weckte, die langsam wie vom Sommer scheidende Zugvögel uns entgleiten, und die sich nicht in Worte fassen ließen.
Das konnte ein einsames, noch erhelltes Fenster in einer dunklen Hausfassade sein, im Rausche der Nacht auch den nächtlichen Schritten zu lauschen, die verklangen im mondgotischen Dunkel und in fernen Türen, die uns unbekannt. Ein Fenster in der Nacht, darüber Wolken, wie tränenschwer und leise pochten ein paar Tropfen an die Scheibe, die von gelbem Lichte warm schien, und unser Auge träumte sich in die Nacht hinaus. Und der Lichtfleck ruhte matt auf dem nassen Pflaster, das spiegelte Wolken, tränenschwer...
Das konnte sein ein Feuerschein auf dem andern Ufer des Sees, des Flußes, der uns trennte von jemandem, das konnte sein der Duft der Erde, die reif im Herbste; das konnte sein der strömende Regen, der uns erzählte vom Vergehen oder vom Rauschen des Windes.
Die Gedanken hatten ihre Quellen in etwas Konkretem Sichtbarem Faßbarem. Und doch entzogen sie sich der Sprache, zeigten sich nie in ihrer vollen Bedeutung. Sie ronnen uns durch die Finger, die sie weder auffangen noch festhalten konnten. Es war, als ob diese Träume, diese Sehnsüchte das Gefühl eines ständigen, und doch nur vergeblichen Drängens zu einem Bewußtseinszentrum hatten, das von unnützen Dingen und von gewohnheitsmäßig verlebten Jahren die von vielen Baumringen umwachsen war.
Vielleicht war es in der Tat so, weil sie den Bereichen entstammten, die den im Schlaf erlebten Visionen ähnlich waren, in denen uns alles schon von irgendwoher bekannt war; ein Deja vú, welches zum undefinierbaren Zustand verurteilt war von einem undefinierbaren Schicksal.
Veronika fühlte unter der dünnen und gesprungenen Schale ihres schmerzenden Bewußtseins die Last des eigenen Körpers und ihrer Erinnerungen.
Wir kennen das Wesen ihrer Träume nicht, wir ahnen nur etwas von ihnen. Vielleicht verkürzten sie das Band ihrer Spanne Lebenszeit um die leeren, die lärmenden, die unbedeutenden Zwischenräume. Wohl deshalb verdanken wir den Träumen allzuoft eine Verdichtung unserer Wirklichkeit, während der authentische, der wahre Ablauf selbst dramatischer Erfahrungen im Lauf der Jahre für das wache Bewußtsein einen Teil der Dramatik verlor. Und vielleicht hob der Traum das Wesentliche aus dem Leben von ihr heraus. Selbst, wenn seine Dauer nur mit wenigen Minuten auf ihrer Daseinsuhr verzeichnet war.
Es läßt sich nur vermuten, was in ihrer Seele jene dahingleitenden Träume, Sehnsüchte weckte, und lange verweilend, enthüllten sie ihre geheimnisvolle Natur zwar nicht ganz, aber sie spornten wohl zu einem Schritt an, den niemand, außer ihr, die ihn tat, begriff.
Wie oft reizten sie die Wolken der Sonne zu folgen ins gläserne Ziel. Dem Sonnenaufgange zu träumen im Rausche der Nacht. Den nächtlichen Schritten zu lauschen die verklingen im mondgotischen Dunkel in fernen Türen, uns unbekannt ...und Aufzuschwingen zum Sonnenaufgang dem Tage zu folgen ins nächtliche Ziel, in seinen Arm...

Eigentlich schlimm, der Sommer war vorbei, der Winter machte sich breit und schon wieder ein Jahr fast verklungen. Und die Sehnsüchte, die Hoffnungen waren wieder auf der Strecke geblieben. Wieder fehlte etwas zur Vervollständigung unserer Träume, doch was, das wußten wir längst nicht mehr...
Manchmal hatte sie Angst, daß ihr ihr Leben entglitt, einfach verklang in der Alltäglichkeit. Die Flucht war, noch mehr arbeiten, träumen und schreiben, doch wenigstens im Fluß. Und oft griff dann die Sehnsucht, entschleunigte sie, für einen Augenblick, diesen Augenblick wenigstens und ein Gedicht, eine Hoffnung, eine Ahnung, ein Traum klang an.
´Wenigstens bin ich reich, wie mag`s den Leuten gehen, die sich nicht zu träumen trauen?` dachte sie. ´Merken, spüren, ahnen sie, was ihnen entgleitet: ihr Leben... oder nehmen sie es abgestumpft von der Alltäglichkeit nicht einmal mehr wahr? Und das muß noch schlimmer sein! Jedenfalls für ein Denkendes Wesen.`
Doch wenigstens spürten sie es dann nicht, fragten sich vielleicht mit sechzig oder siebzig Jahren: War es das? Oder wenn`s hochkommt: War es das wert? Aber wohl auch nur kurz, denn die Antwort könnte wehetun, verdammt wehtun.
´All das möchte ich nicht, doch bin ich nur in der Zeit, im Leben, wenn ich heraustrete in meine Welt, und dann ist es ein Flug, ein Rausch... Und dann fehle ich mir selbst zum Trost, vielleicht darum die unstillbare Sehnsucht: Mir soll, mir darf mein Leben nicht verklingen! Ich bin noch da! Carpe diem!`
So dachte sie, sie sah auf die Uhr, es war fünfzehn Uhr, eine Sekunde nach, bald Feierabend.
Johannes blickte auch in diesem Augenblick auf die Uhr, er registrierte die Neuzugänge, ein Band von Gerhart Richter, er blickte ein wenig hinein.
Eirene schrieb einen Brief an Veronika in diesem Moment und besann sich gut eine Sekunde, sie wollte gleich Dr. Buch besuchen.
Und bei Bea klingelte in dieser Sekunde gerade das Telephon, ´hat man in diesem Laden eigentlich nie seine Ruhe`, fragte sie sich.

Schmetterlinge gaukelten durch die Herbstluft, lang war das her, ein lauer Wind ging, brachte die Blätter zum Flüstern, wenn die Sonne brannte. Ein Bienchen brummte seine Bahn, ihr Blick folgte ihr eine Weile. Zweige tanzten im leisen Rauschen, Blumen wiegten sich und ein Storch zog seine Kreise. Langsam nur, kaum merklich vertickte die Zeit. Es war einmal, irgendwann in diesem Jahr...
Lange hatte sie nicht mehr diese Empfindungen gehabt; Kindheitsbilder tauchen auf, verschüttete Erinnerungsfetzen, lose Fragmente aus der Zeit, da sie noch nicht bewußt schrieb. ´Lang vor ´meiner` Zeit...` dachte sie grinsend.
Der Himmel blau, von weißen Schleiern durchzogen und der Wind ging, endloses Flüstern, endlose Schrift raunend, die sie forttrug in die Fernen, die nur ihr erreichbar, und tief in einem Innen und Außen zugleich in einer anderen Welt lagen, in der es nur Liebe und Träume gab; Agape. Dadurch rauschte der Wind, manchmal hörbar, sang sein Lied von Liebe und Ewigkeit; erzählte seine Geschichten von Generationen, zufällig aufgenommen und fortgetragen in dem ewigen Kreislauf des Luftzuges, der in kurzer Zeit manchmal endlose Augenblicke währte...
Das Gedankenkarussell erhielt seinen Effet, Assoziationen entspannen sich von der Haspel der Welt, und die endlose Schrift trug Buchstaben auf den Plan, verdichtete sie zu Worten, ließ endlich Sätze daraus gerinnen. Romane des Lebens, fragile Gedankengeschöpfe, die ein Luftzug, eine Eingebung zerstäuben ließ, um sie irgendwann im endlosen Kreislauf des Lebens und der Gererationenfolge neu zu ordnen: Schmetterlinge gaukelten durch die Luft und sie hörte den Storch klappernd rufen, ein schönes Geräusch, fortgetragen vom weißen Rauschen der Zeit des verklungenen Jahres..

Unter Wolken gleitet der Stift und in der Stille sammelten sich Schrift und Sinn. Es war ein Ort, manchmal ein Duft, und was durch Laub und Blätter Luft zuführte, war ein Verklingen des Augenblicks, wenn der Tag sie in Helle umfing. In Farben stieg noch, was sommerlich und spät war und warm noch. Noch blühten die Blumen, lockten Insekten mit ihrem Odeur, wiegte sich das Gras; doch es zogen die Wolken schneller nun. Verloren an die Dinge und die Zeit, die uns umgibt und immernoch das Verlangen weiterzuträumen, zu Leben, zu Sein. Der Wunsch, das die Sonne den Schein tiefer und inniger in die Äste und Zweige legte wie ins Herz. Wie schön das war, was uns berührte und in uns atmete, als suchten Atem und Herzschlag ein Gleiches. Einzelne blaue Fenster in den Wolken und der Wind zog rauschend fort und fort, durch sie, in ihnen; taumelnde Insekten, als spiele Aeolus mit ihnen. Geräusche, herangeweht, verklangen im Unerhörten. Kühler wurde es nun, als nahe der Herbst mit Schatten und Regen, umspielt vom Sinken, von Wolken und Vergehen; von Laub, das in Fülle fallen wird, Blatt um Blatt, doch unzählbar. Der Geruch des Vergehens war schon angekündigt.
Sterbende Fülle. Gedanken, als wären vertan die Jahre, doch erfüllt auch und was sie hervorbrachten, waren Saisonen und Jahreszeiten, Hoffnungen und Wünsche, Ahnungen und Sehnsüchte. Seufzend der Hauch, ein Rest von den Tagen, die milder uns streiften und herbstlich sich lehnten und den Wolken zusahen und horchend, ahnend, lauschend erwarteten, einen Anfang, einen milden Hauch und fortschreitend linde Tage. Geben wir uns hin dem Augenblick und der Gewißheit der Welt. Und es ist, als wäre der Wunsch erhört, Sonnenwärme und Bläue des Himmels und Aeolus raunte in den Wolken, trug sie mit sich in den ziehenden Tag, ins Verklingen. Und leise glitt der Stift auf dem Papier in der Stille einen Sinn zu finden und im Augenblick um lesen und fühlen zu können im Augenblick, was noch nicht geschrieben war...
November. Nicht Sommer mehr und fast über den Herbst hinaus, so gut wie Winter, noch nicht ganz jedenfalls, immer noch Duft mit schmeichelnd warmen Tagen bis hoffendlich Mitte des Mondes noch, und frischem Wind, mit diesen Nächten himmelklar bestirnt, durch die die Erde; Gaia, trieb wie schwerelos und sie im letzten Warm durch Netze fein wie Nichts. Gespinst. Altweibersommer. Warme Luft. Klotho läßt grüßen... liebe und konsequente Moira. Und vom Ofen erste Wärme wenn das Dunkel früh und früher fiel und sie sitzend am Fenster, die Abende, köstlich lang, verlesend. Und erstes Laub, im Blickfeld schon des Sommers sattes Grün, verklingend, wechselte zu flammenden Farben; Kleid des Herbstes, noch leuchten Sonnenblumen und Astern, schwälende Tage, alte Beschwörung und Bann, eine zögernde Stunde nur halten die Götter ein... Astern noch...
Ein Traum, der kaum merklich erst und dann doch wie rasch genommen sacht verging, verklang, verwehte, verduftete...
Herbstlaub. Unter all den Tausenden, die segelnd uns umfangen, eines, eines nur, herauszugreifen, das einem vielleicht ans Herz geweht wurde, eines mit einem Löchlein drin im Aderwerk, wie vom Tode gewirkt; herauszugreifen und zu betrachten sein Geäder, nachtastend, welches deutlicher nun in Rot und Gelb, in letzten Farben; ehe es zerfiel, zu fast spurlosem und doch düngendem Staube; und dann doch zu ahnen seinen Frühling, Sommerwind, der es bewegte, satt grün, die Sonne warm, und Regen, der es wusch. Nun also leuchtend rot und gelb und erstes Braun, bevor es bald stumpf schon würde, verdorren, Dünger würde, wie all die Tausende, deren fast spurloser Staub verging...
Wann also kam das Herbstdunkel, endlich, unendlich herbstig, fiel ein und nahm dem bunten Laub im Nebel und unter jagenden Wolken seinen allerletzten verklingenden bunten Glanz...
Nicht Sommer mehr und noch nicht Winter, noch nicht ganz jedenfalls ahnte sie die Welt...

Die Abendstille, die Geste einer atmenden Hand und was noch im Zwielicht der Dämmerung des Spätherbstes erträumt wurde. Der Kreisel des Regens zerfiel in der Farbe verklungener staubiger Wochen. Die Nacht war gerecht durch Schlaf und Schlafen, der Traum stolzierte indes in der Vergangenheit. Es hatte sie der Teich mit seinen Schatten umworben. Aus Rinde und Blatt ward ihr beschieden ein langsamer Traum, ein leiser Text. Nicht mehr verschließen wollte sie sich vor ihr, der Nacht, ihr brüchiges Kreideherz. Winter nahte schon im Herbste, der Sternbilder verlöschen ließ. Sterbling... hörte sie raunend. Eisigleise Gewalt trug nur der Tod in diesem weißen Schweigen.
Die Sonne hatte ihren westlichen Schuh gebunden und wie ein fallendes Blatt traf der Abend die Nacht. Selene... Der Tag taute, eine Windwand am Horizont und der Regen nagelte auf die Dächer Feuchtigkeit. Es war Sommer gewesen, Wolken wehten bahndammüber und sie trank der Nacht zu, sie allein war´s die sie kleidete mit Worten, mit hütenden Schatten, darin sie wie in lieblicher Macht der sorgsamen Stille.
Blut noch rann im Adernweg, ach, wie lang diese Herzmusik noch spielte, die ihr Mond und Sterne bewegte? Wie lange noch der Schatten, der leise um eine Quelle herumging wie ein sehr schöner belaubter Baum, den die erste Zärtlichkeit der Nacht heimsuchte mit singenden Tau am Morgen.
Mit Musik sie sich verwöhnte, sang der Morgen, klimperte sie ins Paradies, dort, im Reich der holden Töne, wusch Amor ihr die Füße; zauberhafte Turteltauben brachten Sonnenseife ihr zur Hand, hunderttausend Liebeslauben wurden so zum Vaterland. Und es schwirrten Küsse und Gedanken, Sommer, Winter, Tag und Nacht, keine Grenzen, keine Schranken, Lieb` und Freiheit fand sie erwacht.
Die Morgen waren noch aus Gold gehäkelt und es fiel aus alten Briefen manches gilbe Wort, das trug die nächt`ge Eule in ferne Zukunft fort. Regen hob die Erde an den Himmel und der Morgen war dann das Gestern. Die Welt noch immer ahnend und die neuen noch ungebornen Sätze gärten, wenn sie schlief, träumte. Worte hörte sie, die ihr Herz umspannen wie Honigfäden.
Sie war ein Eiland im Weltenall, sie war im Ort Nirgendwo wenn der Westwind striff im späten Sommer die Gräser. Durchs Geäst wehte er Musik ihr herauf, darauf die Schrift steht: Amo volo ut sis.
Abendsabends. Ein bißchen Innenleben freisetzen, mehr oder weniger für Nachwelten. Dichter war ja nicht nur der, der sich erinnerte, sondern immer auch der, der nicht vergessen konnte.

Irgendwie schon ein seltsames Wesen, diese Alina, irgendwie in einem seltenen Lenz gefangen, der alles und jeden umfangen will. Ihre schalen und blaßen Lippen, wohl ebenso im Höschen, produzieren ein manchmal abgestanden wirkendes Lächeln, und sie kann gut außerhalb sich selbst stehen, wenn sie niemanden wahrnehmen will. Man muß sich behutsam annähern, als wäre sie eine junge köstliche Prinzessin, sich ihres eigenen Schatzes bewußt. Es war einmal... muß man hier wohl sagen; man kann sie mögen und sie kann es Einem leicht machen; Lächeln, Hinternwackeln in meist schwarzer Jeans, wo man die Konturen nicht mehr so leicht erkennt.
Flirten nur manchmal, doch der Kuß ist hohl, spröde mit gespitzten Lippen, hinterläßt einen faden Nachgeschmack. Schal eben.
Sie ist eine ehemalige Krankenschwester, heut` eher kranke Schwester, ein verlorenes Lächeln auf blaßer Weide. Frau für einen Augenblick der Vergangenheit. Mädchen, Kind. Man kann sie wie gesagt mögen, sie trägt manches dazu bei, und doch ist ihre Zeit verrauscht und schon länger verklungen. Man mag sie, wenn man ihr begegnet, vielleicht auch am Telephon, alles, was Präsenz ist; in der Erinnerung verblaßt sie recht schnell, wird farblos; nicht viel Zeit für einen Traum. Ein Mädchen eben. Immer noch.
Sie muß früher, vor mehr als tausend Jahren, einmal hübsch gewesen sein; das weiß sie noch heute, eine Erinnerung klingt an, bei dem, der Gespür hat, wenn er sie kennenlernt; charmant, wohl auch mit Witz, doch eher nicht mit wirklichem Geist. Eine Frau, die sich auf ihr Aussehen verlassen konnte und es auch tat. Heute ist sie an ihre Grenzen gestoßen, ohne es selbst zu realisieren. Schade. Wärme hingegen gab sie nie.
Wie gesagt, man kann sie mögen, so wie sie sich gibt. Was sie von sich preisgibt ist nicht viel, kann es wohl auch nicht sein; es fehlt ihr der Geist für das wirkliche Frauseins. Was sie einem Mann vermitteln kann, ist unvollkommen, ist nur für den Augenblick und nicht von Dauer. Was sich abzeichnen wird, ist die atemlose Dauer ihrer ereignislosen Gegenwart, etwas, wo absolut nichts mehr passiert. Wohl darum hat der Liebe Gott beschloßen, die Männer vor dem Verblühen ihrer Frauen sterben zu lassen, eigentlich ein Gnadenmittel: “Bevor die Anmut Dich verläßt, habe ich zu gehen...” Eine sinnvolle Regelung.
Was bleibt von ihr ist eine Erinnerung, nicht einmal fertig ausgeträumt, dazu trug sie bei; ihr Geheimnis war keines, schon garkein weibliches, sie war wie die meisten Menschen auf dieser Welt, und darin erschöpfte sie sich. Veronika mußte lächeln.
Ein Traum, und nichts was sie erfüllte. Das Lächeln lauwarmkalt. Die Augen laukaltwarm. Ein Herz leer von Geist, so ihre Gegenwart, Vergänglichkeit. So bleibt ihre Erinnerung.

In Trümmern lag nun schon lange das Haus und die Erinnerung. Durch die Ritzen drang das Moos, das nach und nach Stein um Stein umschlang, gefolgt von den allesüberziehenden Volk der Flechten.
Im Hofe wuchs wilder Lein, schön anzuschaun und ein wahrer Nesselurwald. Der vertrocknete Brunnen beherbergte jetzt Mutter Ratte und ihre Sippe, und ein Rabe kam ab und an zu Besuch.
Der recht kranke Apfelbaum, vom Blitz verletzt, wußte nicht mehr, ob er jemals Blüten trug, alles schon solange hin. Nur die Stieglitze stürzten sich pfeifend ins Geröll bei klarem Himmel. Und an Tagen, die sonnenhell und lichtdurchwachsen waren, wachte an der Hausfront auf dem Kranz immer noch die Sonnenuhr, und auf ihr tanzte voller Ausgelassenheit der Schatten der Zeit, und kehrte ernsthaft sich zum Himmel um, und sagte: Sine sole nihil sum, denn alles ist Fassade nur. Damit kennen wir nun auch ihre unmittelbare Nachbarschaft, nur ein paar Häuser weiter.

Viele Tage schon hatten die Bäume ihr Fest des Frühlings, des Sommers, des Herbstes. Das war kaum noch wahr. Berauscht standen sie im entzündeten Grase, bis an die Knöchel ihrer Wurzeln könnte man sagen, in lauer Erde, in dieser schwarzen Furt aller Wandlung, in einer Feste als strebten sie nach Jenseits, und nach oben zu luftigen Gebilden, die wie Rauschen aufstiegen zum Himmel, und mit den Wurzeln scharrten zu den Stimmen Verstorbener...
Und sie erkannten blätterhaft, daß ihnen war noch eine Weite, eine Weile, noch tausend Jahr und mehr und auch eine kurze Weile an der Gartenmauer, mit Kronen vor den Fenstern, aufgerichtet wie Wachtposten der Menschen, Dryaden, Engel in Holz, inmitten der Schicksale, mit denen sie gemeinsam die alljährliche Blüte und das Welken hatten und die Erde hatte sie mit ihnen, die Erhalterin verwirrenden Krams, Erinnerungen...
Das Schauern des Windhauchs umflatterte sie von morgens bis abends. Sie fürchteten sich nicht, die Hände der Äste zu regen, ihren stillen Tanz täglich fortzusetzen, da ihnen nicht die Schönheit sank, und sie sich bestimmt gern einander in die Arme, die vielen Arme fielen. So dachte sie manchmal, wenn sie sie betrachtete. Das taten die Bäume nachts, wenn niemand zusah, des war sie gewiß.
Und wenn doch, die Vögel, die Sonnenanbeter der Stadt, verlängerten die Starre, Geräusche entfernten sich auf Zehenspitzen und legten die Finger der Stille über den gähnenden Mund der Gaßen. Die Weile von vor Sonnenuntergang bis nach dem Abendrot reichte bis an Edens Vorstadt, wo nicht mehr geflucht würde, wo nicht mehr verleumdet würde, wo nicht mehr gestorben würde...
Und die Bäume, immer noch zurückgelehnt ins Blaue, tranken den bezaubernden Trank ihres lauen Gesangs, darin die Ästchen vernahmen ihr Lob, Vogelgesang, daß sie noch einmal und von neuem, wie nie zuvor blühten.


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