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Horst Paul Kuhley
Kein Bremen in Sicht
Wie wir mit dem Lockdown lebten

Taschenbuch Dezember 2023
142 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-98913-050-0


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War da etwas? Sind wir nicht vor gar nicht langer Zeit nur noch maskiert unterwegs gewesen, manche von uns sogar bei einsamen Abendspaziergängen im Freien, haben uns von geselligen Zusammenkünften fern gehalten, auf Restaurantbesuche und Kulturangebote verzichtet und unsere sozialen Kontakte vorzugsweise per Zoom gepflegt? Drei Jahre lang hat die Pandemie unsere gesellschaftliche Wirklichkeit dominiert und alles Gewohnte in Frage, ja auf den Kopf gestellt, bürgerschaftliches Engagement und soziales Leben fast zum Erliegen gebracht, existenzielle Krisen ausgelöst, politisches Handeln geprägt und die individuelle wie auch die öffentliche Wahrnehmung substanziell verändert. Das hinterlässt tiefe Spuren, erfordert eine langwierige Aufarbeitung, sollte man meinen. Aus den Erfahrungen der Corona-Zeit lernen?
Wir können und wollen in diesem Buch lediglich unsere subjekiven Erfahrungen beitragen. Was wir uns gewünscht hätten, wären pragmatischere, weniger panikgesteuerte und vor allem auch differenziertere Lösungsansätze. Und eine kritische Aufarbeitung des Umgangs mit der Pandemie wünschen wir uns immer noch.
Langsam kehrt die Normalität in unser Leben zurück, in kleinen Schritten, aber unaufhaltsam. Nur die Uni verharrt in pandemischer Schockstarre, die Außentüren verrammelt, Wiedereröffnung bis auf Weiteres verschoben. Wann ist bis auf Weiteres? Keine Auskunft, was soll diese Drängelei, die digitale Lehre hat unbedingten Vorrang.
Unsere Studierenden haben wir noch nicht gesehen. Ich meine, richtig gesehen, als leibhaftige Menschen in echt. Die digitale Lehre funktioniert nicht, jedenfalls nicht in unserem gemeinsamen Home Office am Kirchweg. Unseren Laptops fehlen anscheinend notwendige Systemvoraussetzungen für Webex, Zoom&Co, sogar der Dinosaurier Moodle macht manchmal die Grätsche. Mit einem Uni-Account und aus den Unigebäuden am HoPla soll es angeblich besser funktionieren. Nur: in die Uni kommt man nicht rein. Selbst die einfachsten Abläufe und logischen Verknüpfungen können an Corona dahinsiechen, vom gesunden Menschenverstand ganz zu schweigen
Der Antrag auf Gebäudezutritt mittels Multifunktionskarte ist über alle denkbaren Hierarchie-Ebenen einzureichen, braucht Unterschriften von Gott und der Welt, vor allem aber eine UK-Nummer, die wir nicht haben – und mutiert so zu einer unendlichen Geschichte. Endresultat ungewiss, ganz sicher nicht vor dem Herbst zu erwarten. Auch unser zweiter Antrag auf Präsenzlehre, ebenfalls eingereicht über die ganze Hierarchieleiter, befürwortet vom Institutsdirektor und dem Dekanat, hochschuldidaktisch begründet, mit mehrseitigem Hygienekonzept versehen, ist gerade krachend gescheitert. Man hat die Institutsleitungen kaltgestellt, die Hochschulspitze regiert autokratisch durch und lässt ihre Entscheidungen von einem technischen Angestellten aus der Abteilung ‚Bauen und Umwelt‘ verkünden. Begründung Fehlanzeige, sowas macht man heute nicht mehr. Die digitale Lehre hat eben unbedingten Vorrang. Und Glaubenssätze hinterfragt man nicht, basta!
Die digitale Lehre funktioniert nicht und ist für unsere Lehrgegenstände auch nur bedingt geeignet. Wir sollen Lehrerinnen und Lehrer ausbilden, für die Praxis, für ganz analoge Schülerinnen und Schüler. Das funktioniert nicht per Youtube Video, das braucht Erprobung, Diskurs, Kooperation, soziale Begegnung – Präsenz eben. Nach unzähligen schlecht funktionierenden Web-Meetings und Videochats (Können Sie mich hören? - Ich sehe Sie nicht mehr! - Tobias hat den Chatroom aus Versehen verlassen – Ich bin wieder drin, hab aber den Zusammenhang verloren – Überhaupt ist das alles ein bisschen unstrukturiert – Ich würde gerne an die Frage von Nadine anknüpfen, aber Nadine hat schon wieder Tonprobleme – etc. pp.) ist klar: so kommen wir nicht weiter. Die Sessions sind schwerfällig und anstrengend bei suboptimalen Ergebnissen. ‚Digital‘ geht eigentlich nur Instruktion, und das ist für angehende Lehrpersonen, die auf eine vielfältig bunte und höchst reale Schulwirklichkeit vorbereitet werden sollen, einfach zu wenig.
Unsere Studierenden scheinen kompetent und lernbegierig. Sie haben Besseres verdient als zeitlich limitierte Online-Sitzungen mit abruptem, technisch induziertem Ende. Wir möchten sie kennenlernen, wenigstens einmal kurz, den Wunsch tragen wir seit Semesterbeginn mit uns herum. Und ebenso lange reden wir davon, Eis essen zu gehen, ganz privat, ohne Anwesenheitsverpflichtung der Seminarteilnehmer/innen, denen wir den Termin nur ‚en passant‘ mitteilen. Könnte ja sein, dass man sich dann zwanglos und ‚zufällig‘ trifft. Dass auch bei den Studies der Wunsch nach analogem Kontakt besteht, haben wir dabei ganz selbstverständlich vorausgesetzt.
Eis essen in Uni-Nähe – in meinem Hinterkopf steigen Bilder aus einem viel früheren Leben auf. Da gab es doch die Eisdiele wie-auch-immer-sie-hieß, in der Nähe des Klinikums, nur wenige Schritte von der Goetheschule entfernt. Wie oft bin ich dort mit früheren Schülerinnen und Schülern gewesen, meist am letzten Schultag vor den Sommerferien. Große Terrasse, geräumiger Innenraum, genug Platz, um sich dort mit 30 Achtklässlern niederzulassen, wenn nötig sogar mit gebührendem ‚Abstand‘ (wobei das damals noch kein Thema war). Lang, lang ist’s her – aber vielleicht existiert die Lokalität ja noch...
Wir schauen im Internet nach. Ja, Eiscafé Cellot am Klinikum, die Lage kommt ungefähr hin, die Werbefotos erscheinen mir mäßig vertraut, die ‚Bewertungen‘ sind euphorisch, die aktuellste stammt allerdings aus dem Jahre 2016, das hätte mich misstrauisch stimmen sollen. Solchen kleinlichen Bedenken geben wir aber nicht nach.
Vor dem erhofften Date gehen wir – nach langen Wochen der Absenz – mal wieder im ‚Nordpol‘ essen und gestehen uns gegenseitig ein, dass wir ‚fremdeln‘. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, direkt nebenan der Campus, der über die Jahre hinweg (Wie viele waren es eigentlich? Fünfzehn? Sechzehn gar?) schon fast ein drittes oder viertes Zuhause geworden ist – jetzt wirkt er verwaist und die Gebäude sind uns verschlossen. Ein Hauch von ‚Verbotener Stadt‘, eine ziemlich tote Zone im Zeichen pandemischer Neurose. Im Inneren jedoch – so hört man – herrscht Regelbetrieb: Putzdienste nach Plan, Reinigung der Toiletten turnusgemäß, auch die Hausmeister sollen angeblich Normaldienst verrichten. Man tut so, als ob nichts wäre, und Kafka lässt grüßen. Aber die gefüllte Aubergine ist lecker wie immer, der Service ausnehmend freundlich, der coronabedingte Ausnahmezustand auf der Restaurantterrasse kaum noch wahrnehmbar. Das Gefühl der Fremdheit weicht endgültig beim Espresso. Wir können uns wieder vorstellen, unsere Arbeit demnächst auch ‚analog‘ am HoPla erneut aufzunehmen.
Dann aber wirft es uns ganz unerwartet in finsterste Lockdown-Zeiten zurück. Irritiert nähern wir uns dem buntbemalten Hüttchen, in dem sich das Eiscafé Cellot inzwischen befindet. Parkplatz für Gäste hinter dem ‚Haus‘ – der Versuch, dort zu parken, führt zu absurden Rangiermanövern ohne befriedendes Ergebnis. Der Parkplatz ist winzig, am Hintereingang ein paar Stühle für die Raucherpausen des Servicepersonals, es erweist sich als fast unmöglich, den Golf anständig einzuparken, obwohl er hier das einzige Fahrzeug ist. Seitwärts die ‚Terrasse‘, von wegen einladend und geräumig wie in meiner Erinnerung – jetzt nur eine überschaubare, plexiglasüberdachte Ansammlung von Stühlen in chaotischer Anordnung. In der Ecke eine wirre Kreisbestuhlung wie in den Psycho-Sessions der Achtziger, achtlos zusammengestellt, hässliche, kalte Plastikstühle, keine Tische, maximal unwirtlich. Hier soll sich niemand niederlassen, es ist außer uns auch niemand zu sehen. Kategorie ‚öde Orte‘ in Hochpotenz.
Das Eiscafé selbst ist verschlossen, kein Zutritt, ausschließlich Straßenverkauf wegen der „derzeitigen Einschränkungen“. Auf dem Boden die üblichen Abstandsmarkierungen, sorgfältig aufgebracht, aber besonders absurd, weil es weit und breit niemand gibt, der die Distanzregeln brechen wollte oder könnte. Wir kaufen uns ein Eis auf die Hand und verzehren es im verlorenen Sitzkreis der Außenbestuhlung, sitzen uns dabei gegenüber ‚mit Abstand‘. Später kommt wohl noch ein weiterer einsamer Eisesser dazu (‚ein Uni-Aufpasser‘, wie H. in einem Anflug leichter Paranoia projiziert?), in gebührender Entfernung sitzt er vorübergehend in meinem Rücken. Bei unserem klandestinen Versuch, die Corona-Beschränkungen subversiv zu unterlaufen, sind wir mit nachtwandlerischer Sicherheit in der offenbar letzten Bastion der Kontaktverbote gelandet.
Keiner unserer Studierenden weit und breit, entweder wussten sie Bescheid über die Unwirtlichkeit des heimlichen Treffpunkts oder ihr Interesse, uns einmal persönlich gegenüber zu sitzen, ist ohnehin zu gering, um sich in diese abweisende Szenerie aufzumachen. Wir warten eine kurze Weile. Kaum Passanten, nur sehr gelegentlich einzelne Fußgänger aus Richtung Krankenhaus. Einsamkeit breitet sich aus, Desolation, Trostlosigkeit weht durch die Szene.
Ich kenne dieses Gefühl: aus der Endphase des HeLP, aus den letzten Monaten am Fachbereich 01. Es kriecht um die Ecke, immer dann, wenn das ‚Ende von Etwas‘ naht, wenn sich Vertrautes aufzulösen beginnt. Bisher habe ich solchen Krisen immer Paroli bieten können – spätestens dann, wenn ich mein Bündel geschnürt hatte (Was will ich unbedingt mitnehmen?). Beim letzten derartigen Umbruch habe ich mich intensiv mit den Bremer Stadtmusikanten auseinandergesetzt: ‚Komm, lass uns nach Bremen gehen – etwas Besseres als hier findest du überall‘. Ich habe mein Bremen auch immer wieder ge-, manchmal auch neu er-funden. Ich bin nicht sicher, dass mir das ein weiteres Mal gelingt. Die ‚Digitalisierung‘ legt sich wie Mehltau über jede Lebendigkeit, und ‚Corona‘ scheint ihr finaler Wegbereiter zu werden. Kein Bremen mehr weit und breit….
Die Eisdiele meiner frühen Berufsjahre ist eine Fata Morgana. Vielleicht täuscht mich die Erinnerung und sie war schon damals nicht so ansprechend und geräumig, wie ich mir das eingebildet habe. Vielleicht aber – das ist die wahrscheinlichere Erklärung – ist sie inzwischen umgezogen, einmal quer über den Mittelring, und hat dabei an Größe und Glanz verloren. Der idyllische locus amoenus der Nordstadt, in dem man entspannt die Sommerferien einläuten konnte, ist zum unwirtlichen Modulbau mutiert. Und wer sich trotzdem dort niederlässt, hat beim Eisessen fest das Klinikum im Blick: Kein Bremen in Sicht.

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