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Wolfgang Stratenwerth
Joseph Christian Hamel 1788-1862
Ein deutscher Arzt, Naturforscher und Technologe aus Sarepta in russischen Diensten

Taschenbuch Dezember 2019
218 Seiten | ca. 18,0 x 24,0 cm
ISBN: 978-3-96014-651-3


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Joseph Christian Hamel gehört zu den zahlreichen deutschen und deutschstämmigen Wissenschaftlern und Gelehrten des 19. Jahrhunderts, die in russischen Diensten standen und maßgeblich an Aufstieg und Weiterentwicklung von Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft in Russland mitgewirkt haben. Dennoch ist über das Leben und Wirken des am 30. Januar 1788 im Herrnhuter Kolonistendorf Sarepta an der Wolga geborenen und am 22. September 1862 während seines Besuchs der Weltausstellung in London gestorbenen Arztes, Naturforschers und Technologen in der deutschen, russischen und englischsprachigen Literatur nur wenig geschrieben worden.
Im Zentrum der nun erstmals von Stratenwerth vorgelegten Gesamtbiografie steht die chronologisch geordnete Dokumentation und Erläuterung von biografischen Fakten und Ereignissen aus dem Leben und beruflichem Wirken von Joseph Hamel. Sie wurden mittels zeitaufwendiger Recherchen aus dem vielfältigen und weit gestreuten Quellenmaterial herausgefiltert und weitgehend bis ins Detail dargestellt und erläutert.
Es folgt eine globale Charakterisierung und Einschätzung von Hamels Beitrag in Wissenschaft und Forschung in Verbindung mit einem Exkurs über sein in Deutschland verbreitetes Werk über den „gegenseitigen Unterricht“. Im Anhang sind bedeutsame biografisch relevante Materialien enthalten. Unter ihnen findet sich auch eine ausführliche Darstellung der Herrnhuter Kolonie Sarepta, in der Hamel seine Kindheit und Jugend verbracht hatte.
Die Faszination von Joseph Hamel liegt vor allem in der Vielzahl und Vielfalt seiner aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen entnommenen Forschungsthemen und ihrer multidisziplinären Bearbeitung. In den naturwissenschaftlichen Arbeiten reicht die Skala von Themen aus der Chemie, Physik, Botanik, Zoologie, Mineralogie, Geologie, Meteorologie, Altimetrie bis hin zu Spezialgebieten wie die Paläo-Ornithologie, der Paläo-Ichthyologie und der Paläobotanik. Beeindruckend sind auch seine Beiträge zur Chirurgie, der Physiologie und der Historischen und Vergleichenden Sprachforschung.
Zu den technologisch interessanten Beiträgen von Hamel gehören vor allem seine an den russischen Innenminister gesandten Berichte über technisch-ökonomische Innovationen, die er auf seinen zahlreichen Auslandsaufenthalten erkundete, die zeitlich mehr als die Hälfte seiner 51 Dienstjahre ausmachten. Auch hier beeindruckt wieder die große Spannweite der bearbeiteten Themen. Sie reicht von Arbeiten aus dem Bergbauwesen (z. B. Entlüftungstechnik und Sicherheitstechnik), dem Maschinen- und Gerätebau (z. B. Dampfmaschine, Lokomotive), dem Textilgewerbe und Färberei, der Schuhfabrikation, der Drucktechnik, der galvanischen Telekommunikation bis hin zur Photographie.
Joseph Hamel gehört zur ersten in Russland geborenen Generation der deutschen Einwanderer und hatte sich vom Lehrling der Apotheke in Sarepta bis zum ordentlichen Mitglied der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg hochgearbeitet. Er stand seit Juli 1811 bis zu seinem Tode am 22. September 1862 im russischen Staatsdienst.
Als russischer Staatsbürger fühlte sich Hamel seinem russischen Vaterland verpflichtet, ohne dass er seine Identität als Deutschstämmiger und Glaubensmitglied der Herrnhuter Brüdergemeine aufgegeben hatte. So gesehen ist Stratenwerths Biografie auch als bedeutsamer Beitrag zur Geschichte der Deutschen in Russland und speziell zur Lebensgeschichte eines Mitglieds der Herrnhuter Brüdergemeine zu würdigen.
S. 60 ff.
Beginn der Schweizer Reise
Vom Elsass aus reist Hamel im Juli 1819 in die Schweiz1. Die erste Etappe führt ihn über Basel und Schaffhausen nach Zürich, wo er einige Tage bleibt. Am 17. Juli be­steigt er den Rigi (1.789 m). Am Tag darauf reist er über Luzern nach Bern, wo er sich bis zum 2. August aufhält und von dort einen kurzen Abstecher zum Fellen­berg‘schen Erziehungsinstitut in Hofwyl macht.
Die Berner “Falken-Affäre”
Kurz nach seinem Besuch bei Fellenberg wird Hamel am 2. August 1819 in Bern in eine staatspolitische Affäre verwickelt, die als „Stähele-Händel“ oder „Falken­affaire“ in die schweizerische Literatur eingegangen ist. Sie hatte sich am 2. August 1819 im international renommierten Gasthof „Falken“ in Bern abgespielt, in dem Hamel Quar­tier gemacht hatte. Dort wurde er von dem 24-jährigen Pri­vatdozenten für Geschichte an der Aka­demie in Bern Johann Andreas Stähelin (auch Stähele) aufgesucht und mas­siv belei­digt.
Vorausgegangen war Folgendes: Stähele hatte im Juli von Professor Kor­tüm2 aus Neuwied einen Bericht über reaktionäre Maßregelungen der Preußi­schen Regierung erhalten. Dieser Bericht war von Stähele über Dritte der Aar­gauer Zeitung zugeleitet worden, die ihn am Tage des Vorfalles veröffentlichte. In dem Artikel war u. a. die Rede von einem russischen Hofrat Dr. Hamel, der im Auftrage der russischen Regierung in Deutschland und in der Schweiz herumreise, “möglicherweise um als Spitzel in den akademischen Hörsälen und sonst überall zu horchen und die etwaigen freien Redens­arten dem treuen Gedächtnisse einzu­impfen“. (Junker, S. 242)

Nachdem Stähele durch einen in einer Buchhandlung ausliegenden „Fremdenzet­tel“ erfahren hatte, dass Hamel in Bern angekommen war und „nach kurzem Besuch in Hofwil bereits geäußert habe, die dortigen Lehrer seyen lauter Jakobiner, die Anstalt eine Geld-Spekulation, und die Schule habe wenig zu bedeuten“ (Stähele, S. 4), eilte er um die Mittagszeit zum „Falken“, um Hamel wegen seiner „empörenden Beschimp­fung einer vaterländischen Anstalt“ (ebenda), an der er (Stähele) früher selbst Lehrer gewesen sei, zur Rede zu stellen.3
Stähele lässt sich an der Rezeption anmelden, begegnet Hamel im Treppenhaus des Gasthofes und fragt, ob er Herr Hamel sei und heute in Hofwyl gewesen wäre. Hamel bejaht dies, ist aber angesichts der aggressiven Miene des wild gestikulierenden jun­gen Mannes nicht bereit, sich auf ein näheres Gespräch einzulassen. Da er sich körper­lich bedroht fühlt, rennt er vielmehr in schnellen Sätzen die Treppe hinunter und lässt Stähele ste­hen, worauf dieser dem Flüchtenden4 die Worte „Fürstenhund, Fürsten­knecht, Fürs­tenhändler“ (Haag S. 9) nachruft.
Als wegen des Lärms mehrere Personen herbeieilen, beruhigt sich Hamel wieder, lehnt aber nach wie vor eine Unterredung mit Stähele ab. Zeugen des Vorfalls raten Hamel, eine Anzeige zu machen, was dieser jedoch ablehnt. Trotz­dem wird Stähele wenige Stunden später in seinem Zimmer vom Polizeidirektor Wattenwyl aufgesucht, zum Vorfall befragt und danach ins Polizeigebäude zu weiteren Verhören abge­führt.5
Nach dem Verhör erscheint Hamel im Polizeigebäude und erhält die Genehmigung, mit Stähele sprechen zu dürfen. Hamel erklärt, dass die ihm unterstellten Beschimp­fungen von Fellenbergs Lehrern falsch seien. Er weist auch darauf hin, dass sich die Behörde bedauerlicherweise ohne sein Wissen in die Angelegenheit eingeschaltet habe. Stähele seinerseits entschuldigt sich bei Hamel wegen der zugefügten Beleidi­gung und Hamel nimmt diese Entschuldigung ausdrück­lich an. Trotzdem bleibt Stähele weiter in Haft und wird, nachdem die Behörden noch weiteres vermeintlich belastendes Material gegen ihn finden, am 13. August wegen Missbrauchs der gewähr­ten Gastfreundschaft als „nicht angesessener Landesfremder“ aus dem Kanton Bern ausgewiesen.
Nach seiner Ausweisung nahm Stähele am Befreiungskampf Griechenlands teil, war zwischen 1823–1830 Hauslehrer in Rom und London, kehrte 1831 nach seinem Heimatkanton Thurgau zurück und war dort von 1831–1858 als Regierungsrat in verschiedenen Ministerien und als Leiter der Kantonsbiblio­thek tätig.
Bei Pater Girard in Fribourg
Unmittelbar nach der Berner Affäre reist Hamel in die französische Schweiz, vor allem, um die dort unternommenen Versuche zur Etablierung des gegenseitigen Unter­richts kennen zu lernen. Am 3. und 4. August sucht er Pater Girard in Fri­bourg auf und informiert sich über dessen speziellen Versuch, das Prinzip des gegenseiti­gen Unter­richts in die von ihm geleiteten Schulen zu integrieren.

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