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Arnd Kniese
Johann August Benjamin Stickel 1771-1837
... gebürtig in Eisenach

Taschenbuch Oktober 2019
189 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-96014-634-6


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"Den 5ten December 1816 wurde dieses [Orgel-] Positiv von mir von der Gemeinde Klein Schwabhausen vor 14 Thaler 17 Groschen mit dem Fuhrlohn gekauft und in die Zuchthaus-Kirche allhier gebracht. …
Weimar, 13ten Decbr. 1816. Johann August Stickel, Zuchthausinspecktor, gebürtig von Eisenach.”

Wer war dieser geheimnisvolle, vor 250 Jahren in Eisenach geborene Stickel? Einzelheiten seines Lebens hatten sich über die Zeit verloren. Glücklicherweise konnte Stickels eigenhändig geschriebener, aber unvollendeter Lebenslauf aufgespürt werden. Authentisch wird ein bewegtes, abenteuerliches Leben in einer epochalen Umbruchzeit geschildert. Ein seltenes Zeitdokument.
Ich wurde dann gleichsam wieder meinen Willen in die Lehre als Kaufmann noch nach Erfurt bei Herrn David Born gethan, wo ich sechs Jahre gegen 50 Reichstaler Lehrgeld ein ganz gemachtes Bette aushalten sollte, wo ich dann auch gleich nach meiner Konfirmation dahin mit einem Fuhrmann aus Eisenach geschafft wurde.
Ich wurde also 14 Tage nach meiner Konfirmation mit einem Fuhrmann aus Eisenach in gedachte Handlung geschickt, wo ich aber wegen meiner Unvermögenheit des Körpers / denn in denen Jahren, wurde noch viel mehr von einem Lehrling verlangt, wie jetzt / es nicht länger als ein halbes Jahr abhalten [aushielt].
Ein sonderbahrer Fall ereignete sich auf dieser Reise. Zwischen Gotha und Erfurt erwischte uns ein starkes Gewitter, da noch keine Chaussee war, so war, wie bekannt, der Weg äußerst schlecht und mitten dem Wetter begegneten uns mehrere Bücker Fuhrleute welche unseren, da auch mehrere beisammen waren, durchaus auf halbe Spur ausweichen wollten, darüber entstand ein solcher Streit, daß beide Parthien nach den Karren Hacken griffen und mit die Stiele sich derb durchprügelten. Wer die besten bekommen, gewiß ich nicht, mir war nur immer Angst, daß ich glaubte von Gewitter er-schlagen zu werden. Der Regen schoß dabei wie aus einer Mulde herunter, dabei saß ich auf den Karren und das Wasser lief gleichsam Strohmweiß von mir herunter. Unser Nacht-quartier war Tüttleben.
Es war gerade an einem Sonntag wo viele Bauern da versammlet waren, auch kamen noch viele Fuhrleute, die da übernachteten, kurz, es war gedrängt voll. Unter den Gästen war auch ein Fleischer, welcher da logierte und sich den Abend mit Kartenspielen mit den Bauern unterhalten hatte.
Einer davon, welcher gesehen, daß der Fleischer einen hübschen Beutel mit Geld bei sich führte, trotzdem er aus diesem Dorfe war, legte sich auch mit auf die Streue und drängte sich neben den Fleischer und gerade auf die Seite wo derselbe den Beutel stecken hatte. Da der Bauer nun glaubte, daß der Flei-scher schlief, so begann er seine Handgriffe und wollte den Geldbeutel aus der Hosentasche herausziehen. Der Fleischer lies ihn gewähren bis er den Beutel gefaßt hatte, dann griff der Fleischer zu, hielt die Hand in der Tasche fest und rief, Ein Dieb! Sogleich waren alle Fuhrleute wie elektrisiert, standen alle auf den Beinen und riefen: Wo ist er? Hier habe ich ihn rief der Fleischer. Halt ihn fest! Halt ihn fest! - Das Wacht-licht, welches vielleicht durch Zufall oder mit Willen ausge-gangen war, mußte unter Flüche und Schälte der Fuhrleute gleich wieder angezündet werden. Dann begann die Untersuchung, aber die Bestrafung wo auch sogleich. Es schlug alles wer nur schlagen konnte, auf diesen Kerl und die mehrersten wagen mit Fäusten auf den Kopf und so, daß derselbe schwarz und wie 1 Fruchtviertel angeschwollen war. Bei den Caffee-trinken nahm ihn ein Fuhrmann bei den Haaren, hob ihn in die Höhe, da konnte man aber nicht mehr erkennen welche Phisi-onomie er gehabt hatte. Wir fuhren fort und überließen den Kerl seinem Schicksal.
Ich kam glücklich in Erfurt an und betrat meine Lehrjahre. Anstatt aber 6 Jahre auszuhalten, dauerten sie nur von Pfingsten [30.05.1784] bis Michaelis [29. September], und wäre ich länger dageblieben, so wäre ich verlaust. Ich hatte ein sehr starkes Haar, die Zeit wurde mir aber nicht gelassen, mich zu reinigen.
Ich besann mich also eines Sonntags ganz kurz, um an-statt in die Kirche zu gehen steckte ich erst ein paar Taler Geld ein, / denn ich war nie willens meinen Herrn zu betrügen und dieses Geld wurde auch von meinem Vermögen wieder ersetzt / ging anstatt nach Eisenach zu gehen, nach Weimar, wo ich einen gewissen Hofbedienten Kühn, der selber 8 lebendige Kinder hatte, wohnhaft in der Seifengasse, welcher, da die Herrschaft einen Sommer in Eisenach residierte, bei meiner Schwester logiert hatte, kennen gelernt hatte. Bei die-sen nahm ich meine Zuflucht, erzählte ihm meine Umstände genau, dass ich es wegen der vielen Arbeit nicht abhalten [aushalten] könnte, auch nicht einmal soviel Zeit hätte, mich zu reinigen. Welches auch andem war, denn ich brachte eine ziemliche Anzahl Kopffreunde [Läuse] mit nach Weimar, wo mich dann dessen Frau noch reinigte, welches ich ihr nie habe vergelten können, und mich diese Leute als ihr Kind behandelten.
Mein Schwager in Eisenach erhielt von beiden Seiten Nachricht, erstlich von Erfurt von meinem Prinzipal [Lehrherren] wegen meiner Entweichung, und dann zweitens von Weimar, wegen meiner dasigen [dortigen] Ankunft.
Ich wurde dann durch einen Reisediener aus der Kramerschen Handlung in Eisenach, welcher gerade Ge-schäfte in Weimar hatte, abgeholt, und wieder auf die Schule nach Eisenach gebracht, wo ich dann bei meiner Schwester das Quartier aufgeschlagen hatte. Wir, da wir beiden Geschwister in unseren jüngeren Jahren uns selten vertragen hatten, vertrugen uns nun auch nicht, wie wohl ich jedesmal den kürzeren zog, denn sie hatte nun einen Mann zum Sekun-danten, welcher, ich mochte nun Recht oder Unrecht gehabt haben, bestimmt meine Schmiere [Abreibung] bekam, und ich muß gestehen, dass die Schläge nicht selten bei mir waren.
....
Bei unserer Ankunft wurden wir an die Regimenter verteilt, wo mich dann die Reihe traf, dass ich zu dem Regiment Murray zu stehen kam, wo wir einstweilen zu dem 3. Batal-lion welches da stand verteilt wurden bis ein Transport an das Regiment nach Mons abging. Hier mußten wir exerzieren. Es dauerte aber nicht lange so verfiel ich in eine schwere Krank-heit wo ich beinahe ein viertel Jahr zu brachte. Da gingen meine Leiden erst recht an. Es mochte das dasige [dortige] Klima sowohl, als das schlechte Wasser das mehreste dazu beigetragen haben, auch war ich noch nicht völlig von dem Ärger wieder hergestellt, wo von Günzburg aus welcher mir noch in den Gliedern stecken mochte, dass ich allda so lange und in eine so schwere Krankheit verfiel. Da sich Spuren der Krankheit zeigten, so wurde ich in das Lazarett gebracht, bekam gleich Brechmittel ein, wo sich dann zeigte, dass es ein hitziges Fieber war. Ich mochte 14 Tage gelegen haben als mir bei meinem starken Haare das Ungeziefer kleine Lästig-keiten zuzogen und meine Kopfkameraden in ziemlicher Menge auf dem Kopfkissen herum spazierten. Ich bat, da ich schon zu schwach war, die Krankenwärter, man möchte mich doch reinigen, ja da fand sich keiner. Dieses Übel wurde neben meiner zunehmenden Krankheit immer ärger, wo ich dann die anderen Kranken um Gotteswillen bat mir die Haare ganz abzuschneiden, wo sich aber auch keiner aus Furcht der Strafe, weil es nicht geschehen darf, unterstehen wollte. In dieser Lage lag ich mehrere Tage bis ich endlich der Schwä-che unterliegen musste und mir gefallen lies wie es mit mir werden möchte, ja ich wurde so schwach, dass ich s.v. nicht alleine meine Nothdurft verrichten konnte, und ich jedes Mal einen Krankenwärter dazu brauchte, welcher mir aber auf die letzte auch diesen Dienst versagte, und einer dem anderen auf ihre flamändische [flämische] Art zurief, laß den Lutherschen Hund krepieren. Gott welche schrecklichen und traurigen Gedanken stellten sich da ein, ich glaubte unter Menschen zu sein, welche Mitleiden mit einem Kranken haben würden, oder doch müssten, da sie besonders noch dafür bezahlt würden, aber leider fand ich das Gegenteil.
...
Ich besuchte daher eines Tages meinen ersten Lehrmeister [Flocke] welcher mich dann auch befragte was ich ergreifen wollte, worauf ich ihm dann meinen Plan eröffnete. Dieser wiederriet mir gleich meinen Vorsatz [riet mir von meinem Vorhaben ab] mit den Worten: Herr Vetter! wenn ich wäre wie sie, ich tät es nicht, glauben sie nicht dass es mit der Kürschnerei noch so steht als wie sie bei mir lernten. Wenn ich wäre wie sie, ich fing den Tuchhandel an. Wollte Gott ich hätte den Rat befolgt. Ich glaubte aber es wäre Neid und Abgunst, aber ich habe es leider nachher mehr wie zu viel erfahren dass er Recht hatte.
Ich war nun auch genötigt mich nach einer Heiratspartie umzusehen, denn bei dem Gewerbe, konnte die Junggesellenwirtschaft nicht länger bestehen. Ich sah mich nun freilich hier und da nach einer Person wo ich glaubte meine Lebenstage damit hinzubringen. Es wollte sich aber so geschwinde doch keine finden, wie ich sie wünschte, bis ich eines Tages durch Zufall von einem guten Freund auf meine gegenwärtige Frau aufmerksam gemacht wurde, sagte mir es wäre ein hübsches und reiches Mädchen im Gasthof zur Sonne eine Verwandte von Herrn Walter Ich probierte mein Heil und da ich eine schöne Gelegenheit hatte indem alle Abende eine starke Anzahl Bürger dahin gingen, so versuchte ich mein Heil und frequentierte diese Gesellschaft mit wo sich dann Gelegenheit fand mit ihr zu sprechen. Ich schlug auf den Busch mit der Heirat da sie denn nicht übel beischlug und trotzdem es ihr verboten wurde nicht mit mir zu reden so sprachen unserer Herzen und Augen desto mehr und wir waren daher genötigt unsere Liebe schriftlich gegen einander zu erklären wo dann der Handel richtig gemacht und sie eines Abends auf meine Bitte sich bei meiner Schwester einfand und auch da blieb. Da ich nun durch Güte sie nicht erhalten sollte so war ich genötigt die Einwilligung zur Heirat gerichtlich von dem Consistorio zu holen [Konsistorium, kirchliche Behörde], welches auch gleich bereitwillig war und wir beide auf dem Consistorio erscheinen mußten Wir wurden beiderseits gefragt, ob es unser ernstlicher Wille wäre zu heiraten und auf beiderseitiges Ja, war der Termin zu Ende. Dem Herrn Walter mochte es nicht einerlei sein, dass sein Mädel wider seinen Willen geheiratet hatte, denn die sollte schlechterdings einen Geistlichen heiraten. Ich war ihm daher nicht nach seinem Schnabel. Es half aber alles nichts, ich bekam sie zur Frau und sie mich zum Manne [19. Februar 1795].
...
Weiter schreibt Gustav Stickel: „In einer mondhellen Nacht sah ich eine Zahl gefangener Preußen aus einem gegenüberliegendem Schloss, in dem sie eingesperrt waren, an einem Strick aus einem Fenster herunterlassen, bei der an der Mauer stehende französischen Schildwache, die schlief, vor-überhuschen und den Schlossberg herunter sich flüchten. Am anderen Morgen stürzte sich ein anderer Gefangener, als der französische Offizier, revidierend die Kammer betrat, 3 Stockwerke tief aus dem Fenster, sprang wieder auf, der französische Posten schoss ihn durch den Kopf, sein Gehirn klebte an der Mauer.“
Den Rückzug der französischen Armee schildert Gustav Stickel: „Am imposantesten war der Rückzug der bei Leipzig geschlagenen Heeresmacht der Franzosen durch unseren Ort [Buttelstedt]. 3 Tage und 3 Nächte lang nichts als Soldaten, Kanonen, Pulver-Proviantkarren und jegliches Heeresgerät, Wagenzüge mit Verwundeten, Kürassiere zu Fuß in Reiter-stiefeln mit langen Sporen, Infanteristen mit geraubter Beute, ein Federbett, eine Gans am Bajonette, alles im wirrsten Durcheinander. In den Gassen die Pferde bis an den Bauch in Stroh stehend, Lagerfeuer, Vieh schlachten und braten, an einem Abend sah ich 4 Dörfer in Brand. Vor der Ankunft der zurückziehenden Massen sah ich den geschlagenen Kaiser Napoleon I. unserer Wohnung gegenüber auf eine Entfernung von etwa 20 Schritten bei einem Wachtfeuer vor einem klei-nen Backhause stehen, zu beiden Seiten ein Gardist mit der hohen Bärenmütze [Freitag, 22. Oktober 1813]. - Als die französische Arriere-Garde mit den Vortruppen der Preußen und Russen über Buttelstedt weg ein Feuergefecht führten, wurde ich mit Mutter und Geschwistern, unter pfeiffenden Kugeln in einen Keller ohne Haus darüber geführt. Als wir daraus entlassen wurden, schmetterten vor einem preußischen Cavallerieregiment zum Tore herein die Siegesfanfaren, den Siegesruf Deutschlands über seine Befreiung, - ein unvergeßlicher Moment.“
„Die Rückzugsstraße der geschlagenen französischen Armee war umsäumt von toten und sterbenden Menschen und Vieh. Zwar waren nunmehr die Dörfer vom napoleonischen Joch befreit, aber das was den Landbewohnern noch geblie-ben war, und das war wenig genug, wurde jetzt von den nachrückenden Verbündeten restlos ausgeraubt. Das Elend der Menschen ist kaum zu beschreiben. … Die an der Heerstraße liegenden Dörfer boten ein Bild des Jammers.“

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