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Janina Woyach
Im Schmetterlingsflieder
Seeroman

Softcover Mai 2024
417 Seiten | ca. 12,7 x 20,3 cm
ISBN: 978-3-98913-101-9
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Atme die frische Luft, höre die Stille – dieses Buch öffnet nicht nur die Augen für die Schönheit der Welt, sondern schärft auch die Sinne für die kleinen Freuden des Lebens: die Liebe zu Büchern, die Verführung durch Pralinen und den Genuss des Augenblicks. Die Mischung aus Selbstfindung, Naturverbundenheit und romantischer Möglichkeit macht dieses Buch zu einem fesselnden Leseerlebnis.
Komm mit auf eine malerische Reise durch die idyllische Seenlandschaft um Leipzig und entdecke die Schönheit der Seen und der umliegenden Landschaft. Im Zentrum dieser Geschichte steht Anni, eine Frau, die an einem Wendepunkt ihres Lebens steht. Sie hinterfragt ihre Karriere und entscheidet sich für eine Auszeit, die sie in die ruhige und heilende Umgebung der Natur führt.
Für diejenigen, die eine Pause vom hektischen Alltag suchen und sich nach einer Geschichte sehnen, die das Herz erwärmt und gleichzeitig zum Nachdenken anregt, ist dies genau die richtige Lektüre. Es ist ein Buch, das zeigt, wie eine Auszeit vom Berufsleben nicht nur eine Flucht, sondern auch ein Weg zur Selbstentdeckung sein kann.
Kapitel 1

Es ist ganz erstaunlich, wie bereitwillig wir dazu neigen, unsere Persönlichkeit an der Bürotür abzugeben und in eine Rolle zu schlüpfen, die wir niemals haben wollten. Als Anni den anthrazit-­glänzenden Chip an das Lesegerät hielt, piepste es leise und ein mechanisches Surren durchfuhr die silbrig schimmernde Eingangstür, dann sprang sie auch schon mit einem leisen Klicken auf. Sie trat ein und lief mit schnellen Schritten durch den großzügig geschnittenen Empfangsbereich. In einer Ecke gegenüber der Tür standen ein rotes Ledersofa und zwei dazu passende Ledersessel und auf einem kleinen Beistelltisch lagen einige Flyer der Agentur und ein paar Lifestyle-Magazine ordentlich verteilt. Direkt darüber befand sich das einzige Fenster. Anni öffnete es und ließ die Frische des neuen Morgens herein. Sofort umfing sie ein eisiger Wind, der einfach nicht weichen wollte, die letzten Schergen des Winters. Anni war wie gewohnt als erste im Büro und sie konnte es kaum erwarten, dass sich der schwere Dunst des Vortages verzog. Durch eine Glastür kam sie in einen schmalen Flur, von dem aus rechts und links die einzelnen Büroräume zu erreichen waren. An den Wänden hingen in schwarzen Rahmen zahlreiche Plakate ihrer Kampagnen der letzten Jahre und auch einige der Auszeichnungen, die sie dafür erhalten hatten. Die Werbeagentur, für die sie nun schon seit fünf Jahren arbeitete, gehörte zu den erfolgreichsten Adressen in Berlin. Sie hatte schon zuvor in einer kleineren Agentur gejobbt und mit einer überschaubaren Truppe aus fünf Kreativen Broschüren und Websites für lokale Unternehmen und Marken erstellt. Später wurde sie abgeworben, ihr Gehalt hatte sich über Nacht fast verdreifacht und sie kam in ein Team, das aus mehr als 20 Leuten bestand.
Vor einer weiteren Glastür blieb Anni stehen und sie zückte erneut ihren Chip. Ein kleines Metallschild verriet, dass es sich um das Büro von Anni Lüttke, Texterin, handelte. Mit einem leichten Seufzen betrat sie ihr Reich. Wie oft hatte sie es sich schon vorgenommen, endlich ein bisschen Gemütlichkeit hier einziehen zu lassen? Doch bisher hatten ihr immer die Zeit und auch die Motivation gefehlt und so sah es in ihrem Büro ganz genauso aus wie am ersten Tag. Den einzigen Unterschied bildete die Pflanze unter dem Fenster, die seit ihrem Einstand zwar schon deutlich gewachsen war, insgesamt aber ein sehr einsames Bürodasein fristete. Anni griff nach der Gießkanne.
„Hier, liebe Kollegin“, sagte sie und goss einen ordentlichen Schluck in den großen Blumentopf. Dann kehrte sie ihr auch schon den Rücken und ging zum Schreibtisch. Von ihrem Platz aus hatte sie einen guten Blick über die Straßen der Hauptstadt, sie zog die Jalousien bis ganz nach oben und ließ gleich etwas mehr Tageslicht hinein. Anni wollte gerade den Wandkalender auf den neuesten Stand bringen, als ihr ein kleiner, pinkfarbener Notizzettel ins Auge fiel, der mittig auf ihren Monitor geklebt worden war.

Ausschreibung gewonnen!
Bitte sofort das Briefing im Postfach sichten! Check die KPIs für das erste Delivery.
-Falk

Anni nahm den Zettel kurz in die Hand, ließ ihn dann aber gleich wieder auf den Schreibtisch sinken. Sie atmete tief durch die Nase ein. Darauf brauche ich erst einmal einen Kaffee, dachte sie und machte sich sofort auf den Weg in die kleine Teeküche am Ende des Ganges.
Während der original italienische Vollautomat die erste Tasse füllte, hörte sie Schritte und das durchdringende Geklapper von Pfennigabsätzen auf dem Marmorboden. Anni stellte eine zweite Tasse in den Automaten. Als auch diese bis an den Rand mit schwarzem Kaffee gefüllt war, ging sie auf den Flur zurück und klopfte an das Büro der Leitenden Grafikerin Elisa Jakobs.
„Nur mit Kaffee!“, tönte es unwirsch von der anderen Seite der Tür. Anni schüttelte grinsend den Kopf, trat ein und stellte ihrer Kollegin den großen Pott direkt vor die Nase.
„Als würde ich den Schlüssel für dieses Büro nicht kennen“, lachte sie.
„Tja, würdest du den Schlüssel zu meinem Herzen kennen, hättest du mir einen mit Schuss mitgebracht“, erwiderte Elisa, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen und hackte stattdessen energisch auf ihre Tastatur ein. Sie und Elisa arbeiteten bereits seit Jahren zusammen und aus der anfänglichen Hassliebe, wie sie nur zwischen der Grafik und der Textabteilung herrschen konnte, wurde so etwas wie eine kollegiale Co-Existenz. Dabei konnten die zwei Frauen kaum verschiedener sein. Elisa war hochgewachsen und überragte Anni um ein Vielfaches. Ihr hoher Anspruch und ihre Detailverliebtheit machten sich in den stets manikürten Fingernägeln, den besonders langen, rabenschwarzen Haaren oder dem sorgfältigen Make-up deutlich bemerkbar. Es widersprach zwar Annis persönlichem Geschmack, doch kam sie nicht umhin, sich einzugestehen, dass Elisa zweifelsohne eine Erscheinung war, die den ganzen Raum für sich einzunehmen vermag. Ganz im Gegensatz zu Anni selbst, die sich gerade heute besonders klein und mausgrau fühlte. In letzter Zeit hatte sie einfach keine Kraft, sich um ihr Äußeres zu kümmern und so steckten ihre Füße in den ausgelatschten Turnschuhen, die ihr Ensemble aus Jeans und einem einfachen Sweatshirt unvorteilhaft abrundeten. Ihre Haare hätten auch mal wieder ein bisschen Pflege vertragen können, stattdessen hatte sie die blonde Pracht einfach zu einem unordentlichen Knoten im Nacken zusammengeknödelt und draußen unter einer Wollmütze versteckt. Das einzig Hübsche an Anni waren ihre dunkelblauen Augen über der kleinen Nase. Wenigstens diese hatten ihren Glanz noch nicht verloren.
Anni nahm einen Schluck, spürte, wie sich der herbe Geschmack des starken Gebräus und die Hitze in ihr ausbreiteten und nahm gleich einen zweiten.
„Schnaps habe ich keinen, aber wenn du magst, holen wir das heute Abend im Fredos nach.“
„Hast du die Top-News schon erhalten?“, fragte Elisa, während sie sich in ihrem hohen Bürostuhl zurücklehnte. Anni nickte langsam.
„Du solltest jetzt feiern. Das war doch dein Projekt“, hakte Elisa weiter nach.
„Das war nicht mein Projekt“, widersprach Anni und stellte ihre Tasse auf dem Tisch ab. „Ich habe nur die Ausschreibung vorbereitet und den Papierkram gemacht. Und das Konzept für die Kampagne erstellt.“
Elisa zog eine Augenbraue hoch und sah sie zweifelnd an. „Sag’ ich ja. Dein Projekt.“ Dann wandte sie sich wieder ihrem Bildschirm zu.
Anni dachte kurz darüber nach. Sie war Redakteurin und Texterin, natürlich machte sie sich dabei auch Gedanken da­rüber, in welche thematische Richtung eine Werbekampagne gehen könnte oder unter welchen Gesichtspunkten sich ein Produkt gut vermarkten lässt, doch das war es dann auch schon. Ihr Chef Falk hatte eindeutig das Zepter in der Hand, wenn es um Projektentscheidungen ging.
„Ehrlich gesagt, hatte ich gehofft, dass wir die Kampagne nicht gewinnen“, flüsterte Anni leise.
„Spinnst du? Du hast unzählige Stunden damit verbracht. Komm schon, Herzchen, steck dir doch auch mal ein paar Lorbeeren an“, ermahnte Elisa sie.
„Diesen speziellen Lorbeer möchte ich aber nicht“, sagte Anni nun schon etwas energischer. „Ich meine, hast du dir das Unternehmen mal angeschaut? Oder das Produkt, um das es geht?“
„Waren das nicht Nahrungsergänzungsmittel?“, überlegte Elisa.
„Ok, nennen wir es Nahrungsergänzungsmittel. Die Zielgruppe, die wir dabei ins Auge fassen, sind Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch.“
„Top Zielgruppe! Kaufkräftig und verzweifelt.“
„Hey!“, unterbrach Anni sie.
„Schon gut, rede weiter“, lenkte Elisa beschwichtigend ein.
„Die Hauptbotschaft der Kampagne soll sein, dass man mit diesem Produkt die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft erhöht und damit bestimmt gesunde Babys zur Welt kommen.“
„Na und?“, fragte Elisa spöttisch. Anni schüttelte nur den Kopf.
„Verstehst du nicht? Wir versprechen den Frauen damit etwas. Sie sollen ihr Geld für ein Mittel ausgeben, das wahrscheinlich auch nichts anderes als Vitamine enthält. Wir machen ihnen Hoffnungen und -“, doch Elisa unterbrach sie.
„Schätzchen, du arbeitest in einer Werbeagentur und nicht für die Wohlfahrt. Jeder mit ein bisschen Grips weiß, dass das kein Zaubermittel ist.“
„Ich weiß, aber ...“, Elisa ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Dein Job hat nichts mit Moral zu tun. Denk doch mal zurück an die letzten Aufträge. Der Energieriese mit den Knebelverträgen? Oder dieser Getränkehersteller, der einen Sommer lang für jede verkaufte Flasche einen Baum pflanzen wollte? Da müsste jetzt schon ein ganzer Wald stehen und ich bin sicher, die haben nicht mal die Bäume besorgt.“
Anni ließ sich resigniert auf einen Stuhl fallen. „Das weiß ich ja alles, aber in letzter Zeit macht mir das echt zu schaffen. Ich finde es tatsächlich ganz nett, wenn ich das Leben anderer nicht schlechter mache, als es ohnehin schon ist.“
Aus dem Flur waren erneut leise Schritte zu hören, dann folgte ein zögerliches Klopfen. Eine junge Frau Anfang 20 mit hellem Blondhaar und rosigem Gesicht streckte zaghaft ihren Kopf herein.
„Hallo, ich bin Jasmin, ich soll mich heute bei Falk Fischer melden, wegen der Einarbeitung.“
„Das ist zwei Türen weiter. Du kannst es nicht verfehlen“, antwortete Anni.
„Wer ist das?“, fragte sie leise, als die junge Frau die Tür wieder verschlossen hatte und weitergegangen war.
„Hmm, ich vermute, das wird die neue SEO-Managerin sein“, antwortete Elisa nur.
„Eine Neue? Was ist denn mit dem hübschen Typen, der immer so ungeschickt den Kaffeeautomaten hat überlaufen lassen?“, fragte Anni.
„Marti, tja, bei dem war das Maß wohl voll, er hat letzte Woche gekündigt. Hast du das nicht mitbekommen?“
Anni schüttelte den Kopf und nahm interessiert einen weiteren großen Schluck aus ihrer Tasse.
„Falk war mit der Entwicklung der neuen Landingpage von dem Gummikunden nicht zufrieden und hat Marti ohne Punkt und Komma zur Schnecke gemacht. Daraufhin hat er fristlos gekündigt. Er hat nur noch seine Jacke geschnappt und ist ohne ein weiteres Wort gegangen“, berichtete Elisa ungerührt.
„Er hat fristlos gekündigt?“, fragte Anni ungläubig nach. „Wozu soll das gut sein? Ich meine, klar, das wird jetzt nicht sein Traumjob gewesen sein, aber so etwas muss man sich doch gut überlegen. Was ist denn mit einem Zeugnis? Und was hat er jetzt vor? Bekommt man überhaupt Arbeitslosengeld, wenn man mir nichts, dir nichts einfach kündigt?“ Schon allein der Gedanke daran, so kopflos zu handeln, ließ in Anni Nervosität aufsteigen.
„Ich glaube nicht, dass ihn das in diesem Moment interessiert hat. Falk ist einfach ausgeklinkt und Marti wollte sich das nicht mehr gefallen lassen. Offen gestanden, habe ich da erst mitbekommen, dass er überhaupt existiert.“
„Ich kann es mir nur einfach nicht vorstellen“, sagte Anni gleichermaßen berührt wie auch entsetzt über den neuesten Büroklatsch. Sie erinnerte sich gut an den Tag, an den Regen, der stundenlang gegen ihre Fensterscheibe gepeitscht hatte und an ihre Augen, die langsam einen roten Rand bekamen, so lange hatte sie bereits auf ihren Bildschirm gestarrt. Elisa hatte recht, sie bekam wirklich nichts mehr mit. Die Arbeit nahm ihren Geist rundum in Beschlag und in letzter Zeit verfolgten sie die Prozesse bis in ihre Träume hinein.
„Darf ich dich etwas fragen?“, sagte sie dann und blickte zu ihrer Kollegin, die schon länger hier in dieser Agentur arbeitete und jetzt mit einer Locke ihrer schwarzen Mähne spielte. Elisa ging auf die 40 zu, was man ihr aufgrund ihres auffälligen Looks kaum ansah. Dass hinter der einfachen Leinenhose, dem hellbraunen T-Shirt mit Bambusmotiv und dem schwarzen Lederrucksack ausnahmslos Luxusmarken steckten, war ebenfalls nicht auf den ersten Blick zu erkennen.
„Was denn?“, unterbrach Elisa ihre Gedanken.
„Findest du das richtig, was wir hier tun? Ich meine, versteh mich nicht falsch, mir ist der Sinn von Werbung durchaus klar. Wer nicht wirbt, der stirbt, aber sollten wir als Agentur nicht auch darauf achten, nur die Kunden zu betreuen, hinter denen wir auch stehen?“ Anni gingen diese Fragen bereits seit einigen Wochen, und wenn sie es sich genauer überlegte, schon seit einigen Monaten, nicht mehr aus dem Kopf. Gab es bei ihrem Job eine moralische Komponente?
„Gegenfrage: Dürfen Anwälte nur unschuldige Mandanten vertreten?“, konterte Elisa und schaute wieder auf ihren Bildschirm.
„Das ist doch nicht das gleiche!“, mahnte Anni. „Juristisch betrachtet hat jeder das Recht auf einen Anwalt. Wir dagegen entscheiden nicht über Recht und Unrecht.“
„Das tun Anwälte auch nicht, Schätzchen“, erklärte Elisa. „Ein Anwalt soll die Interessen seines Mandanten vertreten, unabhängig davon, ob er schuldig ist oder nicht und er hat die Aufgabe, ihn in einem möglichst positiven Licht dastehen zu lassen. Genau das tun wir auch.“ Elisa zuckte mit den Schultern, doch Anni war nicht zufrieden. Der Vergleich hinkte und wenngleich es stimmen würde, so half ihr das nicht aus ihrem Dilemma. Sie litt unter Schlaflosigkeit und wurde von Albträumen verfolgt.
Besonders zu schaffen machte ihr eine Kampagne für eine Modelagentur, die nach neuen Talenten suchte. Bei ihrer Recherche hatte sie sich das Profil der Agentur, die Models und auch deren Verträge genau angeschaut, schließlich muss sie als Texterin wissen, wie sie ein Projekt vermarkten soll. Sie hatte der Agentur einen Besuch abgestattet und dabei mit dem Chef ein kleines Gespräch geführt. Er hatte ihr die Mappen mit den Modelkarteien gezeigt. Gesucht wurden Nachwuchstalente ab 14 Jahren. Als sie später das Konzept festlegte, war schnell klar, dass als Zielgruppe der Kampagne nicht die jungen Mädchen angesprochen werden sollten, sondern deren überehrgeizige Eltern, die es kaum erwarten konnten, ihre Töchter in irgendwelchen Modekatalogen abgelichtet zu sehen. Die Kampagne lief an und wurde ein voller Erfolg, Anni hatte dafür einen ordentlichen Bonus erhalten. Erst Monate später bemerkte sie, dass da etwas tief in ihr nagte und sie verfolgte. Als sie die Verträge überflogen hatte, war sie kurz an einem Absatz zu den Arbeitszeiten und den geleisteten Zahlungen für die Models hängengeblieben. Damals hatte sie sich nicht viel dabei gedacht, doch jetzt setzten sich die Informationen zu einem großen Ganzen zusammen und sie kam nicht umhin, dieses Geschäftsmodell als schäbig zu bewerten. In dieser Phase begannen dann auch die schlechten Träume und es geschah immer öfter, dass sie ihre Projekte hinterfragte.
„Ich gebe ihr zwei Wochen, was wettest du?“, riss Elisa sie aus ihren trüben Gedanken.
„Hmm, vielleicht werden es drei, immerhin hat sie sich getraut, direkt bei dir an die Tür zu klopfen. Trag mich auf dem Wettschein bei drei Wochen ein.“
„Meinst du, sie hat etwas zum Einstand mitgebracht?“, mutmaßte Elisa hoffnungsvoll.
„Vielleicht ein paar Muffins mit rosa Einhörnern obendrauf“, spekulierte Anni.
„Das reicht bei Weitem nicht, um diesen Tag zu überstehen.“ Elisa zog eine Schublade auf, kramte ein paar Papiere zur Seite und holte zwei kleine Flaschen hervor.
„Ist das dein Ernst?“, fragte Anni. Elisa öffnete die erste Flasche und hielt Anni die zweite hin.
„Süße, heute wird über die Werbekampagne der Bank entschieden. Für das Sommergewinnspiel stehen zwei thematische Ausrichtungen zur Wahl. Entweder die Dame von hinten, die ein Bündel Geldscheine in ihrer Arschtasche spazieren trägt oder das Papierschiff auf dem Ozean. Was glaubst du wohl, haben die Stakeholder gewählt? Da trinke ich lieber noch was und ich empfehle dir, das Gleiche zu tun, denn du wirst diejenige sein, die sich dafür besonders schmissige Slogans überlegen darf.“
Anni nahm die Flasche, drehte sie auf und trank sie in einem Zug leer. Der süße Schnaps brannte sich seinen Weg durch ihre Kehle und breitete sogleich den freundlichen Schleier des Vergessens über die aufkommenden Zweifel.

***

Das Fredos war bereits rappelvoll und Anni hatte Mühe, überhaupt jemanden in dem Gewühl zu entdecken. Sie stellte sich auf Zehenspitzen, doch mit ihren knapp 1,60 m hatte sie damit kaum Erfolg. Der Kellner erkannte sie schließlich und führte sie an einen Tisch weit hinten, an dem bereits ihre Kolleginnen Elisa und Nicole, ein ihr unbekannter Fremder und ihre Freundin Merle saßen. Letztere war Ernährungswissenschaftlerin, Anni kannte sie aus dem Studium, als sie sich zeitweise eine Wohngemeinschaft geteilt hatten. Merle hatte einen Abschluss für Biochemie und das war der eigentliche Grund, aus dem Anni überhaupt noch hierhergekommen war. Denn eigentlich hatte sie nach diesem langen und sehr anstrengenden Tag nur auf eines Lust, ihr Bett. Das Handy verriet ihr, dass es bereits nach 22 Uhr war, sie hatte fast 15 Stunden im Büro verbracht. Nicht rekordverdächtig, doch eindeutig unter den Top 10 ihrer längsten Arbeitstage.
„Anni!“, rief auch schon Elisa, als diese sie kommen sah. Merle und Nicole rückten ein Stück zusammen, sodass Anni ebenfalls auf der Sitzbank Platz nehmen konnte.
„Oh, da habe ich dir wohl deinen Stuhl streitig gemacht“, scherzte der Fremde, warf Anni ein kurzes Lächeln zu und widmete sich dann gleich wieder Elisa, mit der er offensichtlich in ein tiefgründiges Gespräch verwickelt war.
„Sag jetzt nicht, dass du bis jetzt gearbeitet hast“, schimpfte Nicole. Sie arbeitete im Personalbüro und soweit Anni sich erinnern konnte, hatte sie sich bereits pünktlich 17 Uhr bei ihr verabschiedet.
„Tja, die einen rauchen, die anderen trinken und ich pflege eine innige Beziehung zu meinem Schreibtisch. So hat eben jeder sein Päckchen zu tragen.“
„Ernsthaft?“, fragte Nicole spöttisch.
„Was soll ich denn machen? Als ich kurz nach dir gehen wollte, hat Falk mich abgefangen und nachgehakt, wie es mit der neuen Kampagne aussieht. Und ehe ich auch nur Piep sagen konnte, steckten wir auch schon mittendrin in der Konzeptionierung und dem Erstellen von Personas. Immerhin sind wir ein gutes Stück vorangekommen und so kann ich morgen viel eher Feierabend machen“, versuchte Anni sich zu rechtfertigen.
„Ach Merle“, fuhr sie fort. „Hattest du meine Mail von heute Mittag schon lesen können? Wäre mir echt wichtig, wenn du da mal einen Blick drauf wirfst und mir...“
„Nee, nee, Schätzchen!“, unterbrach sie Elisa resolut. „Es ist Feierabend, lass deine Arbeit im Büro. Jetzt wollen wir nichts davon hören.“
„Ja, gönnen wir uns lieber noch einen schönen Drink“, stimmte ihr der Fremde zu, zupfte an seinem Karohemd und bestellte für alle eine Runde Tequila.
Als sich Elisa wieder ihrem Gesprächspartner widmete, tippte Merle Anni an den Arm.
„Ich habe mir die Dokumente schon angesehen, Anni“, sagte sie leise.
„Und? Was hältst du davon?“
„Na ja, wirklich schädliche Substanzen sind in diesen Kapseln und Tabletten nicht enthalten. Vielleicht etwas viele Farbstoffe, aber giftig sind sie nicht.“
„Und die Wirkung?“, hakte Anni nach. „Stimmt das denn mit den enthaltenen Inhaltsstoffen überein?“
Merle schüttelte direkt den Kopf. „Die Präparate sind eine Mischung aus Vitamin C, Magnesium, einer Art Bindemittel und Zucker und das alles in einer hübschen Verpackung. Kinder bekommst du dadurch garantiert nicht und wenn du täglich einen Apfel isst, hast du mehr davon.“
„Ich sag’s ja immer, wenn du schwanger werden willst, solltest du viel Sex haben und keine Tabletten schlucken“, warf Elisa vom anderen Ende des Tisches ein.
„Genau!“, pflichtete ihr ihre neue Tischbekanntschaft bei und warf Elisa dabei begehrliche Blicke zu. Anni verkniff sich ein Augenrollen.
„Ok, so was in der Art hatte ich mir schon gedacht. Ich danke dir, Merle, für deine Mühe.“
Anni dachte an ihren Vormittag zurück. Sie hatte sich wie gewünscht gleich nach ihrem Kaffee an das neue Projekt gesetzt und sich dazu die Produktpalette, für die sie nun eine Werbestrategie entwickeln sollte, genauer angesehen. Als sie aus der Zusammensetzung der Präparate nicht schlau geworden war, kam ihr die Idee, sich damit an Merle zu wenden. Sie musste es schließlich wissen und Anni wollte einfach ausschließen können, dass sie es mit einem Produkt zu tun hatte, was vielleicht großen Schaden anrichtete. Dies war zwar nicht der Fall, Merle hatte bestätigt, dass die Rezeptur unbedenklich sei, doch beruhigt war sie trotzdem nicht. Sie hatte immerzu dieses Bild von Frauen vor Augen, die sich nichts sehnlicher wünschten, als endlich eine Familie zu gründen, die womöglich schon allerhand ausprobiert hatten und jetzt all ihre Hoffnung in diese Kapseln setzten und die am Ende im besten Fall wie ein Placebo wirkten.
„Hier!“, rief Elisa und reichte Anni einen übergroßen Cocktail mit einem noch größeren Stück Melone daran.
„Vergiss jetzt mal die Arbeit und entspann dich. Trink das aus. Und wenn du heute Nacht wieder davon anfängst, übernimmst du die komplette Rechnung. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
„Glasklar!“, antwortete Anni und ahmte dabei Elisas strengen Tonfall nach.
„Und? Ist das Karohemd ein potenzieller Lebensabschnittsgefährte?“, flüsterte sie ihr verschwörerisch zu, als Elisa ihr ein weiteres Glas Tequila quer über den Tisch reichte.
„Hmm“, machte sie. „Das vermutlich nicht, aber als Abendabschlussgefährte wird er genügen.“
Anni verschluckte sich hörbar an ihrem Cocktail und kicherte kopfschüttelnd. Dann nahm sie einen weiteren Schluck aus dem hohen Glas und ließ mit einem letzten Seufzer die Schatten des Tages hinter sich. Die restlichen Stunden verbrachten sie hinter ihren amüsierten Fassaden und tauschten die neuesten Belanglosigkeiten aus. Anni hatte Mühe, den Gesprächen zu folgen und immer wieder fielen ihr die Augen zu.
Als sie später vor ihrer Wohnung ankam, stand der Mond schon längst hoch am Himmel. All ihre Versuche, doch schon etwas eher gehen zu können, wurden von Elisa und den anderen sofort abgeblockt. Immerhin hatte sie so genug Zeit, einen großen Teller mit üppig belegter Bruschetta zu essen. Das viele Brot saugte den Alkohol des Abends direkt wieder auf, sodass sie halbwegs nüchtern in ihren vier Wänden ankam.
Obwohl es bereits weit nach Mitternacht war, hörte Anni lautstark den Fernseher aus ihrer Wohnung dröhnen. Deshalb ging sie schnurstracks in das gemeinsame Wohnzimmer, welches sie sich mit ihrer Mitbewohnerin Dette teilte. Diese saß verschlungen mit ihrem Freund Toby auf dem Sofa und Anni benötigte drei Versuche, um die erforderliche Aufmerksamkeit zu erhalten. Dette schaute sie gereizt an.
„Gott, Anni, wie wär’s mit ein bisschen Privatsphäre?“
„Ja, die hast du in deinem eigenen Zimmer! Macht bitte den Fernseher leiser. Gibt Leute, die wollen schlafen.“
„Und es gibt Leute, die ihre WG-Zeiten auch mal hinter sich lassen“, erwiderte Dette aufmüpfig.
„Entschuldige, aber ich habe schon vor dir hier gewohnt“, wollte Anni sie gerade zurechtweisen, doch Dette hatte anscheinend noch gar nicht richtig damit angefangen, Anni in die Mangel zu nehmen.
„Ja eben! Wie lange wohnst du hier schon? Seit dem Mauerfall?“
„Wie bitte?“, Anni musste sich verhört haben.
„Deine Tage als Studentin sind lange vorbei, du arbeitest für diese schicke Agentur. Wird Zeit für den nächsten Schritt, Großmutter.“
Doch Anni hörte ihr nicht mehr zu. Sie ging in ihr Zimmer und ließ sich auf das ungemachte Bett fallen. Die Streitereien mit Dette gingen ihr auf die Nerven.
Ich hätte sie gar nicht erst hier einziehen lassen dürfen, dachte sie bei sich. Doch sie wusste, dass da auch etwas Wahres dran war. Sie war hier als Studentin eingezogen und hatte seitdem eine ganze Reihe an Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern kommen und gehen sehen. Sie alle waren eines Tages wieder gegangen, hatten Familien gegründet, zogen in die Vorstädte, bauten Häuser, heirateten, ließen sich wieder scheiden, nur Anni war geblieben.
Warum auch nicht? Berlin ist eine fabelhafte Stadt, warum sollte ich gehen? Ich arbeite hier! Und irgendwo muss ich ja wohl wohnen! Berlin ist auch eine teure Stadt. Es wäre dumm, sich nicht mit einem Mitbewohner zusammenzutun. Allerdings musste sie sich jetzt mit dieser frechen 20-Jährigen herumschlagen, die ihr nicht nur tagtäglich ihr Liebesglück vor Augen führte, sondern sich auch alle Mühe gab, sie aus ihrer eigenen Wohnung zu ekeln.
Anni schnappte sich ihr Handy und sprach eine Sprachnachricht ein:

Ich bin alt!

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis der erlösende Piepton kam und sie eine Antwort erhielt:

Bist du nicht. Aber aus Neugier frage ich mal, wie du darauf kommst.

Die schöne sonore Stimme, die ihr so prompt geantwortet hatte, stammte von Oskar, ihrem besten Freund, seit sie ein kleines Mädchen war. Anni legte sich auf den Bauch und sprach die nächste Nachricht ein:

Dette zickt wieder und im Grunde bist du daran schuld.

Sie grinste, während sie die Nachricht abschickte. Eine Minute später piepte es erneut:

Diese Dette soll mal den Ball flach halten. Du bist die Hauptmieterin, da sollte sie dir gegenüber lieber nicht so frech sein. Andernfalls sollte sie sich eine andere Wohnung suchen. Das ist in Berlin ja überhaupt kein Problem. Und woran genau bin ich schuld?

Anni überlegte nicht lange und antwortete sofort:

Würdest du mal deinen Kopf aus den Wolken holen und bei mir einziehen, hätte ich dieses Dette-Problem gar nicht. Wo steckst du eigentlich gerade? Ich habe den ganzen Tag nichts von dir gehört!

Anni dachte kurz darüber nach. Genau genommen hatte sie bereits seit zwei Tagen nichts von Oskar gehört, was untypisch war, da die zwei sich ständig über alles und jeden austauschten. Das ging schon so, als Oskars Eltern sich hatten scheiden lassen und er von da an mehr Zeit bei ihr Zuhause als bei sich verbracht hatte. Während des Studiums, als sie sich für Literaturwissenschaften entschieden hatte und er für internationalen Tourismus, waren sie wie Patt und Patterchen ein unzertrennliches Duo. Erst als er vor einigen Jahren seine wahre Berufung als Flugbegleiter gefunden hatte und nur noch unterwegs war, hatten sie sich nicht mehr täglich sehen können. Anni war das zu Beginn sehr an die Nieren gegangen, doch dank moderner Kommunikationsmittel und dem Wunder der Sprachnachricht hatten sie einen Weg gefunden, ihre innige Freundschaft aufrechterhalten zu können. Seitdem sahen sie sich nur noch alle paar Monate. Oskar hatte in Deutschland keinen festen Wohnsitz mehr gemeldet, da sich sein Mutterkonzern in der Schweiz befand. Wenn er dann doch mal ein paar Tage an einem Ort verbringen konnte, dann war das in Zürich irgendwo oberhalb des schönen Zürichsees. Die einzige Ausnahme bildete das Weihnachtsfest. Diese Tradition hatten sie sich bewahrt und verbrachten die heiligen Feiertage, wie sie es schon im Alter von zehn Jahren getan hatten, gemeinsam in Berlin. Das Handy piepste erneut und Anni ließ die Sprachnachricht laufen:

Ich bin aktuell in Barcelona und stell dir vor, ich habe sogar zwei ganze Tage hier. Ich kann mir also die Sagrada Família anschauen und in diesen Gaudí Park Güell gehen. Und was das Wohnen betrifft: Das hatten wir doch schon! Ganze drei Monate habe ich es mit dir in der WG ausgehalten. Furchtbar. Überall lagen deine Socken herum.

Anni lachte, das stimmte. Seine kurze Zeit als Mitbewohner lag jetzt schon zehn Jahre zurück und es war eine absolute Katastrophe gewesen. Oskars ausgeprägter Sinn für Ordnung und Annis kreatives Chaos wollten einfach nicht aufeinander abgestimmt werden. Somit beendeten sie das Experiment schnell wieder, um ihre Freundschaft nicht zu gefährden.

Ich weiß ja, dass deine aktuelle Mitbewohnerin die Pest ist und aus ihrem Mund nichts als Schund und Blödsinn kommt, deshalb habe ich einen etwas gewagten Vorschlag für dich: Schmeiß die Zicke raus. Du bist keine mittellose Studentin mehr. Du bist erwachsen, verdienst gutes Geld. Auf eine Mitbewohnerin bist du nicht mehr angewiesen. Am besten wäre, du kaufst die Wohnung. Die Lage ist super und es ist eine hervorragende Investition. Ok, Anni, ich hau’ mich jetzt noch eine Runde hin. Wir reden morgen weiter. Geh du jetzt auch schlafen. Und nein, du bist nicht alt. Wir sind beide süße 21. Schlaf gut.

Anni stand auf, putzte sich die Zähne und warf ihre Klamotten locker über einen Stuhl neben ihrem Schrank. Nur in Unterwäsche legte sie sich direkt ins Bett und starrte an die dunkle Decke. Oskars Worte hingen noch in der Luft. Die Idee, die Wohnung zu kaufen, war bestechend. So würde sie ihre Mitbewohnerin loswerden und gleich etwas für ihre Altersvorsorge tun. Bei dem Gedanken fühlte sie sich gleich wieder viel älter. Nein, sie wollte diese Wohnung nicht kaufen. Bei so einer wichtigen Entscheidung sollte zwar letztlich der Verstand das Sagen haben, doch was war mit ihrem Herzen? Hatte das kein Mitspracherecht? Und sie fühlte es einfach nicht. Da war keine Spur von Zuneigung oder Wärme, wenn sie an diese vier Wände dachte. Es war kein Zuhause, dass sie auf diese Art bewahren könnte, es war lediglich ihr Schlafplatz. Der Ort zwischen zwei Arbeitstagen, mehr war es nie gewesen.
„Trostlos“, sprach sie leise zur Decke, dann fiel sie in einen unruhigen Schlaf.



Kapitel 2

Als der Wecker klingelte, stand Anni bereits unter der Dusche. Ganze zwei Stunden hatte sie wach gelegen und versucht, ihren rotierenden Geist irgendwie zum Schweigen zu bringen. Doch es half nichts. Immer wieder hatten sich bunte Pillen in ihre Träume geschummelt, die sie in zwielichtigen Bars an Frauen und Kinder verteilen sollte. Gegen 4.30 Uhr hatte sie genug und stand schließlich auf. Eine heiße Dusche, so dachte sie, würde ihr sicher helfen, zu entspannen. Mit dem Handtuch auf dem Kopf schlüpfte sie in ihre Jeans vom Vortag. Dann kramte sie eine Weile in ihrem Kleiderschrank, bis sie ein ausgewaschenes Shirt fand. Die Band, die einst da­rauf abgebildet war, ließ sich nur noch erahnen. In der kleinen Gemeinschaftsküche suchte sie nach etwas Essbarem, doch bis auf ein paar Cornflakes und einer Milchpackung, deren Inhalt wahrscheinlich nicht mehr zu trauen war, konnte sie nichts finden. Sie entschloss sich, ein Käsebrötchen am Bahnhof mitzunehmen. Ihre Mitbewohnerin hatte sich noch nicht blicken lassen, dafür war es auch noch etwas früh. Vor 10 Uhr würde ohnehin keine Vorlesung beginnen, es gab also keinen Grund, jetzt schon aus den Laken zu fallen. Anni schnappte sich ihre Jacke und warf noch einen Blick in den Spiegel. Ihre Augen sahen müde zurück. „Wie ein Gespenst“, flüsterte sie kopfschüttelnd und sie überlegte, ob sie ihrem abgeschlagenen Antlitz vielleicht eine Schicht Make-up gönnen sollte, verwarf den Gedanken dann aber wieder. „Wozu die Mühe?“, dachte sie achselzuckend und zog die Tür des Berliner Altbaus hinter sich ins Schloss.
Anni kannte ihren Arbeitsweg im Schlaf. Mit der Ringbahn und ein paar Stationen mit der Straßenbahn brauchte sie ungefähr 40 Minuten. Von der Haltestelle aus sah sie bereits das imposante Gebäude, welches sich durch die frische, weiße Farbe deutlich vom Grau des Hauptstadthimmels abzuheben versuchte.
Wenigstens regnet es heute nicht, dachte sie, als sie die Stockwerke hinaufblickte. Sie legte den Kopf weit in den Nacken und versuchte zu erkennen, welches der vielen Fenster wohl zu ihrem Büro gehören würde. Doch die Gleichförmigkeit der Fassade und die schiere Menge an Glas machten es unmöglich, auch nur einen Funken Individualität auszumachen. Kurz kam ihr der Gedanke, wie es wohl aussehen würde, wenn sie mit den pinken Klebezetteln ein Smiley-Gesicht in ihr Fenster kleben würde. Doch noch ehe sich ein Lächeln über ihr Gesicht schleichen konnte, hatte sie den Schlüsselbund mit dem Plastikchip in ihrer Tasche gefunden und sie entriegelte das Tor.
Auch heute war sie wieder die Erste, die die heiligen Werbe­hallen betrat und wie jeden Morgen öffnete sie als allererstes das Fenster der Empfangsräume und anschließend auch das in ihrem Büro. Elisa würde heute erst spät kommen, das wusste sie. Ob sie wohl das Karohemd mit nach Hause genommen hatte? So oder so, vor dem Mittag würde sich ihre Kollegin nicht blicken lassen. Das tat sie nie, wenn sie am Abend zuvor ausgegangen waren. Anni stellte sich vor, wie Elisa einfach liegenblieb und den Wecker mit einem ihrer langen Fingernägel zum Schweigen brachte. Wie sie sich ihr Frühstück ans Bett bringen ließ und sie die ersten Morgenstunden bei einem Cappuccino und einem Croissant genoss. Anni hatte noch den pappigen Geschmack des Käsebrötchens im Mund, das sie sich am Bahnhof geholt hatte. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal ein richtig schönes Frühstück bekommen hatte. Wahrscheinlich irgendwann mit Oskar bei einem seiner letzten Besuche. Anni sah kurz an sich herunter. Früher hatte sie zu dieser Hose einen Gürtel getragen, jetzt war das nicht mehr nötig, die Hose hielt auch so. In den vergangenen fünf Jahren hatte sie kontinuierlich zugenommen. Es war ein schleichender Prozess, den sie zwar bemerkte, jedoch weitestgehend ignorierte. Sie war immer noch schlank, auch mit 10 kg
mehr auf den Rippen. Doch ihre jugendliche Zierlichkeit hatte sie in den letzten Jahren eingebüßt. Dementsprechend schwerfällig ließ sie sich in ihren Stuhl plumpsen.
Zwei Kilo pro Jahr, ging es ihr durch den Kopf. Ich habe mit jedem Jahr, das ich hier arbeite, zwei Kilo dazubekommen. Und wofür? Die Leere traf sie wie ein Kanonenschlag. Mit plötzlicher Gewissheit wurde ihr das gesamte Ausmaß ihrer Situation bewusst. Sie würde noch in diesem Jahr 32 Jahre alt werden und hatte schlicht und ergreifend nichts vorzuweisen. Keine liebevolle Beziehung, kein nennenswertes Sozialleben, keine interessanten Hobbys oder irgendetwas, wofür es sich tatsächlich lohnen würde, morgens aufzustehen. Ihr altes Ich, das Ich ihrer Kindheit und Jugend, verschwand mehr und mehr, während die erwachsene Anni nur ein tristes Schattendasein pflegte. Anni stand auf und schloss das Fenster wieder.
Jetzt ist es aber genug, ermahnte sie sich. Selbstmitleid ist nicht deine Art. Außerdem war es gar nicht so schlimm, wie es sich gerade anfühlte. Sie saß nicht mit einer Spritze im Arm unter einer Brücke und ließ sich ihr Leben auch nicht durch die Arbeit anderer finanzieren.
„Ich bin eine gestandene Frau und bestreite mein Leben selbstständig!“, sagte sie sich.
Wahrscheinlich war es nur das neue Projekt, das sie so runterzog. Da fiel ihr ein, was Merle am Vorabend gesagt hatte und sie nahm sich fest vor, heute mit ihrem Chef darüber zu reden.
„Ich bin ein selbstbewusster, reflektierter Mensch und kann für meine Überzeugungen einstehen“, rief sie sich noch einmal in Erinnerung. Doch das Gefühl von Stärke wollte sich nicht einstellen. „Vielleicht bin ich aber auch eine Glaskugel und der Flügelschlag eines Schmetterlings reicht aus, bis ich in tausend kleine Teile zerspringe.“
Bis zum Mittag sollte Anni keine Gelegenheit für ein Gespräch bekommen, stattdessen stürzte sie sich in ein anderes Projekt, für das noch Texte gebraucht wurden. Es war schon fast 12 Uhr als Elisa, von Kopf bis Fuß in Schwarz und mit einer gigantischen Sonnenbrille à la Frühstück bei Tiffany, in ihr Büro geschneit kam.
„Guten Morgen“, tönte sie mit rauchiger Stimme, die da­rauf schließen ließ, dass Elisa noch etwas länger als geplant gefeiert hatte.
„Findest du die Brille nicht ein bisschen to much? Wir haben März und die Sonne hat sich dieses Jahr noch nicht einmal blicken lassen“, feixte Anni.
Elisa ging zum Fenster und betrachtete in der Reflexion ihr Spiegelbild.
„Für Stil gibt es keinen Kalender! Apropos, deiner ist nicht auf dem richtigen Stand. Der März ist vorbei.“
Anni schaute an die Wand, an der ihr Monatskalender hing. Es stimmte, sie hatte ihn eine Weile nicht aktualisiert. Sie stand auf und schob das Ziffernblatt zurecht.
„So, jetzt passt es wieder, der 1. April.“
„Wie lief dein Gespräch mit Falk? Wolltest du ihm nicht heute mit der Moralkeule kommen?“, fragte Elisa im dramatischen Ton.
„Es fand noch nicht statt. Er ist nicht da“, antwortete Anni ernüchtert.
„Er ist da. Ich habe ihn gerade noch mit der Neuen gesehen. Sie hat ihre Einarbeitung.“
„Oh“, erwiderte Anni kurz. „Und wie war er so drauf? Gut gelaunt oder doch eher, na ja, wie sonst auch immer?“
Elisa zuckte nur die Achseln. „Bring es lieber gleich hinter dich. Wenn du damit ankommst, nachdem er seinen Quinoa-Amaranth-Weizenkleie-Lunch hatte, wird er dich in der Luft zerfetzen. Er kann es nicht leiden, kurz vor seinem Feierabend mit schlechten Nachrichten behelligt zu werden.“
Anni nickte, dann stand sie entschlossen auf. Jetzt oder nie. Sie hatte gute Argumente und einen festen Standpunkt. Mit selbstbewussten Schritten kam sie vor seinem Büro an, sie klopfte kurz, dann trat sie auch schon ein. Etwas überrascht sah ihr Chef von seinem Laptop auf. Er war es nicht gewohnt, dass seine Angestellten ohne Vorankündigung in sein Büro stürmten. Streitgespräche dagegen kannte er sehr wohl, deshalb legte Anni auch sofort los und übersprang das höfliche Vorgeplänkel.
„Ich möchte mit dir über die neue Kampagne sprechen und wollte...“
„Ach Anni“, unterbrach er sie und hielt sofort abwehrend die Hände hoch.
„Ich habe schon mit deinem Besuch gerechnet. Und keine Sorge, ich habe dich nicht vergessen“, flötete er im Singsang. Sein Lächeln ließ die schneeweißen Zähne aufblitzen und er fuhr sich mit einer Hand durch das gegelte Haar.
„Du hast dafür gesorgt, dass wir diese Ausschreibung gewonnen haben. Damit hast du deine diesjährigen Zielvereinbarungen bereits erfüllt und wir haben gerade mal März“, tönte er lautstark.
„April, wir haben bereits April“, korrigierte Anni ihn, doch er hörte ihr gar nicht zu.
„Keine Sorge, du bekommst den versprochenen Bonus. Kein Grund, gleich so finster zu schauen. Ich habe auch schon mit dem Kunden gesprochen, er hat sehr konkrete Vorstellungen, was die erste Kampagne betrifft. Hast du das Briefing dazu gelesen? Ich hab’s nur überflogen, es scheint aber kein Hexenwerk zu sein. Was denkst du, wann wir den ersten Entwurf senden können?“
„Was?“ Anni kam nicht mit und sie brauchte einen Moment, um ihre Gedanken zu sortieren. Was wollte sie ihm noch mal sagen?
„Der erste Entwurf, guten Morgen Anni, hast du das Briefing gelesen? Die Kampagne soll durch Testimonials gestützt werden. Frauen, die von ihren Erfolgsgeschichten erzählen, nachdem sie die Präparate genommen haben.“
„Es gibt Erfolgsgeschichten?“, fragte Anni nun ehrlich überrascht. „Wie das? Haben sie klinische Studien dazu durchgeführt?“ Doch Falk winkte erneut ab.
„Ach Unsinn, das sind Nahrungsergänzungsmittel, dazu macht doch keiner Untersuchungen mit echten Probanden.“
„Und woher nehmen wir dann die Erfolgsgeschichten?“ Anni war verwirrt und griff sich mit der Hand gegen die Stirn.
„Na, woher schon, Fräulein Lüttke? Aus deinem schlauen Schreiberkopf. Keine Testimonials sind so glaubhaft wie die, die du formuliert hast.“ Falk lachte, als hätte er den besten Witz des Jahrhunderts gerissen. Anni wandte sich angewidert ab.
„Das ist doch nicht dein Ernst.“
Als Falk nicht reagierte und sie stattdessen verständnislos ansah, atmete sie tief ein, bevor sie die folgenden Worte herausbrachte.
„Habe ich das richtig verstanden? Wir denken uns die Erfolgsgeschichten zu dem Produkt, dessen Wirksamkeit in keinster Weise nachweisbar ist, einfach aus und verkaufen das als echte Erfahrungen von echten Frauen, die durch diese Präparate schwanger wurden und Kinder bekommen haben?“
„Ich höre da einen Funken der Missbilligung.“
„Ja, natürlich!“, platzte es aus ihr heraus. „Das können wir doch nicht machen! Ist dir klar, was du da von mir verlangst?“
„Was ist dein Problem? Ist es wegen des Bonus? Ich habe dir schon gesagt, dass du ihn bekommst. Was willst du noch?“
„Ich will einfach nicht lügen müssen.“ Anni rang um ihre Fassung.
„Ok, schon gut“, lenkte Falk ein. „Hast du Jasmin schon kennengelernt? Sie macht einen recht pfiffigen Eindruck. Für dieses anspruchsvolle Projekt genehmige ich dir eine Junior Texterin als deine persönliche Assistentin, dann könnt ihr euch die Aufgabe teilen. Was hältst du davon?“ Die süffisante Herablassung, die in seinem Tonfall lag, war es, die das Fass zum Überlaufen brachte.
„Ich kündige!“, klatschte Anni die Worte in den Raum. Jetzt hatte sie seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Das Blut pulsierte in ihren Ohren und sie konnte selbst kaum glauben, was sie da gerade gesagt hatte. Sie wollte schon zurückrudern, wer kündigte denn einfach aus heiterem Himmel? Doch sie spürte, dass es richtig war und es kein Zurück mehr für sie gab. Deshalb wiederholte sie gefasster und so ruhig sie konnte:
„Ich kündige, mit sofortiger Wirkung.“ Sie beobachtete, wie sich die Worte bei ihrem Chef verfingen und allmählich in seinen Gehirnwindungen ankamen, langsam aber sicher wich die Farbe aus seinem Gesicht und die Ader an seiner Schläfe begann zu pochen. Anni kannte diesen Anblick bereits. So sah er immer aus, wenn ihn die Geduld verließ und er kurz vor dem Explodieren war. Deshalb kam sie ihm direkt zuvor.
„Und bevor du etwas sagst, ich finde die neue Kampagne abartig und abstoßend. Ich schäme mich dafür, mich daran beteiligt zu haben. Deshalb ist es sicher auch in deinem Sinne, wenn du jemanden damit betraust, der sich eher damit identifizieren kann. In diesem Sinne gehe ich jetzt gleich ins Personalbüro und rede mit Nicole. Ich habe noch meinen kompletten Resturlaub vom letzten Jahr. Den muss ich ohnehin nehmen.“
Sie wollte gerade auf dem Absatz kehrtmachen, da zischelte er ihr nach: „Du findest keine Agentur, weder in Berlin, noch in München, Frankfurt oder sonst wo, die dich einstellen wird, Anni. Dafür sorge ich.“
Anni blieb kurz stehen, dann erwiderte sie: „Ich habe nicht weniger als das von dir erwartet, Falk.“ Woher sie den Mut nahm, wusste sie nicht, doch mit dem letzten Rest an Energie schlug sie seine Tür so lautstark zu, dass das Milchglas nur so schepperte.
Die nächsten 20 Minuten vergingen wie im Wahn. Anni stand vollkommen neben sich, sie fühlte sich fiebrig und funktionierte nur noch auf Autopilot. Wie sie es angekündigt hatte, war sie zur Personalchefin gegangen und hatte diese da­rüber informiert, dass sie soeben fristlos gekündigt hatte.
„Du machst doch Witze, oder? Ist das deine Version eines Aprilscherzes?“, hatte Nicole mit Blick auf das heutige Datum gefragt, ihr dann aber ohne Umschweife die Papiere fertig gemacht und ausgehändigt. Anni unterschrieb ohne jegliche Gefühlsregung. Anschließend holte sie ihre Jacke und ihre Tasche aus ihrem Büro, ließ den Schlüsselchip auf dem Schreibtisch liegen und verließ ohne Abschied das Gebäude.
Erst als sie draußen stand und ihr der nasskalte Aprilwind das Gesicht abkühlte, kehrte sie langsam wieder in die Realität zurück und ihr wurde bewusst, was sie da gerade getan hatte. Sie hatte gekündigt, sie hatte einfach so ihren Job aufgegeben, fristlos, so wie ihr Kollege Marti es erst wenige Tage zuvor getan hatte. Hatte sie sich nicht erst gestern über ihn gewundert und mit völligem Unverständnis darauf reagiert? Was war nur in sie gefahren? Solch ein Verhalten passte nicht zu ihr. Auch wenn ihr Leben klein und bedeutungslos war, es verlief in geregelten Bahnen. Sie hatte ihre täglichen Abläufe und Routinen und, was am wichtigsten war, sie wusste immer, was morgen sein würde. Ein Umstand, der ihr seit jeher sehr wichtig gewesen war. Doch was würde jetzt kommen? Was war denn nun morgen? Der leichte Panikkloß in ihrem Hals schnürte ihr die Kehle zu. Ganz ruhig, bleib jetzt ganz ruhig. Es gibt dafür einen Plan. Jeden Tag kündigen zahllose Menschen ihre Jobs, es gibt dafür einen Plan. Da ihr dieser aber auf die Schnelle nicht einfallen wollte, schlug sie zunächst die einzige Richtung ein, die ihr in den Sinn kam – nach Hause.
In der WG angekommen, konnte sie schon wieder etwas ruhiger atmen. Dette musste bei einem Seminar oder einer Vorlesung sein, die Wohnung lag dunkel und verlassen da. Anni konnte gar nicht sagen, ob sie das gut fand oder ob es ihr lieber gewesen wäre, sich jetzt mit jemandem auszutauschen. Unruhig tigerte sie vom Wohnzimmer in die Küche, dann in ihr Schlafzimmer und wieder zurück. „Was nun? Was nun?“, fragte sie sich ununterbrochen. Anni hasste es, wenn sie keinen Plan in der Hinterhand hatte. Noch während sie darüber nachdachte, wurde ihr bewusst, dass es noch nie einen Tag in ihrem Leben gab, an dem sie keine Pläne hatte. Ganz im Gegenteil, sie war das Mädchen mit den Listen. Sie wusste zu jedem Zeitpunkt, was ihre nächsten Schritte sein würden. Also setzte sie sich an den Küchentisch und versuchte, die Situation möglichst pragmatisch anzugehen. Was sind meine Optionen? Sie nahm sich einen Stift und einen Zettel von der Küchenzeile und notierte darauf in großen Buchstaben: Meine Möglichkeiten
Dann überlegte sie. Ich muss wohl zum Arbeitsamt gehen und mich arbeitslos melden. Sie schrieb das Wort Arbeitsamt auf das Blatt Papier. Hieß das heute überhaupt noch so? Sie wusste es nicht, denn sie hatte sich noch nie in ihrem Leben damit auseinandersetzen müssen. Ich könnte auch einige der anderen Werbeagenturen anrufen und horchen, ob nicht eine davon eine fähige Texterin sucht, überlegte sie. Schließlich war es vollkommen legitim, sich nach einer gewissen Zeit beruflich auch mal umzuorientieren und Anni hatte ziemlich gute Kontakte in die Branche. Doch schon allein der Gedanke ließ den Kloß im Hals wieder anschwellen. Nein, das wäre vom Regen in die Traufe und das wollte sie wirklich nicht. Sie strich die Worte Meine Möglichkeiten durch und notierte stattdessen: Meine Wünsche
Vielleicht ist das der bessere Ansatz. Was wünsche ich mir? Doch darauf wollte ihr erst recht nichts einfallen. Sie strich die Worte abermals durch und schrieb dafür die Frage: Was brauche ich?
„Einen Drink!“, antwortete sie in die einsame Küche hinein. „Ich weiß, was ich jetzt will“, sagte sie mit einer wilden Entschlossenheit und verließ schlagartig die Küche. Sie kramte eine Weile in ihrem Kleiderschrank, bis sie das Objekt ihrer Begierde gefunden hatte – einen schon etwas in die Jahre gekommenen, dunkelblauen Seesack. Als Studentin ist sie damit quer durch Europa gereist und sie war sich sicher, dass er auch jetzt seinen Zweck erfüllen würde. Mit schnellen Handgriffen stopfte sie Socken und Unterwäsche, einige Shirts, ein Kleid, Schuhe und mehrere Hosen hinein. Im Bad fand sie alles, was sie für ihre tägliche Pflege brauchte, dann war sie auch schon fertig. Sie warf sich noch schnell eine lange Strickjacke über die Schulter und schlüpfte in ihre bequemen Turnschuhe. Dette würde sie nach ihrer Ankunft benachrichtigen. Jetzt musste sie erst einmal zum Hauptbahnhof.
„Großartig, ganz großartig“, murmelte Anni vor sich hin und schüttelte resigniert den Kopf. Seit geschlagenen zwölf Minuten starrte sie nun schon auf die riesige Anzeige mit den Abfahrtszeiten. Menschen mit Koffern und Aktentaschen rauschten an ihr vorbei, doch sie stand mit unbewegter Miene da. Ihr Plan hatte einen entscheidenden Haken. Sie wusste schlicht und ergreifend nicht, wo genau sich ihr Ziel befand. Die Handtasche, die sie achtlos zu ihren anderen Sachen in den Seesack gestopft hatte, lag nun völlig zerrupft vor ihren Füßen. Anni war sich sicher, in ihren Untiefen eine Visitenkarte aufbewahrt zu haben. Sie hatte es noch genau vor Augen, wie sie damals die kleine, rote Karte mit dem großen Weinflaschenlogo vom Veranstaltungstisch genommen, kurz betrachtet und dann eingesteckt hatte. Doch auch nach der vierten akribischen Suchaktion blieb sie heute verschwunden.
„Oskar!“, fiel es ihr plötzlich wieder ein. Sie griff zu ihrem Handy und sprach schnell eine Nachricht:

Hey Oz, erinnerst du dich noch an die Weinverkostung, die wir zur Weihnachtsfeier besucht hatten? Ich habe mich gefragt, ob du dich vielleicht noch an die Dame erinnern kannst, die die Veranstaltung geleitet hatte. Woher kam die doch gleich?

Sie steckte das Handy zurück in ihre Tasche und holte es keine fünf Sekunden später wieder hervor. Er hatte noch nicht geantwortet. Anni biss sich auf die Unterlippe und tippte nervös von einem Fuß auf den anderen. Es stresste sie, keinen Plan zu haben und langsam ließ auch der Adrenalinkick nach, der sie seit dem Moment am Küchentisch durchströmt hatte. Sie versuchte noch einmal die Visitenkarte vor ihrem inneren Auge erscheinen zu lassen. Sie war rot und oben in der linken Ecke war das Logo. Auf der Vorderseite stand der Name des Geschäfts für Wein und feine Spezialitäten. Auf der Rückseite stand der Name der Inhaberin, darunter eine Adresse und eine Telefonnummer. Doch an mehr konnte sie sich nicht erinnern. So würde sie nicht weiterkommen, sie brauchte einen neuen Ansatz. Ob sie es wagen konnte, Elisa anzurufen und sie zu fragen? Sie war auch bei der Weihnachtsfeier gewesen. Doch sie verwarf die Idee wieder. Wenn sie Elisa kontaktierte, musste sie sich auch all den unangenehmen Fragen stellen, denen sie doch gerade davonlaufen wollte. In diesem Moment vibrierte es in ihrer Tasche, Oskar hatte geantwortet.

Hey Anni, ich weiß, welchen Abend du meinst. Man, haben wir da viel Wein getrunken. Hab dich lange nicht mehr so betrunken erlebt.

Komm zum Punkt, dachte Anni ungeduldig.

Wie die Frau hieß, die so eifrig die Gläser nachgefüllt hat, weiß ich nicht mehr. Aber sie hatte erzählt, dass sie einen Feinkostladen oder einen Weinladen irgendwo im Leipziger Neuseenland hat. Wieso fragst du?

Leipziger Neuseenland, schoss es Anni durch den Kopf. Eine kleine Frau Mitte 40, die einen rotbraun geflochtenen Zopf getragen und neben den vielen Weingütern auch vom Leipziger Neuseenland erzählt hatte. Von den glasklaren Seen, die aus den alten Tagebauwerken entstanden und jetzt ein Naherholungsgebiet geworden waren, Anni erinnerte sich wieder.

Bitte Oz, kannst du für mich recherchieren, wo das genau war. Ich will ins Leipziger Neuseenland und meine Internetverbindung hier ist miserabel. Willkommen im digitalen Zeitalter Berlin.

Anni fasste den Entschluss, dass es bestimmt sinnvoll wäre, erst einmal bis nach Leipzig zu fahren. Von da aus würde sie schon irgendwie weiterkommen. Im Zug hätte sie außerdem WLAN und könnte vielleicht selbst recherchieren. Sie wollte gerade zum nächsten Fahrkartenschalter gehen, da vibrierte es erneut.

Ich habe dich kaum verstanden. Wo willst du hin, nach Neuseeland? Anni, wo bist du denn? Es ist irre laut bei dir im Hintergrund.

In ihrem Kopf formierte sich so etwas wie ein Plan und auch wenn es nur ein Strohhalm war, so würde sie diesen um jeden Preis ergreifen. Außerdem würde ihre Entschlossenheit sofort weichen, wenn sie jetzt nicht handelte. Also ging sie geradewegs zum Schalter und erkundigte sich nach der nächsten Zugverbindung.
Sie hatte Glück, in 15 Minuten würde der nächste IC direkt nach Leipzig fahren.
„Wir haben noch Plätze in der ersten Klasse, möchten Sie dort sitzen?“, fragte die freundliche Dame hinter dem Schalter. Euphorisiert von der positiven Entwicklung stimmte Anni zu und kümmerte sich gleich darum, einen Platz am Fenster zu bekommen. Zufrieden und mit einem Ticket plus Fahrplan ausgestattet, machte sie sich auf den Weg zu ihrem Gleis. Der IC stand schon bereit und sie konnte direkt einsteigen.
Das läuft ja wie geschmiert, freute sie sich und hüpfte fröhlich zum Waggon der ersten Klasse. Dort war es noch ziemlich leer, sie fand ihren Platz in einer Vierersitzgruppe, momentan hatte sie den Bereich komplett für sich allein. Sie stellte den Seesack neben sich und legte ihr Ticket auf dem kleinen Tisch bereit. Dann fiel ihr Oskars Nachricht wieder ein. Was hatte er gesagt? Sie hörte die Nachricht ein zweites Mal ab:

Ich habe dich kaum verstanden. Wo willst du hin, nach Neuseeland? Anni, wo bist du denn? Es ist irre laut bei dir im Hintergrund.

Sie tippte auf die Aufnahmetaste und antwortete ihrem besten Freund:

Nicht Neuseeland, wobei das auch eine gute Idee ist. Vielleicht später. Jetzt möchte ich ins Leipziger Neuseenland. Ich bin gerade im Zug und die Fahrt geht gleich los. Kannst du mir nun mit der Adresse helfen?

In diesem Moment rollte der Zug auch schon an. Anni freute sich wie ein Honigkuchenpferdchen. Wann war sie das letzte Mal Zug gefahren? Ihre letzte Reise lag auch schon wieder Jahre zurück. Jetzt, wo sie darüber nachdachte, war die Verkostung im Winter tatsächlich eines ihrer letzten Highlights gewesen. Sie stand unter dem Motto Andalusien und sie hatten an diesem Abend fünf Weine aus dieser Region verkostet, einen Weißwein, einen Rosé und drei ziemlich schwere Rotweine. Sie hatten allesamt vorzüglich geschmeckt. Dazu wurden Spezialitäten und Tapas aus der Region gereicht. Anni war schnell mit der Fachfrau ins Gespräch gekommen, sie hatten sich auf Anhieb blendend verstanden. Ihr derber Humor und die irgendwie vorlaute Art wollten zunächst so gar nicht zu dem feinen Handwerk einer Sommelière passen, doch Anni hatte das sofort imponiert. Es hatte etwas sehr Ehrliches und Authentisches. Man merkte ihr einfach an, dass sie das, was sie da tat, wirklich gerne machte und sie war verdammt gut darin gewesen. So gut, dass ihr Ruf ihr vorausgeeilt war und Falk alles daran gesetzt hatte, sie für den Verkostungsabend zu bekommen. Schließlich war es ja nicht so, dass es in Berlin keine guten Sommeliers gab. Doch ihre Veranstaltungen, die eigentlich immer in ihrem Laden stattfanden, genossen eine derart gute Reputation, dass sie in einem Artikel der Hochglanzmagazine vorgestellt wurde, die in der Agentur auslagen. So kam es, dass eine Sommelière extra mit Sack und Pack nach Berlin gereist kam, um dort mit den verwöhnten Angestellten einer Werbeagentur eine Weinverkostung zu veranstalten. Anni war eine der letzten Gäste gewesen und sie hatte sich am Ende noch das Versprechen abnehmen lassen, unbedingt bei ihr vorbeizukommen, sollte sie jemals in die Gegend kommen und Lust auf einen wirklich guten Drink haben. Anni hatte jetzt große Lust auf einen wirklich guten Drink.
Keine zwei Stunden später fuhr der Zug in den riesigen Kopfbahnhof in Leipzig ein. Die letzten Stunden waren alles andere als wohltuend und reiselustig gewesen. Nachdem Oskar nicht locker lassen wollte, hatte sie ihm von der Hauruckaktion mit der Kündigung erzählt. Er hatte genauso reagiert, wie sie es erwartet hatte. In dieser Hinsicht war Oskar bemerkenswert vorhersehbar und absolut keine Hilfe. Sein pragmatisches Wesen, welches ihr sonst so gut gefiel, weil es ihr schon oft geholfen hatte, Ordnung in ihren Kopf zu bekommen, konfrontierte sie mit lästigen Fragen, die sie weder beantworten konnte, noch wollte. Auch Oskar liebte es, einen genauen Plan zu haben und ähnlich wie Anni selbst, versetzte es auch ihn in Angst und Schrecken, wenn man von diesem Plan abwich. Erst nach einer Stunde konnten sie sich zumindest darauf einigen, dass Anni in moralischer Hinsicht richtig gehandelt hatte. Alle anderen quälenden Themen, wie finanzielle Sicherheit und andere Zukunftsfragen, ließen sie vorerst unter den Tisch fallen. Dennoch empfand Anni nun wieder diesen unangenehmen Kloß im Hals und die Leichtigkeit, mit der sie in den Zug gestiegen war, verpuffte. Das zumindest schien auch Oskar zu spüren und um sie wieder aufzumuntern, gab er sich bei seiner Recherche besonders viel Mühe. In und um Leipzig gab es tatsächlich mehrere Weinhandlungen und Feinkostläden. Doch nur ein einziges davon wurde von einer Frau geführt, Cornelia Lindner. Bingo, sie hatten einen Namen und eine Adresse. Der Ort, an den sich Anni auch ohne die fünf Gläser Wein nie und nimmer hätte erinnern können, hieß Markranstädt, ein 17.000-Seelenort westlich von Leipzig direkt am Kulkwitzer See.
Hervorragend, das Puzzle ergab so langsam Sinn. Jetzt musste sie nur noch vom Leipziger Hauptbahnhof nach Markranstädt kommen. Bevor sie sich wieder lange vor die Anzeige­tafel stellte, suchte sie lieber gleich einen Ticket-Automaten, der ihr auch die nächste Verbindung zeigen würde. Tatsächlich schienen mehrere Wege nach Rom zu führen. Sie konnte entweder mit der Straßenbahn bis an den Leipziger Stadtrand und von dort aus mit dem Bus fahren oder aber direkt in den nächsten Zug hier am Bahnhof steigen. Im Stundentakt gab es einen Zug, der sie in wenigen Minuten ans Ziel bringen würde. In Anbetracht der ohnehin schon vorangeschrittenen Zeit entschied sich Anni für die zweite, weitaus unkompliziertere Variante. Sie zog das Ticket und merkte sich ihr nächstes Gleis. Dann nahm sie die Rolltreppe und fand sich in einem riesigen Komplex aus Bahnhof, Shoppingmeile und Fresstempel wieder. Seit ihrer Kindheit war Anni nicht mehr in Leipzig gewesen und ob sie damals den Bahnhof gesehen hatte, wusste sie beim besten Willen nicht mehr. Bestimmt wäre ihr ein derart imposantes Gebäude im Gedächtnis geblieben. Sie schlenderte eine Weile an der Ladenzeile entlang und konnte sich kaum für eine der Köstlichkeiten entscheiden. Allein die Gerüche, die ihr hier und dort entgegenschlugen, ließen ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Am Ende war es einer der Asia-Imbisse, der sie restlos überzeugte. Sie bestellte sich eine Box mit gebratenem Reis und Gemüse in einer Erdnusssoße zum Mitnehmen und aß bereits beim Gehen die Hälfte der Pappschachtel leer. Das Erdnussaroma breitete sich in ihrem Mund aus und das scharf gewürzte Gemüse wärmte sie sofort von innen. Sie war noch nicht am Gleis angekommen, da hatte sie die Portion bereits restlos aufgegessen. Wehmütig klaubte sie die letzten Reiskörner zusammen, sie hatte immer noch Hunger. Doch jetzt musste das erst einmal warten, ihre Bahn war soeben eingefahren. Da sie nicht lange unterwegs sein würde und schon im letzten Zug lange gesessen hatte, stieg sie ein und blieb an der Zugtür stehen. Den Seesack stellte sie sich locker zwischen die Beine, dann ging es auch schon los. Sie passierten einige Leipziger Haltestellen, die ihr allesamt nichts sagten und auch nichts boten, was ihre Aufmerksamkeit hätte erregen können. Einzig der wolkenlose Himmel und das farbenfrohe Panorama aus Lila und Pink ließen ein Lächeln über ihr Gesicht huschen. Viel zu lange schon hatte sie nur das Grau des Winters mit seinem trüben Wetter vor Augen gehabt. Doch hier sah es so aus, als hätten Kinder zu den Farben gegriffen und einmal mit mutigen Strichen quer über den Horizont gemalt. April, April, macht, was er will. Heute war eben doch alles anders.

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