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Barbara Piotrowski
Gestrandet in Cusey


Taschenbuch April 2019
135 Seiten | ca. 13,0 x 19,5 cm
ISBN: 978-3-96014-581-3


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Es ist eine eigene Welt: abgeschieden, verträumt und voller Abenteuer.

Barbara Piotrowski erzählt humorvoll und kurzweilig vom Reisen auf eigenem Kiel auf den Flüssen und Kanälen in Frankreich, von Traumlandschaften wie dem Burgund oder der Champagne, von malerischen Dörfern, vielen Schleusen und Begegnungen mit Wasserwanderern aus aller Welt.
Die lang erträumte Reise ans Mittelmeer wird zur Metapher für Freiheit wie auch der Überwindung eigener Ängste.
Das Kettenmonster
Eines Tages stehen wir auf dem Canal de Saint-Quentin vor dem längsten befahrbaren Schiffstunnel der Welt. Dass man mit einem Boot auch unter der Erde hindurch fahren kann, wundert uns zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Schon auf unserer ersten Frankreich-Reise überraschte uns das neue Wasserwanderland kurz hinter der Grenze in Givet mit einem fünfhundertfünfundsechzig Meter langen Abenteuer in die unbeleuchtete Schwärze des Tunnels von Ham. Und aus dem Wasserwanderland wurde in unserem Sprachgebrauch schnell das Wasserwunderland. Dieses Mal aber ist alles ganz anders, denn der fünftausendsechshundertundsiebzig Meter lange Grand Souterrain de Riqueval darf nicht mit eigener Motorkraft befahren werden, hier wird geschleppt: Pénichen genauso wie die Bateaux de plaisance, die Freizeitboote.
Ein helles Klirren kündigt die Ankunft des Toueur, des Schleppschiffs an. Langsam rollt sich die schwere, im Kanalboden verankerte Kette über eine elektrisch betriebene Rolle hoch. Sie wird über die gesamte Länge des Schiffs weitergeführt und am Heck wieder hinuntergelassen. Mittschiffs ist der Elektromotor untergebracht und eine Überdachung für die Schiffsführer. Aus vielen Stellen seiner beiden Stoßleisten unterhalb der Reling wachsen Grasbüschel heraus und der einst weißgestrichene Rumpf mit seinen vielen schmalen Fenstern an beiden Seiten changiert heute eher in rostigem Braun und moosigem Grün. Und das soll das „Kettenmonster“ sein?, wundere ich mich. Es sieht so harmlos aus, aber in Bootsfahrerkreisen wird davon nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert. Wir schließen auf, und ein Boot nach dem anderen wird von der Dunkelheit verschluckt – in eine fast andächtige Stille hinein, die nur von dem gleichmäßigen Rattern der Kette vorne und dem hellen Klingen der von der Tunneldecke herunterfallenden Tropfen unterbrochen wird. Sind alle anderen auch so ergriffen wie ich? Genug Aufregung hatten wir ja bereits gehabt.
Schon früh wurden wir vom lautstarken Treiben unserer Mitfahrer draußen geweckt. Der Holländer vom Plattbodenschiff schilderte aufgeregt, wie er bereits um sechs Uhr ein im Kanal schwimmendes Reh gerettet habe, das die steile Uferböschung nicht mehr aus eigener Kraft bezwingen konnte. Aufgrund dieser Heldentat und der Tatsache, dass sich noch kein Mitarbeiter der VNF, der staatlichen Wasserstraßenverwaltung Frankreichs, blicken ließ, er jedoch den Tunnel schon einmal befahren hatte, ernannte er sich kurzerhand zum Anführer unserer acht Boote umfassenden Tunnelfahrergruppe. Zunächst einmal sollten sich die Boote sortieren, das längste und schwerste nach vorne, das kürzeste und leichteste, also wir, an den Schluss. Dann mussten sich alle mit zwei je dreißig Meter langen Leinen über Kreuz miteinander verbinden. Lange stritten sich zwei Schweizer um den zweiten Platz, der erste gebührte zweifellos unserem Anführer mit seinem vierundzwanzig Meter langen Plattbodenschiff. Aber auch über die Hängung der Boote aneinander gab es viel zu diskutieren, obwohl es inzwischen vom Himmel schüttete. Endlich erschienen zwei Männer vom VNF, die jedoch nur unsere Fernbedienungen einsammelten und zum Aufbruch mahnten.
Das helle Loch hinter uns schließt sich allmählich. Zwei Stunden wird die Fahrt durch den düsteren Tunnel dauern. Nur ab und an wird er von einer funzeligen Deckenlampe erhellt und selbst unser weißes Topplicht reicht nicht aus, um den Schlepper mit dem holländischen Plattbodenschiff und den beiden großen Yachten ganz vorne erkennen zu können. Schemenhaft bleibt auch das Mittelfeld unseres Schlepps, ich kann lediglich unsere beiden Vorfahrer sehen. Plötzlich ertönt von vorne ein Schrei, gefolgt von erschrocken klingendem Weh und Ach, das durch den Hall im Tunnel vielstimmig verstärkt wird und auf allen Booten nervöse Unruhe erzeugt. Auch ich laufe hinaus in die tropfende Dunkelheit, prüfe die Abstände zu beiden Tunnelseiten und nach oben. Unsere Leinen sind straff gespannt, alles ist in Ordnung. Mein Kapitän fährt einen ruhigen Kurs, genau wie vor uns die Australier auf ihrem Segler. Es wird wieder ruhiger, allerdings gesellt sich zum Rattern der Kette und dem hellen Klingen der Wassertropfen ein regelmäßiges dunkles Klopfen, das schon nach wenigen Minuten aus dem Takt kommt und neues Jammern und Stöhnen produziert. Jetzt werden die über kräftige Scheinwerfer verfügenden Yacht-Eigner aktiv, die ebenfalls wissen wollen, was weiter vorne geschieht. Im Licht der Scheinwerfer erkenne ich lange, nach Bootshaken aussehende Stangen, die darauf hindeuten, dass der eine oder andere Persenning-Aufbau vor der sich rundenden Tunneldecke geschützt werden muss. Wahrscheinlich haben sich die Eigner mit der Tunnelhöhe verschätzt und zu wenig abgebaut. Jetzt stoßen sie sich hektisch mit ihren Bootshaken von der Wand ab, mal nach rechts, mal nach links, so stark, dass sich der mittlere Schlepp stetig von der einen zur anderen Seite bewegt. Ein Wunder, dass wir am Ende immer noch gerade fahren können. Kaum bin ich wieder bei meinem Kapitän unter Deck knallt es donnernd durch den Tunnel, es kracht und scheppert. Schrilles Kreischen wächst zu einer wehklagenden Welle, die mich sofort wieder hinausstürzen lässt. Etwas großes, dunkles Unförmiges schwimmt knapp an unserem „Jonas“ vorbei ins nasse Schwarz hinter uns. Das Kettenmonster hat zugeschlagen.
Während die beiden Havaristen draußen anlegen und Haare raufend eine halb abgerissene Persenning, abgeknicktes Gestänge und eingebeulte Relingstangen begutachten, nimmt die Fahrt für uns ein gutes Ende. Beim Abkoppeln vom Schlepp scheint mir das inzwischen ruhig am Ufer liegende Kettenmonster aus seinem halbblinden Bullauge zuzuzwinkern. „Danke“, flüstere ich leise und winke ihm zu. Es hat auch Vorteile, ein kleines Boot zu haben.

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