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Thoralf Probst
Gekämpft wurde immer
Erlebnisse und Anekdoten aus der

Softcover Dezember 2018
130 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-96014-529-5


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Die etwas jüngeren Leser werden sich fragen, ob das damals in der DDR wirklich so war. Sie werden eintauchen in eine Welt, in welcher man beängstigende, skurrile und lustige Erlebnisse haben konnte. Ganz sicher werden sie aber nach der Lektüre ein wenig besser mitreden können.

Die Älteren werden sich erinnern. Oft wird die Erinnerung wohl ein Schmunzeln und ein Kopfschütteln begleiten. So, oder so ähnlich, war es damals. Tatsache.

Eines wird, so hoffe und glaube ich, aber alle Leser einigen. Sie werden sich gut unterhalten fühlen.
Brünn

Brünn ist wie Mekka, oder sagen wir lieber Brünn war wie Mekka. Zumindest galt diese Aussage für die Motorradsportfans aus der DDR. In der tschechischen Metropole, die in der Landessprache Brno heißt, trafen sich alljährlich im August tausende Menschen aus der ganzen Welt, um die Rennen zur Motorrad WM zu sehen und kräftig zu feiern. Für uns „Zonies“ war es wie ein kleines Tor zur großen Welt. Im Wesentlichen ging es aber darum, den Tschechen ihr gutes Bier wegzutrinken und mit ein wenig Glück bei den Siegerehrungen die „richtige“ Hymne zu hören. Beides gelang meinem Kumpel Kirsching und mir zu Beginn der achtziger Jahre.

Nach ein paar spannenden und bierseligen Tagen an der Rennstrecke traten wir an einem Sonntagnachmittag die Heimreise, um welche es im Folgenden gehen soll, an. Mit hunderten anderen vorwiegend ostdeutschen Fans belagerten wir bei sengender Hitze einen Bahnsteig des Brünner Hauptbahnhofes. Auf den nächsten D-Zug wartend, tranken wir noch das eine oder andere lauwarme Bier und langweilten uns. Tschechische Polizisten patrouillierten auf dem Bahnsteig auf und ab. Sie trugen
blaugraue Uniformen. Ihrem Gesichtsausdruck nach hatten sie wohl alle einen schlechten Tag erwischt. Kirsching raunte mir zu:
„Auf die musst du aufpassen. Bei denen sitzt der Gummiknüppel locker.“

Ich hatte derlei Vorkommnisse noch nie erlebt und konnte mir auch nicht vorstellen, dass hier solche Dinger zum Einsatz kommen könnten. Nur Minuten später wurde ich eines Besseren belehrt.
Bevor der dunkelgrüne Reichsbahnzug einfahren sollte, hörte man über die Bahnhofslautsprecher ziemlich eindeutige und unmissverständliche Durchsagen in deutscher Sprache.
„Der Zug hat Überlänge. Bitte verlassen Sie aber nicht den Bahnsteig.
Überschreiten Sie nicht die weißen Markierungen.“
Das Ganze wurde mehrfach wiederholt. Langsam aber sicher machte sich Unruhe breit, die sich beim Einrollen des Zuges zur Hektik steigerte. Die Massen erkannten, dass es wohl schwer möglich sein würde für alle im Zug Platz, geschweige denn einen Sitzplatz zu finden. Sobald die Waggons zum Stillstand kamen, brach ein regelrechter Sturm los. Etliche Menschen, welche die Durchsagen sicher nicht beachtet hatten, sahen nun auch, dass der Zug noch zwei oder drei Wagenlängen über das Bahnsteigende herausragte. Manche von denen glaubten, cleverer zu sein als die tschechische Polizei. Sie verließen den Bahnsteig und rannten über die Gleise in Richtung der letzten Wagen. Die Ordnungshüter schienen darauf nur gewartet zu haben. Von einem plötzlichen Diensteifer gepackt, griffen sie zu Trillerpfeife und Schlagstock, genau wie mein Kumpel es angekündigt hatte. Jetzt gab es regelrechte Jagdszenen zu sehen. Die Tschechen waren gnadenlos. Auch auf die Drängler und Fensterkletterer am Zug wurde eingedroschen. Undiszipliniertheit auf der einen und Brutalität auf der anderen Seite sorgten dafür, dass es auf dem Brünner Bahnhof hoch her ging. Kirsching und ich blieben auf unserer Bank sitzen. Unser Mitleid hielt sich in Grenzen. Das lag wohl auch daran, dass wir offenbar als einzige in der Lage waren, eine Fahrplantabelle richtig zu lesen. Nicht einmal eine halbe Stunde nach diesem, stand ein weiterer Zug Richtung Berlin auf dem Tableau. Warum wollten alle unbedingt in den ersten Zug? Ein Rätsel. So saßen wir also da, genossen die Aussicht und öffneten das nächste Staropramen. Als der Schnellzug abfuhr und die Polizisten abgerückt waren, befand sich außer uns tatsächlich keine
Menschenseele mehr auf dem Bahnsteig.
Nur wenig später stand tatsächlich wieder ein – dieses Mal blau lackierter – Zug der ČSSR Staatsbahn vor uns. Mit einem gewissen Überlegenheitsgefühl stiegen wir ein und machten es uns in einem Sechser-Abteil bequem. Der Zug war nicht einmal annähernd zur Hälfte gefüllt. Die in den Waggons und an den Abteiltüren angebrachten Beschriftungen bestanden ausschließlich aus tschechischen Texten, welche wir nicht deuten konnten.
Dann kam das „Unheil“ in Form eines zunächst recht freundlichen Schaffners. „Vstupenka prosím! Fahrkarten bitte!“, hieß es im unverkennbaren Karel-Gott-Akzent. Wir reichten unsere Tickets herüber. Der Kontrolleur nahm sie an sich. Während er die Papiere studierte verfinsterte sich seine Miene zusehends. „Misto karty?“

„Wie bitte?“
Nun wurde seine Stimme schon etwas energischer.
„Misto karty povinné! Deset Mark, nebo sto korun!“
Jetzt hörte sich der tschechische Akzent schon nicht mehr so freundlich an. Kirsching sagte mir, dass wir wohl im platzkartenpflichtigen Teil des Zuges wären. Er griff zur rechten Gesäßtasche, in welcher damals fast jeder Mann sein Portemonnaie nebst Kamm trug.
„Lass uns dem die zweihundert Kronen geben und gut.“
Ich blieb aber störrisch. Wort- und gestenreich erklärte ich dem Schaffner und einem inzwischen hinzugekommenen Bahnpolizisten, dass wir ja nicht wissen konnten, dass es sich hier um ein Platzkartenabteil handeln würde.
„Leute, der Zug ist doch ohnehin fast leer. Wir gehen einen Wagen weiter vor. Da ist nix Platzkarte. Wir räumen zusammen, gehen vor und alles ist gut.“
„Alles dobry?“, fügte ich fragend hinzu. Der Kontrolleur und der Polizist
wechselten ein paar Worte. Dann hieß es noch einmal mit schnarrendem Akzent: „Platzkarte. Einhundert Kronen oder 10 Mark.“
Völlig unerwartet zog nun der Polizist seinen Gummiknüppel hervor und legte ihn mir mit ausgestreckter Hand direkt auf meine Stirn. Ich war einigermaßen schockiert. Es fühlte sich kühl an. Kühl war auch der Klang seiner Stimme:
„Zahlen . . . oder . . .“
Im selben Augenblick holte er aus . . . Ich rief:
„Zahlen.“
Das war noch einmal gut gegangen. Kirsching, der von Anfang an bezahlen wollte, schimpfte mich zu Recht aus.
„Mann, mit denen kannst du nicht verhandeln. Glaub mir und meiner
Erfahrung.“
Nun war ich also auch mal wieder um eine solche reicher. Doch das sollte es für heute noch nicht gewesen sein. Bald schon ging das Erfahrung-Sammeln weiter.

(leicht gekürzt)



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