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Günter Ostermai
Frontbewährung


Taschenbuch November 2013
206 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-86468-547-7


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Das ist der Erlebnisbericht eines Achtzehnjährigen, der wie alle jungen Männer seiner Generation in einen erbarmungslosen Krieg hineingezogen wurde, den er nicht gewollt hatte. Irregeleitet und festgebunden in einem menschenverachtenden totalitären System, dem er nicht entweichen konnte, mußte er sich den Widerwärtigkeiten fügen.
Oft war er bedrückenden seelischen und mehrfach lebensbedrohenden Situationen ausgesetzt. Schließlich ging es nur noch darum zu überleben. Glücklichen Umständen war es zu verdanken, daß er diese schrecklichen Jahre körperlich unversehrt überstand. Aber es waren für ihn bittere, verlorene Jahre seiner Jugendzeit.
Erst im Kriegsgefangenenlager lernte er einen Sozialdemokraten kennen, der ihn über Hitlers Wahnideen aufklärte. So politisch geläutert konnte er nun einer friedvollen Zukunft entgegensehen
[…] Der Major empfing mich. Er saß vor einem alten Tisch, auf dem Akten und Briefe verstreut lagen. Er war nicht mehr jung, so etwa Ende Vierzig schätzte ich. In seine eingefallenen Gesichtszüge hatten sich schon tiefe Falten eingegraben. Seine grauen Augen blickten mich freundlich an.
„Guten Abend - wie geht es Ihnen?“
Ich konnte nicht klagen, nur das plötzliche Wecken, ...
Der Major hatte Verständnis.
„Tut mir leid, aber ich muß mit Ihnen sprechen! - Möchten Sie ein Glas Wasser?“
Ich hatte keinen Durst, ich war müde. Was wollte er von mir, jetzt – zu dieser Stunde?
Dann fing er an, erzählte Belangloses, stellte zwischendurch persönliche Fragen, meine Familie, meinen Beruf betreffend. Das hatte er wohl in der Ausbildung gelernt. Mir war längst bewußt geworden, daß er zum Kader der politischen Offiziere gehörte.
Immer wieder wollte er von mir hören, daß es mir gut gehe und hier gefiele. Dann wechselte er plötzlich das Thema und kam auf die militärische Situation zu sprechen. Die deutschen Truppen im Raume Sandomirz seien eingekesselt und gingen ihrer Vernichtung entgegen.
Ich lachte, lachte laut. Das konnte er mir nicht weismachen, das war wieder so ein Bär, den er mir aufbinden wollte.
„Sehen Sie“, fuhr er fort, „wenn sich die deutschen Truppen nicht ergeben, wird es sehr viel Blutvergießen geben. Aber Sie könnten es verhindern.“
Er lehnte sich vor und deutete mit dem Bleistift auf mich.
Ungläubiges Staunen meinerseits.
„Wir bitten Sie, zu den deutschen Linien zu gehen und den Soldaten zu sagen, daß Widerstand sinnlos sei, und daß sie sich ergeben sollten.“
Jetzt war es heraus. Das also war mein Auftrag.
„Wenn Sie wieder bei uns sind“, fügte er hinzu, „bekommen Sie bessere Verpflegung, werden, sobald die Rote Armee Berlin besetzt hat, entlassen und können in Ihrem Beruf weiterarbeiten.“
Das war zu viel.
„Die Rote Armee Berlin besetzen? - Niemals! Das wird nie geschehen!“
Ich wußte nicht, ob ich wegen dieser anmaßenden Behauptungen lachen oder wütend sein sollte.
Der Major blieb ruhig.
„Sie werden sehen!“
Dann fragte er nach einer kleinen Pause:
„Nun, wollen Sie unseren Auftrag übernehmen?“
Da brauchte ich nicht zu überlegen.
„Nein!“ antwortete ich.
„Und warum nicht?“
„Ich bin froh, daß der Krieg für mich vorbei ist. Wenn ich zu meinen Kameraden zurückgehe, fängt alles wieder von vorne an.“
Der Major lächelte verständnisvoll:
„Aber Sie sollen doch Ihre Kameraden von der Unsinnigkeit ihres Widerstandes überzeugen und dann wieder zu uns zurückkommen.“
Ich zweifelte:
„Das ist sehr gefährlich. Ich müßte damit rechnen, als Verräter erschossen zu werden.“
Der Major zerstreute sofort meine Bedenken:
„Wir werden Sie so gut vorbereiten, daß Sie das nicht zu fürchten brauchen.“
„Aber die sowjetischen Soldaten! Wenn sie mich in der deutschen Uniform sehen, werden sie auf mich schießen.“
Der Major lächelte wieder. Er merkte, wie schwach meine Argumente wurden.
„Auch das haben wir bedacht. Der Frontabschnitt, in dem Sie passieren, wird verständigt. Außerdem erhalten Sie ein Losungswort: ‘Russ dajuss’, das heißt: ‘ Russe, ich ergebe mich’.“
Das war sehr feinsinnig.
„Nun, was sagen Sie?“
Er sah mich erwartungsvoll an.
Mein Mund war trocken geworden.
„Könnte ich jetzt bitte ein Glas Wasser haben?“
„Natürlich!“ Er schöpfte aus einem Eimer Wasser und stellte einen Becher vor mich hin.
„Ich bitte um etwas Bedenkzeit“, sagte ich.
„Wie lange?“
„Zehn Minuten!“ Es klang eher fragend.
„Gut!“

Damit stellte er einen großen Wecker auf den Tisch. Es war einer von der Sorte, den ich in den ersten Tagen meines Einsatzes mit mir trug, als ich mich mit Gerhard Haedecke beim Wacheschieben abwechselte. Es schien, als gäbe es in ganz Polen nur diese eine Sorte von
Weckerungetümen.
Sein lautes Tick - tick und der sich schnell drehende Sekundenzeiger ermahnten mich, daß ich in den nächsten Minuten zu einem Entschluß gelangen müßte.
Die Stille, die mich umgab, wurde durch das Dunkel des Raumes und die Nähe des wartenden Majors verstärkt.
Da hinein hämmerte das Tick - tick - tick - tick des Weckers.
Wie sollte ich mich entscheiden? Ich würde zu gern den Auftrag annehmen, da es die einzige, da es die einmalige Gelegenheit wäre, zu meinen Kameraden zurückzukommen. Was wäre das für ein Glücksumstand, auf diese Weise aus der gefürchteten russischen Gefangenschaft herauszukommen. Die Russen würden mich ungehindert passieren lassen. Das hatte der Major versprochen, daran zweifelte ich auch nicht. Das Risiko bestand in meinen eigenen Leuten. Wenn wir uns den deutschen Linien näherten, wie würden sie reagieren? Würden sie uns als Rückkehrer, als Deutsche erkennen, oder würden sie in uns getarnte Sowjets vermuten und uns erschießen? Es war sehr riskant angesichts der unsicheren Frontlage.
Es gab noch etwas anderes zu bedenken. Wenn ich wirklich zu den deutschen Linien käme, würde ich den russischen Auftrag auf gar keinen Fall ausführen. Ich dachte auch nicht im Entferntesten daran, wieder zum Major zurückzukehren. Wenn nun aber die militärische Lage wirklich so hoffnungslos wäre, wie sie der Major geschildert hatte, bliebe mir eine erneute Gefangenschaft nicht erspart. In diesem Falle hätte ich von den Russen sicher nichts Gutes zu erwarten.

Das war es also. Das machte den Major so sicher. Darum konnte er es sich leisten, deutsche Landser zurückzuschicken. Sie würden wiederkommen, so oder so. Ich saß also in der Falle! Unter diesen Umständen konnte ich auch gleich hier bleiben.
„Nun, was ist?“
Die Stimme des Majors beendete auf die Sekunde genau meine Überlegungen.
„Ich mache es nicht!“
Der Major zeigte sich unbeeindruckt.
„Nun gut, dann werde ich es Ihnen befehlen. Hier, unterschreiben Sie!“
Warum das ganze Theater mit der Bedenkzeit, wenn er letzten Endes doch darauf besteht, daß ich den Auftrag ausführe.
Er legte mir einen Zettel vor, auf dem drei Zeilen gedruckt standen, in russischer Sprache natürlich. In die Freiräume war ebenfalls in kyrillischer Schrift mit Tinte etwas eingetragen.
„Das kann ich nicht lesen“, wandte ich ein.
„Ich übersetze es Ihnen. Hier steht, daß Sie, der Gefreite Günter Ostermai, im Auftrag der Roten Armee versuchen werden, deutsche Soldaten zum Übertritt zu bewegen. Bis zum 24.August, morgens 8 Uhr, müssen Sie wieder zurück sein.“
Ich unterschrieb.
„Danke, Kamerad!“
Er reichte mir die Hand, als hätten wir einen wichtigen militärischen Pakt geschlossen.
„Gehen Sie jetzt wieder schlafen. Morgen besprechen wir Ihren Einsatz.“
Er rief den Wachsoldaten. […]

***

[…]Wir bezogen eine neue Stellung bei dem Örtchen Lugo. Tags zuvor waren wir die ganze Nacht marschiert, hatten uns „abgesetzt“, wie es im Wehrmachtsjargon heißt. Am Abend saßen wir im Hause des Bürgermeisters von Lugo. Hier gönnten wir uns, soweit es die spärlichen Sprachkenntnisse zuließen, ein Plauderstündchen mit den drei hübschen Töchtern des Bürgermeisters. Als wir zum Kompaniegefechtsstand zurückkamen, war inzwischen die Post angekommen. Je nach der Frontlage kam sie sehr unregelmäßig, blieb oft tagelang aus. Wir wunderten uns darüber nicht, freuten uns umso mehr, wenn wir Nachrichten von unseren Lieben erhielten. Für mich war diesmal nichts dabei. Es gab überhaupt kaum Briefpost, wohl aber eine Menge kleiner Päckchen. Einige Adressaten konnten das ihnen zugedachte Päckchen nicht mehr erhalten, - sie waren gefallen. Briefpost von Gefallenen ging mit dem Vermerk „Vermißt“ an den Absender zurück, Päckchen und Pakete jedoch wurden geöffnet und alles Eßbare aufgeteilt. So sollte es auch diesmal geschehen. Wir einigten uns, daß alle unzustellbaren Päckchen an die in vorderster Linie wachenden Kameraden verteilt werden sollten. Der Feldwebel sagte daher zu mir: „Bringen Sie das morgen irgendwann den Leuten!“ Ich wendete ein: „Die würden sich aber freuen, wenn sie heute noch etwas zum Knabbern bekämen.“ „Wollen Sie denn jetzt in der Nacht noch los? - Finden Sie sich in der Dunkelheit zurecht?“ Da hatte ich überhaupt keine Zweifel.
Es war stockdunkel, sicher Neumond, obendrein bewölkt. Das Haus, in dem sich unser Gefechtsstand befand, lag neben der Straße. Zu beiden Seiten erstreckten sich Weingärten. Die Spaliere verliefen rechtwinklig zur Straße. Wenn ich rechts abbog, müßte ich auf unsere Stellungen stoßen. Ich ließ mein Gewehr zurück, um besser tragen zu können und tappte, bepackt mit den Päckchen wie ein Weihnachtsmann, in die Dunkelheit hinein. Nach einigen hundert Metern bog ich rechts ab, an Maulbeerbäumen und Weinspalieren vorbei. Da merkte ich, daß ich auf der Straße wohl zu weit nach Süden gegangen war. Also mußte ich ein Stück zurückgehen. Ich stolperte los. Plötzlich ein Ruf: „Morgen...!“ Die Parole! Ich hatte sie vergessen. Das war’s, was ich immer befürchtet hatte. Seit einiger Zeit bestand die Parole aus zusammengesetzten Hauptwörtern. Wurde man mit einem Teil des Losungswortes angerufen, mußte man mit dem zweiten Teil ergänzend antworten. Ich überlegte. Wie hieß das verdammte Wort? Morgenstrahl? - Morgenstunde? - Morgenstern? ... ?
Ein Feuerstoß unterbrach meine vergeblichen Überlegungen. Ich warf mich sofort zu Boden. Die Päckchen wirbelten in hohem Bogen durch die Luft, aus einigen rieselten Kekse. Die Feuerstöße wiederholten sich. Ich war durch meine Unachtsamkeit vor unsere Linien geraten und wurde von unserem MG beschossen. Da detonierte auch noch eine Handgranate unweit von mir!
Ich drückte mich flach auf den Boden, krallte mich verzweifelt mit den Fingern in die harte Erde. Wie hoch ist ein Mensch, wenn er sich so flach macht? Reicht es aus, um nicht von einem Maschinengewehr durchlöchert zu werden? Ich verfluchte meinen Eifer. Hätte ich nur auf den Feldwebel gehört und morgen die Päckchen nach vorne gebracht! Der Feuerlärm hatte auch den Engländer aufgeschreckt. Eine Leuchtkugel stieg hoch. Auch das noch! Was ist das für ein schreckliches Gefühl, wenn die Nacht sich im fahlen Lichte einer Leuchtkugel erhellt. Die Sekunden, während sie schwebt, dehnen sich zu langen Ewigkeiten, und ich liege allein, schutzlos zwischen Freund und Feind wie auf dem berühmten Präsentierteller. Jetzt schossen die Engländer mit Granatwerfern. Zum Glück lagen die Einschläge zu kurz. Ich überlegte. Ich konnte ja schlecht die ganze Nacht hier liegen bleiben. Unser MG hatte aufgehört zu schießen, auch der Granatwerferbeschuß der Engländer war vorbei. Es war wieder ruhig. Ich beschloß aufzustehen. Ich glaubte, unseren MG-Stand erkannt zu haben und brüllte verzweifelt: „Jäckel - Ihr Idioten - Ich bin’s - Ostermai - hört auf zu ballern!“
Dann wagte ich mich aufzurichten, erhob mich, Zentimeter um Zentimeter, langsam, schwer, als ob mich eine Zentnerlast an den Füßen zurückhielt. Ich wankte auf unser MG-Nest zu, wälzte mich über die Brüstung, fiel in den Gefechtsstand hinein und sah in erstaunte, teils ironisch grinsende Gesichter. Jäckel, der MG-Schütze 1, sagte: „Mensch, hattest Du ein Glück, daß ich nicht am MG stand! Du wärst nicht lebend davongekommen!“
Der Schreck lähmte noch meine Bewegungen, meine Reaktionen. Ich war wütend. „Das ist der Dank! Ich hatte es gut gemeint. Nun könnt Ihr Euch da vorn Eure Päckchen selbst holen!“[…]


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