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Manfred Ende
Emma
Holt mich hier raus!

Taschenbuch Juni 2019
161 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-96014-585-1


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Emma
Holt mich hier raus!

In der DDR in den siebziger Jahren.
Weil das Leben noch so viel mehr zu bieten hat

Nur weil man sich an alles gewöhnen kann, heißt das noch lange nicht, dass man sich an alles gewöhnen muss. Eine berührende Geschichte über den Mut weiterzumachen entgegen aller Widrigkeiten.

Emma hat in ihrem langen Leben viel erlebt, viel erreicht und viel verloren. Dennoch hat sich die tapfere, alte Frau nicht aus der Bahn werfen lassen, - bis ein Moment der Unachtsamkeit alles veränderte, ihr die Tochter und ein Bein genommen hat. Als Pflegefall wird sie von ihrer Familie notgedrungener Weise in ein Heim gebracht. Umringt von fremden, ihr unbekannten Gesichtern, verliert Emma ein weites Stück ihres Lebens, verliert ihre Selbstständigkeit, ihre Freiheit, die Heimat und letztlich mehr und mehr sich selbst. Manfred Ende entdeckt in seinem zweiten Roman „Emma“ eine vollkommen neue Seite der Literatur. Während sein erstes Buch „Die Kicker von Lindchendorf“ in leichter, humoristischer Weise von eigener Jugend erzählt, erfährt Rentnerin Emma in seinem neuen Roman ein berührend, schicksalhaftes Leben. Auf eindringliche Weise beschreibt Ende die schwere Zeit der Emma im Heim, das bis an das Lebensende ihr zu Hause bleiben soll, und er schildert die Umstände jener Zeit in ehemaliger DDR, unter denen Kinder und Enkelkinder leben, deren Mutter Emma, nunmehr in einem Heim umringt von Alten, die kaum einen klaren Gedanken fassen können, denen das Alter die Gesundheit geraubt hat, und die auf ein Pflegepersonal anggewiesen sind, das gut und gern seinen Job macht und dabei doch nicht selten den »Menschen« vergisst. Emma, an den Rollstuhl gefesselt, hat keine Möglichkeit, der siechenden Welt ihres Vierbettzimmers zu entkommen. Sie, die geistig noch so Rüstige, fühlt sich in diesem Altenpflegeheim gefangen. Jeder neue Tag wird zur Qual für sie und ihre Gedanken flüchten in vergangene Zeiten. Ende hat mit seinem Roman auch eine neue Art des Schreibens für sich entdeckt. Er weiß, wie er den Leser mit dieser tragischen Geschichte fesseln kann. Vom ersten Moment an verzaubert die alte Dame mit ihren Lachfältchen den Leser, der nicht mehr von der Seite der sympathischen Rentnerin weichen möchte, die sich in der neuen Umgebung immer weiter zurückzieht und den Humor, der ihr im Grunde eigen ist, mehr und mehr verliert. Eine Mischung aus tief empfundenem Mitleid, aus Sympathie und Hoffnung auf Besserung, zieht den Leser in den Bann und lässt ein Teil der »Emma«, die in den Tiefen menschlicher Einsamkeit und Trauer zu versinken droht, auch in seiner Gedankenwelt zurück. Ein emotionales Buch über Verlust, Hoffnung, Verfall, aber auch über den Mut, trotz widrigster Umstände nicht aufzugeben.
Emma Berger wird von ihren Kindern in ein Altenpflegeheim gebracht. Nach einem Autounfall, bei dem ihre Tochter um’s Leben gekommen ist, hat man ihr ein Bein amputieren müssen.
Die Kinder glauben, dass sie sich einleben und wohlfühlen wird, die anfänglichen Eindrücke scheinen ihnen recht zu geben.
Aber sie müssen bald erkennen, dass für Emma der Aufenthalt in diesem Heim auf Dauer unerträglich ist. Hilflosigkeit, Einsamkeit und der Gedanke, bis zum Tode in einem Vierbettzimmer eingesperrt zu sein, machen Emma tief unglücklich.
Auftretende Spannungen zwischen Heiminsassen und Pflegepersonal machen zusätzlich die Situation unerträglich.
Leseprobe
1
Es ist der Tag, an dem Emma bewusst wird, sie hat ein Stück Leben verloren. Mit Wehmut blickt sie aus dem Wagenfenster, sieht die scharf abgegrenzten Wolken, weiß wie das Bettzeug auf dem Rücksitz. Sie versperren ihr die Sicht auf den blauen Himmel. Das sanfte Sausen des Windes dringt an ihr Ohr.. Walter Berger nimmt die feuchten Hände vom Lenkrad, stellt den Motor ab, atmet tief durch, als wäre er den Weg zu Fuß gegangen. Sie fahren direkt vor das schmiedeeiserne Gittertor, hinter dem das gelbe Fachwerkhaus auf den ersten Blick freundlich wirkt. Die Sonne wirft den Schatten eines alles umschließenden Zaunes auf die blumige Rasenfläche davor. Durch das frische Grün führt ein Betonweg, der vor einer breiten Haustür endet. »Wir sind da!«, ruft Walter erleichtert und mit Stolz, weil er den Weg zum Altenheim auf Anhieb gefunden hat. »Hallo, wir sind da!«, wiederholt er, als niemand antwortet. »Ich weiß, war die Hölle auf Erden, mehr Schlaglöcher als Pflastersteine, die Federn hätten brechen können, schließlich ist ein Trabant kein Panzer. »Mutter, - hast doch weich gesessen?« Hinter ihm, ganz in ein Kopfkissen gedrückt und den Fuß trotz beklemmender Hitze mit einer Wolldecke umhüllt, sitzt Emma Berger. Ihr graues Haar, dünn wie Glasfaser, glänzt im Licht. Das Leben hat ihr Sorgenfalten wie Lachfalten gleichermaßen ins Gesicht geschnitten, es sieht müde aus mit den tief liegenden Augen und der edlen, fast griechischen Nase, die fließend in die Stirn übergeht. Die zusammengepressten Lippen wirken blutleer über dem spitzen, trotzig nach vorn geschobenen Kinn, sie lehnt wie leblos im Kissen. Walter glaubt, in ihren Augen neben Hoffnung und Trauer eine stumme, kindliche Ergebenheit zu erkennen. Regina Berger streckt den Arm aus und zeigt hinter den Zaun. »Seht mal, die Blumen! Sommerastern, Studentenblumen, Vergissmeinnicht, sogar Bänke zum Ausruhen gibt es.« Emma sieht flüchtig aus dem Fenster. Sie mag Blumen, muss an ihre Töpfe auf dem Fensterbrett denken, wer wird sie gießen, wenn sie nicht daheim ist. Was sie ohne Brille erkennen kann, sind die vereinzelten Baumwipfel, die im Wind schaukeln. Regina ist nervös, hält die Arme über der Brust verschränkt und drückt ihr Kinn in den Kragen der leuchtend, weißen Bluse. Sie sieht dabei nur Walter an, der lange ihren Blick erwidert. Walter glaubt, sie frösteln zu sehen. »Mutter, wir sind doch nicht aus der Welt.« Er blickt dabei seine Frau an, als wäre sie es, die bleiben müsste. Emma sagt kein Wort und er wird ungeduldig, denn ihr Schweigen gefällt ihm nicht, macht ihn nervös, - so kennt er seine Mutter nicht, die eher zu den Gesprächigen zählt, fidel und lebhaft bis zur Geschwätzigkeit. Sie hatten alles wiederholt besprochen, vor Wochen schon in der Klinik. Hin und her hatten sie überlegt und zuletzt nur diesen Weg gefunden. Mutter zu sich nehmen in eine Zweizimmer-Wohnung, bleibt ausgeschlossen. Da sind die Kinder, die längst ihr eigenes Zimmer brauchen. Nur mit Hilfe der Gemeindeschwester haben sie den Heimplatz so schnell bekommen, ohne sie hätten sie noch lange warten müssen, mancher wartet länger, als das Leben dauert. Es sind Beziehungen, geknüpft mit maßgeblichen Leuten, die das Warten verkürzen können, das Warten auf den Tod ist beziehungslos. »Du wirst sehen, in ein paar Wochen fühlst du dich heimisch, wirst andere Menschen kennenlernen, wirst Bekanntschaften schließen und Freunde finden. Denn auf andere zugehen, fällt dir doch nicht schwer.« »Wie soll ich denn zugehen, auf einem Bein?« »Das geht wie bei Humpelstilzchen.« Im selben Augenblick wird ihm bewusst, dass er etwas Dummes gesagt hat, er beeilt sich um Wiedergutmachung. »Nicht wahr Mutter, weißt schon, wie ich es meine.« Nach einer kurzen Verhandlung mit dem Portier wird das Gittertor aufgeschlossen. Sie fahren vor eine dunkelbraun lackierte Eingangstür, die sie mit ihren Schnörkeln und Messingbeschlägen an einen Sargdeckel erinnert, der sich nun langsam öffnet. Besuchszeit: Mittwoch und Sonntag, verkünden schwarze Buchstaben auf einem Emailleschild. Ein pummeliges Mädchen im himmelblauen Schwesternkittel schiebt den hölzernen Rollwagen vor das Auto. Mit flinken Augen und breitem Lächeln spricht sie behutsam wie zu einem Kind, das sie nicht erschrecken will: »So, Omi, jetzt steigen wir langsam in den Rolli, da passiert dir nix, das geht wie geschmiert.« »Danke«, haucht Emma und wird langsam gesprächiger. Wo ihr Wäschekoffer ist, und der Plaste- Beutel mit den Tuben und Schachteln und das schwarze Handtäschchen mit den Papieren und Medikamenten. Inzwischen kümmert sich Regina um das Gepäck. Sie zieht den mit Wanderplaketten benagelten Gehstock aus dem Auto, den ihre Schwiegermutter benutzte, als sie noch laufen konnte. Damit ist sie abends durchs Dorf spaziert, ist hier und da auf ein Schwätzchen mit ehemaligen Kolleginnen stehen geblieben. Sie kennt jeden im Ort, vergisst keine Namen, keine Geburtstage. Sie kann sich an Dinge erinnern, die weit zurückliegen. Sie besitze ein besonders gutes Langzeitgedächtnis, hat Walter gesagt. Sie hätte bald mehr Speicherplatz im Kopf als der Computer auf seiner Festplatte. Festplatte, eine komische Bezeichnung für ihren Kopf. Walter und die pummelige Schwester greifen ihr unter die Arme, setzen sie vorsichtig in den Rollstuhl. Dabei können sie es nicht vermeiden, ihr Schmerzen zuzufügen, zu fleischlos ist ihr Körper, sie kann jeden Griff spüren. Es geht einen hell erleuchteten Flur entlang, vorbei an Wänden mit grün gestrichenen Raufasertapeten, an denen die Glanzfotos der Heimbewohner hängen, runzlige Gesichter, wie Birnen im späten Herbst. Walter muss an die Straße der Besten im Betrieb denken, wo er Reparatur-Schlosser ist. Auch dort ist der Weg zum Werktor mit lebensgroßen Bildern flankiert: Aktivisten, Neuerer, Bestarbeiter, denen in der Arbeitswelt Heroisches gelungen sein soll, oder die einfach nur wieder dran waren, vorgeführt zu werden. »Sieh, Walter! Die Rohrgeländer an der Wand, ist das nicht praktisch?«, flüstert Regina.

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