Thomas Warzog
Diesseits und Jenseits von Eden
Ein Deutungsversuch des Märchens Frau Holle zum Verständnis der irdischen Schöpfung
Festeinband Februar 2026
76 Seiten | ca. 17,0 x 24,0 cm
ISBN: 978-3-98913-268-9
Diesseits und Jenseits von Eden
Ein Deutungsversuch des Märchens Frau Holle zum Verständnis der irdischen Schöpfung
Festeinband Februar 2026
76 Seiten | ca. 17,0 x 24,0 cm
ISBN: 978-3-98913-268-9
Einleitung
Immer schon haben Menschen Antworten auf die Fragen nach der irdischen Vergänglichkeit allen Lebens gesucht. Spätestens im Angesicht des eigenen Todes oder des Todes naher Angehöriger, ja sogar von liebgehabten Tieren, suchen Menschen nach einer Erklärung für diese Transformation im Naturgeschehen.
Antworten finden viele Menschen in ihren jeweiligen Religionen, in denen sie ihre verstorbenen Angehörigen bei Gott aufgehoben glauben. Auch die Philosophie bietet beispielsweise in der Lehre Platons (427-348 v. Chr.) von der Seelenwanderung Erklärungen dafür an, welche Platon unter anderem in seinen Dialogen „Phaidon“, „Timaios“ und „Giorgias“ erörtert.
Dieser Essay basiert auf die im Märchen „Frau Holle“ dargestellte Wechselwirkung zwischen dem „Diesseits“ und dem „Jenseits“ und beschreibt das Haus der Frau Holle als eine jenseitige Stätte, welche mit der irdischen Schöpfung eng verbunden ist und welche gewissermaßen ihr Urbild ist.
Das im Märchen dargestellte Geschehen im Haus der Frau Holle wird in diesem Essay weiter ausgestaltet. Er lädt den Leser dazu ein, das irdische Leben aus einer jenseitigen Wirklichkeit heraus zu begreifen.
Eine Darstellung des irdischen Lebens aus einer erträumten jenseitigen Perspektive heraus kann letztlich nur fiktiv sein, weil niemand hierauf einen allgemeingültigen Zugriff hat. Dieser Essay möchte den Leser dennoch auf diese Weise dazu anregen, das innere Erleben von Lebewesen durch äußere Beobachtungen zu erahnen und mitzufühlen.
Auch wenn viele Menschen subjektiv von der Existenz einer transzendenten Wirklichkeit überzeugt sind und sogar bestimmte Vorstellungen davon haben, ist es mangels objektiver Nachvollziehbarkeit deshalb letztlich ungewiss, ob es diese überhaupt gibt.
Eine tiefenpsychologische Deutung des Märchens „Frau Holle“ von Eugen Drewermann bildet eine wesentliche Grundlage dieses Essays, in der eng an der Vorlage des Märchens der irdischen Frage nach dem „Glück des Bösen“ und dem „Unglück des Guten“ nachgegangen wird.
Gemäß der Deutung Drewermanns werde in dem Märchen „Frau Holle“ eine „Zweiteilung der Welt in Vordergrund und Hintergrund, in äußere und innere Wirklichkeit, empirische und transzendente Realität“ behauptet.
In der „verborgenen, jenseitigen Wirklichkeit“ sei die Welt im Haus der „Frau Holle“ in Ordnung; in der „Härte der äußeren Realität“ scheine sich alles zu widersprechen. Es sei daher verständlich, warum das Sonnenmädchen in die irdische Wirklichkeit zurückkehren muss. Das Märchen würde sonst einen „schroffen Dualismus als letzte und endgültige Wahrheit aussprechen“.
Die Frau Holle lobe deshalb das „Heimweh“ des Sonnenkindes im Jenseits nach der diesseitigen, irdischen Welt ausdrücklich. Gehe es doch um nichts Geringeres als um das Verlangen, das Prinzip des Guten, das in der jenseitigen Idealität im Haus der Frau Holle zuhause ist, auch in der äußeren irdischen Welt zu verwirklichen.
Das Märchen „Frau Holle“ stellt das Verhältnis von Diesseits und Jenseits, von Tod und Leben, Gut und Böse dar. Ist es möglich, eine überirdische Wirklichkeit mit irdischen Begriffen zu beschreiben, auf die wir Menschen keinen unmittelbaren Zugriff haben?
Im Märchen „Frau Holle“ wird die transzendente Wirklichkeit im Haus der Frau Holle durch irdische Begriffe symbolisch dargestellt. In diesem Essay wird darauf aufsetzend wesentlich das Stilmittel eines Traums verwendet, um in seinen Bildern das Haus der Frau Holle weiter auszugestalten.
In Analogie zu Theodor Storms (1817-1888) Novelle „Immensee“ wird dieser Essay in einen äußeren Rahmen eingebettet, in dem sich der Erzähler nach einem abendlichen Spaziergang in sein Zimmer zurückzieht und sich in der Dämmerung plötzlich seiner Kindheit erinnert.
Der Erzähler erinnert sich an seine Kindheit auf dem Hof seiner Großeltern, wo er Aussaat und Reife der Getreidefelder sowie ihre Ernte mit dem Mähdrescher und die Versorgung der Tiere auf dem Hof erlebt. Hierbei stehen die Erfahrungen der Natur aus Sicht eines Kindes im Vordergrund.
Am Ende seiner Kindheitserinnerungen stellt sich der Erzähler seine Großmutter vor, wie sie wohl den Lebensabend und den Tod seines Großvaters erlebt haben mag und übergibt ihr in Gedanken das Wort.
Diese beschreibt mit ihren Worten das Sterben ihres Mannes, der ihr im Angesicht seines eigenen Tods ankündigt, dass er sie in ihrer Todesstunde aus dem Jenseits abholen werde. Sie schließt ihre Erinnerungen damit, dass sie gerne wüsste, wohin ihr Mann wohl nach seinem Tod gegangen sei.
An dieser Stelle kehrt der Erzähler aus seinen Erinnerungen in die Gegenwart zurück, setzt seine Studien wie in der Novelle „Immensee“ fort und geht schließlich schlafen.
In der Nacht sinkt der Erzähler tief in den Brunnen seiner Träume ein. Als er im Traum auf den Grund des Brunnens seiner Erinnerungen angekommen ist, sieht er ein Tor, das wie ein japanisches Torii aussieht, in dessen Mitte ihn ein himmlisches Wesen, sein Schutzengel, erwartet.
Der Schutzengel reicht ihm im Traum sein Lebensbuch, in dem er die Bilder seines Lebens deutlich sehen kann. Er erkennt darin den grundsätzlichen Zusammenhang zwischen dem Schöpfungsplan in der Mentalsphäre, dem Lebensplan in der Äthersphäre und seine Verwirklichung als Schicksal eines jeden Lebewesens in der irdischen Sphäre.
Angeregt von den Erinnerungen an seine Großeltern kommt es dem Erzähler so vor, als würde er die Wanderung seines Großvaters in das Jenseits selbst erleben und sich diese im Traum vorstellen.
Anschließend reist der Schutzengel mit dem Träumer durch den Garten Eden, um den Träumer zu seiner Familie im Jenseits zu begleiten. Der Garten Eden steht hier stellvertretend für die jenseitigen Gefilde, welche zum Beispiel in der „Göttlichen Komödie“ von Dante Alighieri (1265-1321) eine Differenzierung von höllischen bis zu himmlischen Sphären erhalten.
Einige Zeit nach seiner Ankunft holt ihn sein Schutzengel wie angekündigt ab, um ihn zum Haus der Frau Holle zu bringen. Er soll wie im Märchen der Frau Holle dienen und sich in ihrem Haus auf sein irdisches Leben vorbereiten.
Das Haus der Frau Holle erscheint dem Träumer wie ein klassisches Gutshaus, an dem die Flügel der „Flora“ für die Pflanzenkunde, der „Fauna“ für die Tierwelt und der Flügel „Adam und Eva“ für die Menschheit angeschlossen sind.
Er nimmt in den ersten Tagen seines Aufenthalts Aufgaben bei Frau Holle selbst wahr, ehe er anschließend zunächst in den Flügeln der „Flora“ und „Fauna“ und schließlich im Flügel der „Adam und Eva“ hospitiert. In diesen drei Flügeln erlebt der Träumer, wie sich das Leben von Pflanzen, Tieren und Menschen aus einer fiktionalen Sicht auf das Jenseits darstellen könnte.
Nach seiner Hospitation segnet Frau Holle den Träumer zum Abschied und überschüttet ihn mit den bei ihr erworbenen Begabungen, die in Analogie zum Märchen wie unter einem gewaltigen Goldregen auf ihn herabfallen und die er in sein anstehendes irdisches Leben mitnimmt.
Allerdings bleiben am Träumer seine charakterlichen Mängel wie das „Pech“ im Märchen „Frau Holle“ weiterhin sichtbar hängen, von denen er sich, wie in seinem Lebensplan vorgesehen, durch Einsichten und Erfahrungen im irdischen Leben zu befreien sucht.
Es wird also der Segen der Frau Holle bezogen auf die Figuren Goldmarie und Pechmarie in diesem Essay in der Person des Träumers zusammengeführt.
Beim Erwachen stellt der Erzähler morgens fest, dass er all dies doch nur geträumt habe und vielleicht doch alles „ganz anders“ sei. Noch im Halbschlaf gefangen grübelt er über die Bedeutung seines Traums nach. Schließlich hat er genug von seiner Träumerei vom Jenseits und steht auf, um seinen Alltag zu beginnen.
Immer schon haben Menschen Antworten auf die Fragen nach der irdischen Vergänglichkeit allen Lebens gesucht. Spätestens im Angesicht des eigenen Todes oder des Todes naher Angehöriger, ja sogar von liebgehabten Tieren, suchen Menschen nach einer Erklärung für diese Transformation im Naturgeschehen.
Antworten finden viele Menschen in ihren jeweiligen Religionen, in denen sie ihre verstorbenen Angehörigen bei Gott aufgehoben glauben. Auch die Philosophie bietet beispielsweise in der Lehre Platons (427-348 v. Chr.) von der Seelenwanderung Erklärungen dafür an, welche Platon unter anderem in seinen Dialogen „Phaidon“, „Timaios“ und „Giorgias“ erörtert.
Dieser Essay basiert auf die im Märchen „Frau Holle“ dargestellte Wechselwirkung zwischen dem „Diesseits“ und dem „Jenseits“ und beschreibt das Haus der Frau Holle als eine jenseitige Stätte, welche mit der irdischen Schöpfung eng verbunden ist und welche gewissermaßen ihr Urbild ist.
Das im Märchen dargestellte Geschehen im Haus der Frau Holle wird in diesem Essay weiter ausgestaltet. Er lädt den Leser dazu ein, das irdische Leben aus einer jenseitigen Wirklichkeit heraus zu begreifen.
Eine Darstellung des irdischen Lebens aus einer erträumten jenseitigen Perspektive heraus kann letztlich nur fiktiv sein, weil niemand hierauf einen allgemeingültigen Zugriff hat. Dieser Essay möchte den Leser dennoch auf diese Weise dazu anregen, das innere Erleben von Lebewesen durch äußere Beobachtungen zu erahnen und mitzufühlen.
Auch wenn viele Menschen subjektiv von der Existenz einer transzendenten Wirklichkeit überzeugt sind und sogar bestimmte Vorstellungen davon haben, ist es mangels objektiver Nachvollziehbarkeit deshalb letztlich ungewiss, ob es diese überhaupt gibt.
Eine tiefenpsychologische Deutung des Märchens „Frau Holle“ von Eugen Drewermann bildet eine wesentliche Grundlage dieses Essays, in der eng an der Vorlage des Märchens der irdischen Frage nach dem „Glück des Bösen“ und dem „Unglück des Guten“ nachgegangen wird.
Gemäß der Deutung Drewermanns werde in dem Märchen „Frau Holle“ eine „Zweiteilung der Welt in Vordergrund und Hintergrund, in äußere und innere Wirklichkeit, empirische und transzendente Realität“ behauptet.
In der „verborgenen, jenseitigen Wirklichkeit“ sei die Welt im Haus der „Frau Holle“ in Ordnung; in der „Härte der äußeren Realität“ scheine sich alles zu widersprechen. Es sei daher verständlich, warum das Sonnenmädchen in die irdische Wirklichkeit zurückkehren muss. Das Märchen würde sonst einen „schroffen Dualismus als letzte und endgültige Wahrheit aussprechen“.
Die Frau Holle lobe deshalb das „Heimweh“ des Sonnenkindes im Jenseits nach der diesseitigen, irdischen Welt ausdrücklich. Gehe es doch um nichts Geringeres als um das Verlangen, das Prinzip des Guten, das in der jenseitigen Idealität im Haus der Frau Holle zuhause ist, auch in der äußeren irdischen Welt zu verwirklichen.
Das Märchen „Frau Holle“ stellt das Verhältnis von Diesseits und Jenseits, von Tod und Leben, Gut und Böse dar. Ist es möglich, eine überirdische Wirklichkeit mit irdischen Begriffen zu beschreiben, auf die wir Menschen keinen unmittelbaren Zugriff haben?
Im Märchen „Frau Holle“ wird die transzendente Wirklichkeit im Haus der Frau Holle durch irdische Begriffe symbolisch dargestellt. In diesem Essay wird darauf aufsetzend wesentlich das Stilmittel eines Traums verwendet, um in seinen Bildern das Haus der Frau Holle weiter auszugestalten.
In Analogie zu Theodor Storms (1817-1888) Novelle „Immensee“ wird dieser Essay in einen äußeren Rahmen eingebettet, in dem sich der Erzähler nach einem abendlichen Spaziergang in sein Zimmer zurückzieht und sich in der Dämmerung plötzlich seiner Kindheit erinnert.
Der Erzähler erinnert sich an seine Kindheit auf dem Hof seiner Großeltern, wo er Aussaat und Reife der Getreidefelder sowie ihre Ernte mit dem Mähdrescher und die Versorgung der Tiere auf dem Hof erlebt. Hierbei stehen die Erfahrungen der Natur aus Sicht eines Kindes im Vordergrund.
Am Ende seiner Kindheitserinnerungen stellt sich der Erzähler seine Großmutter vor, wie sie wohl den Lebensabend und den Tod seines Großvaters erlebt haben mag und übergibt ihr in Gedanken das Wort.
Diese beschreibt mit ihren Worten das Sterben ihres Mannes, der ihr im Angesicht seines eigenen Tods ankündigt, dass er sie in ihrer Todesstunde aus dem Jenseits abholen werde. Sie schließt ihre Erinnerungen damit, dass sie gerne wüsste, wohin ihr Mann wohl nach seinem Tod gegangen sei.
An dieser Stelle kehrt der Erzähler aus seinen Erinnerungen in die Gegenwart zurück, setzt seine Studien wie in der Novelle „Immensee“ fort und geht schließlich schlafen.
In der Nacht sinkt der Erzähler tief in den Brunnen seiner Träume ein. Als er im Traum auf den Grund des Brunnens seiner Erinnerungen angekommen ist, sieht er ein Tor, das wie ein japanisches Torii aussieht, in dessen Mitte ihn ein himmlisches Wesen, sein Schutzengel, erwartet.
Der Schutzengel reicht ihm im Traum sein Lebensbuch, in dem er die Bilder seines Lebens deutlich sehen kann. Er erkennt darin den grundsätzlichen Zusammenhang zwischen dem Schöpfungsplan in der Mentalsphäre, dem Lebensplan in der Äthersphäre und seine Verwirklichung als Schicksal eines jeden Lebewesens in der irdischen Sphäre.
Angeregt von den Erinnerungen an seine Großeltern kommt es dem Erzähler so vor, als würde er die Wanderung seines Großvaters in das Jenseits selbst erleben und sich diese im Traum vorstellen.
Anschließend reist der Schutzengel mit dem Träumer durch den Garten Eden, um den Träumer zu seiner Familie im Jenseits zu begleiten. Der Garten Eden steht hier stellvertretend für die jenseitigen Gefilde, welche zum Beispiel in der „Göttlichen Komödie“ von Dante Alighieri (1265-1321) eine Differenzierung von höllischen bis zu himmlischen Sphären erhalten.
Einige Zeit nach seiner Ankunft holt ihn sein Schutzengel wie angekündigt ab, um ihn zum Haus der Frau Holle zu bringen. Er soll wie im Märchen der Frau Holle dienen und sich in ihrem Haus auf sein irdisches Leben vorbereiten.
Das Haus der Frau Holle erscheint dem Träumer wie ein klassisches Gutshaus, an dem die Flügel der „Flora“ für die Pflanzenkunde, der „Fauna“ für die Tierwelt und der Flügel „Adam und Eva“ für die Menschheit angeschlossen sind.
Er nimmt in den ersten Tagen seines Aufenthalts Aufgaben bei Frau Holle selbst wahr, ehe er anschließend zunächst in den Flügeln der „Flora“ und „Fauna“ und schließlich im Flügel der „Adam und Eva“ hospitiert. In diesen drei Flügeln erlebt der Träumer, wie sich das Leben von Pflanzen, Tieren und Menschen aus einer fiktionalen Sicht auf das Jenseits darstellen könnte.
Nach seiner Hospitation segnet Frau Holle den Träumer zum Abschied und überschüttet ihn mit den bei ihr erworbenen Begabungen, die in Analogie zum Märchen wie unter einem gewaltigen Goldregen auf ihn herabfallen und die er in sein anstehendes irdisches Leben mitnimmt.
Allerdings bleiben am Träumer seine charakterlichen Mängel wie das „Pech“ im Märchen „Frau Holle“ weiterhin sichtbar hängen, von denen er sich, wie in seinem Lebensplan vorgesehen, durch Einsichten und Erfahrungen im irdischen Leben zu befreien sucht.
Es wird also der Segen der Frau Holle bezogen auf die Figuren Goldmarie und Pechmarie in diesem Essay in der Person des Träumers zusammengeführt.
Beim Erwachen stellt der Erzähler morgens fest, dass er all dies doch nur geträumt habe und vielleicht doch alles „ganz anders“ sei. Noch im Halbschlaf gefangen grübelt er über die Bedeutung seines Traums nach. Schließlich hat er genug von seiner Träumerei vom Jenseits und steht auf, um seinen Alltag zu beginnen.
Garten Eden
Welch ein entzückendes, leichtes und weites Land eröffnete sich vor meinen Augen, als wir beide in meinem Traum den Garten Eden betraten! Eine helle freudige Morgensonne sah ich von einem Rosenkranz umgeben. Hinauf und hinab glänzten die Auen hell von Morgentau, die von quirligen, heiteren Bächen durchzogen waren, in denen sich die Sonne silbern und in abertausenden Funken wie in einem Kristall spiegelte.
In zarten Farben geschmückt erhob sich der feinstoffliche Garten Eden über der irdischen Wirklichkeit als ihr erhabenes Urbild, in dem leise, aber vielstimmige Melodien der Flora und Fauna zu hören waren. Ein Regenbogen stand, wie ein Ring der Ewigkeit, in allen Farben über der Edenspforte, als mein Schutzengel mich an der Hand nahm, um den Garten Eden zu betreten.
Das erfreute mich sehr, und wir flogen gedankenschnell an das Ufer eines Bachs, wo der Nektar der unzähligen Blumen duftete. Es war wundervoll, so leicht über der Landschaft zu schweben. Ein Gedanke genügte und schon waren wir dort, wo wir hinwollten. Es faszinierte mich, dass ich an keinen Körper mehr gebunden war.
Wir wanderten weiter am Ufer entlang und erreichten hohe Blütenwälder, in denen die Schmetterlinge ihre Dienste an den Blüten erfüllten und die Kelche bestäubten. Das Blumengefilde der Pflanzen stieg aus dem erhöhten ätherischen Garten Eden empor und die hohe Himmelsluft schwang sich von oben herab und erreichte die Seelen der Pflanzen.
Ich sah die Zephire und die Nymphen um die Blumen tanzen und singen: „Nimm es auf deine Flügel, schling es um dein liebstes Kleid; und so trete vor den Spiegel mit all deiner Lebendigkeit!“
Der Bach floss mit mir und meinem Schutzengel weiter durch golden sichwiegende Weizenfelder, deren Ähren, voll von Korn, sich vor der Sonne ehrfürchtig neigten und an deren Horizont sich blaustufige Wälder zeigten. Hirtenlieder flogen durch die reine, blaue Luft, und einige Rosenwölkchen tanzten nach den Tönen einer zauberhaften Melodie.
Die Zephire und die Nymphen setzten ihren Reigen fort und sangen: „Fühle, was dein Herz empfindet, reiche frei mir deine Hand; und das Band, das uns verbindet, sei kein schwaches Rosenband!“
Es schimmerte das goldene Gefilde von unzähligen Freudentränen, die unter der unsichtbaren Umarmung aller Wesen im Garten Eden niedergefallen waren. Die Ewigkeit wurde still und die Lüfte ruhten, nur das wehende Rosenlicht der aufgehenden Sonne bewegte sanft die nassen Blumen der Blütenwälder.
Aus silbernen Wolken regnete es in dunklen Strömen am Horizont. Das aufgehende Sonnenlicht tropfte aus Rosen- und Lilienkelchen in den Garten hinab und erfreute die Gräser auf den Auen, die sich damit erfrischten. An einer Lilie hing ein Bienenschwarm. Eine Rose spielte mit einer Biene; beide neckten sich mit ihren Stacheln und ihrem Honig.
Ein Morgenstern kam und küsste eine weiße Rosenknospe und blühte mit ihr weiter; ein Zephyr hing sich küssend an einem sich wiegenden Eichenwipfel; eine der leisen Töne erreichte eine Maiblume und küsste sie wach; Turteltauben wiegten sich dufttrunken auf Nachtviolen und girrten einander auf Blumenblättern zu.
Über dem Blumenfeld sah ich im Traum Blitze; und es wetterleuchtete das ganze Paradies, es dufteten alle Blüten, es rauschten alle Blätter unter den Tropfen der herbeieilenden weichen Wolken des Himmels, es erklangen alle Wirbel der tönenden Bäche zusammen.
Der Morgenröte gegenüber stand als Widerhall eine weitere Morgenröte auf. Herzerhebend rauschten beide wie zwei Chöre mit ihren Himmelstönen einander entgegen, gleichsam als wenn unbekannte ätherische Wesen auf der Erde ihre Freudenlieder singen.
Die Chöre der beiden Morgenröten schlugen jetzt wie Donner einander entgegen und jeder Donnerschlag ließ mich ein bisschen erbeben. Weitere Engelwesen kündigten ihr Erscheinen unter den Klängen des Morgens an.
Als sie am Horizont erschienen, wurde es leiser und schließlich überall still im Garten Eden, denn dies war der Augenblick, als sich unser Schöpfer herabneigte und ein Zeichen gab, dass er vorübergehe. Eine unermessliche Liebe erfüllte alle ätherischen Wesen des Garten Edens und führte zu einer Umarmung aller Wesen untereinander.
Da sprach ich im Traum vor lauter Glückseligkeit aus: „Wie schön ist das Leben in dieser paradiesischen Herrlichkeit!“
Endlich sahen wir inmitten des Garten Edens einzelne Ortschaften, die sich wie Rosenblätter in die grüne Landschaft einbetteten. Mein Schutzengel zeigte auf eines dieser jenseitigen Orte und sagte: „Schau, dort ist deine Familie zuhause.“
Jetzt verabschiedete sich mein Schutzengel von mir, denn er wollte im Rat Gottes von meiner Heimkehr berichten. Er würde bald wiederkehren, um mich zu meinem Dienst bei Frau Holle abzuholen.
Dann strahlte er uns mit seinem himmlischen Lächeln an und verschwand auf einer rosafarbenen Wolke in den Himmel, die sich wie ein fernes Echo von Dankbarkeit und Freude über unser Heim legte.
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