Herbert Fritsche
Die Stadt in der Phiole
und andere phantastische Geschichten - 2. Auflage
Taschenbuch Januar 2026
420 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-98913-239-9
Die Stadt in der Phiole
und andere phantastische Geschichten - 2. Auflage
Taschenbuch Januar 2026
420 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-98913-239-9
Mit Raritäten ist dieser letzte Band der Herbert Fritsche Gesamtausgabe überschrieben. Und in der Tat bewegt sich Fritsche hier auf uns ungewohntem und vermutlich uns auch weithin unbekanntem Gebiet: auf dem literarischen Terrain. Aber wie könnte es bei ihm anders sein – auch hier sind schicksalsbestimmende, okkulte und magische Umwelten das Gerüst seiner Erzählungen; also nichts uns Fremdes, sondern allemal Erwartetes.
Des weiteren führt er uns ein in zoologische Gegebenheiten; bezeugt die Kluft zwischen Mensch und Tier und überrascht uns damit, dass es auch auf diesem Gebiet nichts gibt, das es nicht gibt: Fern von Regel und Gesetz, ist dieser Beitrag überschrieben, wo die Unsterblichkeit sozusagen dingfest gemacht werden kann.
Dieser Band mit Raritäten aus seiner Feder aber wäre unvollständig, wenn er nicht auch – was er oft in der Presse tat – in sachlicher Kürze über Personen und Persönlichkeiten berichtete, die unerwähnt geblieben, eine Lücke hinterließen. Ähnliches gilt für seine hier aufgenommenen Rezensionen, die auch heute noch – soweit es zeitlose Werke betrifft – interessiert machen.
Des weiteren führt er uns ein in zoologische Gegebenheiten; bezeugt die Kluft zwischen Mensch und Tier und überrascht uns damit, dass es auch auf diesem Gebiet nichts gibt, das es nicht gibt: Fern von Regel und Gesetz, ist dieser Beitrag überschrieben, wo die Unsterblichkeit sozusagen dingfest gemacht werden kann.
Dieser Band mit Raritäten aus seiner Feder aber wäre unvollständig, wenn er nicht auch – was er oft in der Presse tat – in sachlicher Kürze über Personen und Persönlichkeiten berichtete, die unerwähnt geblieben, eine Lücke hinterließen. Ähnliches gilt für seine hier aufgenommenen Rezensionen, die auch heute noch – soweit es zeitlose Werke betrifft – interessiert machen.
DIE STADT IN DER PHIOLE
Seit mehreren Jahren besuchten die Herren Doktoren Roßkamm, Veit und Goldmund an jedem ersten Mittwoch im Monat ihren alten Freund und Fachkollegen Doktor Seidelbast in seiner Vorstadtvilla. Doktor Seidelbast war Junggeselle, aber trotzdem liebte er sein Heim, dass er sich nach entbehrungsreichen Jahrzehnten endlich geschaffen hatte, so sehr, dass er seine Freunde stets zu sich bat, statt wie früher mit ihnen ein Café der Innenstadt aufzusuchen. Und die Herren Doktoren Roßkamm, Veit und Goldmund kamen auch gern, denn kein lästiger Kellner machte sich hier draußen bemerkbar, wenn man länger als üblich am Tisch saß, und zudem sorgte Kollege Seidelbast stets für einige Flaschen ausgesucht guten Weines, sobald der erste Mittwoch im Monat herankam.
Man nahm nach dem Abendbrot auf der Veranda Platz, vor deren Fensterscheiben sich ein märkisches Panorama von besonderer Schönheit auftat: Die Bucht eines Waldsees, von Kiefern umstanden, zuweilen ein schmaler Mond darüber – eine Szenerie wie man sie sich auf Gemälden als Mann von Geschmack kaum noch gefallen ließe, aber hier in unbezweifelbarer Wirklichkeit fand man Freude daran. Jedesmal besprachen die Freunde, die alle vier Naturhistoriker waren, nichts als fachliche Fragen miteinander, wenn sie stundenlang zusammen auf der Veranda saßen. Sie waren über das Alter hinaus, in dem persönliche Dinge erregender zu sein pflegen als wissenschaftliche Diskussionen. Aber auch bei diesen bewahrten sie äußerste sachliche Ruhe, und dennoch machte die grauköpfige Runde keinen unheiteren Eindruck. „Nüchternheit ist das Pathos der Wissenschaft“, sagte ein moderner Philosoph einmal – hier also hatte man vier solcher Pathetiker vor sich: es ging leise und langsam zu in ihren Gesprächen, doch dahinter stand mehr an wahrhaft Bewegendem als bei den Katzbalgereien der Stürmer und Dränger.
Doktor Seidelbast pflegte mit großer Gewissenhaftigkeit von Zeit zu Zeit nach der Uhr zu sehen, wenn seine Gäste bei ihm versammelt waren, um dann rechtzeitig Mitteilung zu machen, sobald der gegebene Zeitpunkt des Aufbruchs gekommen war, der es den drei Herren ermöglichte, den letzten Vorortzug zu erreichen. Man hatte ihn darum gebeten, und seit man hier bei ihm zusammenkam, war es auch noch niemals geschehen, dass er diese Pflicht nicht erfüllt hätte. Stets konnte er in aller Ruhe seine Freunde noch bis zum nahen Bahnhof begleiten, wo sie dann ein kurzes Weilchen Zeit hatten, bis der letzte Zug sie wieder mitnahm in die Stadt. Heute saß man abermals auf der Veranda des Gelehrten und unterhielt sich in gemessener Weise. Doktor Veit legte einen Sonderdruck aus einer wissenschaftlichen Zeitschrift vor sich auf den Tisch und wollte einige mit dem Thema des Abends in Zusammenhang stehende Zitate daraus vorlesen, fragte aber vorsichtshalber, ob dazu noch Zeit sei. Seidelbast sah nach der Uhr: „Der letzte Zug geht um ein Uhr siebenundzwanzig, und es ist jetzt noch nicht einmal halb zwölf! Fangen sie ruhig an.“ Jedoch Doktor Goldmund widersprach: „Noch nicht einmal halb zwölf, das kann nicht gut möglich sein...“ Er zog seine Uhr aus der Tasche, lachte kurz auf und schlug gegen die Tischkante: „Es ist halb zwei, meine Herren! Mit Nachhausekommen ist es für heute Nacht vorbei!“ Bestürzt sprangen die andern beiden Gäste auf, Doktor Seidelbast selbst lief ins Herrenzimmer und schaute nach der Standuhr, kam mit unglücklichem Gesicht zurück und sagte: „Tatsächlich, es ist halb zwei. Aber seid nicht böse, das ist kein Malheur. Ihr bleibt eben hier und schlaft bei mir. Es ärgert mich nur, dass meine blöde Uhr so hundsgemein unzuverlässig ist.“ „Auf Uhren müssen sie nicht schimpfen, mein Lieber“, fiel Doktor Roßkamm ein, „ich lasse nichts auf sie kommen, denn ich verdanke einer Uhr mein Lebensglück.“
Schon war Doktor Seidelbast wieder im Gleichgewicht. „Also um es kurz zu machen“, rief er seinen Freunden zu, „wer von Euch ist jetzt schon müde? Dem bauen wir rasch ein Bett auf!“ Alle drei schüttelten die Köpfe, und Doktor Goldmund sagte: „Lassen sie uns vom Mädchen einen Mokka kochen, dann werden wir auch ohne Bett heut Nacht auskommen und morgen früh frisch wie Fische nach Berlin zurückfahren.“ „Das hatte ich auch vor, und den Mokka koche ich selber, denn das Mädchen schläft schon längst. Im übrigen werdet Ihr einen solchen Mokka noch kaum getrunken haben, wie ich ihn braue – ich wollte nicht umsonst früher einmal Literat werden. Während ich jetzt in die Küche gehe und euch meine Talentprobe zubereite, bitte ich Sie, lieber Kollege Roßkamm, sich darauf vorzubereiten, dass Sie uns nachher die Geschichte mit Ihrer Glücksuhr zum Besten geben, auf die Sie vorhin angespielt haben. Ich selber habe nämlich auch ein sehr seltsames Uhren-Erlebnis gehabt, das ich anschließend an das Ihre erzählen werde. Mal sehen, wer den Vogel abschießt!“ Mit diesen Worten ließ Doktor Seidelbast seine Gäste allein auf der Veranda zurück, und während Doktor Roßkamm an das große Verandafenster trat, um auf den See hinauszublicken, standen die beiden anderen Herren am Tisch, sogen an ihren Zigarren und freuten sich schon auf die Erzählungen dieser romantischen Nacht. Die ungewöhnliche Gesprächsstunde hatte in ihnen eine juvenile Neugier erweckt, die sie längst überwunden glaubten, der sie sich aber dennoch mit erwartungsvollem Vergnügen hingaben.
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