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Rüdiger Grimm
Die sorglosen Jahre


Taschenbuch Mai 2018
216 Seiten | ca. 11,5 x 19,0 cm
ISBN: 978-3-96014-457-1
ISBN (E-Book): 978-3-96014-458-8



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Rüdiger Grimm: Die sorglosen Jahre, Erzählungen aus dem Bildungsbürgertum
Kann man einen Menschen gleichzeitig lieben und ihm untreu sein? Sind die Musik der Beatles und der Film Doktor Schiwago in der Kreiszahl Pi verborgen? Kann ein wohlklingendes Wort eine dreckige Bedeutung haben? Warum ist der 24. Dezember der längste, und zwar der allerlängste Tag im Jahr? Davon und mehr erzählen diese Geschichten. Ach, haben wir es gut, dass wir uns darüber besorgen dürfen!
Aus der Liebesgeschichte von Richard und Erika:

Das Essen war inzwischen serviert, und die Gespräche setzten sich zwanglos zu anderen Themen fort. Die letzten Reisen (Wie war euer Skiurlaub? Wie war‘s bei den Enkeln in Halle?), Klatsch über andere Freunde, Episoden aus dem Berufsleben (Richard, erzähl mal einen pikanten Fall vor Gericht), Umbaupläne der Wohnungen, Entrüstung über die Verhandlungen zur Großen Koalition in Berlin.
Es kam eigentlich nie zu einer Gesprächspause. Diesmal geschah es doch, dass zufällig alle Gesprächslinien zu einem Ende kamen und wir uns für den Bruchteil einer Sekunde schweigend in die Augen blickten.
Da warf Gabi ein: „Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?“
„Wie bitte? Wie meinst du das? Kennengelernt?“
„Nun ja“, erklärte Gabi, „wir sitzen hier so selbstverständlich zusammen, etablierte Ehepaare, allesamt Großeltern, mehr oder weniger glückliche Ehen…“
„… naja…“
„… aber ja doch! Wir leben auf der Insel der Glückseligkeit. Aber irgendwann kannten wir uns noch nicht und mussten uns erst kennenlernen. Ich meine nicht uns acht. Das war ja im Kindergarten damals vor zehn Jahren, warte mal, länger, viel länger: vor – wie alt sind unsere Kinder? – vor fast dreißig Jahren. Unglaublich, wie die Zeit vergeht. Ich meine jedes Paar von uns. Wie haben sich je zwei von uns zu einem Paar zusammengefunden?“
Ich war etwas verlegen und fragte zurück: „Wie habt ihr euch denn kennen gelernt, Hans und du?“
„Ja, wir…“, setzte Gabi an.
Hans ist Tischler und Gabi Architektin. Die beiden beraten uns bei unseren Wohnungs- und Hausprojekten. Sie arbeiten beruflich in verschiedenen Firmen – Hans hat seine eigene Werkstatt in Darmstadt und Gabi ist halbtags in einem Architekturbüro in Neu-Isenburg beschäftigt. Wenn man ein gut gearbeitetes Möbelstück braucht, das nach Maß in eine Wohnung eingepasst werden muss, dann ist man bei Hans richtig. Seine Leidenschaft ist Holz, dessen Geschichte, Farbe, Gerüche, Besonderheiten für die Verarbeitung. Wenn er damit anfing und man ihm zuhörte – und das taten wir gerne – , dann konnte er stundenlang erzählen.
„Wir, ja also wir kennen uns aus unserer Schulzeit“, setzte Gabi an.
„Was! Eine Schülerliebe?“
„Ja, genau.“ Gabi streifte Hans mit einem Seitenblick. „Wir sind sogar sehr früh miteinander gegangen, waren dann aber in der Oberstufe und im Studium auseinander und sind erst wieder im Berufsleben zusammengekommen. Bei einem Jugendstilprojekt hier auf der Mathildenhöhe.“
„Ich bin in der achten Klasse sitzen geblieben“, gestand Hans.
„Höhö, dumm bist du nicht, also musst du eine faule Socke gewesen sein“, bemerkte Richard.
„Und wie!“ bestätigte Hans. „Ich war dreizehn oder vierzehn Jahre alt und interessierte mich für Sport, die Beatles und Mädchen.“
„Und ich hatte auch schon meine Blicke auf Jungs geworfen. In der achten Klasse ‚ging‘ ich mit einem kleinen Jungen, ein Kopf kleiner als ich. Was heißt ‚wir gingen zusammen‘? Wir gingen wirklich zusammen, wörtlich: zum Schwimmen, gemeinsam von der Schule nach Hause und beim Klassenausflug nebeneinander. Und das Höchste der Gefühle war Händchen halten und Knutschen. Mit geschlossenen Lippen.“
„Aber als ich in die Klasse zu Gabi kam“, ergänzte Hans, „war es aus mit dem Kleinen. Ich hab seinen Namen vergessen, er ist bald mit seiner Familie weggezogen. Ich habe ihn mit einer Silberkette ausgestochen.“
„Einer Silberkette? Ein Vierzehnjähriger mit einer Silberkette? Was warst du denn für einer?“ wunderte sich Barbara.
„Das war so mit Hans“, erklärte Gabi. „Da kam ein neuer Junge in die Klasse, ein Jahr älter als alle anderen, mit tieferer Stimme, leichtem Flaum auf der Oberlippe, einem offenen Hemd und einer Silberkette, deren Anhänger man unter dem Hemd nicht sehen konnte. Ich war rasend neugierig, was für einen Anhänger er da hatte.“
„Tja, und das merkte ich natürlich und hütete mich, ihr den zu zeigen.“
Jetzt hatten sie unsere Aufmerksamkeit: „Na, raus damit. Was für ein Anhänger war es denn? Ein Amulett? Ein Tierkreiszeichen – was für ein Sternbild bist Du überhaupt? Oder ein Herz? Ein Bild von Deiner Angebeteten?“
„Ja genau“, rief Gabi. „All sowas ging mir durch den Kopf. Und wisst ihr, was es wirklich war?“
Wir warteten gespannt.

Aus Carls Fall mit Pi:

Professor Burkert fummelte umständlich den Umschlag in seiner Hand auf und entnahm ihm ein DIN-A-4-Blatt, das auch auf die Entfernung hin als Schmuckurkunde zu erkennen war. Er verkündete mit pastoraler Stimme:
„Der diesjährige Preisträger der Norbert-Wiener-Medaille der Deutschen Kybernetik-Gesellschaft für Informatik und Elektrotechnik ist der Mathematiker Dr. Carl Kaiser.“
Jetzt ging ein Raunen durch den Raum. „Was?“, „Wer ist das denn?“, „Na sowas!“, „Das ist ja mal“ und weitere Ausrufe dieser Art waren überall zu hören, nicht besonders laut, aber die Überraschung schien vollkommen gelungen.
„Herr Dr. Kaiser“, rief Burkert hinein, „sind Sie anwesend?“
Carl war bei den letzten Worten Burkerts errötet und stand unsicher von seinem Stuhl auf. Alle Blicke unseres Tisches, dann der Nachbartische, richteten sich auf ihn. Burkert suchte mit seinen Blicken im Raum umher und als er die Bewegung an unserem Tisch bemerkte, rief er in unsere Richtung: „Herr Dr. Kaiser, kommen Sie hierher nach vorne. Kommen Sie zu mir.“
Carl straffte seinen Rücken und ging energischen Schrittes zu Burkert nach vorne, der ihm die Hand reichte.
„Kommen Sie“, sagte Burkert, „stellen Sie sich hier neben mich.“ Burkert drückte Carl mit professionellem Lächeln die Hand, wandte sich dann wieder an die Runde der Konferenzteilnehmer, hob die Urkunde in seiner Hand vor seine Augen und verlas:
„Die Deutsche Kybernetik-Gesellschaft verleiht die Norbert-Wiener-Medaille für außergewöhnliche wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der Informatik und Elektrotechnik 2015 an den Mathematiker Dr. Carl Kaiser aus Göttingen für seinen Beitrag zur Codierung menschlichen Wissens in unendlichen Dezimalbrüchen. Sein Beitrag hat die Vorstellung davon, was Wissen und ihre digitalisierte Darstellung bedeuten kann, mit mathematischer Präzision klargestellt und der Phantasie von Informationsdarstellung eine klar umrissene Grundlage geschaffen. Man kann damit morgen zwar keine neuen Produkte bauen, aber wir fühlen uns alle bereichert und in unserer Phantasie angeregt durch die Gewissheit, dass die Musik der Beatles, Goethes Faust und alle Filme der Welt in der Zahl Pi bereits angelegt sind. Und alles andere Wissen ebenfalls, soweit es kodiert ist.“
Burkert machte ein Pause und wandte sich an Carl: „Übrigens, wissen Sie eigentlich, wo in Pi die Beatles-Musik steht? An welcher Stelle genau?“
Diese Frage erzeugte spontanes Gelächter im Publikum.
„So ein Schwachsinn“, hörte man es von einer Seite stöhnen. „Jetzt bin ich ja mal gespannt“, rief es von anderer Seite. „Das ist ja unglaublich!“ hörte man hier und da rufen, und wie gewöhnlich bei entstehender Unruhe verstärkten sich die Einwürfe. Einige Menschen sprangen auf. Es rief aber auch der eine oder andere: „Nun beruhigt euch doch“, „Lasst ihn doch mal zu Wort kommen“, „Das kann man doch alles nachlesen“.
Carl lächelte selbstbewusst in die Runde. Er genoss ganz offensichtlich die allgemeine Verwirrung.
„Nein, das weiß ich nicht. Ich habe ja auch klar dargestellt, dass ich noch nicht einmal weiß, ob Pi diese Eigenschaft überhaupt hat, wenn ich auch davon überzeugt bin, dass sie sie hat.“
„Na siehste“, rief eine Frauenstimme, „wozu also der Preis?“
„Aber was ich weiß“, fuhr Carl fort, „ist, dass eine solche Zahleneigenschaft nichts Besonderes wäre. Ich habe in meiner Abhandlung ja eine Zahl vorgestellt, die tatsächlich sämtliches kodiertes Wissen enthält, und da kann ich Ihnen sogar ganz exakt sagen, an welcher Stelle der Beatles-Code kommt.“
„Also doch!“ rief jemand.
„Und Goethes Faust?“ rief jemand. „Auch den“, entgegnete Carl. „Auf die Stelle genau. Und alles andere. Was immer Sie wollen. Sie nennen das Stück, ich sage Ihnen, wo es steht.“
„Ist doch absurd!“ „Das möchte ich ja mal sehen!“ „Die ganze Welt in einer Formel – ha!“
„Meine Damen und Herren!“ rief Burkert in die Runde. „Ihre Reaktion bestätigt die Qualität der Jury-Entscheidung, dass wir eine ganz außergewöhnliche Arbeit ehren, die auf großes Interesse in unserer Disziplin stößt. Vielleicht auf Widerspruch. Vielleicht führt sie zu einer Weiterentwicklung der Ideen. Wer weiß, welche Anregungen von diesem Preis ausgehen werden? In diesem Sinne möchte ich Herrn Dr. Carl Kaiser gratulieren“, er wandte sich wieder Carl zu, „und ich wünsche Ihnen ein weiterhin glückliches und produktives wissenschaftliches Leben!“ Burkert drückte Carl erneut die Hand.
Höflicher Applaus begleitete diese Worte. Die Teilnehmer, die aufgestanden oder aufgesprungen waren, setzten sich wieder. Carl nahm Urkunde und Medaille entgegen und steuerte seinen Platz an unserem Tisch an. Bei uns angekommen, drückte ihm jeder Tischgenosse die Hand und beglückwünschte ihn zu dem Preis. Der junge Mann auf der gegenüberliegenden Tischseite formulierte die Überraschung der anderen: „dass wir so einen prominenten Gast an unserem Tisch haben!“
Mehrere Teilnehmer verließen das Festzelt.
An der Stimmung im Festzelt merkte ich schon, dass viele Carl, seinen Ideen und seiner Ehrung nicht wohl gesonnen waren. Man spürte es an den Blicken, an den heftigen Gesten, an den hitzigen Debatten mit über die Tische gebeugten Oberkörpern: es brummte im ganzen Zelt wie in einem aufgescheuchten Bienenstock.
Mich schmerzte das. Dass Carl unter Kollegen wenig beliebt war, wussten wir in der Familie, denn das war einer der Gründe, warum er es bis heute nicht zu einer festen Anstellung gebracht hatte. Und jetzt auch hier?
Meine Nachbarin und ihre Arbeitsgruppe, denn um diese handelte es sich bei unseren Tischgenossen, lächelten dagegen verschmitzt. So als freuten sie sich darüber: „Das ist ja mal was“, „nicht schlecht, nicht schlecht“.
Nach dem Dessert wurde Kaffee gereicht, aber Carl stand auf und nickte mir zu, dass ihm das alles hier zu viel werde und er lieber in das Hotel An der Mosel zurückkehren würde. Ich konnte das gut verstehen, weil Zuspruch und herablassende Ablehnung von zu vielen Seiten seine ständige Aufmerksamkeit verlangten. Ich erhob mich mit ihm.
„Wollen Sie uns schon verlassen?“ fragte mich meine Nachbarin, indem sie mir ihre Hand leicht auf den Unterarm legte. Bleiben Sie doch noch, wir machen hinterher noch eine kleine „After-Dinner-Party“, da hätten wir unseren Preisträger und seinen Begleiter und Beschützer …“, sie zwinkerte mir über ihre Brille hinweg zu, „… gerne dabei“.
Ich fand sie überhaupt nicht nerdig. „Ich bringe ihn nur ins Hotel. Bin selber etwas müde, aber mal sehen, vielleicht komme ich nachher noch einmal vorbei.“
„Oh, das wäre schön.“




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