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Harald Kugler
Die Geschlechter - Nachdenkliches über die Liebe


Taschenbuch Dezember 2015
498 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-96014-065-8
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„Ist dies nicht ein frevles Schicksalswalten, Menschtum in zwei Teile zu zerspalten?“ schrieb der Dichter Christian Wagner (1835-1918) in seinem Gedicht „Die Geschlechter“ und meint damit Männer und Frauen, die auf ihrem Lebensweg bei der Suche zueinander sind. Diesem Thema widmen sich die im Buch vereinten vier Erzählungen. Es sind Geschichten voller Überraschungen, so wie es die Liebe gelegentlich mit sich bringt.
Constanze
Das Städtchen Wallroda lag umfriedet von einem Mischwald, den in seinem Herzen im Spätsommer große Heideflächen zum Erblühen brachten. Zu dieser Zeit wurde der Ort von den letzten Wanderern durchquert, die auf ihrem Pilgerweg der gelben Muschel auf blauem Untergrund folgten, die allenthalben den Glaubenspfad durch die Straßen der Kleinstadt anzeigten.
Hier war an einem Vormittag auch Theophil unterwegs, dem wir uns gleich zuwenden werden. Der hübsche Marktplatz, den schmucke aber schmale Häuschen in ein Geviert gliederten, wurde durch ein altes Rathaus dominiert, an dem eine Sonnenuhr schon den Altvorderen die ungefähre Zeit vermittelt haben mochte. Rot angemalt und mit einem vergoldeten Stadtwappen über der Eingangstür, gefiel der hehre Bau jedem Wanderer, der auf seinem Weg den Ort passierte und dabei nach einer nächtlichen Bleibe Ausschau hielt. Hier im Rathaus war auch ein Pilgerbüro eingerichtet, wo es die begehrten Stempel und Hinweise zur Nacht gab.
Ein alter schmuckloser Brunnen dominierte die Mitte des Platzes, und der mittlerweile schwarz verfärbte Sandstein erinnerte an Zeiten, in denen Feuersbrünste über der Stadt lagen und ihre Schäden hinterließen. Jetzt umlagerten Schüler das Bauwerk, die dort ihre scheinbar unbestimmte Zeit vertrödelten.
Eine Seitenstraße hinab, aus der Theophil hinauf zum Marktplatz lief, überragte ein kleiner gelber Kirchturm die Häuser, der zudem den umliegenden Friedhof beschirmte. Dieser Ort wird uns im Verlaufe der Handlung noch weiter beschäftigen, weshalb jetzt von einer eingehenden Beschreibung abgesehen werden soll, die wir statt seiner dem Haupthelden dieser Geschichte zukommen lassen wollen.

Theophil war ein etwa vierzigjähriger Mann, der seit sechs Monaten allein in diesem Ort lebte, nachdem seine Lebensgemeinschaft mit der Mutter durch ihren plötzlichen Tod beendet ward. Die große gemeinsame Wohnung wollte er sich daraufhin nicht mehr leisten und war mit seinen Büchern in eine bescheidenere Unterkunft unterhalb des Marktes gezogen. Er war bei der städtischen Sparkasse angestellt und trug seine Verpflichtung zu tadelloser Arbeit nicht nur mit gleich behafteten Anzügen zur Schau, sondern auch in seiner Haltung und Neigung zum Peniblen. Stets lief er die paar Schritte von seiner Wohnung zur Filiale, die am oberen Rand des Marktplatzes gelegen war, mit einer Aktentasche unter dem Arm und einem Mantel nach der neuesten Mode. Seit seine Mutter nicht mehr ihre Aufmerksamkeit auf sein Äußeres legen konnte, musste Theophil zehn Minuten eher das Bett räumen, um seiner Kleidung die nötige und ihn befriedigende Eleganz angedeihen zu lassen. Erst wenn der Spiegel sein Jawort gab, setzte er mit einer schwungvollen Bewegung noch den Hut auf sein schütteres Haar und verließ mit einem letzten Blick auf sein Konterfei die Wohnung. In der Tasche trug er die Tageszeitung, ein belegtes Brötchen vom Bäcker nebenan und eine Thermosflasche mit Kräutertee in die Filiale, um dort während einer kurzen Mittagspause von allem etwas zu sich zu nehmen. Das geschah alles zur täglich festgelegten Zeit, mit der man die von der Filiale aus sichtbare Turmuhr des Rathauses hätte stellen können.
Während der Pause saß Theophil stets abseits seiner Kollegen, die es sich mittlerweile abgewöhnt hatten, seine distanzierte Art und sein Muttersöhnchengehabe zu bespotten. Seit dem Tode seiner Mutter war davon schließlich nur noch Mitleid übrig geblieben, das sie ihm noch gelegentlich mit einem Blick zuwarfen. An Theophil hingegen prallte das alles ab und er empfand seinerseits für ihre belanglosen Gespräche während der Mittagspause über den neuesten Fernsehtratsch nur Abscheu und Langeweile.

Nach der Arbeit und vor der Arbeit hatte es sich Theophil zur Angewohnheit werden lassen, einen kurzen Rundgang durch die Stadt zu machen und an seinem Ende den nahe gelegenen Friedhof und das Grab seiner Mutter zu besuchen. Ein mit goldener Schrift und einem Blumenstrauß verzierter Grabstein hegte seine Erinnerung an sein früheres Leben an der Seite seiner Mutter und er befand ein manches Mal, wenn er dort stand, dass sie wohl noch ein paar Jahre zu leben verdient hätte. Mit siebzig war sie noch lange nicht an der Reihe gewesen, das war ungerecht und ihrer nicht würdig. Aber der Tod dachte anders darüber und Gerechtigkeit war an diesem Ort sowieso fehl am Platze. So versuchte er wenigstens ihrer Würde gerecht zu werden, indem er täglich bei ihr weilte und sein Herz in stummen Worten mit ihr teilte.
Die Ruhestätte, die er für sie ausgewählt hatte, lag am Rande des Friedhofs, was ihr, wie ihm bei der Festlegung des Grabes vorschwebte, angemessen erschien, denn seine Mutter hatte stets ein Leben am Rande der Gesellschaft geführt. Als Einzelkind armer Eltern war sie auf einem Bauerngut in Polen aufgewachsen und während des Krieges durch Umsiedlung hierher gelangt. Den aus englischer Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Theodor lernte sie 1948 kennen und zwei Jahre später kam er, Theophil, zur Welt.
Seinen Namen verdankte er seinem Großvater, der ebenfalls Theodor hieß, streng gläubig war und der der Familie die Order hinterließ, dem „Geschenk Gottes“, so die griechische Abstammung seines Namens, treu zu bleiben. Treu geblieben war der Vater seiner Mutter mit Namen Eva nur wenige Jahre, dann nahm ihn eine Miene hinweg, auf die er während des Pilzesuchens im Wald getreten war.

Nur wenige Büsche teilte die Friedhofsfläche, sodass von jedem Standort aus beinahe alle Grabstätten zu überblicken waren. Hier und dort brannte unter einem Windlicht eine Kerze und manch frische Blume hielt die Erinnerung wach, die Angehörige von Zeit zu Zeit den Gräbern beigaben. Als Theophil an diesem Abend von der Ruhestätte seiner Mutter dem Ausgang zustrebte, fiel ihm eine alte Frau auf, die mit einem langen schwarzen Rock bekleidet vor einem Grab saß und ihren Kopf in den Händen gestützt hielt. Ein dunkles Tuch verdeckte ihr Gesicht, sodass Theophil nicht erkannte, wer da trauerte.
Am nächsten Morgen saß die schwarz gekleidete Frau wieder da und auch am Abend und an den folgenden Tagen. Jetzt wurde Theophil doch neugierig und suchte herauszufinden, wem das Grab galt. Doch jedes Mal, wenn er den Friedhof besuchte, saß die Frau davor und es schien ihm unschicklich, durch unangemessene Nähe ihre Andacht zu stören.

Er wählte deshalb am nächsten Tag auch eine andere Besuchszeit und siehe da, die Grabstelle war verwaist. Schnell eilte er an die Ruhestätte und suchte einen Hinweis zu entdecken, wer hier begraben lag. Einen Grabstein gab es nicht, nur ein kleines Holzkreuz stand hinter dem efeuüberwachsenen schmalen Hügel, auf dem einige frische Rosen lagen. Theophil musste sich hinabbeugen, um zu erkennen, dass hier eine Constanze Rösler bestattet worden war. Ein Datum konnte er nicht entdecken. Dann eilte er weiter, jeden Verdacht seiner Neugier damit verwischend.
Doch der sonderbare Umstand, dass eine alte Frau regelmäßig ein scheinbar altes Grab besuchte, beschäftigte seine Gedanken, zumal die Besucherin des Friedhofs mit einem besonderen Gehabe sein Interesse zusätzlich anstachelte. Sie schien sich um das Grab selbst kaum zu kümmern, dessen Zustand mit dem efeuüberwachsenen Hügel und der Verunkrautung im Gegensatz zu der täglichen Zuwendung seiner Besucherin stand. Jeder andere Angehörige legte mit seinem Besuch doch Wert darauf, dass sich der Ort seines Gedenkens an den Verstorbenen in einem reinlichen Zustand befindet. Wieso war das hier nicht der Fall?
Das beschäftigte Theophil insgeheim auf eine Weise, die zunehmend von seinen Gedanken Besitz ergriff, sodass er eines Tages während der Mittagspause seine Kollegen verwundert aufschauen sah, als er eine Frage an sie richtete. Wer denn eine Frau Rösler kenne, warf er poltrig und unerwartet seine Frage in die Runde, die eben nach einer witzigen Auswertung des Vorabendfernsehprogrammes in Schweigen versunken war. Es gebe in Wallroda keine Frau Rösler, meinte die schlanke und fingernagelkunstverliebte Sieglinde, während der stellvertretende Filialleiter Axel seinen barhäuptigen Kopf auf dem massigen Körper hin und her wiegte und einwarf, dass es da vor Jahren ganz am Rande des Ortes eine Familie gegeben hätte, die diesen Namen seiner Erinnerung nach trug. Der noch anwesende und mit einem pennälerhaften Anzug bekleidete Lehrling Christian wagte keine weitere Meinung zu äußern, denn sie wäre ohnehin nach seiner Verweildauer in diesem Ort nicht von Belang.
Erstaunt über Theophils Frage, wandte sich nun Axel an seinen Mitarbeiter, um zu erfahren, was ihn an dieser Familie wohl interessiere, und mit einem scheelen Blick suchte er aus dem Gesicht seines Gegenübers einen Hintergrund zu erkennen. Doch Theophil nahm flugs die Erinnerung von Axel auf und wollte den genauen Ort der Wohnstatt dieser Familie Rösler wissen und nahm anschließend Ziel auf die Stammdaten jener Personen.
Nachdem ihm Axel eine vage Beschreibung der Lage und weitere Erinnerungsfetzen gegeben hatte, die allerdings wenig Brauchbares hergaben, drehte Theophil seinen Oberkörper wieder abrupt gegen die vor ihm liegende Zeitung und vertiefte seine Aufmerksamkeit in einen Pressebericht über die Aufforstung der heimatlichen Wälder.

Am Abend des gleichen Tages dehnte Theophil seine Runde über den Friedhof bis an die von Axel bezeigte Ortsgegend aus, wo die Familie Rösler einst gewohnt haben sollte. Was er genau mit seiner Nachforschung bezweckte und was er im Einzelnen herauszufinden gedachte, vermochte Theophil sich selbst nicht zu erklären, und er wollte es dem Zufall überlassen, seine Wege zu bestimmen.
Zunächst lief er durch eine Eigenheimsiedlung, wo die Anlieger mit der Pflege ihrer Grundstücke beschäftigt waren und hin und wieder befremdliche Blicke über den Zaun warfen. Mitunter kam er sich dabei vor, als störe er hier mit seiner Gegenwart die heimelige Ruhe, die nicht einmal von vorbeifahrenden Autos unterbrochen wurde.
Schließlich gelangte er bis zu einem schon baufälligen, mehrstöckigen Gebäude, das am Waldrand stand. An nur wenigen Fenstern hingen Gardinen, die auf eine Bewohnung schließen ließen, und einige Scheiben wiesen gar Spuren von mutwilligen Steinwürfen auf. Ein Trockenplatz lag verwaist neben dem Haus und zwei ältere Fahrzeuge parkten davor.
Behutsam, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, näherte sich Theophil der Eingangstür und wollte eben die Namensschilder lesen, als plötzlich die Haustür aufgerissen wurde und zwei Knaben mit einem Ball an ihm vorbeistürmten. Jetzt stand gar die Tür offen und Theophil zögerte einen Moment hineinzugehen. Doch was sollte er dort drin, was er nicht auch hier unten an den Schildern ablesen konnte? Bedächtig überflog er die wenigen Namen, doch eine Familie Rösler war nicht darunter.
Schließlich beeilte er sich, von hier wieder fortzukommen, denn tumultartiger Lärm drang durch das Treppenhaus und er wollte nicht in Erklärungsnot geraten.

Auf dem Weg nach Hause dachte er darüber nach, was er eigentlich hier tat und was ihn die Familie Rösler anging. Er beschloss, fortan die Neugier, die jene alte Frau auf dem Friedhof in ihm ausgelöst hatte, zu ignorieren.
Doch das menschliche Hirn – und das von Theophil im Besonderen –konnte nicht vergessen und der tägliche Anblick jener Alten, wie er sie nun lax in seinen Gedanken taufte, beschäftigte hartnäckig seine Aufmerksamkeit. Zunächst hatte er seine Besuchszeiten geändert, um ihr aus dem Wege zu gehen, doch dann kam sie ihm irgendwo unterwegs wieder entgegen oder sie saß länger als gedacht an der Grabstätte.
Es kamen Tage, da erschien sie auf einmal nicht mehr und Theophil spürte, dass etwas in seinem Tagesablauf fehlte. War sie vielleicht erkrankt, dachte er besorgt, und schien schließlich sichtlich erleichtert, als sie wieder auftauchte und ihm wie gewohnt ihre Friedhofsgesellschaft leistete.

Bislang hatten die beiden regelmäßigen Besucher noch nicht ihre Bekanntschaft gemacht. Doch eines Tages, nachdem die Unbekannte wieder einmal zwei Tage fehlte und Theophil während dieser Zeit ein Unbehagen herumtrug, fasste er sich ein Herz und wollte die Alte ansprechen. Behutsam kam er der von ihr besuchten Grabstelle näher, die unweit der seiner Mutter lag, als die Unbekannte unversehens aufstand und eiligen Schrittes, als wolle sie vor etwas fliehen, den Friedhof verließ. Zunächst verdutzt blickte ihr Theophil nach, doch dann beschloss er spontan, der Flüchtigen zu folgen.
Es war ein Spätsommertag, bei dem erste aufkommende Herbstwinde an den bevorstehenden Jahreszeitenwechsel gemahnten und der auch schon einige farbige Blätter umherwirbeln ließ. Theophil schlug seinen Mantelkragen auf und folgte der Unbekannten wie ein Detektiv seinem Fahndungsobjekt. Nachdem er die Gasse zum Markt erreicht hatte, sah er die Alte, die wegen des Windes ihr Kopftuch mit einer Hand festhielt, seitlich am Markt vorbei in eine Richtung laufen, der er leicht folgen konnte. Er lief ihr in hundert Metern Entfernung hinterher und hoffte, dass es reichte, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Die Frau wandte sich schließlich nach links in eine Seitenstraße, die geradezu in jene Eigenheimsiedlung führte, in der Theophil vor einigen Tagen nach der Familie Rösler gefahndet hatte.
Bislang konnte er ihr ruhigen Schrittes folgen, denn sie lief, ohne sich einmal umzuwenden, geradewegs auf das verfallene mehrstöckige Gebäude am Waldrand zu und verschwand schließlich hinter der Tür.
Theophil näherte sich bis auf wenige Schritte dem Haus und hoffte, bei der bereits eingetretenen Dämmerung irgendwo ein Licht angehen zu sehen. Doch nichts geschah, so als hätte niemand eine Wohnung betreten. In diesem Moment konnte er nicht wissen, dass ihn kleine graue Augen hinter einem Vorhang beobachteten und zufrieden feststellten, dass er das Wohngrundstück in Richtung des Ortes wieder verließ.

Am nächsten Morgen betrat Theophil gespannt den Friedhof und fand den Platz vor der Grabstelle mit dem kleinen Holzkreuz verwaist. Stattdessen standen um diese Zeit schon frische Blumen neben dem kleinen Hügel, so als wäre die Alte heute schon beizeiten dagewesen. Auch am Abend kam sie nicht, sondern saß erst am nächsten Morgen wieder auf ihrem angestammten Platz, einem kleinen Bänkchen unmittelbar gegenüber der Grabstelle. Auch als Theophil auf die Frau zulief, rührte sie sich nicht vom Fleck, sondern starrte gebannt und so als wäre sie allein auf weiter Flur vor sich hin.
Zaghaft äußerte Theophil einen Gruß, der ihm unter dem dunklen Kopftuch aus einem schmalen, scheinbar lippenlosen Mund erwidert wurde. Dabei schauten ihn winzige graue Augen an, die verschüchtert, als hätten sie etwas zu verbergen, seinem Blick begegneten.
Erstaunt bemerkte Theophil, dass die vor ihm sitzende Frau noch nicht so alt sein konnte, wie er bislang unter ihrem schwarzen Kopftuch vermutet hatte. Kurz huschte noch ein verschämtes Lächeln über ihre Wangen, dann war Theophil auch schon an ihr vorbeigegangen.
Von nun an grüßten sie sich regelmäßig, auch das eine oder andere Mal nur aus der Ferne, und eine zaghafte Vertrautheit entwickelte sich zwischen der Frau und Theophil, der immer begieriger wurde zu erfahren, wer diese Unbekannte war und wem ihr regelmäßiger Besuch galt.

Eines Abends Ende August, der Sommer hatte noch einmal einen Wärmeteppich über den Friedhof gelegt und zahlreiche Besucher versorgten die Grabstellen ihrer Angehörigen mit Wasser, da nahm Theophil mit einer Gießkanne in der Hand plötzlich neben der Unbekannten Platz. Ihm war dieser Einfall dazu spontan gekommen, denn angesichts der ruhig um ihn herum beschäftigten Menschen nahm sich sein Versuch der Kontaktaufnahme nicht zu zudringlich auf, dass er sich seiner hätte schämen müssen. Wie zufällig sank er auf das schmale Brett des Bänkchens und zwischen ihm und der fremden Frau war genug Raum, ihre Privatsphäre nicht zu stören. Theophil murmelte einen Gruß und begann zaghaft über das Wetter und seine Belastung für die Grabpflege zu sprechen, als er plötzlich die feste Stimme seiner Nachbarin vernahm.
„Es ist gut, mein Herr, dass Sie einmal zu mir herübergekommen sind.“ Dann verstummte sie wieder für ein Weilchen. Während ihrer Bemerkung hatte sie nicht aufgeschaut, sondern blickte starr auf das vor ihr liegende Grab. Theophil spürte, dass er etwas sagen musste.
„Trauern Sie hier um eine nahe Verwandte?“, fragte er daher zaghaft.
Nach einem Augenblick hörte er ihre Worte.
„Eine Verwandte, ja, so nennt man das wohl.“
„Sie kommen öfter hierher, nicht wahr?“, ergänzte er seine Frage unsicher, wohlwissend, dass sie täglich hier weilte. Theophil benutzte die Aussage als Verlegenheitsbemerkung, weil er mit ihrer Antwort nichts anzufangen wusste. Schließlich fragte er doch nach.
„Sie sind sich Ihrer Verwandtschaft nicht ganz sicher?“
„Manchmal braucht es etwas länger, um sich sicher zu sein, mein Herr“, sagte die Unbekannte.
Theophil stimmte ihr unbewusst zu.
„Ist dies das Grab Ihrer Mutter?“, traute er sich nun zu fragen.
Nach einer halben Minute des Schweigens erhielt Theophil eine bejahende Antwort. Die Frau wandte ihm anschließend ihr Gesicht zu.
„Ich kannte auch Ihre Mutter, Herr Claasen. Zwar nur flüchtig, denn unsere Wege trennten sich bald darauf, aber ich weiß, dass sie eine schöne und resolute Frau war. Es ist für mich erbaulich mit anzusehen, wie sehr Sie sich auch nach ihrem Tode um sie kümmern.“
Theophil hob erstaunt die Brauen und betrachtete die neben ihm sitzende Frau nun näher. Sie mochte um die sechzig sein, vielleicht sogar ein paar Jahre jünger, denn ihr Gesicht hatte kaum Falten. Bekannt kam sie ihm allerdings nicht vor und er war sich sicher, dieser Frau auch noch nie zuvor begegnet zu sein.
Sie erzählte weiter über ihre Bekanntschaft zu Theophils Mutter.
„Ich war zu der Zeit noch recht jung und ich sah Ihre Mutter bei einer der wenigen Tanzveranstaltung im ‚Schwarzen Adler’, die ich besuchen durfte. Es muss in den fünfziger Jahren gewesen sein. Sie war eine so gute Tänzerin und gemeinsam mit ihrem Mann, der ein ebenso begnadeter Tänzer war, zog sie oftmals die Aufmerksamkeit auf sich, wenn sie wie wild zum Rock’n’Roll über das Parkett wirbelte. Ich habe sie dabei oft um ihr Können und ihren Mann beneidet.“

Während ihrer Erzählung schienen die Augen seiner Nachbarin für einen Moment zu leuchten, um dann blitzschnell wieder in einen traurigen Ausdruck zu verfallen. Theophil war überrascht, von einem derartigen Talent seiner Mutter zu hören, denn ihm war sie als schlichte und ruhige Mutter in Erinnerung, die nur aus sich herauskam, wenn er ihren Anweisungen nicht gehorcht hatte. Doch die Frau hatte noch nicht zu Ende erzählt.
„Das war dann aber auch das einzige Mal, dass ich von der Claasen hörte, wie man am Rande der Tanzfläche über Ihre Mutter sprach.“
Nach einem Augenblick der Besinnung, in dem beide stumm scheinbar nur den erzählten Worten ihre Erinnerung schenkten, erhob sich die Unbekannte plötzlich. Der Wind lüpfte in diesem Moment das schwarze Tuch und brachte schulterlanges, dunkles Haar zum Vorschein, das sich sofort des Luftzuges annahm und um den Kopf wirbelte. Ruhig band die Frau sogleich wieder ihr Tuch darüber, während Theophil dem kurzen Anblick seine Bewunderung zollte. Er hatte sich nicht getäuscht, die Frau war deutlich jünger als es unter ihrer Bekleidung schien. Nun stand sie vor ihm. Theophil fragte:
„Wollen wir bei Gelegenheit die Unterhaltung fortsetzen, Frau…?“
Ein zaghaftes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Mein Name ist Constanze Rösler. Gerne können wir uns weiter unterhalten, ja. Bei Gelegenheit.“
Die Frau wandte sich zum Gehen und Theophil blieb verblüfft zurück.

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