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Gerd Pechstein
Die Bengel von der Klosterschule - Erinnerungen an Roßleben
Anekdoten und Schülerstreiche

Taschenbuch Februar 2012
144 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-86468-087-8


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Mens sana in corpore sano

Dieses Zitat (ein gesunder Geist in einem gesunden Körper) „prangt“ in der Turnhalle der 1554 gegründeten Klosterschule Roßleben als Leitsatz seit Jahrzehnten an der Wand.

Der Leser ist eingeladen, dem Autor in seine Schul- und Internatszeit zu folgen und sich dabei an die eigene Schulzeit zu erinnern. Lassen Sie sich mitnehmen in eine Traditionsschule, die auch in den Anfangsjahren der deutschen Teilung viele Traditionen bewahrte und mit einer seit vielen Jahrzehnten bewährten Schülerselbstverwaltung das Zusammenleben der „Internen“ bestimmte.

Erleben sie vier Jahre Internat mit pubertierenden, vom Elternhaus „abgenabelten“ Kindern, die als „Friepse“, so nannte man die „Neuntklässler“, den Alltag von heute auf morgen allein meistern mussten. Die Schülerstreiche und manches Aufbegehren gegen die geltende Heimordnung, ihren Respekt gegenüber den Lehrern und das Ziel, das Abitur erfolgreich abzulegen, all das gehörte zusammen.

Der Leser wird in vielen Episoden unwillkürlich an Spoerls „Feuerzangenbowle“ erinnert.
In diesem Buch werden jedoch kurzweilig wahre Begebenheiten erzählt, bei denen die Leser ein Schmunzeln und die Erinnerung an eigene Erlebnisse, egal in welcher Schule man lernte oder welches Internat besucht wurde, nicht unterdrücken können.

Weitere Informationen finden Sie unter:

http://pechsteins-buecher.jimdo.com
Entscheidungen

Wie eigentlich jeden Tag, wenn es draußen stürmt oder schneit, das Laufen beschwerlich ist, saß ich am späten Nachmittag vor meinem PC. Es ist schon zur Routine geworden, meinen E-Mail-Briefkasten zu besuchen. Den Gedanken-austausch auf diesem Wege will ich, lange schon im Renten-alter, nicht mehr missen.
Die elektronische Post birgt immer Überraschungen, nicht nur Viagra-Angebote, Erb- und Gewinnmitteilungen, Geschenke, Gratisspiele im Casino und eindeutige Damenkontakte, die gewöhnlich als Spam-Mails sofort im Papierkorb verschwinden.
Nein, viele Neuigkeiten erreichen mich, die ich sonst nie erfahren hätte. Natürlich nicht nur Angenehmes, nein, auch Mitteilungen zu Krankheiten von lieb gewordenen netten Korrespondenzpartnern und Freunden. Die Zeiten haben sich, leider nicht immer zum Vorteil, gewandelt. Wer schreibt heute schon einen Brief, so richtig mit gestaltetem Briefpapier, vielleicht büttengeschöpft, handgeschrieben, sogar mit Füllfederhalter, und mit Briefmarke frankiert? Wenige, denn nur irgendwelche unerwünschte Werbepost verstopft den Briefkasten, die umgehend im Altpapiercontainer verschwindet.
Vieles erledigt man mit Telefon oder Handy ganz persönlich, hört die vertraute Stimme des Gesprächspartners, kann am Tonfall auf seine Stimmung und das Befinden schließen. Vielleicht auch über Skype, wo man den Gesprächspartner sehen kann und ihm faktisch gegenübersitzt?
So öffnete ich auch heute, an einem gewöhnlichen, wettermäßig ungemütlichen, Februartag mein E-Mail-Postfach. Ein vertrauter Absender lenkte sofort meine Aufmerksamkeit auf eine Nachricht, die vielleicht die lang ersehnte Einladung enthielt. Neugierig auf den Inhalt, heute wird dies als Wissensdurst umschrieben, öffnete ich flugs die Mail und die Anspannung löste sich. Und da stand es: „Einladung zum Klassen-treffen 50 Jahre Abitur. Unser Jubiläumstreffen findet vom 7. bis 9. Oktober 2011 im Hotel-Restaurant ‚Weinberg‘ in Artern statt. Herzliche Grüße Klaus-Dieter.“
Dies ist eigentlich etwas Erfreuliches; die Nachricht erwartete ich seit Langem mit wachsender Ungeduld. Doch nun wurde ich damit unsanft daran erinnert, dass ich wieder älter geworden bin, noch schlimmer – es geht auf die Siebzig zu. Natürlich fühlt man sich noch jung, wenn auch der Inhalt der Pillendose zunimmt. Oft überlege ich, ob dies ein Zeichen dafür ist, dass der Hausarzt meine Gesundheit erhält, den offensichtlichen Verschleißerscheinungen entgegen wirken oder gar die Folgen eines ungesunden Lebens „reparieren“ will. Wahrscheinlich von jedem etwas. Habe ich eventuell doch einiges in der Lebensführung falsch?
Mich erschrecken solche Gedanken, versuche sie schnell wegzuwischen. Ich mache es mir leichter und denke, dass ich wohl nicht die richtigen Gene für ein Leben ohne Pillen habe. Schaut euch doch manchen Freizeitsportler an. Der lebt gesund, macht Fitness-Training, ist Dauerläufer oder Radfahrer, achtet zeit seines Lebens auf gesunde Ernährung - und hat ähnliche Probleme. Kommt auch nicht ohne Medikamente aus.
Zufrieden mit dieser Wendung, die mich moralisch sehr entlastet, auch äußerst froh darüber, dass ich mich mit solchem Bewegungsdrang, wie dieser es benötigt, nicht herumgeschlagen habe, lenke ich meine Überlegungen wieder hin zum Termin der Einladung. Der Zeitpunkt sagte mir zu; passt gut in unseren Rentner-Jahresplan. Unwillkürlich verselbständigten sich plötzlich die Gedanken, kramten die seltsamsten Episoden und Erinnerungen aus der Klosterschulzeit und den nachfolgenden 13 Klassentreffen hervor, bei denen die tollsten Anekdoten immer wieder interessierte Zuhörer fanden. Und das, obwohl vieles inzwischen jeder kannte - auch die Ehepartner, die immer zu den Treffen eingeladen waren. Die Erfahrung lehrt, Wiederholungen sind nicht nur für die Fernseh-Programmgestalter eine gute Sache, sondern auch für Ältere, wie wir es nun einmal sind, eine gute Gedächtnisunterstützung.
Ich lehnte mich in meinen „Chefsessel“ zurück, sah aus dem Fenster, ließ meinen Blick durch das blattlose, knorrige Astwerk der alten Bäume schweifen. Dahinter der Himmel bedeckt mit schnell dahinziehenden Wolken, ab und zu einige Sonnenstrahlen hindurch lassend. Ziellos mein Blick, dabei beobachtend, wie zwei Elstern versuchten das Nest vom vorigen Jahr zu reparieren – eigentlich ein untrügliches Zeichen, dass der Frühling nicht mehr weit sein konnte. Die Temperaturen waren seit Tagen im Plusbereich und ließen den Schnee dahinschmelzen.
Warum heißt der Schreibtischstuhl eigentlich „Chefsessel“, zu Hause ist ja meist Ilona, meine liebe Frau, der Chef? Man kommt auf die seltsamsten Ideen, wenn man den Gedanken Freiraum lässt. Ich entschloss mich, abzuschalten, die Gedanken in die Jugendzeit schweifen zu lassen; die Zeit hatte ich, denn ich saß allein im Zimmer. Ilona verabschiedete sich gerade zum Friseur, sodass ich von ihrer Seite keine „Störungen“ in Form von Aufträgen zu erwarten hatte.
So schloss ich meine Augen, nicht um zu schlafen, nein, um eine Zeitreise mehr als fünf Jahrzehnte zurück zu dem Zeitpunkt des Eintritts in mein Erwachsenendasein zu unternehmen. Es war die Zeit am Ende einer unbeschwerten und behüteten Kindheit, der Eintritt in einen Lebensabschnitt, wo gesetzlich Verantwortung für die eigenen Handlungen übernommen werden musste. Meine Gedanken gingen zurück in die Zeit des Besuchs der Grundschule in Sangerhausen, einer kleinen Stadt in der Goldenen Aue im Südharz. Diese Stadt ist noch heute durch die weltgrößte Rosensammlung im Rosarium den Pflanzenliebhabern bekannt - eine einzigartige Präsentation von über 8300 Rosensorten - und parkähnlich angelegt. Hier wohnten wir seit dem 17. Juni 1953. Dieser Tag, als unsere kleine Familie aus Gerichshain, einem Dorf im Osten Leipzigs, mit unseren wenigen Möbeln und mit einem gemieteten, gerade noch so fahrtüchtigen LKW den lange geplanten Umzug vollzog, bleibt mir ewig in Erinnerung. Es war der Tag, den die Geschichtsschreiber später als Beginn des Volksaufstandes bezeichneten und der in den alten Bundesländern den Bürgern einen zusätzlichen Feiertag bescherte.
Überall dort, wo unser LKW Städte durchfuhr, gab es Straßen-sperren, stand sowjetisches Militär und Kasernierte Volkspolizei, fanden Kontrollen statt. In Sangerhausen empfingen uns sowjetische Panzer, die als Drohkulisse an zentraler Stelle standen. Die Kumpel der Kupferschieferschächte sollten so von Demonstrationen und „unüberlegten“ Aktionen abgehalten werden. Um den Jahreswechsel 1956/1957 wurden mir die ersten Entscheidungen in meinem jungen Leben abverlangt, denn meine Eltern waren in dieser Hinsicht sehr progressiv eingestellt. Mancher konnte dies nicht verstehen, zumal mein Vater als Berufssoldat und Oberfeldwebel vor 1945 diente. Somit besaß er ausreichend Erfahrungen, wie man die Richtung vorgibt - manchmal auch in der Familie. Doch er handelte anders. Die erste Entscheidung, die ich treffen musste, bedeutete: Lasse ich mich konfirmieren oder nehme ich, wie viele meiner Klassenkameraden, an der modern gewordenen und staatlich gewünschten Form des Übergangs zum Erwachsen-sein, der Jugendweihe, teil.
Beides zu tun, als eine weitere Alternative, um nirgends anzuecken, war nicht mein Ding. Ich entschied mich deshalb zu Ersterem, der Konfirmation, denn die Freizeitgestaltung in der jungen Gemeinde und im Konfirmandenunterricht fand ich interessant. Die dort geschlossenen Freundschaften gaben den Ausschlag. Dies war nun nicht unbedingt der zweiten Entscheidung förderlich. Meine Eltern, und auch meine Lehrer, hielten es für gut, wenn ich zur Oberschule, heute Gymnasium, gehen würde. Die bisherigen schulischen Leistungen reichten dazu aus und die Eltern wollten mich mit einer guten Bildung ins Leben schicken. Wie alle Eltern sagten auch sie: „Du sollst es im Leben einmal leichter und besser haben. Da ist eine gute Ausbildung sehr wichtig.“ Der Vorschlag meines Vaters, dass ich mich nicht in der Heimatstadt, sondern im etwa 30 km entfernten Roßleben in der Goetheschule bewerben sollte, fand verständlicherweise nicht die Zustimmung meiner Mutter und anderer. Mein Vater wurde als herzlos bezeichnet und man unterstellte ihm, dass er dachte, der Junge wird dort im Internat etwas härter angefasst und lernt Disziplin, Ordnung und Durchsetzungsvermögen, aber auch im heutigen Sprachgebrauch Teamgeist. Für diesen Vorschlag hatte mein Vater jedoch gute Gründe, denn mit Ordnung hatte ich wenig im Sinn. Zu Hause umsorgte mich meine Mutter, die, wenn es zu „bunt“ wurde, schon selbst das Zimmer aufräumte und mich mit immer neuen Ermahnungen zum Lernen anhielt. Es ist zu erwähnen, dass mein Vater mit 13 Jahren seine Mutter verlor und somit zeitig selbständig Entscheidungen treffen musste. Sein Vater Albin, ein Zugschaffner, befand sich oft außerhalb und konnte ihm in vielen Fällen nicht helfen. Da ihm diese frühe Selbständigkeit nicht geschadet hat, meinte er, dass das Internatsleben eine gute Sache für mich sei. Ich erkundigte mich bei einem Jungen, der in Roßleben im Internat wohnte und lernte. Dieser konnte mich interessieren, ja richtig begeistern. Mein Vater, durch einen schweren Arbeitsunfall schwerbeschädigt, deshalb sein Fahrrad mit Hilfsmotor, auch „Hühnerschreck“ genannt, und ich mit meinem Weihnachtsgeschenk, ein für damalige Verhältnisse sportliches „Diamant“-Fahrrad, fuhren gemeinsam nach Roßleben, um die Örtlichkeiten zu erkunden. Zuerst war ich ein wenig er-schreckt über das mittelalterliche, eindrucksvolle Gebäude, mit Innenhof und offensichtlich mit einer Kirche. Es wurde mir klar, weshalb man noch die frühere Bezeichnung Klosterschule im Sprachgebrauch führte. Unverkennbar war ein gewisser Stolz bei den Älteren herauszuhören, auf einer Schule mit langer Tradition zu lernen. Ein diensthabender Schüler, der uns an der Pforte nach unserem Anliegen fragte, gewährte uns erst Einlass, als wir den Namen unserer Gesprächspartnerin nannten. Diese Einlasskontrolle hinterließ bei uns einerseits das Gefühl von beschränkter Bewegungsfreiheit der Schüler, aber andererseits - und das überwog - gewisser Sicherheit und Ordnung. Die alten Treppenaufgänge, die Steinstufen ausgetreten von zig Generationen Schülern, und die anscheinend endlos langen Flure mit den vielen Türen vermittelten auf mich den Eindruck, in einem alten Schloss zu sein, dem je-doch jeglicher Schmuck und Prunk fehlte.

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