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Frank Wecker
Der Tod der Freiheit
Der letzte Tag im Leben von Libertas Schulze-Boysen

Taschenbuch April 2018
346 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-96014-435-9
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Libertas Schulze Boysen wuchs auf dem Gut Liebenberg im Löwenberger Land auf. Ihre Mutter Victoria ist die Tochter des Fürsten Philipp zu Eulenburg und Hertefeld Graf von Sandels, eines engen Vertrauten und Ratgebers des deutschen Kaisers Wilhelm II. Nach dem öffentlichen Vorwurf der Homosexualität des Familienvaters während der sogenannten Eulenburg-Affäre verlor der Fürst seinen gesellschaftlichen Einfluß. Er verbrachte seine letzten Lebensjahre auf dem Gut, wo er Kunstmärchen und Lieder schrieb. Eines der Märchen, „Libertas“, gab seiner Enkeltochter den Namen.
Ihr Vater war der Modeschöpfer Otto Ludwig Haas-Heye, bei dem sie nach der Scheidung der Eltern eine Zeitlang in Berlin wohnte. Auf dem Gut gehörten Reiten, Tennis, Baden im Lankesee und Pilze suchen zu Libertas‘ Lieblingsbeschäftigungen. Im jugendlichen Alter kam sie auf ein Schweizer Internat, wo sie ihre Neigung zur Poesie und Journalistik entwickelte.
Nach dem Schulbesuch hieß es, eine Arbeit zu finden. Libertas ist eine hübsche Frau, die überall Männer in den Bann zieht. Sie wird gefördert und mit 20 Jahren ist sie Pressereferentin. In der Freizeit reitet sie im Grunewald, besucht die Autorennen auf der Avus und wird am Hundekehlsee beim Sommerfest des international bekannten Tennisclubs Rot-Weiß gesehen. In dieser Zeit verliebt sie sich in den markigen Flieger Harro Schulze. Damit ist die sorglose Jugend vorbei. An der Seite ihres Ehemanns wird sie zur Widerstandskämpferin.
Sicherlich war ihr zunächst nicht bewußt, welche tiefgreifende Wende ihr Leben in diesem Augenblick genommen hat. Vielleicht folgte sie ihrem „Helden“ zunächst nur aus blinder Liebe, vielleicht war es anfangs sogar nur ein aufregendes Spiel mit der Gefahr, aber es wurde ernst. An der Seite von Harro Schulze hat sie viele bedeutende Persönlichkeiten des Widerstands getroffen. In der Gruppe wurde sie vor allem von ihren Kameradinnen, die Männer hatten ein etwas anderes Verhältnis zu ihr, als verzärteltes Adelsfräulein angesehen, das den Stürmen der Zeit kaum gewachsen schien. Dennoch konnte sie dort einen Platz einnehmen, der ihr eine bleibende Erinnerung im Gedächtnis des deutschen Volkes sichert.
Libertas Schulze-Boysen war eines der führenden Mitglieder der größten und wirksamsten Widerstandsgruppe im Inneren des Nazireichs, der nach ihrem Ehemann Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack benannten Schulze-Boysen / Harnack-Gruppe. Die Nazis fanden dafür die gefälligere Bezeichnung „Rote Kapelle“. Unter diesem Tarnnamen verfolgte ein Sonderkommando der SS ein europaweites Funknetz, das Informationen an den Nachrichtendienst der Sowjetarmee in Moskau übermittelte. Die Berliner Gruppe war nur ein kleiner Teil dieses Spionageringes, der nicht einmal Funkverkehr unterhielt. Dennoch wurden von ihren Mitgliedern beachtliche Informationen für die Alliierten erbracht. Es gelang den Widerstandskämpfern unter anderem den Termin des Überfalls auf die Sowjetunion rechtzeitig, die Aufmarschpläne der faschistischen Heere zu den entscheidenden Schlachten vor Moskau und Stalingrad zu übermitteln. Nach Meinung der Nazis sollen diese Informationen sogar kriegsentscheidend gewesen sein. Die Tragik besteht darin, daß sie es allein schon deshalb nicht sein konnten, weil sie anfangs von der Sowjetführung als Hirngespinste abgetan wurden. Eher umgekehrt hatten die Nazis es dieser Fehleinschätzung zu verdanken, daß sie bis zum Kaukasus vorstoßen konnten und nicht schon vorher an ihrer maßlosen Selbstüberschätzung zugrunde gingen.
Das wissen wir heute, die Beteiligten konnten es damals nicht ahnen. Zunächst wurde im Westen an einer neuen Dolchstoßlegende gestrickt, daß der Verrat jener Spione Ursache der Niederlage gewesen sei. Die Mitwirkung in dem Spionagering bestimmte auch im Osten die Bewertung der historischen Rolle dieser Widerstandskämpfer. Hier wurden sie als vorbildhafte Helden der Aufklärung dargestellt, die unentwegt wichtige Nachrichten nach Moskau gefunkt hatten.
Die Geschichte von Libertas Schulze-Boysen paßte nicht in diese Legende. Über ihre Herkunft und lockeren Lebenswandel ließ sich vielleicht noch hinwegsehen, nicht jedoch darüber, daß sie den Verhörmethoden der nazistischen Geheimpolizei nicht standgehalten hatte. Sie gehörte zu den Schwachen, weshalb ihr nach dem Tod seitens der Sowjetunion und der DDR Ehrungen versagt blieben, die ihren Kameraden zuteil wurden. Ausgezeichnet wurden selbst jene sowjetischen Geheimdienstoffiziere, die wie Libertas Schulze-Boysen den Verhören nicht standhielten und mit ihren Aussagen dem Reichskriegsgericht die Begründungen für die Todesurteile der Berliner Widerstandskämpfer lieferten. In der BRD durften sie ihre einstigen hochprämierten Vernehmer in der Presse nochmals mit Dreck bewerfen.
Libertas Schulze-Boysen hatte sicherlich nicht die charakterliche Größe wie so viele andere Frauen im Widerstand. Sie trat nicht „ruhig und gefaßt“, wie die Nazibeamten oftmals bei ihren Henkersdiensten die letzten Schritte ihrer Opfer zu protokollieren pflegten, vor das Gestell mit dem Fallbeil, sondern sie wehrte sich schreiend und strampelnd. Womit sie aber zig Millionen ihrer Zeitgenossen haushoch überragt ist, daß sie unter Einsatz ihres Lebens Widerstand gegen das Verbrecherregime leistete, während jene den Völkermord der Nazis, das Verheizen einer ganzen Generation für die Profite der Kriegsrüstung nicht nur duldeten, sondern mittrugen und den Fortbetrieb der Vernichtungslager verteidigten, bis auch das letzte MG-Nest ausgeräuchert war.
Im Schicksal von Libertas Schulze-Boysen bündeln sich wie in einem Brennglas mehrere Wirkungslinien. Eine ging aus der akademischen Beschäftigung mit dem Schriftstellern Günther Weisenborn und Bert Brecht hervor, eine andere aus den verschiedensten Wirkungsstätten von Libertas Schulze-Boysen in Berlin. Libertas Schulze-Boysen ist ein Kind des Umbruchs, den der I. Weltkrieg hinterlassen hatte. Mit dem Kaiserreich, dem ihre Familie in besonderer Weise verbunden war, war eine scheinbar gefestigte Welt untergegangen. Allenthalben regten sich neue Strömungen und Bewegungen, wie die Jugendbewegung, in der ihr späterer Gatte mitgewirkt hatte. Zahlreiche Reformbewegungen forderten einen Wandel der Lebensweise, bislang verfemte Kunst- und Kulturströmungen wurden in der gehobenen Gesellschaft offen gelebt und diskutiert. Libertas Schulze-Boysen folgte diesem Zeitgeist und legte ihrer mehrfach bezeugten Anziehungskraft auf die Männer keine Zügel an. Sie kostete die Vorzüge ihrer Jugend und Schönheit aus. Über alldem fasziniert an dieser Persönlichkeit die Kraft der Schwachen. Sie zeigt sich einmal im Wirken der Widerstandsgruppe, die mit einer kaum nennenswerten Auflage von Flugschriften, gegen eine von einem Ministerium gesteuerte Medienmacht so wirksam ankämpft, daß der Repressionsstaat gezwungen ist, polizeiliche Sonderermittlungsgruppen einzusetzen. Schließlich beweist das Schicksal von Libertas Schulze-Boysen, daß es selbst einer schwachen Frau gelingen kann, in das Räderwerk mächtiger Kräfte einzugreifen und sie aus dem Gleis zu bringen.
„Erzähl allen, allen, allen von mir. Unser Tod muß ein Fanal sein“, schrieb Libertas Schulze-Boysen in der Todeszelle an ihre Mutter. Dieser Bitte soll auch mit diesem Buch nachgekommen werden.
VI Prozeß unter Bomben

Die Hoffnung stirbt
Das Heulen der Sirenen holt Libertas in die Wirklichkeit zurück. Fliegeralarm - zum ersten Mal erschreckt Libertas dieses Wort nicht. Ein Bombentreffer könnte sie von dem mörderischen Warten auf die Hinrichtungsprozedur erlösen. Bei diesem Gedanken kann sie sogar angesichts der unaufhaltsam näher und näher heranrückenden Hinrichtung lächeln. Das würde ihre Schergen um das Vergnügen bringen, sich an der Qual ihrer Opfer, die beim Warten auf den vorbestimmten Tod erlitten wird, weiden zu können. Dann hätten diese Bombardements der Städte wenigstens Sinn. So wenig wie Deutschland auch nur ein Kriegsziel mittels des Bombenterrors erreicht hat, so wenig wird es weder den Briten noch den Amerikanern, die seit August mitbomben, gelingen, hat ihr Harro erläutert.
Angst vor den Bomben, die bis in alle Glieder ihres Körpers ging, hatte Libertas nur im Polizeigefängnis am Alexanderplatz. Damals hing sie noch mit allen Fasern am Leben. Sie war zuversichtlich, mit einer relativ milden Strafe davonzukommen. Sie glaubte, die Verhaftung wie eine ihrer Affären hinter sich bringen zu können. Bisher war in ihrem Leben immer alles glattgegangen, so daß sie sich unter einem guten Stern geboren fühlte. Ihre Familie gehört seit Generationen zur Elite des Reiches. Sie ist persönlich mit Göring bekannt. Ihr Onkel war sogar schon zu Tagen, als die Nazis noch nicht an der Macht waren, ein Vertrauter Hitlers. Schließlich hat sie einflußreiche Verwandte im neutralen und Hitlerdeutschland gewogenen Schweden. Doch diese Illusion sollte in den fünf Tagen ihres Prozesses wie ein Kartenhaus zusammenfallen.
Libertas krümmt sich. Vom Magen her greifen die Schmerzen um sich, als sie sich an die vergangene Woche mit den fünf Prozeßtagen erinnert.
Die Filmszene setzt mit jenem grauen und naßkalten Dienstag, ihrem ersten Prozeßtag, wieder ein. Die Sonne ist den ganzen Tag nicht zu sehen. Dennoch beginnt der Tag hoffnungsvoll. Libertas und ihre Freundin Mildred Harnack, die vier Tage vor dem Prozeßbeginn in das Charlottenburger Frauengefängnis verlegt wurde, dürfen zu Fuß zu dem nur wenige Schritte entfernten Gerichtsgebäude gehen. Das hat ihnen die Oberin Aenne Weider erlaubt, mit der Libertas noch am Vortag über ihr Schicksal gesprochen hat. Fröstelnd zieht Libertas ihren Pelzmantel zusammen. Vor ihr geht Mildred. Die Bewacher sehen darauf, daß sich die beiden Freundinnen nicht verständigen können. Je ein Unteroffizier führt sie. Mit bangem Herzschlag folgt Libertas ihrem Bewacher über die Kantstraße, dann dem Funkturm entgegen zum Lietzensee, wo sich das Reichskriegsgericht befindet. Sie darf gehen. Eine Wohltat. Erstmals seit ihrer Verhaftung wird sie nicht mit der „grünen Minna“ transportiert. Dieses hoffnungsvolle Zeichen steht allerdings im krassen Gegensatz zu dem, was ihr Verteidiger Dr. Rudolf Behse mit ernster Miene gesagt hat: „Ich habe in die Anklageschrift Einsicht nehmen können. Aufgrund der Schwere der Ihnen vorgeworfenen Verbrechen müssen sie mit dem Schlimmsten rechnen!“ „Das Gericht wird doch berücksichtigen, daß ich mich reumütig gezeigt habe“, redet sie sich ein. Immer wieder hat sie versucht, die Beamten der Gestapo über ihre Motive und die ihrer Freunde aufzuklären. „Sie müssen doch einsehen, daß wir keine Verbrecher sind! Schließlich muß doch auch der hartgesottenste Richter begreifen, daß die Nazis dem deutschen Volk großen Schaden zufügen. Der ganze Rußlandfeldzug ist ein einziges Fiasko, das täglich tausende deutsche Soldaten das Leben kostet.“ „Uns ging es darum“, erklärte sie den Vernehmern, „alle inneren Kräfte, die in Opposition zu Hitler stehen, zu unterstützen, und, weil dies nicht half, nach dem Kriegsausbruch, auch alle äußeren Kräfte. Dabei haben wir auf die geistige Elite gehofft. Wir haben uns dabei auch an führende Nationalsozialisten wie selbst Alois Hitler, den Bruder des Führers, den heutigen Vorsitzenden des Volksgerichtshofes Rudolf Freisler, der damals noch als Staatssekretär im Justizministerium arbeitete, oder den Ministerialrat Hans Globke aus dem Innenministerium gewandt.“ Verblüfft aber auch verständnisvoll hatten ihr die Vernehmer zugehört und ihre Ausführungen aufmerksam notiert. Libertas redete und redete. Die Polizisten ermunterten sie, in diesem Sinne fortzufahren. Zurückhaltend wurde Libertas nur, wenn sie direkt nach der Beteiligung ihrer Freunde gefragt wurde. Ihren engen Freund Alexander Spoerl, die ganze Familie Engelsing auch deren Sohn Thomas, Wolf Hardt, ihren Gefährten der letzten Tage vor der Verhaftung, hat sie mit keinem Wort erwähnt. Die Geheimpolizisten sagten ihr diese Liebschaften auf den Kopf zu, was sie bestritt. „Das können sie mir doch nicht übel auslegen“, ist sie überzeugt.
Davon bringt sie auch die Anklageschrift nicht ab, die ihr am Tag vor dem Prozeßbeginn zu lesen gegeben wurde. Im Gegensatz zu ihrem Anwalt ist ihr jedoch entgangen, daß Hitler sich am 26. April auf der letzten Reichstagssitzung in der Krolloper zum obersten Gerichtsherrn hat ernennen lassen und nun im Rechtswesen schalten und walten kann, wie er will. Sie ahnt auch nichts von der ungeheuren Wut Hitlers auf die „Rote Kapelle“. Ihr lastet er das Scheitern seiner großen Kaukasusoffensive und damit womöglich des gesamten Rußlandfeldzuges an. Hitler hegte die Vision, mit der Eroberung des Kaukasus die Türkei zum Kriegseintritt zu bewegen, das Ostheer mit den tausende Kilometer jenseits des Schwarzen Meeres in Afrika stehenden Truppen zu vereinigen und damit als Herrscher über Europa den gesamten Krieg siegreich zu beenden. Das letzte Hindernis, das dieser Vision entgegenstand, war in seinen Augen Stalingrad. Die Stadt hielt er schon in den Händen. Den Sieg vor Augen macht ihm dieser Haufen von Berliner Intellektuellen einen Strich durch die Rechnung. Tobend vor Wut hält er das Blatt mit den entzifferten Funksprüchen in seinen zitternden Händen. Sein Vertrauen in Göring, aus dessen Ministerium diese Informationen stammen, ist erschüttert. Von all dem werden erst die Nachgeborenen erfahren. Nicht einmal Libertas‘ Vertrauter wird später einmal solche Szenen nachträglich in ihren Film hineinmontieren können, denn in wenigen Stunden wird mit ihrem Kopf auch dieser nur gedachte Film im Nirwana verschwinden.
Bestenfalls hat ihr weitsichtiger Harro eine Ahnung von den Vorgängen im Hintergrund ihres Prozesses. In Stalingrad ist eine mächtige Schlacht im Gange, die Hitler noch nicht für sich entscheiden konnte, obwohl es bald Weihnachten ist. Daß dies aber etwas mit ihr und Harro zu tun haben könnte, vermag sie sich nicht vorzustellen. So schreitet sie zwar aufgeregt, doch mit der Hoffnung, daß ihr Leidensweg ein überschaubares Ende finden würde, zum Gericht. Schließlich freut sie sich sogar darauf, Harro und viele andere Freunde wiederzusehen.
Streng einzeln bewacht begegnen ihr auf dem Flur Harro, Arvid Harnack, erneut seine Frau Mildred, Horst Heilmann, die beiden Schumachers, Johannes Graudenz, Hans Coppi, Erika von Brockdorff sowie Kurt Schulze und Herbert Gollnow. Einige ihrer Mitangeklagten sollte sie erst während des Prozesses näher kennenlernen. Die Wiedersehensfreude ist groß. Jeder zeigt sie. Doch allein Libertas ist fröhlich. Sie scheint, das Bedrohliche der Kulisse ihrer Wiederbegegnung, die den anderen wie ein Alb auf der Seele liegt, nicht zu erfassen. Die strenge Bewachung legt sich erst allmählich auf ihr Herz. Vor jedes Fenster, das sie auf dem Weg in den Verhandlungssaal passieren, postiert sich ein Unteroffizier mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett, der die Angeklagten nicht aus den Augen läßt. Libertas versteht diese gespenstische Szenerie nicht, hat doch der Tag fast zuversichtlich begonnen. Jeder wird einzeln in den Gerichtssaal hineingeführt. Zuerst kommt Harro, ihm folgt Arvid Harnack, der den zweiten Stuhl besetzt, dann sie selbst, ihre Freundin Mildred, ihr Geliebter Horst Heilmann, Herbert Gollnow, auch er in der Wehrmachtsuniform eines Oberleutnants, es folgen nacheinander Kurt und Elisabeth Schumacher, Hans Coppi, Kurt Schulze, Erika von Brockdorff und als Letzter wird Jonny Graudenz aufgerufen. Als das Gericht durch die Türen beiderseits der Hitlerbüste eintritt, und sie sich erheben müssen, sollte auch über Libertas der Himmel einstürzen. Mit kaltem Auge blickte der Vorsitzende Dr. Alexander Klaer über die Angeklagten hinweg. Auch die vertraute Marineuniform des Vizeadmirals Arps kann ihr kein Vertrauen einflößen. Fünf Generale halten über sie Gericht. Die nehmen an einem langen geschwungenen Tisch an der Stirnseite des Saales Platz. Libertas direkt gegenüber sitzt etwas erhöht der Ankläger Oberstkriegsgerichtsrat Dr. Manfred Roeder. Sie nimmt ihn zum ersten Mal bewußt wahr. Irgendwo in der Nähe des Ku’damms muß ihr dieser Mann schon mal über den Weg gelaufen sein. „Richtig“, fällt es ihr ein. Er trat in der Xantener Straße 3 aus der Haustür, als sie laut lachend mit Freunden und großem Einkauf zu ihrem Donnerstagstreffen in der Waitzstraße zog. Sie hatte ihm einen herausfordernden Blick zugeworfen, als er ungezügelt ihre Augen suchte. Nur flüchtig war diese Begegnung, beide wandten sich nach diesem Sekundenkontakt voneinander ab.
„Ob er mich wiedererkannt hat?“, fragte sich Libertas damals im Gerichtssaal und fragt sie sich jetzt wieder in der Zelle. Sein besonders gemeines Verhalten ihr gegenüber während des Prozesses könnte sich aus dieser Begegnung erklären. Die Wärterinnen treiben die Häftlinge auf dem Flur zusammen, um sie in den Luftschutzbunker zu führen. Libertas weigert sich, mitzugehen. Die Wärterinnen sind bemüht, die Frauen in den schützenden Keller zu führen. Libertas hatte daran an ihrem letzten Lebenstag kein Interesse mehr. Die Wärterin, die es eilig hat, sich selbst in Sicherheit zu bringen, läßt Libertas gewähren. Sie setzt während des eiligen Getrappels auf dem Flur die Filmszene fort.
Roeders Blick ist kalt und feindselig. Mindestens zehn Meter weit vor den Angeklagten entfernt sitzen die Verteidiger. Am ersten Tag schnarrt der Vorsitzende ihre Lebensläufe herunter, so wie sie die Gestapo aus ihren Aussagen und den Dokumenten rekonstruiert hatte. Schon da mischt sich Roeder in ihre und Harros Vernehmung ein. „Sie haben in infamer Weise“, herrscht er Libertas an, „die preußische Tradition ihrer achtbaren Familien in den Dreck getreten und die ihnen daraus erwachsene gesellschaftliche Stellung benutzt, um führende Repräsentanten unserer Bewegung zu hintergehen, zu täuschen und ihre Kameraden dem Feind auszuliefern.“ Harro will sich dagegen verwahren, daß seine Familie gegen ihn ausgespielt und eine Schuld behauptet werde, die erst der Prozeß zu erweisen habe. Doch kaum hat er seine Stimme erhoben, wird er niedergeschrien. Deprimiert verläßt Libertas das Gebäude. Diesmal werden sie streng bewacht in der „grünen Minna“ zum Gefängnis gebracht. Zwei Wagen haben die Nazis nicht, so kommen die beiden Freundinnen Libertas und Mildred dazu, sich tröstend in die Arme zu nehmen und sich Mut zuzusprechen. Mildred rechnet mit dem Schlimmsten, dem Todesurteil. Sie fordert Libertas auf, sich keine Illusionen mehr zu machen. Dann reißen sie die Beamten unbarmherzig auseinander und unterbinden jedes weitere Gespräch. Der morgendliche Spaziergang zum Gericht sollte der letzte in Libertas‘ Leben gewesen sein. Sie kommt in strenge Einzelhaft. Von der noch in der Frühe zu verspürenden Milde ist nichts mehr vorhanden. Ihre Freunde werden in die anderen Strafanstalten gebracht, nach Spandau, Moabit und an den Alexanderplatz. Während der nächsten Verhandlungstage werden die Angeklagten zur Sache vernommen. Libertas wird, als sie erleben muß, was die Gestapo aus ihren Aussagen gemacht hat, immer wieder von Magenkrämpfen geschüttelt. Aussagen, die sie zur Entlastung ihrer Freunde gemacht hat, werden zum Entsetzen insbesondere ihrer Freundinnen Mildred und Erika als bewußter Verrat ausgelegt. Die Anklage tut so, als hätte sich Libertas bereiterklärt, hier als Kronzeugin aufzutreten, um ihr Leben vor dem sicher zu erwartenden Todesurteil zu bewahren. Die Freunde müssen angesichts der Verleumdungen seitens der Anklage ihre zum Auftakt des Prozesses gezeigte Zuversicht und Fröhlichkeit so deuten. Dabei war sie in ihrer Naivität von der Gestapo bewußt über ihre tatsächliche Lage getäuscht worden. Die Taktik geht auf. Bis auf Harro wenden sie die Blicke verachtungsvoll von ihr ab. Es hilft ihr nicht, daß sie, um ihre Freunde zu entlasten, Schuld für Taten auf sich nimmt, die sie nicht begangen hat. Sie behauptet, daß sie an den Flugschriften mitgearbeitet habe, sogar den wirksamen Titel „Agis“ für die Schrift „Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk“ vorgeschlagen haben will. Gerade daraus dreht ihr Roeder den Strick. Er wertet das als besondere Heimtücke gegenüber den in Stalingrad im Todeskampf um ihr Vaterland ringenden Soldaten. Über Erika von Brockdorffs Gesicht sieht sie ein schadenfrohes Lächeln huschen. „Da hat ihr wohl die Geltungssucht das sichere Todesurteil beschert“, mag die Mitstreiterin gedacht haben. Libertas findet in diesem Moment nirgendwo einen Halt. Alles bricht um sie herum zusammen. Die Freunde gehen auf Distanz. Keine Zusage der Gestapo gilt mehr, und zu Harro, wagt sie gar nicht mehr zu blicken.
Roeder herrscht sie an, ausführlich die Kontaktaufnahme zu dem sowjetischen Geheimdienstagenten „Kent“ zu schildern. Bei den früheren Vernehmungen bei der Gestapo hatte sie immer wieder versucht, diese Begegnung als ein Zufallstreffen mit einem ihr unbekannten Ausländer zu verharmlosen. Krampfhaft versuchte sie, sich ihrer für diese Frage zurechtgelegten Antwort zu erinnern. Obwohl es, wie ihr nun klargeworden ist, um Leben und Tod geht, vermag sie sich nicht mehr zu konzentrieren. Still vor sich hinlächelnd läßt Roeder sie ängstlich ihre nicht mehr logischen und zusammenhanglosen Sätze abstottern. Er nickt ihr sogar noch aufmunternd zu. „Fertig?“, fragt er freundlich. Sanft lächelnd öffnete er eine Akte und beginnt leise und sachlich vorzulesen: „Meiner Erinnerung nach habe ich bei einer Frau angerufen, deren Telefonnummer mir durch einen Funkspruch von Moskau bekanntgegeben war. ... Ich fragte sie unter anderem, warum sie solange nichts hat von sich hören lassen, worauf ich zur Antwort erhielt, daß das vorhandene Funkgerät defekt sei ...“ Von den Akten aufblickend fragte Roeder höflich: „Können Sie sich immer noch nicht erinnern? Ich werde Ihrer Erinnerung weiter nachhelfen.“ Einige Seiten in der Akte umblätternd fährt er fort: „Wir begaben uns alle drei in eine Wohnung, wo ‚Coro‘ mir dann anfänglich ohne mein Befragen verschiedene Mitteilungen machte, die ich mir stichwortartig in mein Notizbuch aufgeschrieben habe.“ Im Gerichtssaal halten alle den Atem an. Eine eisige Ruhe herrscht in dem Raum, die von der nunmehr schneidenden Stimme Roeders durchbrochen wird: „Zu diesen Informationen gehörte: ‚Die Treibstoffvorräte reichen noch bis Februar oder März nächsten Jahres‘.“ Roeders Augen huschen über das Papier. Er sucht die nächste angestrichene Stelle: „Angesichts dieser Lage muß man damit rechnen, daß der Angriff vor allem in Richtung Maikop erfolgt.“ Er blättert um: „Eine Fortsetzung des Angriffs auf Leningrad wird nicht erwartet.“ Mit Blick auf den Angeklagten Harro Schulze-Boysen zitiert er den in Klammern gesetzten Kommentar des sowjetischen Spions: „(persönliche Meinung von Harro).“ Dann liest er schnell, emotionslos und mit harter Stimme: „Die Stadt soll vermutlich durch eine totale Blockade und die Isolierung vom übrigen Land zur Aufgabe gezwungen werden. Die Angriffshandlungen werden sich in Richtung Krim und der Erdölregionen des Kaukasusvorlandes entfalten. ... Die deutsche Luftwaffe hat schwere Verluste erlitten, und gegenwärtig beträgt der Gesamtbestand nur 2700 Flugzeuge aller Typen, die kampftauglich sind. ... Die monatliche Zuführung an die Luftwaffe beträgt 100 statt 750 Flugzeuge.“
Roeder läßt die Akte sinken. Er blickt Libertas feindselig und voller Verachtung an: „Sie und Ihr Gatte sind damit am Tod tausender deutscher Soldaten schuld. Welche Strafe erwarten Sie von einem Gericht der Wehrmacht?“ Libertas bricht zusammen. Mit solch einem Verrat eines sowjetischen Offiziers hat sie nicht gerechnet. Ihr gesamter Freundeskreis hat alles riskiert, um dieser Armee zu helfen, den Faschismus zu besiegen, und dann dieser Verrat von einem Offizier jener Armee, die ihre letzte und einzige Hoffnung ist. Tränengeschüttelt verliert sie jeden Halt. Ihre Vernehmung muß unterbrochen werden. In der Verhandlungspause drückt ihr Harro die Hand. Horst Heilmann, Arvid Harnack und Kurt Schumacher versuchen, noch selbst von diesem Verrat geschockt, ihr beizustehen. Sie alle bis auf Libertas wissen spätestens jetzt: „Es gibt keine Hoffnung mehr.“ Die Gestapokommissare blicken grinsend zu den um Haltung ringenden Angeklagten hinüber, während sie aus herbeigebrachten Seideln ihr Bier schlürfen. Libertas hat sich noch nicht beruhigt, als die Verhandlung mit ihrer Vernehmung fortgeführt wird. Für Libertas sollte es noch schlimmer kommen.
„In dieses Bild der moralischen Verkommenheit paßt auch Ihr Lebenswandel“, nimmt Roeder die Vernehmung wieder auf. Diesmal wird sein Ton jedoch süffisant. „Mit wieviel Männern haben Sie denn allein in den letzten Tagen vor Ihrer Verhaftung, als Ihr Mann aus guten Gründen, die Sie gewiß schon ahnten, nicht mehr nach Hause kam, dessen Bett geteilt?“ Nach einer rhetorischen Kunstpause fährt er fort: „Ich will es Ihnen sagen. In den neun Tagen zwischen dem 31. August und dem 8. September haben die Beamten der Gestapo allein mit Alexander Spoerl, Wolf Hart, Horst Heilmann und Paul Lenart vier Männer bei Ihnen ein- und ausgesehen sehen. Haben Sie mit diesen Männern Geschlechtsverkehr ausgeübt?“ Libertas ist zu keiner Antwort mehr fähig. „Darf das Gericht Ihr völlig verspätetes Heulen als ‚Ja‘ werten?“, herrscht er sie an. Jetzt verliert Libertas völlig die Nerven. Hysterisch ohne Logik und Zusammenhang schreit sie in den Verhandlungsraum: „Das ist schon lange nicht mehr mein Mann!“ Sie fuchtelt wild mit den Armen, weist schließlich auf Harro und kreischt: „Ich will die Scheidung!“ Vor sich hingrinsend wartet Roeder diesen Ausbruch ab. Als Libertas nach einer Weile ihr verheultes Gesicht verbergend und schluchzend auf ihrem Platz sitzt, besteht das Gericht nicht darauf, daß sie sich zum Fortgang der Vernehmung wieder erhebt. Gelassen fährt Roeder mit dem Verhör fort: „Einige Nächte sind Sie gar nicht nach Hause gekommen! Wo waren Sie?“ Roeder wartet die Antwort gar nicht erst ab: „Zu dem jüngeren Alexander Spoerl sind Sie gezogen! Wahrscheinlich sogar froh, daß Ihr Mann nie etwas von diesem Auszug aus der ehelichen Wohnung erfahren wird“, höhnt Roeder. „Die wissen alles“, durchfährt es Libertas. Bislang hat sie immer verschwiegen, wie sie noch Anfang September, als Harro schon verhaftet war, mit Joe, wie sie Alexander Spoerl nennt, auf der Havel segelte. In den Morgenstunden hatten sie ein von der Gestapo verfolgtes Pärchen, das zum Havelufer geflüchtet war, aufgenommen. Sie verschwanden mit ihm in den Morgennebel und brachten es einige Kilometer weiter südlich auf der gegenüberliegenden Spandauer Seite an Land. Weit und breit war niemand zu sehen. Bisher war sich Libertas ziemlich sicher, daß die Gestapo von dieser Hilfe nichts mitbekommen hat. Nun erwartet sie aus dieser Richtung den nächsten Schlag. Roeder hat aber offensichtlich an den schlüpfrigen Geschichten Gefallen gefunden. Neugierig spinnt er diesen Faden fort: „Mir liegt hier ein Bericht vor“, sagt er mit dem Versuch, seine wollüstiges Interesse an der Frage mit geheuchelter Empörung zu überdecken, „daß in Ihrer Wohnung am 7. September, einem Montag, wüst gefeiert wurde, laut mit Musik und wildem Gestöhn. Da war doch wohl Paul Lenart bei Ihnen?“ Libertas blickt erschüttert zu Boden, wagt nicht den Blick zu heben zu Roeder nicht, zu den Richtern nicht und auch nicht zu ihren Freunden. „Wird mich Harro verachten?“, ist ein Gedanke, den sie unter dieser Tirade noch greifen kann. „Reden wir von Ihren Donnerstagstreffs“, fährt Roeder nun wieder sachlich fort. „Wie war denn da die Kleiderordnung? In den Gestapoprotokollen steht etwas davon, daß sich die fünf Damen nur für 15 Bekleidungspunkte ankleiden durften. Das reicht entweder für einen Büstenhalter oder zwei Strümpfe.“ Mit Würgen in der Kehle bringt sie hervor: „Wären Sie doch mitgekommen, dann wüßten Sie, was auf unseren Treffen geschah. Sie hatten mich doch auf dem Weg zu einer der Lesungen getroffen! Ihr Blick sagte mir, daß Sie nicht abgeneigt gewesen wären, mich zu begleiten!“ „Was nehmen Sie sich hier heraus, Sie verkommene Dirne!“, brüllt er unbeherrscht in den Gerichtssaal. „Sie haben doch nicht nur mit mindestens drei der hier mit ihnen angeklagten Männern Hurerei betrieben, sondern auch selbst unter Frauen, so steht es jedenfalls nach ihren eigenen Aussagen in den Vernehmungsprotokollen der Gestapo. Mit der hier ebenfalls angeklagten Mildred Harnack wollen Sie, nach eigener Aussage, Sodomie getrieben haben.“ Die Tränen stürzten unaufhaltsam. „Ich habe ja gar nicht mehr gelesen, was ich unterschreiben mußte. Anfangs wurde ich geschlagen, Wadenschrauben wurden mir gezeigt, manchmal war auch ein rein weißes Blatt unter den Papieren, die ich unterschreiben mußte ...“ Obwohl kaum zu verstehen war, was Libertas unter Schluchzen und Tränen vorbringt, herrscht Roeder sie an: „Schluß mit diesen Lügen. Ich habe keine Fragen mehr an diese Angeklagte.“
An den restlichen Verhandlungstagen wird Libertas in Ruhe gelassen. Sie darf nun miterleben, wie Roeder die anderen Frauen ebenso fertigmachen will, indem er sich genußvoll über ihr Sexualleben ausläßt. Er breitet alles, was seine Spitzel zusammengetragen haben, mit geheuchelter Entrüstung aus: Die außereheliche Beziehung Elisabeth Schumachers zu Philipp Schaeffer, eine angeblich lesbische Beziehung Mildreds zu Libertas und schließlich tobt er sich bei Erika von Brockdorff noch schlimmer als gegenüber Libertas aus. Sie will er zu einer liebestollen Nymphomanin stempeln, um so ein Motiv für ihr Mitwirken in der Spionagegruppe herzuleiten. Erika von Brockdorff lacht daraufhin Roeder aus: „Ihnen wird das Lachen schon noch vergehen“, höhnt er zur Angeklagten hinüber: „Nicht solange ich Sie sehe“, kontert Erika von Brockdorff sehr zur Bewunderung von Libertas.
Nur einmal flammt bei Libertas Hoffnung auf, daß sich die Dinge nicht bis zur Katastrophe zuspitzen werden. Das ist, als Wilhelm Canaris als „sachverständiger Zeuge“ aufgerufen wird. Von Großvater her ist er ihr als kaisertreuer Offizier bekannt, der seine Offiziere vor dem Mordvorwurf, die Kommunistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht erschlagen zu haben, schützte. Noch engere Beziehungen hat Harros Vater zu ihm. Nach der Verhaftung konnte und wollte er aber nicht helfen. Sie hat ein kleines Fünkchen Hoffnung, daß er es sich anders überlegt haben könnte. Aber auch seine Aussage, die Canaris ohne jede Emphatik mit müdem Blick und leicht lispelnd dem Gericht vorträgt, bestätigt alle Anschuldigungen Roeders über den Geheimnisverrat und die Feindbegünstigung.
„Zum Tode verurteilt“, das ist das Letzte, was Libertas im Gerichtssaal hört. Mit einem lauten Aufschrei bricht sie zusammen und kommt erst wieder in ihrer Zelle 20 des Charlottenburger Gefängnisses zu sich. Das edelsinnige Schlußwort von Harro in diesem Prozeß, wo er in klaren Worten das Gericht von der Notwendigkeit einer deutsch-russischen Verständigung überzeugen wollte, hat sie nur unbewußt wahrnehmen können. In der Zelle reißen sie nun die Sirenen, die Entwarnung verkünden, aus dieser Erinnerung.
Der Fliegeralarm ist aufgehoben. Die angekündigten Verbände sind wohl in andere Richtung abgezogen. Libertas hört ihre Mithäftlinge aus dem Keller zurückkehren. Der Flur ist von ihrem Scharren erfüllt. Im Polizeigefängnis am Alex, wohin sie nach ihrer ersten Vernehmung in der Gestapozentrale in der Prinz-Albrecht-Straße zunächst gebracht worden war, war sie mit Mildred Harnack und bald darauf mit weiteren inhaftierten Frauen aus ihrem Freundeskreis in Einzelzellen direkt unter dem Glasdach gesperrt worden. Dort dachten die Wärter nicht im Traum daran, sie vor den Bomben zu schützen. Überhaupt war dort vieles anders als in Charlottenburg. Hier in Charlottenburg wird Libertas zur Arbeit angehalten. Sie versucht sich im Kolorieren von Postkarten mit Wasserfarbe, was ihr noch am besten gelingt. Zum Spalten des Glimmers, Papierservietten zu falten oder Stopf- und Näharbeiten auszuführen, ist sie nicht zu gebrauchen. Am liebsten hämmert sie auf der Schreibmaschine herum. Sie versucht ihr Leiden, Fühlen und die Sehnsüchte in Poesie, Lyrik und Märchen zu fassen. Auf manche dieser Texte ist sie richtig stolz. Einige der Aufseherinnen sehen großzügig darüber hinweg, wenn sich die Frauen miteinander unterhalten. Besonders geeignet ist dazu die kleine Küche an der Stirnseite des Gefängnisflures. Dort führt die Küchenaufseherin Sternsdorf, die eine allgemein geschätzte Erbsensuppe zu kochen versteht, das Regime. „Erbsensuppe, ich hätte nie geglaubt, daß ich einmal diesen Eintopf als erstrebenswerten Hochgenuß ansehen werde“, denkt Libertas in Erinnerung an den Jagdschmaus in Liebenberg. Doch von dieser Welt hat sie sich bereits verabschiedet.
Sie fährt mit ihrem Film fort. Grell den Sternenhimmel nach Flugzeugen durchforstende Scheinwerfer bestimmen jetzt die Leinwand. Aus dem Lichtdom zur Olympiade war für die Berliner nunmehr tödlicher Ernst geworden. Die Scheinwerfer werden von hellgelb und leuchtendrot lodernden Feuersbrünsten abgelöst. In dieses Farbchaos mischen sich das Kreischen und das Stöhnen der Verletzten, das Weinen der Kinder, ihr verzweifeltes hellstimmiges Rufen nach der Mama und die Schreie des Entsetzens über das Blutbad, das unter den einstürzenden Häuserwänden entsteht. Die Szene läßt sie mit einer Einstellung ausklingen, die sie allein in der Zelle im Polizeigefängnis am Alexanderplatz zeigt. Libertas ist allein, während über dem Glasdach die britischen Bomber dröhnen. Sie zittert im Schein der Flammen und der Flakscheinwerfer. Ängstlich preßt sie sich an die Zellenwand, als könne die ihr Schutz geben.
Jetzt hat sie nur noch ein mildes Lächeln für ihre Angst übrig. „Schade, daß die Bomben heute nicht das verdammte Gefängnis in der Kantstraße getroffen haben.“ Ihr einziger Wunsch ist, daß mit ihr das gesamte verdammte 1000jährige Reich untergehen möge. Fast romantisch kommt ihr dagegen jene Bombennacht vor, die sie gemeinsam mit Harro in der Altenburger Allee zugebracht hat. Es war im gemeinsamen Luftschutzkeller für die Häuser 17, 18 und 19.

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