Herbert Fritsche
Das Wagnis, Mensch zu sein
2. Auflage
Taschenbuch Januar 2026
186 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-98913-234-4
Das Wagnis, Mensch zu sein
2. Auflage
Taschenbuch Januar 2026
186 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-98913-234-4
Mit dieser hier vorliegenden Zusammenstellung einer kleinen Auswahl seiner Arbeiten, die zum Teil nach langer Zeit wieder oder zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht werden, soll der Zugang zu dem Werk Herbert Fritsches geebnet werden; einem Werk, von dem viele seiner Freunde sagen, dass es sich erst späteren Generationen voll erschließen werde. Mit wachen Sinnen gehen wir auf Spurensuche, treten Aus dem Dunkel zum Licht, um letztlich Von letzten Dingen zu hören – um nur einige Kapitelüberschriften zu nennen – die uns Herbert Fritsche mit auf den Weg gibt.
Das Ich und sein Du
Niemand kann seine eigene Stimme hören: ihre Resonanz im Kopf verfälscht zeitlebens die Klangwahrnehmung. Daher erschrecken wir, wenn wir – mit Hilfe der Technik – von der Schallplatte her den Fremden vernahmen, der wir selber sind. Auch kennt niemand durch die unmittelbare Sicht sein eigenes Bild. Wieder muss die Technik – im Foto, im Film - uns dazu verhelfen, ahnen zu können, wie der andre uns sieht.
Aber tot ist das Klangbild, gespensterhaft sind Foto und Film, wenn wir auf solchen Wegen eine Selbstbegegnung suchen. Die Maschine ist nicht bevollmächtigt, das Menschenwesen zu erfassen – nicht einmal dort, wo es in Akustik und Optik offenbar werden will. Wir brauchen den Mitmenschen, wenn wir gehört, gesehen oder gar verstanden zu werden wünschen.
Der Mitmensch sieht uns stets nur so, wie wir ihm aktuell entgegentreten. Bestenfalls gelangt er durch langfristige Verarbeitung der Eindrücke solcher aktueller Begegnungen zu dem, was er das Erfahrungsbild unseres Wesens nennen mag – und ist er gar Menschenkenner, so schlüsselt er überdies mit Nachschlüsseln an uns herum, die an ganz anderer Stätte geschmiedet und gefeilt wurden als dort, wo unser einmalig-einziger Ort in der Welt ist.
Montaigne sagt, er glaube, dass die Engel die Menschen nicht so verachten, wie die Menschen einander verachten. Sein Glaube ist wohlbegründet, denn die Menschen können einander nur so sehen, wie sie in der jeweiligen Manifestation ihres Wesens sind, während die Engel die Gabe der Vorausschau und damit auch dasjenige im Blickfeld haben, was Werdeziel ist. Wenn wir vom Schutzengel sprechen, so sollten wir nicht auf philiströse Weise an einen Hinderer unserer Unfallmöglichkeiten denken, sondern an eine Wesenheit, die unser Werdeziel schauend bewahrt und hütend über uns hält – die mithin um das Geheimnis unserer Würde weiß und es für alle Zukunft in sich birgt. Aber die Engel wohnen hoch über der uns zugewiesenen Ebene des Lebens.
Gibt es hier auf Erden gar nichts von so tröstlicher Wirklichkeit, von so einzig wirksamem Schutz gegen das Verzweifeln in und am Erbärmlichen?
Es gibt die Liebe.
Der Widersacher des Menschen – wie Goethe ihn im Mephisto herauf-beschwört – ist nicht nur außerstande, selber zu lieben, er vermag sogar nicht einmal die Wirklichkeitsmacht der Liebe in seine Pläne einzukalkulieren. Nur darum ist er – bei aller Schläue, bei aller Überlegenheit – letzten Endes immer wieder der „dumme Teufel“.
Als Faust recht redlich von Mephisto eingefangen und überlistet worden ist und der Teufel sich diese Menschenseele vertragsgemäß ins ewig Leere, in seine so hochgelobte Heimat holen will, da ist auf einmal der ganze, der unversehrte, der auferstehungsleibliche Faust wider alles Erwarten noch unantastbar vorhanden: von Gretchens Herzen her, in dem sein Urbild wohnt. Und genau so ergeht es Peer Gynt, dem Alt- und Schlechtgewordenen, der die seiner harrende Solveigh fragt, wo es denn den eigentlichen, den mit sich selbst kongruenten Peer noch gäbe – sie aber weist auf ihr Herz, auf ihre Liebe, auf die letzte Wirklichkeit, die das Ich finden kann und die es nur an einer einzigen Stelle im Kosmos zu finden vermag: dort, wo sein Du ist.
Der Name Ich ist geheimnisvoll, weil er unaustauschbar ist. Nur zu sich selbst kann das Ich „ich“ sagen, zu niemand sonst im Himmel und auf Erden. Das Ich ist sich sein eines einziges und unentrinnbares Ich.
Gibt es für dieses eine einzige Ich auch ein eines einziges Du? Hat das Ich sein Du mit der gleichen Evidenz der Unaustauschbarkeit, mit der es sich selber hat? Nur wo solches erfahren wird, waltet wirkliche Liebe – Liebe als Besiegelung menschlicher Ganzheit.
Alles, was sonst Liebe heißen mag, bedeutet bestenfalls Einübung zur eigentlichen Liebe hin, deren einmaliges Einmal ein unauflösliches Immer ist.
Die Herzensregungen der Menschen sind von geheimem Wissen um dieses Mysterium durchwoben. Deshalb sprechen alle, die die Liebe zu erleben meinen – auch wenn sie, wie zumeist, nur Selbstverzehrer einer vom Partner ermöglichten Euphorie sind –, so gern von immer, von ewig. Die Religionen und die Gesetze passen sich solchem Suchen an: unaufhörlich ist das Sakrament der Ehe, recht und billig die Forderung der steten Treue. Aber der Weltkundige – der Armseligste unter allen Atmenden – prüft die Tatbestände, resigniert, lächelt oder spottet.
Was die Engel können droben, in den nicht mehr irdischen Regionen, das vermag auf Erden nur das eine einzige Du, wenn es dem Ich begegnet: sein Werdeziel sehen und bejahen.
Aber während die Engel ihr Ja zum Ende unseres Weltentages hin erklingen lassen, kann das Du seinem Ich, das Ich seinem Du die Tat dieses Ja hier auf Erden widerfahren lassen: eine objektive Weltentat, die ein Stück Schöpfungswirklichkeit hinüberrettet ins Unvergängliche.
Wer Gottgewolltes zu sehen und seine Sicht mit Zieldauer zu wahren vermag, ist nicht mehr ein Ich oder ein Du; das Ich und sein Du sind dann in Gott. „Gott ist die Liebe“. Grundsätzlich ereignet sich echte Liebe als ein trinitarisches Geschehen: Ich, Du und Gott. Weil damit Boden der Gotteswirklichkeit erobert worden ist, Neuland für die wartende Erlösungslandschaft des Weltenziels, wird Irdischem Überirdisches zuteil: Unvergänglichkeit.
Wahnhaft-wesenlose Liebe – jene, wie sie tausendfach geschieht – langt vergebens nach dem Segen des Immerdar. Sie ist dem Gesetz des Chronos-Saturn unterworfen, der seine eigenen Kinder frisst: alternd stirbt sie in den Zeitengang hinein oder muss sich mit Verwandlungen in Hass, Gleichgültigkeit, Kameradschaft und dergleichen abfinden. Das scheint ein Fluch zu sein, ist aber in Wahrheit ein Segen, denn der Weg muss weitergehen, der Weg des Ich zu seinem Du – und sei es durch ganze Kosmen voller Stirb und Werde hindurch.
Ist jedoch eines Tages endlich die Stunde da, in der Ereignis wird, was ehedem Ahnung oder Irrweg war, so „stirbt das Ich, der dunkle Despot“. Es meint nun nicht mehr sich selbst im Du, das Du wird ihm Weltmitte, Grab und Auferstehung. Die selige Paradoxie dieses Sterbeprozesses ist, dass in ihm erst das wahre Leben gefunden werden kann: das Leben des wahren Menschen, der sein Ich ist und sein Du, wie Gott es bestimmte, ehe das Paradies zerbrach – und der in seinem unauflöslichen, die Weihe geheimer Einheit tragenden Zuzweit nun dennoch nicht zu entschweben hat, sondern zu leben quer übers Erdenland hinweg, mit der dritten Bitte des Vaterunsers im Herzen als mit dem magischen Eid, der alle Geschicke in Geschenke verwandelt.
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