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Barbara Wolf
Carlstadt contra Luther - Sie wollten nur die Reformation


Taschenbuch November 2016
382 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-96014-197-6


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Reformation verstehen – dies war der Antrieb, die historischen Ereignisse im Leben des Reformators Andreas Bodenstein Carlstadt zu recherchieren. Er war der Doktorvater
Luthers in Wittenberg. Beide kämpften mit Thesen und Schriften für eine Reformation der katholischen Kirche. Sie wollten eine stärkere Besinnung auf die eigentlichen
Werte des Glaubens und lehnten die äußeren Zeichen und den Ablasshandel ab. Jedoch hatten sie unterschiedliche Auffassungen vom Abendmahl.

Barbara Wolf, freie Journalistin und Mitglied der Geschichtswerkstatt Karlstadt im Landkreis Main-Spessart, ist der Historie von Andreas Bodenstein, genannt Doktor Carlstadt, und von Martin Luther nachgegangen. Die Zeit von 1500 bis 1541 wird mit nahezu allen religiösen Konflikten und Begegnungen zwischen Martin Luther und Andreas Carlstadt spannend beschrieben. Tauchen Sie ein in den Historischen Roman der Reformationszeit, und lassen Sie sich fesseln von den mitreißenden Ereignissen jener Zeit.
Auszug Leseprobe
Auch Martin, ein Mönch aus dem Augustinerorden, hatte sein Theologiestudium aufgenommen und stand jetzt vor ihm, um die Schrift zu kaufen. Er wirkte nervös. Am Himmel brauten sich dunkle Wolken zusammen. „Verehrter Doktor Carlstadt, gebt mir schnell ein Exemplar, bevor das Gewitter über uns hereinbricht“, sagte er.
„Aber ja, es wird schon nicht zu nahe kommen“, antwortete Andreas. In der Ferne blitzte ein Wetterleuchten, leise grollte der Donner.
„Ich habe schon schlimme Gewitter erlebt“, sprach der Student Martin weiter. „In solch einem verheerenden Gewitter hatte ich Todesangst, das könnt Ihr Euch kaum vorstellen. Neben mir schlug der Blitz in eine hohe Eiche ein. Ein Ast fiel ab, der mich fast erschlagen hätte, und es krachte und blitzte weiter. Vor mir brannte das Gras und weiteres Blattwerk wirbelte herum. Der Wind riss einen Baum mitsamt Wurzeln aus dem Waldboden. Damals habe ich versprochen, in den Augustinerorden einzutreten, wenn ich das Unwetter überlebe.“
„Ihr heißt doch Luder, und wenn ich recht informiert bin, war das in Erfurt, wie kommt Ihr hierher?“
„Meinem Beichtvater, dem Generalvikar der Augustinerkongregation Johann von Staupitz, habe ich es zu verdanken, dass ich zum Theologiestudium nach Wittenberg geschickt worden bin.“
„Jetzt beruhigt Euch. Das Gewitter zieht vorbei. Heute passiert nichts mehr.“ Lächelnd überreichte er Martin die Schrift.
„Herr von Staupitz hat auch schon einige Schriften verfasst, die sich mit der Bibel beschäftigen“, erklärte Martin. „Ich kann Euch die Titel aufschreiben, wenn es Euch interessiert.“
„Ja, durchaus“ nickte Andreas und sah ihn an. „Ich will auch wissen, wo ich sie kaufen kann.“ Der Augustinermönch hat ein sympathisches Lächeln, dachte er und wandte sich dem nächsten Studenten zu.
Zuhause stellte sich Andreas an sein Schreibpult und adressierte die Schrift „Intentionibus“ an den Kurfürsten, außerdem an seinen Patenonkel Nikolaus Demuth im Augustinerorden, an Johann Schöner und an seine Eltern nach Karlstadt. Einige Exemplare schickte er an die Kölner Burse mit der Bitte, dass man ihm das Geld dafür zukommen lassen solle.
Im Lehrbetrieb der Universität Wittenberg wurden vor jeder Disputation die Thesen an die Tür der Schlosskirche angeschlagen, damit sich die Studenten auf das Thema einstellen konnten. So hielt es auch Andreas, der bald eine treue Anhängerschaft um sich scharte. Es kamen immer mehr Studenten nach Wittenberg, die vom Erlass der Studiengebühren und der vielfältigen Lehre gehört hatten. Rektor Martin Pollich, der im Auftrag des Kurfürsten Friedrich III. die Universität aufgebaut hatte, bat Andreas ins Refektorium. Nachdem sie einige Höflichkeiten ausgetauscht hatten, sagte er: „Verehrter Doktor Andreas Bodenstein Carolstadius, möchtet Ihr Euch für das Amt des Vorstehers der theologischen Fakultät zur Wahl stellen?“ Andreas faltete seine Hände. „Was kommen denn für Aufgaben auf mich zu?“ Nachdem ihm der Rektor seine Pflichten aufgezählt hatte, erklärte er sich einverstanden. „In dieser verantwortungsvollen Position kann ich Euch zum Lebensunterhalt ein niedriges Kanonikat am Allerheiligenstift der Universität Wittenberg geben“, schob Pollich nach. Mit dem seltsamen Gefühl, dass sich nun sein Leben verändern würde, verließ Andreas die Universität.

**

Es war ein heißer, staubiger Tag, an dem die Professoren den neuen Fakultätsvorsteher bestimmen sollten. Als Andreas mit großer Mehrheit gewählt wurde, leuchteten seine Augen. Er freute sich über das Vertrauen, das man ihm entgegenbrachte und dankte Gott, dass er ihm den Mut gegeben hatte, sich zu bewerben und dafür, dass ihm die Stelle angeboten wurde. Noch am selben Abend schrieb er einen Brief mit diesen stolzen Nachrichten nach Hause.
Im August 1508 wurde Andreas an der Universität Wittenberg zum Sentenarius Biblicus ernannt und durfte über die beiden ersten Bücher der Sentenzen des italienischen Bischofs Petrus Lombardus Vorlesungen halten. Sie galten als Handbücher der Theologie und waren in einer Übersicht geordnet. Das erste Buch behandelte Gott und das trinitarische Geheimnis, das zweite das Werk der Schöpfung, die Sünde und die Gnade. Noch ehe das vorgeschriebene Jahr vergangen war, durfte Andreas als Formatus auch über die beiden anderen Bücher lehren. Das dritte Buch befasste sich mit dem Geheimnis der Menschwerdung und des Erlösungswerks, mit einer ausführlichen Darstellung der Tugenden. Das vierte Buch war den Sakramenten und den letzten Dingen (novissima), den Dingen des Ewigen Lebens gewidmet.
Der eifrige Student Martin aus dem Augustinerorden fiel Andreas immer öfter auf. Inzwischen hatte er erfahren, dass Martin zuvor in Erfurt einige Semester Jurisprudenz studiert hatte. Dort ist er ihm aber nicht begegnet, obwohl sie nur zwei Jahre Altersunterschied hatten. Die Schriften seines Generalvikars von Staupitz nahm der Mönch immer wieder als Disputationsgrundlage. So stellte er die Ansichten des Petrus Lombardus und die Theorien des Thomas von Aquin und die Ockhams denen seines Generalvikars gegenüber. Sie betonten alle Gottes Freiheit ebenso wie die menschliche Freiheit. Diese Schriften hatte der Augustinermönch Martin in der Klosterschule kennen gelernt und studiert. Andreas machte es sichtlich Spaß, sich auf diesem Niveau mit einem Studenten auseinanderzusetzen. Doch es ärgerte ihn, dass ein Student manchmal klüger erschien als der Dozent. Bei der letzten Vorlesung hatte Martin ihm widersprochen und erklärt, dass die Kirchengesetze oft nicht mit der Bibel übereinstimmten. Dies hätte sein Generalvikar von Staupitz erkannt. Dieser Schlagabtausch vor den Studenten war eine echte Herausforderung gewesen. „So etwas darf mir nie wieder passieren“, grummelte Andreas vor sich hin. „Ich werde mir die Schriften des Generalvikars in Leipzig besorgen und sehr gründlich studieren. Mal sehen, ob er mir dann noch widersprechen kann.“ Als Andreas die Bücher in Händen hielt, war er verblüfft, wie hier die Worte der Bibel so manche Zweifel in seiner bisherigen Auffassung hervorriefen.

In Wittenberg wurde die Baustelle an der Stiftskirche langsam abgeräumt. Endlich war die Kirche soweit fertiggestellt, dass sie eingeweiht werden konnte. Einige Wochen zuvor hatte der Kurfürst die Verwaltung für das Allerheiligenstift und für die Universität zusammengelegt. So wurden die Stiftsherren der Theologischen Fakultät verpflichtet, an dieser Kirche, die gleichzeitig Schlosskirche war, ihren Dienst als Prediger aufzunehmen, und der Kurfürst konnte sich selbst ein Urteil über die Prediger-Fähigkeiten seiner Doktoren bilden.
Die Einweihung der Schlosskirche schien Andreas eine gute Gelegenheit, sich zum Priester weihen zu lassen. Als er diesen Vorschlag schriftlich Friedrich III. mitteilte, war der Kurfürst überaus begeistert. Andreas sollte alles mit dem neuen Priester und Erzieher Georg Spalatin besprechen. Ihn hatte der Kurfürst extra als Lehrer für seinen Bruder Johann Friedrich am sächsischen Hof in Thorgau eingestellt. Er war auch deswegen hocherfreut, weil er jetzt an diesem Tag nicht nur seine vielen Reliquien aufstellen konnte, sondern es gab auch noch den Primizsegen, den ersten Segen des neugeweihten Pfarrers Andreas Bodenstein Carolstadius. Dies war immer etwas Besonderes. Ganz Wittenberg war auf den Beinen, als die Schlosskirche eingeweiht wurde und auch das Volk die Reliquien im Inneren betrachten konnte. Außerdem spendierte der Kurfürst Zuckerkringel für die Kinder und Freibier für die Erwachsenen.

**

Im Frühjahr, als die Wege durch die Wälder wieder passierbar waren, reiste Andreas endlich ins Frankenland, um auch in Karlstadt seine Primiz zu feiern. Am 24. April 1510 sollte die Messe mit dem Primizsegen in Sankt Andreas gehalten werden. Schon einige Tage zuvor kam er in Eußenheim bei seiner Schwester Eva an, die in einen Bauernhof eingeheiratet hatte. Er ritt auf das Gehöft zu und zog am Strang der Glocke, die am Toreingang befestigt war. Seine Schwester öffnete und ein Strahlen überzog ihr Gesicht. Sie war eine schöne junge Frau geworden. Um ihr langes Haar hatte sie ein Kopftuch gebunden. Sie trug ein einfaches Leinenkleid mit einer Schürze darüber, die bis zum Boden reichte. Es war ein herzliches Wiedersehen. Als Andreas das Haus betrat, war es merkwürdig still. Mit dem Kopf deutete sie auf die Ofenbank, auf die er sich setzen sollte. Dann holte sie einen Krug Wein, dazu legte sie einen Laib Brot und ein Stück Schinkenspeck auf den Tisch. Eine Katze kam aus ihrer Ecke hervor und strich Andreas um die Beine. „Ich muss dich eine Weile alleine lassen, du kannst in Ruhe essen. Was nach dem Ave-Maria-Läuten geschafft wird, auf dem ruht kein Segen, sagt meine Schwiegermutter.“ Sie lachte ihm zu und verschwand, um die Kühe zu melken. Danach holten sich die Leute aus dem Dorf die frische Milch ab. Das Glockengeläut war auch für die Feldarbeiter das Zeichen, nach Hause zu gehen. Langsam kehrte Leben in den Hof ein. Zeit zum Abendessen. Ein Topf Suppe mit Gemüsestücken und Graupen wurde auf den Tisch gestellt. Wer zu spät kam, musste sich mit den Resten begnügen. Nach getaner Arbeit setzten sich die Erwachsenen in den warmen Spinnstuben zusammen und erzählten sich Neuigkeiten. Andreas hörte eine Weile zu. Diese Leute haben ganz andere Sorgen, dachte er. Sie kämpfen ums Überleben. Ihr Seelenheil sollte ihnen aber genauso wichtig sein. In der Kirche verstehen sie das meiste nicht, da nur Lateinisch gebetet und gesungen wird. Das müsste der Papst ändern.
Das Dorfgeschehen interessierte Andreas nicht besonders. Er stand auf, packte sein Bündel und seinen Brustbeutel mit Reisegeld und klopfte auf den Tisch, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. „Liebe Leute, es wäre mir eine Ehre, wenn ihr am Sonntag nach Karlstadt zu meiner Primizfeier kämt, damit ich euch den Segen geben kann. Gelobt sei Jesus Christus.“ Seine Schwester begleitete ihn hinaus und versicherte, sie würden alle kommen.

**

3. Kapitel
(1510) „Wenn ich aus dieser Todesnot erlöst und wieder gesund werde, bringe ich in Rom ein Messopfer dar.“

Frisch gestärkt schwang sich Andreas aufs Pferd und ritt Richtung Karlstadt. In einer halben Stunde, bevor die Stadttore schlossen, wollte er dort sein. Ein Teil des Weges zog sich einen Hohlweg entlang. Andreas sah schon von weitem, dass ihm drei kräftige Burschen entgegenkamen. Einer hielt einen langen Hirtenstab in der Hand. Als der erste auf seiner Höhe war, nickte Andreas grüßend. „Gelobt sei Jesus Christus.“
Die Männer drängten sich an sein Pferd und ergriffen das Zaumzeug: „Halt’s Maul, Geld her!“, schrie einer und richtete drohend den Stab auf ihn. Als sich Andreas ausweichend wegdrehte, schlug dieser ihm mit dem Hirtenstab auf den Rücken und warf ihn zu Boden. Der zweite sprang herbei, schlug und prügelte erbarmungslos auf seine Beine und auf die Arme, die Andreas schützend über den Kopf hielt, während er versuchte, sich aufzurichten. Der dritte riss ihm seinen Beutel von der Brust, stieß ihn abermals zu Boden, trat ihm, der sich auf dem lehmfurchigen Boden wälzte, so kräftig und hart in die Magengegend, dass Andreas schreckliche Todesangst bekam. Er rollte sich zusammen, und ohne sich zu wehren, begann er laut zu beten. Immer wieder rief er: „Gott, unser aller Heiland, steh mir bei, heiliger Petrus und Paulus bittet für mich.“ Damit hatten die Räuber nicht gerechnet und einer schrie wieder „Halt’s Maul“. Doch Andreas betete laut und inbrünstig weiter: „Helft, all ihr Heiligen, steht mir bei. Beschützt mich.“ In seiner Todesnot klammerte er sich an ein Gelübde: „Ich bringe in Rom ein Messopfer dar, wenn ich wieder gesund werde, Jesus steh mir bei. Hilf, Gott hilf.“ Einer der Banditen rief: „Los, hauen wir ab. Das ist doch ein fremder Pfaff, der kennt uns nicht.“ Endlich ließen ihn die Räuber stöhnend und röchelnd liegen. Er hörte, wie sie sich mit seinem Pferd und seinem Bündel davonmachten. Pochender Schmerz wechselte sich mit wirren Gedanken ab. Warum bin ich so spät aufgebrochen? Er versuchte aufzustehen. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihn, dann fiel er in Bewusstlosigkeit.
Als Andreas wieder zu sich kam, schien die Sonne nicht mehr. Regenwolken verdeckten die Sicht auf die Sterne. In der kalten Aprilnacht würde ihn keiner finden.

** Bis hier in Leseprobe einfügen

Nach einiger Zeit richtete er sich unter Schmerzen auf und sah sich um. Er schöpfte wieder Hoffnung, als er hörte, dass ein Ochsenkarren des Weges kam. „Guter Mann!“, rief er. „Ich bin überfallen worden, könnt Ihr mich nach Karlstadt bringen?“ Sie erreichten das Stadttor, doch es war schon geschlossen. Der Bauer rief: „He, macht auf, ich bring den Bodenstein, der den Primizsegen am Sonntag austeilen will.“ Nichts rührte sich. Da fing der Bauer zu fluchen an: „Ihr Sauhunde, ihr Stadthammel, er ist überfallen worden und braucht Hilfe.“ Endlich öffnete sich das kleine Guckloch, und ein Wachmann schaute sich die Situation genauer an. Dann entschied er: „Macht das Tor noch einmal auf, der Mann ist in einem jämmerlichen Zustand.“
Der Bauer trieb seine Ochsen durch das Tor, an der Kirche vorbei in die Rathausgasse. Dort stürmte er in die Gaststube. „Euer Sohn liegt draußen auf meinem Karren, kommt und helft ihn hereinzutragen.“ Erschrocken schickte der Vater nach der Ordensschwester, die im Spital bei den Kranken ihren Dienst tat. Vorsichtig legten sie Andreas aufs Bett. Die Krankenschwester schaute ihn nur kurz an: „Kocht mir einen Kamillentee, damit ich die aufgeschürften Wunden auswaschen kann.“ Sie bestrich die Wunden mit einer Arnikaheilsalbe und legte Andreas einen Verband an. Dann tastete sie die Knochen ab, stellte fest, dass nichts gebrochen war und massierte die schmerzenden Stellen. Auf einen Bluterguss band sie ein Säckchen Dinkelspelz, das die schlechten Säfte wegsaugen sollte. Liebevoll verpflegte ihn die Mutter am nächsten Tag mit heißer Hühnersuppe und ließ ihn schlafen, damit er wieder zu Kräften komme. Die besorgten Gesichter im Hause Bodenstein vermuteten schlimme Auswirkungen.
Der Vater holte den Pfarrer, und beide beschlossen, abzuwarten und gegebenenfalls den Primizsegen zu verschieben. Doch sie wunderten sich über eine rasche Genesung. „Ich sollte endlich Jura studieren, damit ich anderen Leuten in solchen Situationen gegen dieses Pack helfen kann“, sagte Andreas ironisch zu seinem Vater. Dann wurde er ernst und erzählte ihm von seinem Gelübde, nach Rom zu reisen, und dass er fest daran glaube, dass er sich deshalb so schnell erholt habe.
Da es ihm schon wieder besser ging, teilte Andreas am Sonntag nach der Messe den Primizsegen an die gläubigen Karlstadter aus. Es kamen zwar viele, im Seitenschiff sah man jedoch zahlreiche leere Plätze.
Nach dem Gottesdienst lud er den Pfarrer, wie früher üblich, mit ins Gasthaus ein. Dort ging es ungewohnt ruhig zu. Andreas wunderte sich und folgte seinem Vater in den Weinkeller. „Vater, was ist los, warum kommen so wenig Gäste?“
Der ehemalige Bürgermeister Peter Bodenstein wollte erst nicht antworten, doch dann sah er seinem Sohn ins Gesicht und seufzte: „Ach Andreas, vielleicht hab’ ich einen Fehler gemacht. Ich habe von den Habermann-Burschen eines dieser vermaledeiten Kartenspiele konfisziert. Was sollte ich tun? Ich bin Bruderschaftsmeister und gläubiger Christ, und die Kirche hat das Kartenspiel zum Teufelswerk erklärt. In meiner Wirtschaft ist Würfelspiel und Kartenspielen verboten.“
„Ach, und wo sind sie jetzt?“
„Sie spielen im Schwanen am Marktplatz. Dort sollen fast täglich drei Tische besetzt sein.“
„Ihr habt das Richtige getan, Vater. Man soll nit gegen seine Überzeugung handeln. Wenn Ihr finanzielle Hilfe braucht, kann ich Euch unterstützen.“
„Nein, Bub, für uns reicht es. Dein Bruder ist Bäcker, der andere ist unterwegs auf der Walz, keiner will wie du studieren, deine Schwestern sind verheiratet, wir verhungern schon nit.“
„Gut, denn ich muss mir noch ein Pferd kaufen. Zu den Festgottesdiensten an Pfingsten bin ich eingeteilt und will wieder in Wittenberg sein. Als Reiter komme ich sicherer vorwärts als zu Fuß oder mit einem unbequemen Fuhrwagen.“
Zum wöchentlichen Viehmarkt ging Andreas an die Stadtmauer und besah sich die Pferde. Hier standen jedoch meist Zugpferde und Ackergäule zum Verkauf. Plötzlich stupste ihn ein junges Reitpferd von hinten an. Andreas drehte sich zu ihm um und lachte. „Na, du willst wohl zu mir.“ Sofort eilte der Pferdehändler herbei, der ihn schon eine Weile beobachtet hatte. Andreas kannte sich mit Pferden auch gut aus, und so feilschten sie um einen angemessenen Preis. Nach einigen Tagen verabschiedete er sich von seinen Eltern und Geschwistern. Die Familie Drach hatte ihm für ihren Sohn in Erfurt wieder Schinken und Brote mitgegeben. In Erfurt meldete er sich bei Johannes Drach. Andreas lud ihn zum Abendessen ins Gasthaus ein und ließ sich erzählen, wie es ihm mit dem Studium erging. Johannes berichtete, dass er sich als Chorleiter ausbilden lasse, und dass er vor kurzem einen Wittenberger Studenten, den Augustinermönch Martin, kennen gelernt habe. Andreas übernachtete bei Johannes Drach und setzte am nächsten Morgen seine Reise fort.
In Wittenberg ritt Andreas direkt zur Universität und meldete seine Rückkehr. Er traf Rektor Martin Pollich und erzählte von dem Überfall und der Todesnot, in der er um sein Leben gebangt hatte, und dem Gelübde, nach Rom zu pilgern, dem er seine rasche Genesung verdankte.
Auch Rektor Pollich hatte Neuigkeiten. „Ihr Student Martin ist von seinem Orden nach Erfurt zu einer Versammlung geschickt worden. Jetzt kam ein Brief, dass er ins Augustinerkloster nach Nürnberg weitergereist ist. Es kann möglich sein, dass er sogar nach Rom weiterreisen muss, um eine Angelegenheit des Ordens zu klären. Mir tut dieser Mönch Martin leid. Seine Reise fällt auch noch in die Fastenzeit vor Weihnachten.“

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