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Anna-Beata Mirsching
Carlos und Herr Socke


Taschenbuch Juli 2018
90 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-96014-481-6


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„Ein Schriftsteller, der seine Romanfiguren nicht liebt, schreibt für die Tonne“, muss sich der Autor Martin von seiner eigenen Schöpfung, nämlich dem Romanhelden Herrn Socke, belehren lassen. Wie so etwas möglich ist, erfährt man durch die Lektüre des kurzweilig-witzig-phantasievollen und bei aller Ironie stets nur liebevoll gemeinten Romans „Carlos und Herr Socke“. Eine Geschichte über einen schrulligen Spielzeughändler, eine lebende Murmel und ein paar Menschen um den Schriftsteller Martin, dessen Figuren sich verselbständigt haben und in der sogenannten realen Welt für einige Turbulenzen und aberwitzige Situationen sorgen. Bei aller Komik regt das Buch – so ganz nebenbei – auch zum Schweifen lassen tiefgründiger Gedanken an.
Geschrieben von der in Büdingen ansässigen Malerin Anna-Beata Mirsching und illustriert durch 14 ganzseitige Fotomontagen mit Mirschings Gemälden, die ihre ganz eigenen Geschichten zu erzählen haben.
Seit Martin in das Mädel mit den grauen Augen und den bunten Haaren hineingerannt war, hatte sich alles verändert. Er, der im Absurden badete, er, der den lieben langen Tag in Versen denken konnte, er brachte es vor Müdigkeit nicht mehr fertig, auch nur einen Refrain zu schreiben. Seine Wohnung verließ er fast gar nicht mehr. Martin lebte in einem baufälligen Zweizimmerfach­werk­haus. Eins davon gehörte dem dicken massiven Holztisch, an dem er arbeitete. Das andere der Schrottskulptur Eva. Sie war lebensgroß und bestand aus Rasentrimmerteilen und dicken Eisenspiralen. Eva saß mitten im Raum auf einem Bierkasten, den Kopf hatte sie nachdenklich in die Hände gestützt. Die Wände um sie herum waren komplett mit Martins Liedtexten beschriftet. Doch Martin stand weder der Sinn nach Lesen oder Schreiben. Im Gegenteil. In Gedanken ging er immer wieder diesen einen Regentag durch, der seine Welt auf den Kopf gestellt hatte. Er rekapitulierte:
1. Kurz vor einem rotweißgestreiften Turm bin ich mit
IHR zusammengestoßen. Es regnete.
2. Mein Text war aus der Tasche gefallen.
Wir bückten uns danach und hatten nur Fetzen in der Hand.
3. Ich überließ ihr die Hälfte der durchweichten Papierreste.
War urplötzlich verliebt und versprach wiederzukommen.
4. Meine Schnipsel brachte ich zuhause in einer Erdbeerdose
unter und schraubte den Deckel zu.
5. Ging zum Computer um den Text neu auszudrucken.
Doch alles war gelöscht und ließ sich auch nicht mehr eintippen.
6. Auch Handgeschriebenes verblasste augenblicklich,
wenn es um Carlos und Herrn Socke ging.
Keine seiner Überlegungen brachte Martin einen Schritt weiter. Einmal täglich war er zur Verkehrsinsel gefahren, um SIE wiederzusehen. Doch der rotweiße Turm hatte Türen und Fenster ge­schlos­sen und die Grünanlage war fast menschenleer. Immer häufiger befürchtete Martin, er habe sich alles nur eingebildet. Jeden Abend kontrollierte er, ob die Erdbeerdose noch zugeschraubt unter seinem Bett stand. Doch da schien alles in Ordnung. Oft überfiel Martin eine solche Müdigkeit, dass er sich nur hinlegen konnte. Er fühlte sich krank und matt. Trotzdem fuhr er in der darauf folgenden Woche noch einmal zum Turm. Er klebte einen winzigen Zettel an die verschlossene Tür mit der Aufschrift: Ich bin da!
Wo bist Du?!
Als er wieder aufs Fahrrad stieg, kam er sich seltsam beobachtet vor, konnte aber niemanden entdecken. Darauf kommt’s jetzt auch nicht mehr an, dachte er und fuhr erschöpft nachhause. Dort schlief er so­fort ein. Die nächsten Tage und Nächte verbrachte er wie im Koma.
„Hey, mach kein’ Scheiß Martin, wach endlich auf!“ Pauls Stimme drang langsam zu ihm durch. Er merkte, wie er gerüttelt und ge­schüttelt wurde, etwas Eiskaltes lag auf seiner Stirn.
„Na endlich!“, seufzte Paul, als Martin langsam die Augen aufschlug. Der Paul hatte seit Jahren einen Wohnungsschlüssel von seinem Freund in der Tasche, musste aber nie Gebrauch davon machen. Doch als Martin neulich weder mit einer Pizza zurückkam, noch irgendein Lebenszeichen von sich gegeben hatte, wurde es ihm mulmig ums Herz. Mit Krücken und Taxi machte er sich auf den Weg.
„Paul, bist du’s?“
„Klar, wer sonst?“ Paul grinste. „Hast es ja ganz schön spannend gemacht. Seit fünf Stunden zerre ich an dir herum. Was ist los, Mensch, erzähl!“
Und Martin erzählte. Er erzählte von den grauen Augen und den bunten Haaren, von seinen nicht mehr aufzuschreibenden Roman­figuren und dem verschlossenen Turm.
Paul war fassungslos. „Hammer“, meinte er. „Hammer! Zuerst triffst du ein Mädel, dann wird dein Roman verhext und dann fällst du ins Koma.“ Martin nickte. Langsam kehrten seine Lebens­geister zurück. Er ließ sich Wasser übers Gesicht laufen und stellte eine Nudelsuppe aufs Feuer. „Schlaf jetzt bloß nicht wieder ein“, grinste Paul, als der Topf leergeputzt war, und humpelte zum Computer. Er öffnete Martins Romananfang und staunte nicht schlecht. Es war alles wie beschrieben. Nämlich gelöscht.
„Au Backe!“, sagte Paul nur.
„Genau!“, meinte Martin und dachte wieder an die grauen Augen und den Punkt auf der Nase.
Zielstrebig und guter Dinge stapfte Hanna durch den Regen. Trotz ihrer fünfzig Jahre sah sie manchmal noch aus wie ein junges Mädchen. Die schulterlangen hennagefärbten Haare hatte sie zu zwei Zöpfen geflochten, die bei jedem Schritt wippten und ihr übergroßes Flanellhemd umwehte sie wie ein Mantel. Hanna war Fotografin und inzwischen so erfolgreich, dass ihre Arbeiten nur noch in exklusiven Galerien zu sehen waren. Sie lebte mitten im Grünen in einem Bauernhaus am Stadtrand. Seit sie Emmis Buchladen entdeckt hatte, verbrachte sie täglich ihre Mittagszeit dort. Bei schönem Wetter genoss sie die Hörbücher im Liegestuhl, bei schlechtem die intensiven Gespräche mit Emmi im Turm. Die beiden Frauen saßen dann auf dem Fußboden und wurden es nicht müde, mit Hilfe schamanischer Trommelmusik und anderer Klei­nig­keiten, die Kunst-Nichtkunst-Diskussion auf eine neue Ebene zu heben.
Als Hanna die Verkehrsinsel betrat, wunderte sie sich. Normaler­weise hätte Emmi sie schon längst begrüßt, aber jetzt war nicht mal der Wuschelkopf im Fenster zu sehen.
„Emmi!“, rief sie mehrmals, doch es kam keine Antwort. Vor­sichtig öffnete sie die Tür. Emmi lag wie hingegossen auf dem nackten Boden und rührte sich nicht. Nur die Augen öffnete sie ganz leicht. „Bin so müde“, sagte sie. „Will nur schlafen.“
„Mensch, Mädel, du bist ja klatschnass!“ Hanna zog ihr Flanell­hemd aus und legte es Emmi unter den Kopf.
„Er hat gelbe Sterne in den Augen und eine grüne Kapuzenjacke. Und er kommt wieder“, sagte Emmi leise. „Und er hat mir was geschenkt. Das brauche ich jetzt. Sofort!“ Sie deutete auf das Ta­blett im Regal. Dann rollte ihr Kopf zur Seite.
Hanna hatte ein leeres Glas mit Schraubdeckel gefunden und füllte die Papierfetzen hinein. Obwohl Emmi bewusstlos schien, umfasste deren Hand sofort das Glas und hielt es fest. Eines war Hanna klar: hier konnte sie sie nicht liegen lassen. Schon eine Stunde später schnarchte Emmi warm eingepackt in Hannas Bett, das Glas immer noch fest in der Hand. Mehrere Tage und Nächte befand sie sic­h in einem traumlosen Dämmerzustand. Der Arzt hatte etwas von Nervenzusammenbruch gemurmelt, denn Puls und Körper­temperatur waren unbedenklich. „Schlafen lassen, einfach schlafen lassen“, hatte er zum Abschied gesagt. Über eine Woche verging, bis Emmi wieder zu sich kam. Sie spürte die vornehme Bett­wäsche auf ihrer Haut und ein warmes Kribbeln in den Ohren. Zum ersten Mal richtete sie sich auf. Sofort war ihr klar, dass sie in Hannas Bett lag. An der Wand hing ein großes Schwarzweißfoto. Es war ein in Nebelschwaden gehülltes Stück Zauberwald. Die alten knorrigen Zweige reckten ihre Äste fast aus dem Bild heraus. Man verspürte gleichzeitig Bedrohung und Geborgenheit, Wachs­tum und Zersetzung. Während sich Blätter, Farne und Moos den Waldboden teilten, schwebte in der Bildmitte eine Krähe mit ausgebreiteten Schwingen direkt auf den Betrachter zu. Über ihr ein Dach aus Baumkronen. Die Krähe hatte ein kleines Spielzeug­auto im Schnabel, beinahe so, als wollte sie es aus dem Wald heraustragen. Ihr wacher Blick beobachtete den ganzen Raum.
Sofort fiel Emmi das Glas ein. Sie fischte es unter der Bettdecke hervor und stellte es vorsichtig auf den Holzstuhl neben dem Bett. Dann öffnete sie das Fenster. Es roch nach frischgemähtem Gras und Märchen. Sie wollte nachhause.

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