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Georgie Severin
Caramel
Akuas Ruf

Taschenbuch Juli 2026
204 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-98913-299-3


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Thieu ist eine außergewöhnliche junge Frau: Ständig zieht es sie zum Wasser, und Kaufmann zu werden ist ihr Herzenswunsch – im Jahr 1735! Selbst als der Vater sie zwecks Heirat an Bord der Leusden nach Suriname schickt, ist das für sie ein großes Abenteuer.

Als das Schiff in Elmina menschliche Ware aufnimmt, beginnt Thieu zu zweifeln, und das Schicksal macht ihr das Geschäft mit Menschen bald endgültig ekelhaft. Selbst mittellos geworden, wird sie notgedrungen Verwalterin einer Sklavenplantage auf einer Insel vor Suriname, im Gepäck nur die Absicht, alles besser zu machen, und ein mysteriöses, leise perlendes Lachen, das sie zu führen scheint.

Merkwürdige Dinge geschehen vor ihren Augen, während der Drang der Versklavten nach Freiheit immer größer wird, die Gewalt auf den Plantagen eskaliert und die Elemente der Insel sich empören. Kann Thieu dem gemeinsam mit dem geheimnisvollen Caramel noch entgegentreten?

Der Preis dafür scheint ihr Verstand zu sein.
„Ihr bringt uns Glück, Juffrouw van Veen. Seit Ihr wieder an Bord seid, wagt die See sich nicht mehr zu erheben.“

Thieu grunzte. „Sie wird es leid sein, angespuckt zu werden.“

Der neue Kapitän lachte ölig. Er tat alles irgendwie ölig. Er war Thieu widerlich. Der neue Steuermann war ihr widerlich. Das ganze Schiff war ihr widerlich. Wegen der Ladung, die es transportierte. Sie tat ihr Bestes, sie zu ignorieren. Sie nicht an sich heranzulassen.

Aber sie fand keine Ruhe in der hölzernen Nussschale, in den langen, einsamen, dunklen Nächten.

Es schien nicht mehr still zu werden an Bord. Ständig scharrte es an den Planken des Schiffes, kratzte und seufzte. Statt der vereinzelten, beruhigenden Rufe der Nachtwachen klangen endlose klagende Laute durch das Schiff, traurige Lebenszeichen von Menschen, die ihr Geistern näher schienen als Lebenden. Sie machten Thieu schaudern.

Noch schlimmer waren die Gesänge, wunderschöne, weittragende, rhythmische Gesänge, Beschwörungen uralter Mächte, vielleicht des Meeres selber. Sie berührten ihr Herz, zerrten an ihrer Seele, forderten etwas von ihr, das ihr unerreichbar schwer und doch furchtbar leicht zugleich zu erfüllen schien.

Dann lag sie in ihrer Kajüte, zermarterte sich den Verstand und fröstelte trotz der stickigen Wärme, fürchtete, die See selbst werde auf den Ruf der Gesänge hin antworten, sich erheben und das Schiff verschlingen, mit Mann und Maus und mit ihr selbst.

Fand sie unruhigen Schlaf, träumte sie heftig. Sie flog durch heiße, trockene Ebenen, jagte in hohem gelbem Gras merkwürdige Tiere mit gedrehten Hörnern, für die sie keine Namen kannte, oder schlug sich schweißgebadet durch eine grüne, feuchte Hölle voller gigantischer Pflanzen und Myriaden von Insekten, verfolgt von gelben Augen und unsichtbaren, brüllenden und kreischenden Wesen. Sie paddelte aufgigantischen Flüssen, mal reißend, mal trügerisch still, beobachtete wundersame Geschöpfe, die wirkten, als seien sie geradewegs der Unterwelt entstiegen, mit langen grünen Schwänzen, gelben Augen, furchterregenden Klauen und scharfen Zähnen.

Die Träume machten ihr noch mehr Angst als das Wachliegen. Höllische Angst. Sie schienen ihr so vertraut, diese Orte. Sie liebte sie, fühlte sich wohl dort. Stets hatte sie das Gefühl, nur der zarte Schleier des Schlafes trenne sie von etwas, das ihr Verstand nicht fassen konnte. Es waren Träume wie Karamell, vertraut und doch in ewig neuen Schattierungen, beruhigend, heilsam, anziehend – und in allen gab es dieses Lachen. Dieses helle, fein perlende Lachen, wie das eines Kindes, das sein ganzes Glück herauslachen musste, um nicht zu platzen vor Lebensfreude. Das Lachen, das sie zu sich rief.

Wachte sie auf, warf sie sich hin und her, zerfressen von einer unerklärlichen Unruhe, zermarterte sich das Hirn, wo sie von diesen Orten gelesen, sie schon einmal gesehen hatte, damit ihr Verstand Ruhe geben würde und sie in den Schlaf zurückkehren konnte. Zurückkehren zu dem, was da rief. Der da rief.

Am Tag ging es. Sie redete sich ein, sich selbst vergiftet zu haben mit allem, was sie in ihrer Zeit vor und in Elmina gelesen und gehört hatte, mit dem Seemannsgarn, das sie belauscht, mit den Legenden, denen sie nachgespürt, und dem Tun der Männer unter Deck, von dem sie weggeschaut hatte. Nur das war es, was sie nachts verfolgte.

Sie machte sich darüber lustig, wenn Stoj sie besorgt fragte, warum sie wieder einmal müder aus ihrer Kajüte krauchte, als sie hineingegangen war. Aber ihr Blick glitt unstet durch den aufziehenden Nebel, als könne sie dort etwas finden, das ihre zunehmende fiebrige Unruhe erklärte. [...]

Seufzend wandte sie sich dem Mann zu, der ihr Brüten reglos ausgehalten
hatte. „Irre ich mich oder zieht Sturm auf, Kapitän?“

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