Herbert Fritsche
Briefe Band 1
Innen- und Außenansichten
Taschenbuch Januar 2026
486 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-98913-252-8
Briefe Band 1
Innen- und Außenansichten
Taschenbuch Januar 2026
486 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-98913-252-8
In 77 Briefen lässt uns Herbert Fritsche an seinen Betrachtungen teilhaben. Ob diese nun okkulter, politischer oder persönlicher Natur sind, ob er sich über bekannte Personen der damaligen Zeit äußert oder selbst mit ihnen korrespondiert, stets geben sie Einblick in sein Denken, Erleben und Handeln. Durch die breit gestreuten Themen und den angesprochenen Personenkreis sind diese Briefe gewissermaßen zu einem erhellenden Zeitdokument geworden; er ist Zeuge einer Zeit, deren Anfänge zu kennen, dabei hilft, das, was bis heute daraus geworden ist, besser oder überhaupt erst zu verstehen. Der Zeitraum der Briefe umfasst 25 Jahre. 25 Jahre – von 1933 bis 1958 – die auch die Entwicklung dieses großen Geistes bekunden, vor allem aber zeigen sie eines: Fritsches Schärfe und Klarheit im Verstand, seine Aufrichtigkeit und sein beständiges Ringen um die Wahrheit. Ein Genuss zu lesen.
21. August 1954
Lieber und sehr verehrter Graf Dürckheim!
Sie werden es einem okzidentalischen Neurastheniker, der nicht nur die Kunst des Bogenschießens und Pinselzeichnens nie beherrschen wird, sondern selbst die der Handschrift fast verlernt hat, als Verstehender und Verzeihender wohl kaum verübeln, wenn das Geklapper seiner Schreibmaschine diesen Brief an Sie realisiert und mithin die Kultur der Stille stört.
Wenn ich vom Verstehenden und Verzeihenden schreibe, so im Zeichen der großen Erfahrung —, denn Sie, lieber und sehr verehrter Graf Dürckheim, haben mit der alten Geübtheit des Psychotherapeuten sowohl mein seinerzeitiges jahrelanges Nichtbeantworten auf Ihre mir so willkommenen Briefe und Sendungen verstanden als auch mir mit dem Verzeihenkönnen des vornehmen Menschen dies nicht nur nicht angekreidet, sondern mich überdies beschämt durch Ihre große Liebenswürdigkeit, mich dennoch zu besuchen und meiner Frau und mir eine Anzahl schöner, erfüllter Stunden zu schenken.
Nun kommt gar zu mir auch noch Ihr neues Buch. Nicht genug damit: Sie teilen mir auch noch mit, dass Sie meine "Erlösung durch die Ringelnatter" ("Kreuzotter", das wollte mir mein Freund Gerhard Nebel, von dem die Ringelnatter stammt, denn doch nicht zumuten, mir hoffnungslosem "Erstartikler" — und bis zur "Puffotter", wie das Buch Nebel zuliebe heißen müsste, bin ich noch nicht vernebelt) a) gelesen haben und b) positiv beurteilen. Speziell das unter a) Angeführte weiß ich Ihnen, lieber, sehr verehrter Graf Dürckheim, umso mehr zu danken — und im Gelände meiner Autoren-Eitelkeit umso höher zu schätzen —, als Sie ja vor einigen Wochen hier in meiner obertürkischen Vorstadthütte das Bekenntnis ablegten, Sie läsen nichts mehr.
Mit der Frechheit, die man — von Freud erzogen, von Adler hochgehärtet und von Jung degoutiert — nun einmal selbst dann Psychotherapeuten gegenüber aufbringt ("nur nichts verschweigen"), wenn diese, wie Sie, den Bushido-Geist repräsentieren und nicht den Wiener Jargon ("geh aus, mein Herz, und suche Freud"), wage ich Ihnen Folgendes zu gestehen:
Ich sagte unlängst zu meiner Frau: "Da gibt es Männer wie Graf Dürckheim oder Ernst Jünger, die einem ohne weiteres erklären, sie läsen nichts mehr. Eh bien! Aber eigentlich kann man mit denen ja insofern kaum noch ins Gespräch kommen, als man ja selbst, wie Gottfried Benn sagt, "nur nach Maßgabe seiner Sätze vertreten ist", was bei uns écrivains auf die geschriebenen Sätze hinausläuft. Erhält man also ein Buch vom Grafen Dürckheim oder von Jünger, so erhält man es eigentlich an die Adresse eines Unbekannten, eines grundsätzlich nicht zur Kenntnis Genommenen: man kann über das Buch zwar noch Rühmendes sagen, privat oder öffentlich, aber ins Gespräch mit dem Autor kann man nicht mehr kommen, er liest ja nichts mehr."
Wobei ich Sie, sehr verehrter, lieber Graf Dürckheim, bitte, dies richtig zu verstehn: ich meine das Gespräch von dem her, was man — bescheidener Weise — selbsterarbeitet und ausgesagt zu haben hofft, ich meine aber nicht das Gespräch von Mensch zu Mensch, was dies betrifft, macht es einem ja im ganzen Abendland keiner leichter als gerade Sie.
Nunmehr aber erfahre ich, dass meine Ringelnatter Sie dennoch zur Lektüre verführte — wie Ihre mythische Kollegin weiland unseren Ahnen zur uns allen unbekömmlich gewesenen und nicht nur bis ins 3. und 4., sondern bis ins letzte Glied, bis zum radioaktiven Spätling sauer aufstoßender Obst-Diät.
Ich hätte, lieber und sehr verehrter Graf Dürckheim, Ihr neues Buch auch dann mit Freud gelesen, wenn Sie nicht an die Abhäutung meiner Erlösungs-Blindschleiche (variatio delectat) herangegangen wären; nachdems aber geschah, tue ichs noch lieber — denn nunmehr wissen Sie ja, wem Sie es sandten und was Sie sich mithin selbst zuzuschreiben haben: Sie sandten es dem eklatant Unweisesten auf esoterischem Terrain, den Sie im dicken Adressbuch der Weltgeheimnis-Nachschlüssler nur irgend ausfindig machen konnten — — und dass Sie diesen, trotz der Blindschleiche, dennoch als einen vielleicht einmal in Frage kommenden Kandidaten des Durchbruchs zum Wesen ansehen, ihn also nicht mit infauster Prognose dekorieren, freut ihn herzlich.
Noch habe ich in Ihrem Buch nicht gelesen, es kam eben erst — und da leider meine Kultur der Stille — bis zu Ihrem Besuch — nur zugleich die der Flegelhaftigkeit gewesen war, nämlich des jahrelangen Nichtantwortens auf Briefe, will ich, ehe ich an die Lektüre herangehe, sofort tätige Reue produzieren und mit der zur Psycho-Garderobe des Abendlandes gehörenden Hast postwendend schreiben.
Dr. Roser hat mich — wie Sie wahrscheinlich durch ihn oder auf Umwegen erfahren haben werden — zum Missfallen der Stuttgarter Homöopathie und Psychotherapie von jahrelangen Gallenkoliken geheilt mit der nach wie vor bewussten Methode "gewusst wo". Er reichte mich aus Robert Boschs Genesungsmaschine, wo ich auf dem letzten Loch der dort vereinigten 3 ärztlichen Künste Chirurgie, Allopathie und (last and least) Homöopathie pfiff, an einen Dr. Mammele weiter, ders mit Langwellen-Diathermie und "heißen Tupfern" rasch und endlich erfolgreich schaffte. "Es geht auch anders, doch so geht es auch", singt Polly Peachum in der Dreigroschen-Oper.
Lassen Sie mich Ihnen, lieber und sehr verehrter Graf Dürckheim, nochmals von Herzen für Ihr neues Buch danken, das ich nun zu lesen beginnen und bald einmal besprechen werde —, und danke auch für die Stunde mit Ihnen im japanisch kirschblütenstilisierten Mai, die mir tieferen Einblick in Kierkegaard gewährte als dessen Studium ("wo ich die gheirat hätt, wär ich jetzt aa unter der Erd") —: Ihre unvergessliche Schilderung des Gegensatzes zu Kierkegaard. Nun, jenner hat seine Regine nicht gheirat und ist dennoch unter der Erd. Da Karma nix machen, sagen die Rishis.
Mit sehr herzlichen Grüßen, auch von meiner Frau
Ihr
Herbert Fritsche
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