Reingard Stein
Angst macht Mut
Liebe zwischen Ost und West
Taschenbuch April 2026
359 Seiten | ca. 12,8 x 19,2 cm
ISBN: 978-3-98913-269-6
https://www.autorin-reingard-stein.com
Angst macht Mut
Liebe zwischen Ost und West
Taschenbuch April 2026
359 Seiten | ca. 12,8 x 19,2 cm
ISBN: 978-3-98913-269-6
https://www.autorin-reingard-stein.com
Dies ist ein Roman mit zeitgeschichtlichen Bezügen. In Hamburg quälte den Ich-Erzähler, den Künstler Lars, ein übles Problem. Denn seine Mutter verschwieg ihm hartnäckig die Identität seines biologischen Vaters. Bösartig und gemein, so empfand er die Ablehnung. Innerhalb der Familie hatte er keine unbeschwerte Jugend. Mit Desinformationen und vagen Andeutungen speiste man ihn ab. Dann verunglückte die Mutter Margot tödlich und ihr Sohn sah zunächst keine Möglichkeit mehr, seine Herkunft zu ermitteln. Jahrelang rang er mit sich, war angstgetrieben davor, die Büchse der Pandora zu öffnen.
Gesichtslos! So nahm er sich selber wahr. Die Hamburger Galeristin Maya veranstaltete am Valentinstag eine Vernissage mit dem Titel »Liebe oder feiere das Leben«. Auf dieser Veranstaltung verkuppelte sie den Ostfriesen Enno mit Lars. Oh, das entpuppte sich als eine gelungene Aktion.
Seine große Liebe, der Künstlerkollege Enno ging viel unbekümmerter mit seiner eigenen Vaterlosigkeit um. Das turbulente Liebesverhältnis setzte bei Lars eine dynamische Entwicklung in Gang, an deren Ende die professionelle Suche nach dem Erzeuger durch den Emder Anwalt Henning stand. Lars lernte vor den Toren Emdens ein unbeschwertes Familienleben kennen, oder doch nicht?
Bei seinen Nachforschungen traf Henning häufig sowohl auf verbissenes Schweigen und Verdächtigungen wie auch auf glatte Lügengeschichten. Um ihre eigene Schuld zu mindern, verschleierten nahestehende Personen ihre Stasi-Vergangenheit. Ein skandalöses Geheimnis galt es zu lüften, wird es gelingen?
Eine weitere Ich-Berichterstatterin im Roman ist Silke. Sie ist eine Textilfacharbeiterin aus Warnemünde und sie blickt nach über vierzig Jahren auf ihre DDR-Vergangenheit zurück. Im Mittelpunkt steht ihre Leidenschaft für die Kunst und ihre intensive, zärtliche Liebe zu dem westdeutschen Studenten Axel. Anlässlich der Ostsee-Woche 1970 in Rostock lernten sich die beiden in der neugebauten Kunsthalle kennen. Diese Verbindung – ihre Familie war alarmiert und ihre Kollegin zog sich von ihr zurück.
Argwöhnisch beobachtete die Stasi ihre Bürgerin. Dieses Staatsorgan, das Ministerium für Staatssicherheit, setzte Silke mächtig unter Druck. Während der Verhöre im Untersuchungsgefängnis Rostock war sie den Vernehmern schutzlos ausgeliefert. Die Offiziere wollten sie mit hinterhältigen Unterstellungen, Behauptungen und Verdrehungen weichkochen. Silke wusste letzten Endes nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden.
In der Ost-, West-Liebesgeschichte wird deutlich, wie junge Menschen unvermittelt zu Staatsfeinden werden konnten. Und wie ein Staat versuchte, seine Bürger bei der Stange zu halten. Mit weitreichenden Folgen bis hinein in unsere Tage. Mehr zum Inhalt will ich nicht verraten.
Gesichtslos! So nahm er sich selber wahr. Die Hamburger Galeristin Maya veranstaltete am Valentinstag eine Vernissage mit dem Titel »Liebe oder feiere das Leben«. Auf dieser Veranstaltung verkuppelte sie den Ostfriesen Enno mit Lars. Oh, das entpuppte sich als eine gelungene Aktion.
Seine große Liebe, der Künstlerkollege Enno ging viel unbekümmerter mit seiner eigenen Vaterlosigkeit um. Das turbulente Liebesverhältnis setzte bei Lars eine dynamische Entwicklung in Gang, an deren Ende die professionelle Suche nach dem Erzeuger durch den Emder Anwalt Henning stand. Lars lernte vor den Toren Emdens ein unbeschwertes Familienleben kennen, oder doch nicht?
Bei seinen Nachforschungen traf Henning häufig sowohl auf verbissenes Schweigen und Verdächtigungen wie auch auf glatte Lügengeschichten. Um ihre eigene Schuld zu mindern, verschleierten nahestehende Personen ihre Stasi-Vergangenheit. Ein skandalöses Geheimnis galt es zu lüften, wird es gelingen?
Eine weitere Ich-Berichterstatterin im Roman ist Silke. Sie ist eine Textilfacharbeiterin aus Warnemünde und sie blickt nach über vierzig Jahren auf ihre DDR-Vergangenheit zurück. Im Mittelpunkt steht ihre Leidenschaft für die Kunst und ihre intensive, zärtliche Liebe zu dem westdeutschen Studenten Axel. Anlässlich der Ostsee-Woche 1970 in Rostock lernten sich die beiden in der neugebauten Kunsthalle kennen. Diese Verbindung – ihre Familie war alarmiert und ihre Kollegin zog sich von ihr zurück.
Argwöhnisch beobachtete die Stasi ihre Bürgerin. Dieses Staatsorgan, das Ministerium für Staatssicherheit, setzte Silke mächtig unter Druck. Während der Verhöre im Untersuchungsgefängnis Rostock war sie den Vernehmern schutzlos ausgeliefert. Die Offiziere wollten sie mit hinterhältigen Unterstellungen, Behauptungen und Verdrehungen weichkochen. Silke wusste letzten Endes nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden.
In der Ost-, West-Liebesgeschichte wird deutlich, wie junge Menschen unvermittelt zu Staatsfeinden werden konnten. Und wie ein Staat versuchte, seine Bürger bei der Stange zu halten. Mit weitreichenden Folgen bis hinein in unsere Tage. Mehr zum Inhalt will ich nicht verraten.
Hamburg, am 17. März 2000
Meine Gedanken wanderten zurück zu diesem denkwürdigen Tag. Dieses Datum werde ich niemals vergessen. Die Türglocke bimmelte. Wer stört? Klingelte schon wieder der Paketdienst für den Nachbarn? Ausgerechnet in meiner kreativsten Schaffensphase. Ich schnaufte unwillig, weil ich seit Tagen voll konzentriert an einem Bild arbeitete. Eine Herausforderung, denn es zeigt eine bildgewaltige Hamburger Hafen-Szene. Das Werk schmückt zukünftig das Foyer einer hochkarätigen Versicherungsgesellschaft in der Hansestadt.
Es bestünde Potenzial für einen Erfolg für einen Künstler wie mich. Es war das Jahr der Jahrtausendwende. Da stellte man die Uhren neu. Ein Durchbruch in der Kunstwelt sei zu erwarten, meinten meine Freunde, ein Durchstarten. Ich selber sah’s gelassener, trotzdem, hier handelte es sich um eine bestens bezahlte Auftragsarbeit und eine Terminsache obendrein.
Zur Einweihung des neuen Verwaltungsgebäudes war eine Enthüllungsparty mit unzähligen Gästen vorgesehen. In der Künstlerschaft rechnete man mit Folgeaufträgen aus der Wirtschaft. Klar, welcher Kunstschaffende ließe sich solche Chancen entgehen.
Ich brauchte absolut keine Störenfriede. Diese Nerver, ach sei’s drum, ich wischte mir die frische Acrylfarbe mit einem Lappen von den Händen und öffnete einen Spaltbreit die Ateliertüre.
Zwei Männer standen im Hausflur, der eine von ihnen in Polizeiuniform und der andere in Zivil. Die beiden Herren stellten sich mir mit Namen, Amt und Dienststelle vor. Der Uniformierte erkundigte sich:
»Sind Sie Lars Bunjes, der Sohn von Frau Margot Bunjes?« Der Beamte sah ausgesprochen ernst drein. »Dürfen wir zu Ihnen hereinkommen?«, bat er, »wir haben leider schmerzliche Nachrichten für Sie.«
Ich zögerte, aus einem ersten Impuls heraus, beabsichtigte, die Männer wegen Zeitmangels abzuweisen. War das gerechtfertigt? Denn inzwischen drang mir allmählich ins Bewusstsein, was der Polizist eingangs sagte, ein Notfallseelsorger begleite ihn. Meine Gedanken kreisten. Wofür brauche ich einen Pastor? Mit der Kirche habe ich nichts am Hut. Weshalb erwähnte der Polizeibeamte meine Mutter? Eine unwirkliche Situation, die mich verunsicherte, abwesend starrte ich einen Augenblick ins Leere. Ich begriff nicht wirklich, was ich davon halten soll. Eine finstere Ahnung breitete sich in mir aus, deshalb öffnete ich die Tür vollständig und bat die Besucher einzutreten.
»Bitte lassen sie uns gemeinsam Platz nehmen, Herr Bunjes«, meinte der Wachtmeister, »im Sitzen spricht es sich leichter. Ich muss Ihnen leider eine traurige Nachricht überbringen«.
Nach einer kurzen Pause sprach der Polizist weiter: »Es gab einen schweren Verkehrsunfall. Margot Bunjes wurde auf ihrem Fahrrad von einem abbiegenden Lastkraftwagen angefahren. Der Notarzt stellte nur noch den Tod Ihrer Frau Mutter fest.«
Ich glaube, die Farbe wich mir aus dem Gesicht, dazu spürte ich, wie meine Knie weich wurden, ich saß regungslos da. Wie ein Häufchen Elend. Nur von Ferne her hörte ich es sprechen:
»Unser herzliches Beileid.« Die beiden Besucher versuchten in mein Bewusstsein vorzudringen, dafür erhoben sie sich und reichten mir die Hand.
Der Polizist erläuterte den bisher bekannten Unfallhergang. Margot Bunjes sei auf der Stelle tot gewesen. Diese Mitteilung tröstete mich nicht, ich war wie gelähmt. Meine Mutter. Sie ist gestorben! Einfach so. Ohne Möglichkeit für irgendwelche Erklärungen. Sie hatte es geschafft, mich endgültig um meine Zukunft zu bringen. Ich bekam keinen vernünftigen Satz mehr zustande. Trauer? Nein, Wut war es, die kroch in mir hoch.
Der Polizeibeamte legte mir fürsorglich die Hand auf die Schulter. »Ich sehe, wie diese Nachricht Sie quält«, sagte er. »Bitte nehmen Sie unbedingt die seelsorgerische Hilfe meines Begleiters an. Wir sind für Sie da.«
Salbungsvolle Bekundungen, das war das Allerletzte, was ich brauchte. Bevor ich etwas sagen konnte, ergriff der Pastor das Wort und stellte sich vor: »Ich bin hier in Hamburg ein Gemeindepastor, Hermann Heinrich von der Christusgemeinde. Haben Sie bitte keine Scheu, mich auch späterhin anzusprechen. Unsere Unterredungen sind vertraulich, unterliegen meiner Schweigepflicht. Sie brauchen kein Kirchenmitglied und nicht religiös gebunden zu sein. Ich helfe Ihnen, wo ich kann, in Ihrer beschwerlichen Zeit der Trauer.«
Meine beiden Besucher verwickelten mich in ein Gespräch. Die Überbringung einer Todesnachricht sei stets mit umfassender Sensibilität zu behandeln, denn die Fakten für die Hinterbliebenen sind knallhart. Die zwei hatten ja keine Ahnung, wie niederschmetternd diese Nachricht für mich war. Polizisten und Pastoren erleben die Trauernden in einer absoluten Ausnahmesituation. Genauso erging es mir an diesem beklemmenden Tag. Für Margot war die Zeit abgelaufen, für mich begann sich die Unwissenheit zu manifestieren.
Ich durchlebte die folgenden Wochen wie ferngesteuert, funktionierte wie ein Roboter. Erledigte sämtliche Formalitäten, die man von mir forderte. Zwischendurch verkroch ich mich förmlich in meiner künstlerischen Arbeit. Freunde und Kollegen sahen mich kaum mehr. Vor allem, weil ich nicht gewillt war, über die derzeitige Lage zu sprechen oder darüber nachzudenken. In der Malerei verlor ich kurzzeitig den Tatsachenbezug. Dadurch erschien das ganze Leben belanglos. Und Banalitäten ertrug ich auch in früheren Zeiten nur schwer. Hin und hergerissen zwischen abgrundtiefer Enttäuschung und der inzwischen ausgeprägten Trauer lavierte ich mich durch den Alltag. In manchen Momenten übermannte mich pure Verzweiflung. Dabei brannten mir die unzähligen existenziellen Fragen an meine Mutter auf der Seele. Für sie selbst hatte ich mittlerweile keine Tränen mehr.
Margot Bunjes verbarg ein dunkles Geheimnis, vielleicht war das sogar ein tiefschwarzes, wer weiß. Davon kannte ich nur Bruchteile, wenn überhaupt. Man stelle sich vor, sie verweigerte mir, ihrem Sohn ein aufklärendes Gespräch. War es ihrer elterlichen Fürsorge mir gegenüber geschuldet, um für mich einen schweren Dämpfer abzufedern. War es ihr peinlich oder für mich gefährlich? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Und sie ließ mich immer wieder wie auf einen Prellbock auflaufen.
Fünfundfünfzig Lebensjahre erreichte Margot Bunjes, zu früh zum Sterben. Sie lebte in gesicherten Verhältnissen, sie war gesund. Hierauf hatte ich vertraut, mit dem Zeitablauf wollte ich das Zerwürfnis mit ihr klären. Und nun? Jetzt war sie tot! Diese endgültige Unabänderlichkeit bestürzte mich zutiefst.
Meine Freunde sorgten sich um mich. »Du musst dein seelisches Gleichgewicht zurückbekommen«, empfahl ein Kollege. Ich möge doch nach all der Konfusion die Hand annehmen, die man mir anbot und mich mit dem Pastor aussprechen.
Es sei nicht mit anzusehen, wie ich unter dem Todesfall litt und von der Umwelt abgekapselt meinen Alltag fristete. Weshalb bitte, ließe ich mich nicht beraten.
Ich argumentierte, dass die Institution der Kirche im bisherigen Leben bei mir keinerlei Bedeutung, keinen Platz besäße. Deshalb!
»Unternimm endlich etwas, damit du die Balance wiederfindest, die Situation ist verfahren genug!«
Ich gab dem Drängen der Freunde nach. Ein paar Tage später saß ich im Pastorat der Christusgemeinde dem Notfallseelsorger gegenüber. Der Pastor hatte für eine entspannte Gesprächsumgebung gesorgt. Er blickte aufmunternd zu mir, in dem Sinne, mit dem Anliegen zu beginnen. Erst mal räusperte ich mich, um die belegte Stimme zu klären.
»Was bleibt von einem Leben, Herr Heinrich?«, diese Frage stellte ich in den Raum. »Ich habe grade die Wohnung meiner Mutter aufgelöst. Drei Umzugskartons mit Dokumenten und ein paar Erinnerungsstücke, das ist alles, was von ihr übrig blieb.«
Der Seelsorger hörte aufmerksam zu und nickte zustimmend.
»Ja, Herr Bunjes, der Tod der Eltern ist immer ein tiefer Einschnitt im Leben der Kinder. Die Herkulesaufgabe für die Hinterbliebenen, die Wohnung aufzulösen, ist eine gewaltige emotionale Herausforderung und nicht zu unterschätzen.«
»Ich kam mir wie ein dreckiger Voyeur vor. Verstehen Sie? In den persönlichen Sachen meiner Mutter herumzuwühlen hat mich belastet. Ihre Kleidung auszumustern, das alles hat mich sehr angefasst.« Es schüttelte meinen ganzen Oberkörper und ich fuhr fort: »Die dienstlichen Dokumente holte ihre Firma ab. Aber ihre private Korrespondenz beispielsweise, die kann und will ich nicht lesen. Sie war stets distanziert und diese plötzlichen Intimitäten belasten mich. Und doch, ich darf die Unterlagen nicht einfach wegwerfen. Oder?«
»Nein, Herr Bunjes, die Schriftstücke sollten Sie auf jeden Fall aufbewahren, die könnten unter Umständen eines Tages für Sie von Bedeutung sein.«
Der Seelsorger warnte mich vor einer Kurzschlusshandlung. »Lassen Sie sich bitte genügend Zeit, alles zu bedenken. Gibt es in Ihrem Umfeld eine vertraute Person, einen Freund, der Sie unterstützt? Sie sind traumatisiert.«
Pastor Heinrich kannte solche Begleitumstände: »Sie sind bestürzt darüber, wie wenig von einem ganzen Leben bleibt. Ich versichere Ihnen, es sind die inneren Werte, die Bestand haben. Die Erinnerungen, die bleiben. Es ist beileibe nicht die Summe an Gegenständen.« Er machte eine wegwerfende Bewegung und ergänzte: »Über den restlichen Nachlass freuen sich Bedürftige und Flohmarkthändler.«
Ich sah dem Pastor fest ins Gesicht und rang um eine treffende Formulierung: »Das sagen Sie einfach so, vielleicht trifft es ja auf die meisten Ihrer Gemeindemitglieder zu. Bei mir verhält es sich anders. Verdammt anders, verstehen Sie, meine bedeutsamsten Gedanken an meine Mutter sind sehr bedingt positiv besetzt.«
Hermann Heinrich bestürzte der unverhohlene Groll, ich las es deutlich an seinem Gesicht ab. Er seufzte: »Rückblicke können Fluch und Segen gleichermaßen sein«.
In meiner Stimme lag die ganze Verbitterung: »Zwischen meiner Mutter und mir gab es eine brisante, eine unausgesprochene Angelegenheit, seit vielen Jahren schon. Eine Klärung werde ich wohl niemals mehr erreichen.« Ich ballte hilflos meine linke Hand, hob sie drohend an. »Das macht mich krank.«
»Worum ging es bei Ihrem Konflikt?«, fragte der Pastor.
»Ich war tierisch sauer auf sie, denn sie hatte mir nie, nie eine Chance gegeben, meine Familie kennenzulernen. Schlicht gesagt, ich weiß nicht, wer mein Vater ist. Immerzu habe ich auf ihr Einlenken, auf ein Zeichen von ihr gewartet.«
Die Verzweiflung übermannte mich, Zorn mischte sich in meine Stimme: »Nichts weiß ich, absolut nichts!«
»Falls Ihre Abstammung nicht aus ihren Dokumenten hervorgeht, wird es bedeutend mühsamer, sich Klarheit zu verschaffen.«
Pastor Heinrich blickte mich besorgt an, denn ich brauste genau jetzt zornig auf, explodierte geradezu. Es hielt mich kaum auf dem Stuhl:
»Zwei Jahre hatten wir beide deswegen totale Funkstille. Ich wollte mich von ihr nicht abspeisen lassen.«
Der Seelsorger bekam meinen gesamten Frust buchstäblich um die Ohren gehauen: »Oh, dieses fatale Schweigen! Das verüble ich ihr heute mehr denn je. Margot Bunjes! Dabei strebte ich danach, ihr immer ein guter Sohn zu sein! Verstehen Sie, Pastor Heinrich? Einer, auf den sie stolz sein konnte.« Ich war in Fahrt, kaum zu bremsen. »Ich hätte mich mit meinen Bemühungen auf den Kopf stellen können. Nichts war ihr recht zu machen. Nichts! Das ist auch das Wort, welches unsere Beziehung am besten beschreibt.«
Dem Pastor wurde schnell klar, dass es sich nicht ausschließlich um einen Trauerfall handelte. Es war geradewegs Lebenshilfe für einen Verzweifelten zu leisten. Er gab mir zu bedenken: »Damit Sie wieder zu sich selber finden, bitte lassen Sie sich Zeit. Für Ihre Trauer – und für Ihren Groll.«
Ich fuhr empört auf, beabsichtigte, ihm zu widersprechen. In dem Tenor, ich brauche keine Allgemeinplätze, nicht die salbungsvollen Worte eines Pfarrers. Mein Zorn auf mich selbst wie auf Margot hatte sich beileibe nicht gelegt. War diese Frau jemals eine fürsorgliche Mutter? Eine, die bedingungslos liebte? Mich – ihr einziges Kind. Der Pastor deutete mir an, mich zu beruhigen. Dann machte Hermann Heinrich einen Lösungsvorschlag:
»Mit der Verstorbenen können Sie Ihren Konflikt nicht mehr ansprechen, dadurch bleibt Ihnen nur die Möglichkeit, indem Sie sich Ihren Kummer von der Seele schreiben.« Der Pfarrer war ein geübter Beobachter, er studierte meine Reaktion, erwartete vermutlich Widerspruch und baute dem vor: »Formulieren Sie einen Text. Verfassen Sie posthum einen Brief. Hierin rekapitulieren Sie alles, was Sie bewegt. Ungefiltert!«
»Wie soll das gehen?« Ich war skeptisch.
»Es ist ohne Aufwand, Herr Bunjes, nehmen Sie schriftlich von der Verstorbenen Abschied. Andere Trauernde haben damit ausgezeichnete Erfahrungen gemacht. Vertrauen Sie Ihrem Brief alle Gedanken, sämtliche Gefühle an. Die Guten wie die Bösen, die Sie bewegen, die Sie quälen. Legen Sie sich das Schreiben zu den mütterlichen Unterlagen in einen Umzugskarton. Vielleicht lesen Sie das Schriftstück später einmal oder Sie verbrennen es und verstreuen die Papierasche auf ihrem Grab. Ganz, wie Sie es mögen.«
Ich schnappte empört nach Luft, fuhr aufbrausend in die Höhe. Was fällt diesem Pastor ein, mir mit Gemeinplätzen zu kommen!
Er beruhigte mich, doch meine Zweifel hatten sich beileibe nicht gelegt. Eine kurze Bedenkzeit später fand ich diesen Vorschlag für das Abschiedsritual erstaunlich und nicht uninteressant. Ich dankte Herrn Heinrich für seine Fürsorge und Beratung. Das Abstammungsproblem würde damit nicht gelöst, aber es erschien mir ein posthumer Frieden mit Margot denkbar. Ich werde auf längere Sicht auf jeden Fall Nachforschungen anstellen. Vielleicht … ?
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