Michael-Alexander Lauter
In unruhigen Zeiten
Softcover Juni 2023
208 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-949240-34-8
In unruhigen Zeiten
Softcover Juni 2023
208 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-949240-34-8
Allwissende Raben durchfliegen in Europa 50 Jahre Zeitgeschichte. Dort wo sie sich niederlassen, wird die Geschichte lebendig. Drei Menschen werden in die Zeit geboren. Innerhalb von elf Jahren an unterschiedlichen Orten. Dass sich ihre Lebenswege künftig kreuzen und verweben, wurde ihnen nicht in die Wiege gelegt. Auch nicht, dass sie sich den Wirren von Revolution, Krieg und Nachkrieg aussetzen müssen.
Da sind Mojssej, ein russischer Jude aus Kiew, Kurt, ein Deutscher aus Bärenstein in Ostsachsen und Helene, eine Deutsche aus Kattowitz im preußischen Oberschlesien. Noch verbindet die drei nichts. Erzählt werden ihre Schicksale in unruhigen Zeiten: in der Sowjetunion, in Deutschland, während des Krieges und danach. Bis Helene eines Tages in Bitterfeld Mojssej begegnet und Jahre später Kurt in Johanngeorgenstadt. Da hatte sie bereits ein in Liebe empfangenes Kind geboren. Zunächst wächst es ohne Vater auf. Mit Kurt jedoch beginnt die Geschichte einer doppelten Vaterschaft.
Da sind Mojssej, ein russischer Jude aus Kiew, Kurt, ein Deutscher aus Bärenstein in Ostsachsen und Helene, eine Deutsche aus Kattowitz im preußischen Oberschlesien. Noch verbindet die drei nichts. Erzählt werden ihre Schicksale in unruhigen Zeiten: in der Sowjetunion, in Deutschland, während des Krieges und danach. Bis Helene eines Tages in Bitterfeld Mojssej begegnet und Jahre später Kurt in Johanngeorgenstadt. Da hatte sie bereits ein in Liebe empfangenes Kind geboren. Zunächst wächst es ohne Vater auf. Mit Kurt jedoch beginnt die Geschichte einer doppelten Vaterschaft.
Großvater Salomon ging wie jeden Morgen, nachdem er mit Brocha, seiner Frau, gefrühstückt hatte, zu seinem Freund Ariel. Der besaß einen Gemüseladen gleich neben seinem Milchladen. Sie waren gleichen Alters, so um die Mitte 70. Ariels Frau war bereits verstorben. Und so trafen sie sich häufig, auch wenn sie die Synagoge besuchten. Das taten sie ab und zu, aber nicht mehr so häufig wie vor der Revolution. Ihre Kinder waren kaum dazu zu bewegen, sie zu begleiten.
Seit Ariel allein geblieben war, trafen sie sich jeden Morgen und tranken einen Kaffee, bevor sie ihre Läden öffneten. Viel gab es nicht mehr zu verkaufen. Die Versorgungslage verschlechterte sich von Tag zu Tag.
„Nun haben die Deutschen unsere Stadt besetzt.“
„Ja, das wird nichts Gutes für uns Juden bedeuten“, antwortete Ariel.
„Sind die Deinigen noch in der Stadt?“ Ariel schüttelte mit dem Kopf.
„Meine Leute sind auch alle in Sicherheit. Nur Brocha und ich sind zurückgeblieben.“ Salomon dachte oft darüber nach, warum Grischa sein Versprechen nicht eingehalten hatte. Er war doch ein guter Junge, ein hohes Tier im NKWD, der hier in Kiew die Evakuierung der Bevölkerung leitete. Wenn er gekonnt hätte, hätte er sie herausgeholt. Ob er es selbst noch geschafft hatte? Sicherlich, bei seiner Funktion.
Salomon schlürfte seinen Kaffee. „Von den Ukrainern haben wir auch nichts Gutes zu erwarten.“
„Da magst du recht haben“, erwiderte Ariel. „Die warten doch nur darauf, es uns heimzuzahlen.“ Während der Pogrome nach der Revolution hatte Ariel den Tod von Verwandten zu beklagen. Niemand schützte sie, auch nicht die Ukrainer, die sonst freundlich zu ihnen gewesen waren.
Sie verabschiedeten sich. Jeder öffnete seinen Laden. Die erste Kundschaft stand schon davor und wartete.
Ein großer Knall weckte Brocha in der folgenden Nacht. Die Fenster klirrten. Erschreckt rüttelte sie Salomon wach. „Was ist passiert?“ Entgeistert blickte sie ihren Mann an. Er sah aus dem Fenster. Da hörte er mehrere Explosionen hintereinander. In der Innenstadt loderten Flammen, Sirenen heulten auf. Die Feuerwehren jagten durch die nächtlichen Straßen. Da wussten sie noch nicht, dass die Minen der Roten Armee ferngezündet worden waren und in Kiew ein verheerendes Feuer ausgelöst hatten. Erst nach fünf Tagen hörten die Explosionen auf und die Flammen fanden keine Nahrung mehr. Damit war aber auch ihr Schicksal und das der anderen Kiewer Juden besiegelt.
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