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Susanne Fletemeyer
Jaskar und der Weihnachtsengel


Taschenbuch September 2012
160 Seiten | ca. 14,8 x 21,0 cm
ISBN: 978-3-86468-281-0


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Weihnachten ist magisch. Das steht für den Turmdrachen Jaskar fest. Besonders die Sache mit der Bescherung gibt ihm Rätsel auf.

Als er mit dem Weihnachtsengel Günther III zusammenstößt und dadurch die Bescherung von Nirgendstadt auf dem Spiel steht, lernt er, Wunschzettel durch Fensterscheiben zu teleportieren. Anfangs gelingt das nicht, denn die Zettel verbrennen immer. Und dann schlägt Jaskar beim Üben auch noch die Scheibe des großen Kirchenfensters ein!

Kirchenküster Weihrauch findet am Morgen die Scherben und ein rätselhaftes Aschehäufchen...

Zum Vorlesen und für Selbstleser ab 8 Jahren.
1 Advent
Jaskars Haut wirkte wie aus Stein gemeißelt. Er hielt seine empfindlichen Augen geschlossen. Bewegungslos hockte der Drache auf der Steinbrüstung seines Kirchturms und lauschte. Unter ihm rumpelte ein Lastwagen über den Kirchplatz und hielt mit quietschenden Bremsen an. Der Motor wurde abgestellt, jemand klappte die Ladekante mit einem Knall nach unten. Der Duft nach Holz und Tannennadeln stieg in Jaskars feine Nase. Äste kratzten und prasselten, gefolgt vom dumpfen Aufprall eines dicken Baumstamms auf dem Kopfsteinpflaster. Jaskar stellte sich vor, wie Männer mit orangefarbenen Warnwesten den großen Weihnachtsbaum von der Ladefläche zogen, während der Kranwagen schon seine Stützen ausfuhr. Und richtig. – Das gleichmäßige Brummen eines Kranmotors verriet ihm, dass der Baum nun aufgerichtet wurde. Der Motor verstummte, raue Männerstimmen brüllten sich gegenseitig Anweisungen zu, eine Kette rasselte. Dann wurde eine Motorsäge gestartet. Jaskar wusste, dass einer der Arbeiter nun den Baumstamm zurechtsägte, damit er in den großen Ständer passte.

Jetzt rumpelte ein Tieflader auf den Platz. Jaskar spitzte die Ohren. Diesmal wurden Eisenteile abgeladen. Wahrscheinlich das Gestell für das Kinderkarussell. Weitere Fahrzeuge folgten, und bald schallte lautes Sägen, Hämmern, Bohren und Schrauben zu ihm nach oben. So wie jedes Jahr, wurde auf dem Kirchplatz von Nirgendstadt der Weihnachtsmarkt aufgebaut. Obwohl sein Gesichtsausdruck sich nicht veränderte, grinste Jaskar innerlich. Hinter den geschlossenen Lidern begannen seine grünen Augen lebhaft zu glänzen, und sein Herz klopfte ein wenig schneller. Die Adventszeit hatte begonnen! Eine Zeit, in der Jaskar besonders vorsichtig sein musste. Denn bald würde es dort unten von Menschen wimmeln. Duftschwaden von gebrannten Mandeln, gerösteten Maronen und Glühwein würden nach oben schweben und in seinen Nüstern kitzeln. Der Lärm tausender Menschenschritte, das Gemurmel vieler Stimmen, das Lachen und die Musik würden ihm den Tagschlaf rauben. Dennoch fühlte Jaskar ein freudiges Kribbeln im Bauch. Endlich war wieder etwas los, und in den Kinderzimmern würden Weihnachtsgeschichten vorgelesen werden. Darauf freute Jaskar sich am meisten.

Ein strahlend blauer Himmel wölbte sich über Nirgendstadt, so dass die Sonne auf Jaskar herunter brannte. Obwohl es ein kalter Wintertag war, wurde ihm langsam heiß unter seinen Schuppen, und er hätte sich gerne auf seinen schattigen Balken ganz oben unter das Dach zurückgezogen. Das hatte er nun von seiner Neugier! Jetzt musste er hier ausharren, bis es dunkel geworden war. Es war zwar selten, aber manchmal kam es doch vor, dass einer der Menschen den Kopf in den Nacken legte, um den Turm genauer zu betrachten. Von da unten wirkte der Drache nur fingernagelgroß, und dank seiner Tarnung sah er wie eine Steinfigur aus, die Teil des Geländers war. Deshalb wurde er meistens übersehen. Doch sollte er trotzdem einmal entdeckt werden, durfte er sich auf keinen Fall bewegen. Mehr als zweihundert Jahre lang hatte Jaskar es geschafft, sich vor den Menschen zu verbergen. Das wollte er auf keinen Fall aufs Spiel setzen. Dennoch wagte er es jetzt, seine langen Ohren fest zusammen zu rollen. Es war nur eine winzige Bewegung, dann rührte er sich lange nicht mehr. Trotz des Lärms, wollte er versuchen, noch etwas Tagschlaf zu bekommen.

Jaskar wachte auf, als die Sonne schon tief am Himmel stand. Auf dem Kirchplatz war es ruhig geworden. Ein kalter Wind fegte durch den Glockenturm. Er rollte seine Ohren aus, drehte sie in alle Richtungen und horchte angestrengt. Kein Mensch war weit und breit zu hören. Doch erst als es stockfinster geworden war, begann er sich zu regen. Er legte den Kopf in den Nacken, bis die Zacken auf seinem Rücken aneinander knirschten, öffnete sein breites Maul und gähnte herzhaft. Dann schnaubte er ein paarmal kräftig aus seinen Nüstern, hob die Klauenhände in die Luft und streckte sich bis in die lange Schwanzspitze. Schließlich spreizte er die Fledermausflügel, stieß sich mit seinen kräftigen Hinterbeinen in die Luft und ließ sich vom Aufwind nach oben tragen. Augenblicklich färbte sich seine Haut nachthimmel-schwarz, so dass nur noch ein vager Schatten von ihm zu sehen war. Die Nacht war Jaskars Zeit, und er genoss es, durch die kalte Winterluft zu fliegen. Während er seine übliche Runde über der Stadt drehte, rief er sich wieder die Drachenregeln ins Gedächtnis. Vor seiner Drachenprüfung hatte Jaskar sie immer wieder aufsagen müssen, bis er sie selbst im Schlaf nicht mehr vergessen konnte. In seinem Kopf hörte Jaskar die knarrende Stimme des alten Lehrers, wie er die Regeln Punkt für Punkt herunter leierte:

Menschen sind schlecht – halte dich von ihnen fern.

Tarne dich immer und überall, denn kein Mensch darf dich entdecken.

Sei möglichst nachts unterwegs und verstecke dich tagsüber gut.

Sollte dich trotzdem einmal ein Mensch entdecken, rede nicht mit ihm und bleib unbeweglich, auch wenn er versuchen sollte, dich vom Fleck zu bewegen.

Wenn du singen musst, tue dies nur in Höhlen oder geschlossenen Räumen und wenn du sicher bist, alleine zu sein.

Alle zehn Jahre fand in einer geheimen Burgruine in Frankreich ein Turmdrachentreffen statt. Dort legte jeder Jungdrache im Alter von etwa hundert Jahren seine Drachenprüfung ab und durfte fortan seinen eigenen Turm beziehen. Die Prüfungsfächer waren lautloses Fliegen, Tarnung und natürlich die Drachenregeln. Jaskar seufzte. Obwohl es eigentlich verboten war, hatte er die Menschen belauscht, wo er nur konnte. Denn sonst wäre er längst vor Langeweile umgekommen. Schließlich war er der einzige Drache in dieser Gegend und hatte niemanden, mit dem er sich unterhalten konnte. So war er mit der Zeit etwas wortkarg geworden. Damit er das Sprechen nicht ganz und gar verlernte, führte er manchmal sogar Selbstgespräche. Und gegen die Langeweile horchte er eben ausgiebig herum.

Lustlos schlug Jaskar den Weg zum Schrottplatz ein, der nur wenige Kilometer vor den Toren der Stadt lag. Heute würde er sich wieder den Bauch voll schlagen. Nicht aus Hunger, sondern eher zum Zeitvertreib, denn eigentlich konnte er wochenlang ohne Nahrung auskommen. Die ganz alten Drachen erzählten noch von Zeiten, als sie auf die Jagd nach Mäusen, Fröschen und Insekten gegangen waren. Doch das war längst vorbei. Auf den Müllhalden und Schrottplätzen der Menschen fanden die Drachen Nahrung im Überfluss, und im Laufe der Jahrhunderte hatten sich Magen und Gebiss auf ganz andere Leckerbissen eingestellt. Jeder Drache hatte da so seine Vorlieben. Jaskar mochte es besonders, an Metallteilen zu knabbern, die er mit einem knarzenden Geräusch zwischen seinen kräftigen Kiefern zermalmte. Manchmal fraß er auch Konservendosen, die er in Mülltonnen fand. Das dünne Blech hatte für ihn ein ganz besonderes Aroma. Es zerging sozusagen auf der Zunge.

Am Schrottplatz angekommen, flog Jaskar ein paar Kreise über das eingezäunte Gelände und suchte mit seinen Nachteulenaugen nach Hektor. Der Hund, ein riesiger schwarzer Rottweiler, hatte sich in seiner Hütte zusammen gerollt und schlief mal wieder, anstatt den Schrottplatz zu bewachen. Einmal hätte er Jaskar beinahe erwischt, denn die feine Nase des Hundes ließ sich durch seine Tarnung nicht täuschen. Seitdem achtete Jaskar stets darauf, am entgegengesetzten Ende des Platzes zu landen und dort nach Essbarem zu suchen. Der Hund war schon alt und bemerkte Jaskar meistens erst, wenn dieser seine Mahlzeit längst beendet hatte. Wenn Hektor am anderen Ende des Schrottplatzes eintraf, schnappte er höchstens noch in die Luft und bellte dem Drachen heiser hinterher, während dieser davonflog. Heute landete Jaskar neben einem Autowrack. Er entdeckte ein Zahnrad mit köstlichem Rostüberzug. Dazu fraß er eine Handvoll Schrauben, nicht ohne diese vorher mit ein paar Spritzern feinstem Motorenöl zu garnieren. Dann biss er ein Stück vom Sitzpolster des Autos mitsamt Sprungfedern heraus, und zum Nachtisch verspeiste er die Kopfstütze. Bei solch einem Überfluss, hatte Jaskar sich schon ein ordentliches Bäuchlein angefressen. Der Drache war gerade dabei, sich noch einen Schluck Öl zu genehmigen, als sein Blick auf ein rechteckiges Ding fiel, das auf der Rücksitzbank des Autos lag. Aufgeregt beugte er sich darüber. So etwas hatte er schon oft gesehen, nur noch nicht aus der Nähe. Sein Herz begann heftig zu pochen. Das war eindeutig ein Buch! Jaskar schob vorsichtig eine Kralle darunter und hob es ein wenig an. Das Buch war schwerer als er gedacht hatte. Auf seinem grünen Umschlag prangte ein goldener Drache. Neugierig schnupperte Jaskar daran und musste niesen. Das Buch roch nach feuchtem Papier und Menschenfingern. Jaskar legte seinen Kopf schief, drückte ein Ohr an das Buch und lauschte. Nach einer Weile richtete er sich enttäuscht wieder auf. »Dachte ich es mir doch!«, murmelte er, schob eine seiner Krallen zwischen die Seiten und schlug das Buch auf. Da hörte er ein leises Knurren hinter sich.

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